Etliche starke deutsche Newcomer-Filme fanden 2019 den Weg aus den Filmhochschulen auf die Festivals und in die Kinos. Die Diagnose, der deutsche Film ersticke im Würgegriff des Fernsehens, kann also nicht stimmen. Jens Balkenborg stellt die aktuellen Langfilmdebüts vor.

Film

Es tut sich was!

Benni sprengt jedes System: Ihre eigene Familie, alle Pflegefamilien und Sonderschulen dieser Welt, die erfahrensten Betreuer und Psychologen, selbst den hartgesottenen „Erlebnispädagogen“ mit seinem Trainingslager im Wald. Die neunjährige Bernadette ist der Topf, für den es in Nora Fingscheidts Debüt „Systemsprenger“ keinen Deckel geben kann. Das zwischen bodenloser Aggression und Sehnsucht nach Liebe lavierende, verletzte und verletzende Kind ¬zerdeppert auf seinem Weg alles, im übertragenen Sinne und ganz konkret. Einmal sogar Sicherheitsglas.

Mit „Systemsprenger“ hat es Fingscheidt nach einer Reihe von Kurzfilmen sogleich in den internationalen Wettbewerb der diesjährigen Berlinale geschafft und wurde dort mit dem Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet. Ihr Spielfilmerstling ist das laute, energiegeladene Ausrufezeichen in einer ganzen Reihe starker deutscher Langfilmdebüts, die in diesem Jahr den Weg aus den Filmhochschulen auf die Festivals und schließlich in die Kinos gefunden haben. Für die Kunsthochschule für Medien Köln, die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf, die Filmakademie Baden-Württemberg, die Hochschule für Fernsehen und Film München und die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin jedenfalls dürfte 2019 als guter Jahrgang in die Geschichte eingehen.

Die Formeln, die besagen, der deutsche Film ersticke im Würgegriff des Fernsehens, und der Nachwuchs sitze in der Falle, werden vom aktuellen Filmaufgebot nicht bestätigt. Jedenfalls haben sich die Newcomer selbst davon nicht beeindrucken lassen. Man denke an Isa Prahls gefeiertes Debüt „1000 Arten, Regen zu beschreiben“, ein Film buchstäblich zwischen Tür und Angel über einen Sohn, der plötzlich sein Zimmer nicht mehr verlässt. Das japanische Phänomen des Hikikomori, also des gesellschaftlichen Rückzugs, ist der Aufhänger für das Soziogramm einer Familie. Oder man erinnere sich an Susan Gordanshekans „Die defekte Katze“, um noch ein weiteres starkes Debüt aus dem letzten Jahr zu nennen. Darin erzählt die Regisseurin iranischer Herkunft ganz ohne Culture-Clash-Rhetorik und Problemfilmduktus von einer traditionell arrangierten iranischen Ehe, die in Deutschland gelebt wird. Der titelgebende gruselige Vierbeiner mit Gendefekt wird zur Projektionsfläche der Ehe. Nicht zu vergessen sind auch die Mumblecorer um Axel Ranisch, Nico Sommer, Tom Lass, Aron Lehmann oder Isabell Šubas, die den deutschen Film seit Ende der Nullerjahre mit ihren gerade in den Anfängen teils selbst finanzierten Lo-Fi-Improvisationsfilmen einer Frischzellenkur unterziehen.

Hier also noch einmal, weil es so schön ist: Es tut sich was! Selten erlebt man eine solche physische und emotionale Energie, wie Fingscheidt sie mit ihrer wahnsinnig talentierten Hauptdarstellerin Helena Zengel auf die Leinwand bringt. Die teilweise frisch von der Hochschule kommenden Filmemacherinnen und -macher stecken ein Terrain ab, das von der poetischen Entrückung über formal verschrobene Diskursfilme bis hin zu dokumentarisch angehauchten sozialrealistischen Dramen reicht.

Diverse Wirklichkeiten

Die sozialen Wirklichkeiten, mit denen sich die aktuellen Debütanten auseinandersetzen, sind divers: In wunderbaren Bildern der Sehnsucht, völlig unverkitscht erzählt Henrika Kulls „Jibril“ von der Liebe zwischen einer dreifachen Mutter und einem Gefängnisinsassen. Über die Jahreszeiten hinweg, die als Kapitel fungieren, rollt Kull die Geschichte ihres Abschlussfilms auf und macht die eigentlich unmögliche Beziehung zu einer möglichen Wirklichkeit. Eine naturalistische Romanze zwischen erträumtem und gelebtem Begehren, wenn man so will.

Mehmet Akif Büyükatalays Drama „Oray“ ist inszenatorisch nahe dran an Kulls Film. Darin bringt der deutsch-türkische Regisseur seinen Titelhelden in ein Dilemma, als der seiner Frau die islamische Scheidungsformel „talaq“ auf die Mailbox brüllt. Wie lassen sich der Glauben und das Weltliche in Einklang bringen? Darum dreht sich Büyükatalays Film, der einen differenzierten Blick in einen aufgeheizten Diskurs bringt. Denn: Eine strengere Auslegung des Islams bedeutet nicht gleich Dschihad.

Ungleiche Freundinnen: „Schwimmen“ von Luzie Loose (Filmtrailer)

Mit ebenso viel Feingefühl wie ihre Kollegen taucht Luzie Loose in ihrem Erstling „Schwimmen“ in die Welt der Pubertierenden ein. Endlich mal ein Film, der glaubwürdig, ohne Küchenpsychologie und ohne zu moralisieren, von einem Coming-of-Age in digitalen Zeiten erzählt! „Schwimmen“ handelt von zwei ungleichen Freundinnen, die erst sich und schließlich, aus Rache, auch ihre Mitschüler per Handy filmen. Die peinlichen und überführenden Videos stellen die beiden ins Internet. Der Filmtitel ist wörtlich zu verstehen, schließlich geht es um einen schmalen Grat: Entweder man lernt schwimmen und kommt weiter, oder man ertrinkt.

Es sind Themen unserer Zeit, die mal expliziter, mal beiläufiger verhandelt werden: (religiöser) Multikulturalismus, die Veränderung unseres Zusammenlebens und Alltags durch die Technik, oder, in „Jibril“, die weibliche Selbstermächtigung. Dort entscheidet schließlich einzig die alleinerziehende Mutter, ob sie den Häftling sehen will. Von dieser Selbstermächtigung erzählt auch Susanne Heinrich in „Das melancholische Mädchen“, zumindest im weitesten Sinne. Dennoch könnten die beiden Filme gegensätzlicher kaum sein.

Heinrichs Debüt gehört zum Verschrobensten, was das deutsche Kino seit langem hervorgebracht hat. In fünfzehn streng kadrierten, teils neonleuchtenden Tableaus folgen wir dem melancholischen Mädchen auf der Suche nach einer Bleibe durch verrückte Begegnungen und die Betten verschiedener Männer. „Mein Körper ist ein Kriegsgebiet, auf dem alle Welt ihr Kämpfe austrägt. Er gehört allen anderen mehr als mir, also kann ich ihn auch gleich zur Benutzung freigeben“, erklärt die Heldin mit versteinerter Miene. Mit Biss und Humor philosophiert Heinrich über den Feminismus und die Marotten der postmodernen Gesellschaft.

Verträumte Hochhäuser

Eine ebenfalls eigene, wenn auch nicht ganz so exzentrische Handschrift hat Anatol Schuster, der verträumte Poet unter den Jungfilmern. In „Luft“ erzählt er von einer Liebe auf den ersten Blick, von einer leisen Annäherung zwischen zwei sehr unterschiedlichen Mädchen, von jugendlichem Leichtsinn und Verlust. Die Welt, die der Regisseur zeichnet, ist eine herrlich entrückte, irgendwo im gefühlten Nirgendwo an der deutsch-französischen Grenze, wo sogar die himmelblauen Hochhäuser der Siedlung etwas Verträumtes haben.

Wenn man sich mit dem Nachwuchs in der deutschen Filmbranche auseinandersetzt, kommt man um das Thema Filmförderung nicht herum. Wie Schuster im Interview erklärt, hat die Filmförderung in Bayern – „Luft“ entstand als Abschlussfilm an der HFF München – ihm eine adäquate Ausgangssituation geschaffen. Geholfen haben bei der Produktion allerdings auch Vorschusslorbeeren dank seinem Vierzigminüter „Ein idealer Ort“, der auf der Berlinale in der Sektion „Perspektive Deutsches Kino“ mit dem Preis Dialogue en perspective des Deutsch-Französischen Jugendwerks ausgezeichnet wurde und zu einer noch größeren finanziellen Unabhängigkeit führte. Ein Privileg, das den wenigsten Debütanten vergönnt ist.

Leichter wird es nach dem ersten Film, der vielleicht noch von den Netzwerken und Fördersituationen an den Hochschulen profitieren konnte, in der Regel nicht. Nicht umsonst gibt es die traurige These, dass nach dem ersten oder zweiten Film vielversprechende Karrieren an Fahrt verlieren. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Aber von einer so fantastischen Kontinuität wie zu Zeiten des Jungen Deutschen Films, als Fassbinder, Kluge, Wenders einen Film nach dem anderen „raushauten“, auch zwei oder drei pro Jahr, können Regisseurinnen und Regisseure heute offenbar nur noch träumen.

Nur mal ein kleiner Aufschlag für die Statistiker: Zwischen Jan-Ole Gersters „Oh Boy“ und seinem aktuellen Film „Lara“ liegen 7 Jahre, zwischen Katrin Gebbes „Tore tanzt“ und „Pelikanblut“, der in Venedig gezeigt wurde, 6; auf den Nachfolger von Carmen Losmanns „Work Hard – Play Hard“ aus dem Jahr 2012 warten wir sehnlich. Max Zähle, der mit 2016 mit „Schrotten!“ debütierte, und Marc Brummund („Freistatt“, 2015), scheinen erst mal zum Fernsehen abgewandert. Wenn es nicht an der Förderung liegt, wirkt das Bild doch etwas flusig an den Rändern.

„Der Nachwuchs wird nicht gezielt gepusht!“, sagt Ellen Wietstock vom filmpolitischen Informationsdienst „black box“. Es gebe keine Instanz, die Talente aufbaue, meist würde eine „bestimmte Art“ von Filmen gefördert, wobei Männer es hier immer noch leichter hätten als Frauen. Und wenn junge Regisseure ein anderes, aufregendes, nicht kommerziell interessiertes Kino machen wollen? „Dann ist das außerordentlich schwierig und stets unterfinanziert“, so Wietstock.

Viele Baustellen

Mit „Frau Stern“, seiner Tragikomödie um eine 90-jährige Holocaustüberlebende, die einerseits sterben will und zugleich dem jugendlichen Hedonismus frönt wie ihre Enkelin, hat Anatol Schuster jetzt bereits seinen zweiten Film im Kino. In der freien Wildbahn außerhalb der Hochschule sah das mit den Produktionsbedingungen auch für ihn ganz anders aus als bei seinem Erstling: Weil seine sagenhaft gute Hauptdarstellerin Ahuva Sommerfeld, deren Leben ihn zu dem Film inspirierte, bei ihrem Filmdebüt schon 80 Jahre alt war, drehte Schuster „Frau Stern“ in völliger Unabhängigkeit ohne Förderung. Der Weg durch die Gremien hätte schlicht zu lange gedauert, um den Film zu realisieren, erklärt der Regisseur, auch sei nicht klar gewesen, ob er mit seinem nicht ausgearbeiteten Drehbuch überhaupt Chancen auf eine Förderung gehabt hätte. Und als hätte er eine Vorahnung gehabt, starb Sommerfeld kurz nach der Premiere auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis Anfang des Jahres mit 81.

Sagenhaft gute Hauptdarstellerin: „Frau Stern“ von Anatol Schuster (Filmtrailer)

Dass die deutsche Filmförderung, die über die Jahre und Jahrzehnte hinweg auch ein künstlerisch anspruchsvolles Kino hervorgebracht hat, einer Reform bedarf, darin sind sich viele einig. Wieder Fahrt aufgenommen hat die Diskussion durch das Ergebnispapier „Frankfurter Positionen zur Zukunft des deutschen Films“, das 2018 auf einem Kongress des Lichter Filmfests in Frankfurt entstand. Mit dem Hauptverband Cinephilie hat sich ein Verbund gegründet, der für die filmpolitischen Interessen unterschiedlicher Protagonisten aus der Branche eintritt. Im Juni hat der Verband der deutschen Filmkritik eine Stellungnahme mit Vorschlägen zur Novellierung des Filmfördergesetzes abgegeben. Viele Baustellen werden beklagt: Bürokratie und starre Gremienstrukturen, die nicht flexibel auf unterschiedliche Herangehensweisen an einen Stoff reagieren können; ein überholtes Beteiligungsmodell der öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten, die im Rahmen des Kino-Koproduktionsmodells immer stärker Einfluss auf die Filme nehmen; intransparente Vergabekriterien und ein Ungleichgewicht zwischen der wirtschaftlichen und der kulturellen Filmförderung.

Und was bedeutet das nun für den Nachwuchs? Schusters Film „Frau Stern“, der in einem Rekordtempo von nur einem Jahr von der Idee bis zur Premiere entstand, auf eigenes Risiko, mutet fast an wie eine traurig-schöne Metapher auf die deutsche Nachwuchsfilmförderung. Die Forderung, die Ellen Wietstock formuliert und die auch anderswo zu hören ist, klingt folgerichtig: „Wir brauchen einen bundesweiten Nachwuchsfördertopf, der von zum Beispiel drei rotierenden Kuratoren verwaltet wird.“ Damit wäre eine gezielt für den Nachwuchs verantwortliche Instanz fernab der Landesförderungen eingeschaltet.

Lohnen würde es sich allemal, nicht nur im Spielfilm-, sondern auch im Dokumentarfilmbereich. Mit Pia Hellenthals Debüt „Searching Eva“ kommt im November nämlich noch eine Dokumentation in die Kinos, die man so schnell nicht wird vergessen können. Ihr „portrait of modern existence“ folgt Eva Collé, ihres Zeichens Feministin, Autorin, Drogensüchtige, Sexworkerin. Die junge Italienerin kennt kein Privatleben, sie teilt alles, wirklich alles, im Internet mit der Öffentlichkeit. Die Utopie von vielen Identitäten und der völligen Freiheit im Digitalen? Vielleicht. Ein mutiger, kluger Film jedenfalls zwischen dokumentarischer Natürlichkeit und Inszenierung, der viel über unsere Zeit erzählt. Und ein weiterer Beweis dafür, dass man gut daran tut, sich die Namen dieser Filmemacherinnen und Filmemacher zu merken und die Augen aufzuhalten.

Der Text ist in der Ausgabe 9/2019 der Monatszeitschrift epd Film erschienen.

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erstellt am 19.9.2019

„Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich (Filmplakat)

Verschroben: „Das melancholische Mädchen“ von Susanne Heinrich (Filmplakat)