Die Natur Norwegens ist spektakulär. Und neben den ewig singenden Wäldern floriert auch die Romanliteratur. In deren Schatten wächst beharrlich eine vielfältige Poesie, die in zweisprachigen Ausgaben bei uns eher spärlich veröffentlicht ist. Eine kurze Rückschau von Bernd Leukert.

Europoesie

Götter aus Stein

Norwegische Poesie: Hauge, Haugen, Hagerup

Im kulturellen Austausch innerhalb Europas hat sich Norwegen oft auffallend still verhalten. Dabei ist unter den drei Schätzen des Landes – Öl, Natur, Literatur – letzterer nicht gering zu veranschlagen. Freilich kennen wir die Namen Ibsen, Hamsun, Nesbø, Knausgård und Espedal, aber wenn es um die Poesie in zweisprachigen Ausgaben geht, lässt sich vom Füllhorn nicht sprechen. Doch es gab auch nicht nichts. So hat 1987 der leider nicht mehr existierende Heiderhoff Verlag in seiner zweisprachigen Lyrikreihe „Der Traum trägt das blaue Segel“ von Olav H. Hauge (1908-1994) veröffentlicht. Andreas Struve übersetzte die prägnanten, aphoristisch pointierten Verse mit unmittelbar wirkenden Sprachbildern und naturzugewandten, satirischen Bemerkungen: In Ägypten hatte der Gott der Gelehrsamkeit/ einen Kopf wie ein Affe.

Paal-Helge Haugen
Paal-Helge Haugen

Ein Jahr später kam im Verlag Kleinheinrich, der bekannt ist für seine schön aufgemachten Lyrikübersetzungen aus skandinavischen Sprachen, „Det Overvintra Lyset / Das Überwinterte Licht“ von Paal-Helge Haugen heraus. Haugen, geboren 1945, der auch Drehbücher, Opernlibretti, Kinder und Jugendbücher schrieb, wurde 1968 mit seinem Roman „Anne“ bekannt und begründete damit das Genre experimenteller, epischer Texte in Skandinavien. Seine Lyrik, die Siegfried Weibel übersetzte, ist – was dort nicht überrascht – gerne der Natur zugewandt; und auch er beherrscht die Kunst, diese Natur mit anthropomorphen Eigenschaften magisch zu transzendieren: Die Berge warten regungslos/ bis die Dunkelheit kommt/ bevor sie auffliegen/ und den See hinter sich lassen// Den See mit seinen ruhig sinkenden Stimmen/ seinen winzigen Schreien.

Oder Inger Hagerup (1905-1985), von der 100 Jahre nach ihrer Geburt der Elfenbein Verlag eine repräsentative Auswahl aus den 1998 in Oslo erschienenen „Gesammelten Dichtungen“, herausbrachte. Annette Rodenberg, Pfarrerin und Übersetzerin dieser Ausgabe, stand bei ihrer Arbeit sicher nicht vor unüberwindlichen Schwierigkeiten, denn das Norwegische ist auch für Deutsche, selbst wenn sie diese Sprache nicht sprechen, gut nachvollziehbar. Geschickt dreht und wendet sie die deutsche Version, wenn ihr daran gelegen ist, die originalen Reimpaare, wenn sie wörtlich nicht passen wollen, nachzubilden. Ihr Leben lang links engagiert und in kommunistischen Zeitungen publizierend war Inger Hagerup, die viele Werke der Weltliteratur ins Norwegische übersetzte, Hör- und Schauspiele schrieb, mit ihren Gedichten so erfolgreich wie ihre romanschreibenden Kollegen, interessierte sich aber – anders, als erwartet – nicht hauptsächlich für Natur und Landschaft. Hin und wieder rang sie mit ihrem Gott; aber 1947, in dem Gedicht „Der Gekreuzigte sagt:“ aus dem Band „Die siebente Nacht“ zitiert sie ihn mit den Worten: Nehmt mich ab! … Denen, die zu Grunde gingen,/ konnt mein Kreuz nicht Rettung bringen./ Macht die Welt nun davon frei. Noch siebzehn Jahre später heißt es in „Der Stein“: Groß, stumm, unerschütterlich/ bei Regen und Sonnenschein./ – Wie gut begreife ich die,/ die sich Götter machten aus Stein. Tatsächlich gibt es Naturgedichte aus dem Band „Mein Schiff segelt“ (1951), etwa ein Herbst-Gedicht, „Juni“, „Der eine Tag“ oder „Strophe“, reflektierende Verse, darunter auch das unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs entstandene „Zu Fraun sind wir geboren“ mit der Strophe: Die Frau verlor stets. Selbst wenn sie gewann./ Wer schön, musst den Verstand, wer hässlich, musste/ als Opfer für den Mann das Herz entfernen./ Doch sollten wir ganz langsam etwas lernen. In der Mehrzahl der Gedichte geht es um Selbsterforschung, Selbstfindung, die Beziehung zu anderen, Tod und Alter (wie in „Weißt du noch?“): Weitsichtig ist das Alter./ Wir sind wohl auch gut dran,/ Vergangenheit zu haben, die man erinnern kann.

Eine Zukunft für norwegische Gedichte der Gegenwart in zweisprachigen Ausgaben soll es, wie bekannt wird, doch noch im Herbst 2019 geben, wenn Norwegen auf der Frankfurter Buchmesse Gastland ist.

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Reihe Europoesie

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erstellt am 18.9.2019

Europa ist ein Ensemble der kulturellen Besonderheiten. Sie treten im Sprechen und Denken hervor und lassen sich in zweisprachigen Gedichtbänden nachlesen. In der Lyrik aber geht es darüber hinaus noch um Unübersetzbares, das unverzichtbar, aber wohl unerreichbar ist. Um diese Differenzen geht es bei der Übersetzung, und um solche Differenzen geht es in Europa. Um sie bewusst zu machen, veröffentlicht Faust-Kultur in loser Folge Besprechungen zwei- oder mehrsprachiger Gedichtbände.

Olav H. Hauge, Fotograf ukjent [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

Olav H. Hauge, 1940 Fotograf ukjent [CC BY 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)]

Zweisprachige Ausgaben

Olav H. Hauge: Der Traum trägt blaue Segel. Gedichte. Norwegisch und deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einem Nachwort versehen von Andreas Struve. Mit fünf Aquarellen von Susanne Majchrzak. 103 Seiten. Horst Heiderhoff Verlag, Eisingen 1987. ISBN 3-921640-80-6

Paal-Helge Haugen: Det Overvintra Lyset / Das Überwinterte Licht. Aus dem Norwegischen von Siegfried Weibel. Jan Groth Teikningar / Zeichnungen. Kleinheinrich, Münster, und Det Norske Samlaget, Oslo, 1988. 150 Seiten. ISBN (Kleinheinrich) 3-926608-14-5, (Det Norske Samlaget) 82-521-3189-1

Inger Hagerup: Ausgewählte Gedichte. Norwegisch – Deutsch. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Annette Rodenberg. 263 Seiten. Elfenbein Verlag, Berlin 2005. ISBN 3-932245-72-5