Tuschicks Kolumne

Emotionales Schleudertrauma

In „Lvstprinzip“ erzählt Theresa Lachner, was alles passieren kann, wenn die Trennung von Arbeit und Leben aufgehoben ist, und man sich daran gewöhnt hat, überall doppelt zu kassieren. Jamal Tuschick hat das Buch zum gleichnamigen Blog gelesen.

„Das Schöne an meinem Job ist …, dass ich … alles, was ich tue, entweder von der Steuer absetzen oder zu einer Story verarbeiten kann.“

„Freiraum für sexuelle Gedanken“ steht über allen Beiträgen auf dem Blog, dem Theresa Lachners autofiktives Debüt bis zum Titel folgt. Die Autorin zitiert Roberto Bolaño Ávalos: „Reisen, Sexualität und Bücher (sind) Wege, die nirgendwohin führen, auf die man sich aber dennoch begeben muss“, vielleicht so wie Wale ein unglaubliches Pensum an Meeresmeilen zurücklegen müssen, um auf ihren „gesungenen“ (siehe Bruce Chatwin) Traumpfaden biografisch zentrale Punkte zu erreichen. Alles Lebende steckt in einem Mysterium und erscheint mitunter so, als könne es eigentlich nicht sein.

Lachner erzählt von einem Aufenthalt in Vietnam, den eine Beziehung belastet, in der Gewalt mitschwingt und sich schließlich aufschwingt, wenn auch nicht bis zur gerichtsfesten Identifizierbarkeit. Die Autorin kehrt immer wieder dahin zurück und legt nach. Sie arbeitet die Delinquenz heraus, offensichtlich auch im Widerstand gegen eigene Vorbehalte. In der Prozesshaftigkeit gibt sich ein neuer Duktus zu erkennen. So würde man nicht schreiben, wäre man nicht daran gewöhnt, wenigstens einen Blog zu füttern. Ich fühle mich an Kristen Roupenians #MeToo-Geschichte „Cat Person“ erinnert, die auch von einer Unschärfe handelt, die erst ein neues Bewusstsein aus dem Schatten der Unsichtbarkeit gezogen hat. Die Scharfstellung ist immer noch in der Laborphase. Ich habe eben zehn Minuten darüber nachgedacht, wie sich die Kombination von einvernehmlichem Sex mit einer unerwünschten, gleichwohl nicht thematisierten Wendung im Verlauf des Geschehens juristisch einwandfrei fassen lässt.

Niemand liegt immer richtig. Zu den Lebensrätseln zählen Fehlgriffe am Liebesbarren – erotische Abstürze erst in den Jahren der uferlosen Adoleszenz und dann auf den engen Vorhöfen der Vergreisung. Ein liebevolles Verhältnis zu „Herrn Nahostkonflikt“ (einem Selbsthasser) nimmt nicht die gewünschte Fahrt auf. Die Erzählerin stürzt sich mit einem „emotionalen Schleudertrauma“ in die nächste „Reise-Komplexitätsreduktion“. Das klingt nach Selbstversendung im Rohrpoststil. Mit zehntausend Euro auf dem Konto wähnt sich die Erzählerin auf der sicheren Seite. Die Summe schreibt sie sich zusammen im ewigen Unterwegs.

Die Erzählerin glaubt, dass „das Leben einen Plan hat“, sie folglich im Fokus einer höheren Macht agiert. Obwohl die Demarkationslinie zwischen Arbeit und Leben verschwindend dünn ist, ergibt sich nicht allein aus dem Verwertungsfuror einer Journalistin ein gewisser, vom Schwefel der Entfremdung kontaminierter Druck. Die Erzählerin „lebt sich nicht einfach aus“, sondern sucht in dem Rahmen, der sich aus Arbeit & Leben ergibt, „doppelte Befriedigung“. Sie schleicht sich im Recherchemantel mit hochgeschlagenem Kragen an. In „einem Sadomasokeller (des) Bergmannkiezes“ erscheint sie als von Neigungen persönlich Betroffene. Sie beschreibt die Szenen auf einem Grat zwischen teilnehmender Beobachtung und ungefilterter Anteilnahme. Vor Überheblichkeit bewahrt sie sich mit einer Einsicht von Anaïs Nin:

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, wir sehen sie so, wie wir sind.“

Das Buch steckt voller mitrei(ß)(s)ender Lesefrüchte. Die Erzählerin nimmt den Leser mit nach Hamburg. „Orgasmische Meditation“ steht auf dem Einkaufszettel. Auch wenn die kritischen Instanzen stets konsultiert werden, die Frage Bist du schon die beste Version deiner selbst? sitzt neben der Erzählerin in jedem Abteil. Ich lasse ein paar Kuren und zig Stationen aus. Berlin – Bali – Bangkok mit Buddha Air – die Reihenfolge stimmt nicht. Die Reihe wirkt narkotisierend und endet auch nicht bei einer bejubelten Kombination von teuer und Tantra. Da ist sie wieder, die Selbstoptimierung in der Genussverdopplung, ja -verdreifachung: Geld, Ruhm, Orgasmen. Wie das zusammenhängt, vor allem jedoch, wie das hinhaut, lesen Sie am besten selbst.

Theresa Lachner, Lvstprinzip, Blumenbar, 240 Seiten

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erstellt am 18.9.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.