Die Oper Frankfurt hat mit „Otello“ eine wenig bekannte Oper von Gioachino Rossini wiederentdeckt. Im Mittelpunkt der Inszenierung von Damiano Michieletto steht die Angst der etablierten Gesellschaft vor dem Eindringen des Fremden. Stefana Sabin war in der Premiere.

Oper

Der Fremde (nicht) unter uns

Am Anfang war eine italienische Novelle aus einer Sammlung, die Mitte des 16. Jahrhunderts in Mondovi erschien und in der von der tragischen Ehe zwischen der schönen Disdemona und einem dunkelhäutigen Feldherrn erzählt wird. Die Novelle wurde schon wenige Jahre nach Erscheinen ins Französische übersetzt, und dann kam ein englisches Drama, das das italienische Original ebenso wie die französische Übersetzung verwendete und 1604 im großen Festsaal der königlichen Residenz in London uraufgeführt wurde. Darin bekam der bis dahin namenlose fremdländische Feldherr einen Namen: Othello. Als The Tragedy of Othello, the Moore of Venice Written by William Shakespeare – so der Titel auf der ersten Buchausgabe – ging dieses Drama in die Literaturgeschichte und mit Giuseppe Verdis Oper Otello von 1887 auch in die Musikgeschichte ein.

Shakespeares Stück und Verdis Oper gehören zu den jeweils populärsten Werken ihrer Gattung und werden stets inszeniert. Dagegen ist die Oper, die Gioachino Rossini nach der Geschichte von Otello schrieb, heute weitgehend unbekannt. Denn die Oper, deren Uraufführung für das Teatro San Carlo in Neapel vorgesehen und nach einem verheerenden Brand in Februar 1816 in ein anderes neapolitanisches Theater, das Teatro del Fondo, verlegt wurde, war ein Erfolg und wurde bis in die 1880er Jahre in ganz Europa kontinuierlich gespielt – bis sie von Verdis Otello von den Opernbühnen verdrängt wurde. So ist die jetzige Aufführung an der Oper Frankfurt, eine Übernahme der Inszenierung am Theater an der Wien 2016, eine regelrechte musikalische Wiederentdeckung.

Rossini schrieb seinen Otello unmittelbar nach dem Barbiere di Siviglia (1816) und vor der Cenerentola (1817); zwischen einer opera buffa und einem melodramma giocoso schuf er ein dramma per musica! Das Libretto von Francesco Maria Berio orientierte sich mehr an einer französischen Bühnenbearbeitung als an Shakespeares Drama, und so gibt es Abweichungen in der Handlung und in der Figurenkonstellation, aber schließlich endet auch diese Oper mit dem tragischen Tod der beiden Liebenden.

Heimlich geheiratet: Desdemona und Otello Foto: Barbara Aumüller

In Rossinis Oper haben Otello und Desdemona schon heimlich geheiratet, als Otello in Venedig ankommt. Desdemona kann also die von ihrem Vater vorgesehene Heirat mit Rodrigo, dem Sohn des Dogen, nicht mehr vollziehen. Als das Geheimnis herauskommt, wird Otello, bis dahin umworben, nun abgelehnt, ja bedroht: von Desdemonas Vater, der den vorteilhaften Heiratsplan für seine Tochter platzen sieht; von dem vorgesehenen und nun verschmähten Bräutigam; und von Jago, der aus einer infernalischen Mischung aus Sozialneid, Eifersucht und Rassismus eine Intrige spinnt, an deren Ende Otello und Desdemona sterben.

Im Mittelpunkt der Inszenierung von Damiano Michieletto steht weniger das Eifersuchtsdrama als vielmehr die Angst der etablierten Gesellschaft vor dem Eindringen des Fremden. Michielettos Otello ist ein Feldherr unserer Zeit: ein arabischer Geschäftsmann, der sich nicht im Krieg, sondern im Finanzkampf bewährt und nach Venedig mit vielversprechenden Aufträgen in seiner Aktentasche, die das Schwert als Attribut ersetzt hat, kommt. Dementsprechend findet die Handlung in einem schicken Palazzo statt, den Paolo Fantin als Bühnenbild entworfen hat, und die Figuren tragen allesamt heutige Businessanzüge (Kostüme: Carla Teti).

Aber in dieser glitzernden Welt wird Otello von der ersten Szene an mit Misstrauen beäugt. Und als er als Gastgeschenk Desdemona einen Schal bringt und ihn ihr zum Kopftuch anlegt, schreckt die gesittete Gesellschaft auf. Von da an dreht sich die Spirale des Unglücks, bis die beiden Liebenden, von Jago und Emilia mit teuflischer Energie manipuliert, tot sind.

Die Inszenierung macht sichtbar, dass der Fremde als Geschäftspartner geduldet, aber als Mitglied der Gesellschaft abgelehnt wird. Auch deshalb macht Michieletto seinen Otello zum Sympathieträger und führt die Selbstgefälligkeit einer profitgierigen, patriarchalisch verkrusteten Oberschicht vor. Und er lässt keinen Zweifel daran, dass die beiden Liebenden Opfer des Familien- und Gesellschaftsgeflechts werden.

Das Patriarchat wird durch geradezu brutalen Übergriffe, mit denen der Vater sich seine Tochter hörig machen will, verdeutlicht und durch das große Gemälde, das an der Rückwand hängt: Der Tod von Paolo und Francesca von Gaetano Previati (1887) weist auf eine der berühmtesten Liebesgeschichten der italienischen Literatur hin, die Dante im 5. Gesang des Inferno erzählt und in der es auch um eine von ihrem Vater verheiratete Tochter geht, die schließlich ihre richtige Liebe findet und Ehebruch begeht – und zusammen mit dem Geliebten in der Hölle landet.

Ein schicker Palazzo als Bühnenbild: „Otello“ in Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Die Verse der Arie, die kurz vor Desdemonas und Otellos Tod erklingt, sind dem Danteschen Gesang über Paolo und Francesca entnommen. Diese Arie wird im Libretto von einem Gondoliere gesungen – in dieser Inszenierung vom Familienarzt, eine hinzugedichtete Figur, vor dem Gemälde stehend. Die Figur des Arztes ist eine der Ungereimtheiten in der Inszenierung (warum sitzt der Doge im Rollstuhl? warum schmiert Jago Otellos Namen an die Wand des Empfangsraums? warum erschießt Desdemona sich selbst?), die man angesichts eines herausragenden musikalischen Abends ignorieren kann.

Eine Besonderheit – und ein Besetzungsproblem! – dieser Rossini-Oper sind die drei Tenöre: Otello, Rodrigo und Jago sind alle als Tenor-Partien vorgesehen, entsprechend den Anforderungen bei der Uraufführung. In Frankfurt hat man mit Enea Scala, der als Otello an der Oper Frankfurt debütiert, mit Jack Swanson als Rodrigo und Theo Lebow als Jago die Partien vortrefflich besetzt. Alle drei sind subtile Sänger mit überzeugender Bühnenpräsenz. Vor allem das Duett Otello/Rodrigo „Ah vieni, nel tuo sangue“ im zweiten Akt ist ein regelrechtes Tenorduell in C-Dur mit hochdeklamatorischen Linien, mit hohen Cs und abstürzenden Bässen, bei dem beide Sänger brillieren. Ihrerseits ist Kelsey Lauritano eine schelmisch böse Emilia, und Nino Machaidze, die zwischen lyrischen und dramatischen Ausbrüchen souverän changiert, gibt eine anrührende Desdemona, die entsprechend der Bühnentradition im weißen Kleid der Unschuld stirbt. Das Premierenpublikum belohnte nicht nur die Sänger, sondern auch das Orchester unter Sesto Quatrini mit anhaltendem Applaus.

Am Ende der ursprünglichen italienischen Novelle wird eine Art Moral postuliert: dass es nämlich ein Fehler sei, wenn Frauen Männer aus fremden Ländern heirateten, denn die Unterschiede in den Sitten und Gebräuchen ließen sich nicht überbrücken. Gerade deshalb wirkt wohl Otellos Geschichte noch aktuell, denn die Angst vor dem Fremden treiben auch die heutigen Gesellschaften noch um.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 10.9.2019

„Otello“ in Frankfurt Foto: Barbara Aumüller

Dramma per musica in drei Akten

Otello

von Gioachino Rossini

Text von Francesco Maria Berio nach Jean François Ducis und Giovanni Carlo Cosenza, basierend auf William Shakespeare

In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Musikalische Leitung: Sesto Quatrini, Regie: Damiano Michieletto, Szenische Einstudierung: Marcin Lakomicki, Bühnenbild: Paolo Fantin, Kostüme: Carla Teti

Besetzung: Enea Scala (Otello), Nino Machaidze (Desdemona), Theo Lebow (Jago), Jack Swanson (Rodrigo), Thomas Faulkner (Elmiro Barberigo) et al.

Oper Frankfurt