Kinder können im Allgemeinen sehr gut zwischen Realität und Fiktion unterscheiden. Wenn sie aber mit Imitationen das Erwachsenenleben einüben, macht ihre Nachzeichnung ernst mit beiden. Der Autor und Verleger Axel Dielmann hat in seinem Prosaband „Die Schneiderin“ ein perfektes Rollenspiel beobachtend gestört.

Originaltext

Der Junge

Von Axel Dielmann

Ich hatte die Empfehlung bekommen, mich zu der etwas abseits liegenden Pension besser hinfahren zu lassen, im Stadtzentrum war keine Unterkunft mehr zu buchen gewesen.

Auf dem Vorplatz des Bahnhofs schaute ich mich um, das beschauliche Pensionärs- und Wochenendurlaubsstädtchen, Segler draußen, Dampfer am Anleger, wurde für zwei Wochen regelrecht überschwemmt von uns Psychos, denn wir feiern hier jährlich für Vierzehntage auf Seeterrassen und vor Eisdielen plaudernd, in Kaffeehäusern und Hotellobbys diskutierend, weit mehr als in den drei Konferenzsälen der schlichten Kongress- und Stadthalle, uns selbst und unsere Zunft. Der Austausch von Empörungen über lahme Gesundheitsreformen durch Politiker, denen die Psyche noch immer als Hort von Hypochondrien statt als der eigentliche Austragungsort unserer gesellschaftlichen Mißstände gilt, lockt uns Shrinks ebenso an wie das recht verläßlich freundliche Wetter, und der beredte Abgleich von tauglichen kollegialen Vorbildern für die diversen Schulen, nach denen wir unsere Patienten schärfer rannehmen oder sanfter zu führen versuchen oder unsere skizzenhaft bis ausufernd gehaltenen Berichte an die Gutachter und Kassenärztlichen Vereinigungen abfassen – das ist attraktive Ergänzung zu teils wirklich genußreich zu hörenden Vorträgen und hilfreichen Seminaren, die uns alle ein, zwei oder drei Jahre hoffnungsvoll in die Zukunft des Seelenheils unserer Gesellschaft blicken lassen. Zudem sammeln wir, wenn auch mit erklecklichen Teilnahmegebühren saftig bezahlt, Weiterbildungspunkte die Menge – angenehme Tage lagen vor mir, als ich da am Bahnhof stand, während die Sonne rechter Hand über kreischender Möwenwolke und einem Wäldchen aus klackernden Bootsmasten gegen Mittag stieg. Ein Taxi allerdings war nirgends zu sehen.

Vor mir standen zwischen drei Busparkbuchten, von Menschen verlassen, die in den engeren Gassen mit Shopping beschäftigt waren, einige Schilderpfähle mit ihren Liniennummern und Tafeln zu Abfahrtzeiten. Links eine Wiese vor einem ausgedehnten Parkplatz, dahinter einzelne Häuser und das fernere Seeufer mit idyllisch anmutenden Hängen. Ich schaute mir das an, noch ganz im Ankommen, da fiel mir, hinter eine mächtige Litfaßsäule in die Wiese geduckt, der Junge auf. Angewinkelter Arm, ausgerichteter Zeigefinger. Er befand sich eindeutig in einer Schießerei, zum Abzugshahn gespannter Kinderdaumen, darüber die lauernde Miene seines Profils. Der ganze kleine Mensch war in das Anlegen vor einem Schuß konzentriert. Seine Feinde, dachte ich, mußten sich in einer Hecke am anderen Ende der Anlage befinden oder dort, und kurz ließ ich mich täuschen und prüfte selbst hinüber, hinter der Einzäunung der Mülltonnenanlage vor der gegenüber aufragenden Häuserzeile verschanzt liegen, er stand in einem Gefecht, und es hielt ihn, das war unmittelbar zu sehen, vollständig gefangen. Er zielte wiederholt mit dem blanken Zeigefinger dorthinüber, konnte aber noch nicht abdrücken, zwei heranzockelnde Autors querten seine Schußlinie, auch lugte er erst noch ein Stück weiter um das Litfaßsäulenrund herum, Überblick zu bekommen, setzte wieder zum Schuß an, ein bedächtiger Schütze, der indes weiter sondierte, worauf wartete er, den Schußarm noch einmal zurückgenommen, abgewinkelt, mir selbst zogen Tasche und Koffer an den Armen. Ich setzte ab, und da war es, daß er seinen Lauf vollends ausstreckte, sehr langsam, fast hätte ich selbst mich noch einmal vergewissert, wo die Scharfschützen gegenüber zu fixieren wären, und er schoß:

Hörte ich den Schuß, formten seine Lippen ein Geräusch? Das Zucken des kleinen Zeigefingers, das Aufbäumen des zum Waffengriff geballten Fäustchens waren wie eine Entladung nach dem Belauern, dem Zielen, Spähen, das mich unter dem Idyll aus blauem Himmel und Seeluft wie untergründige Bürgerkriegsdrohung hatte den Atem anhalten lassen. Aber die Bedrohung schlug um in einen Ausbruch, dessen Wucht ich nicht erwartet, so nie gesehen hatte. Oder doch?

Der Junge wurde, noch als er selbst schoß, vom eigenen Geschoß getroffen. Rückschlag des Revolverhändchens, die ballistische Gegenbewegung der Kinderhand vom sorgsam in Gangsterfilmen abgeschauten Rückstoß der Pistole fuhr wie Schuß und Gegenschuß jeden Wildweststreifens vehement durch den Kinderkörper. Der bog sich, war in einem übergangslosen Ruck nicht mehr Verursacher, sondern das Ziel der Einwirkung, wurde zurückgeschleudert vom zweiten, sich erhaltenden Impuls der abgegebenen Kugel, als alles erfassenden Schock ließ er das Projektil, das er abgefeuert, seine Hand durchzuckt, seinen Lauf aufgebäumt, seine Waffe verlassen hatte, sogleich bei ihm selbst einschlagen. Das sprengte ihm die Schützenhand auf, eine alles fallen lassende Geste. Es riß den eben gerade gestreckten Arm in solcher Geschwindigkeit herum, daß der Getroffene nicht einmal das [beabsichtigte] Einschußloch irgendwo in Schulter oder Brust fassen und bedecken konnte, wie hundertfach in Western gesehen, hatte den Oberkörper in unkontrollierte Krümmung geworfen und bis in die Hüften hinein den kleinen Menschen in eine Torsion verkrümmt. Die ganze [volle] Wucht des Einschlags auskostend, drosch es ihn um die eigene Achse, entlang der der zuvor hingekauerte Junge, aufgewirbelt von Schmerz, sich wieder zusammenzog wie ein in sich geschraubter Korkenzieher. Er hatte die [seine] Schußbahn in einen perfiden Kreislauf gebogen, das Geschoß vollendete sie perfekt, abgeschossen von diesem Pistolero, eingetroffen im Schützen. Wie wollte er, schoß mir durch den Kopf, aus diesem Moment der Erfüllung herauskommen, wie diesen Endpunkt seines Spiels überwinden? Während ich beobachtete, daß er sich nach dem ungeheuren Einschuß nicht fallen ließ, er nicht zu Ende brachte, was seinen Anorak auf der noch spärlich begrünten Wiese verdreckt hätte, stockte die durchgespielte Identität, da er seiner Hose und der Mahnungen seiner Mutter eingedenk bleiben mochte und gleich doppelt gehemmt wurde – denn er sah, daß ich ihn in seiner Selbstverwundung sah, und sah, wie er in dieser Verlegenheit vollends erstarrte.

Jemand hatte gesehen, wie er Täter und Opfer spielte, auf jemanden schoß und sich selbst traf, sich zum Schützen gekürt und zum Ziel erkoren hatte, in eins gezogen, Autoaggression. Er hielt inne. Fortgerissen aus der in sorgsamen Anläufen ausgekosteten Deckung von Aggression und Selbstverwundung, so beugte er den Kopf. Kurzer Blick, dieser Blick war trotzig, zu mir. Der ich selbst nicht aufhören konnte zu starren, fasziniert war, auch davon, noch diesen Blick zu verfolgen. Also blickte er weg, betroffen. Ich erwartete, daß er sich den Anorak abklopfen würde, so ahnbar plagte ihn ein Bedürfnis nach Übersprung, aber das war nun endgültig meines.

Er drehte sich der Litfaßsäule zu. Ein Stück Plakat hing lose, er packte das, zerrte daran. Das machte mir den Jungen unsympathisch, er zog an dem Fetzen, der aber nicht aufhören wollte, eine Bahn von der Säule abzuspulen, so lief er dem sich abwickelnden Plakatpapier nach, riß daran, wähnte, auf dieser Umlaufbahn in den Blickschatten der Säule zu gelangen, aber der Streifen wurde nur länger davon. Dann endlich konnte der getroffene Schütze, geführt von der sich entwindenden Plakatbahn, doch hinter dem Monument der Werbung verschwinden, wie zur Erlösung, mir war, als hörte ich jetzt dieses Reißen. Ich hielt eine Weile und noch eine Weile Ausschau, ob er auf der gleichen oder der anderen Seite wieder hervorkommen, ob er zu mir luken oder schauspielernd davontrotten würde, als ein Taxi brummend zwischen uns fuhr, sogar kurz hupte. Ja doch. Leicht gebückt nickte ich dem Fahrer hinunter und hinein, über das Dach hinweg noch die Litfaßsäule im Blick, konnte das Einsteigen jedoch nicht länger als zum Hineinstellen meines Gepäcks erforderlich aufschieben, und der Wagen, dessen Chauffeur mich bereits leutselig mit Fragen zu meinem Fahrtziel und Schönwettertalk einfing, fuhr mich, bevor ich mich noch einmal umgewandt haben konnte, auf das Gewimmel der Uferpromenade zu und weg von der wie nie auffällig gewordenen Wiese und ihrer verlassenen Werbesäule.

Auszug aus: Axel Dielmann, „Die Schneiderin“, Mit freundlicher Genehmigung © diaphanes Verlag Berlin Zürich, 2019

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erstellt am 04.9.2019

Axel Dielmann, Foto: diaphanes Verlag

Axel Dielmann Foto: diaphanes Verlag

Auszug aus:

Axel Dielmann
Die Schneiderin
Broschur, 64 Seiten
ISBN: 9783035801842
diaphanes Verlag, Berlin/Zürich 2019

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