In seinem jüngsten Roman erzählt Martin R. Dean von einem Treffen miteinander befreundeter Mittelklassepaare in einem ehemaligen Landhotel. Die alternden Protagonisten leiden keine Not, sind aber bisweilen verzweifelt. Otto A. Böhmer hat das Buch mit dem programmatischen Titel „Warum wir zusammen sind“ gelesen.

Buchkritik

Die Zukunft ist gealtert

Was Paare zu Paaren macht, deren Trennungsbereitschaft und Durchhaltevermögen sich in etwa die Waage halten, lässt sich oft nur in Rätselschrift beschreiben; man könnte, wenn einem diese Frage über Gebühr wichtig ist, die Paare selbst befragen, aber die wissen nicht wirklich Bescheid oder verweigern, vorsichtshalber, die Auskunft.

Vielleicht gerade deswegen haben Paartherapeuten, deren Qualifikation sich nicht jedermann erschließt, viel zu tun; allein kommt der Mensch, wenn ihn die Sorge um seine kostbare, vor allem nach innen gedämmte Persönlichkeit umtreibt, nicht mit sich klar, und im Zweier-, Dreier- oder Mehrfach-Verbund erst recht nicht.

Martin R. Dean © Claude Giger/Jung und Jung Verlag
Martin R. Dean © Claude Giger/Jung und Jung Verlag

Die angedeuteten Schwierigkeiten haben allerdings auch mit Einkommens- und Statusprivilegien zu tun. Und, nicht zuletzt: mit dem Alter: Wer, mit dem jungen (!) Goethe, von sich sagen kann: „Ich bin schon weit in Jahren vor“, gehört zu der Klientel, die der Schweizer Autor Martin R. Dean (Jg. 1955) in seinem neuen Roman „Warum wir zusammen sind“ versammelt. Paare mittleren Standes, die miteinander befreundet sind, was auch zu kleineren Boshaftigkeiten anspornt, treffen sich in einem ehemaligen Landhotel namens „Sanssouci“, um sich an die guten alten Zeiten zu erinnern und neue Erfahrungen auszutauschen, die, kaum ausgesprochen, merklich zu altern beginnen.

Unmittelbare Not leidet keiner der Anwesenden, die respektablen Berufen nachgehen, in denen man aber nicht viel Spannenderes als anderswo erlebt; das Unergründliche im Menschsein verweigert sich konstant und vor allem so lange schon einer eingängigen Entschlüsselung. Ein Architekt ist dabei, eine Therapeutin, eine Fernsehmoderatorin, ein Medienwissenschafter sowie ein Bioingenieur, von dem in Zukunft, möglicherweise, noch am meisten zu erwarten ist.

Anatol, der „Sanssouci“ einst gekauft hat, könnte als die eigentliche Hauptfigur im Reigen der Paare durchgehen: Er befasst sich mit zweifelhaften Projekten, war einst in überschaubarem Maße sexsüchtig und ist es, unter nunmehr erschwerten Umständen, immer noch. Seine manchmal sogar durchdachte Sprunghaftigkeit wirkt nicht unsympathisch; zudem hat er eine Einsicht parat, die auf fast alle Lebenslagen passt: „Wir gehen instabilen Zeiten entgegen.“

Auf dem langen Marsch in eine vergänglichkeitsanfällige Zukunft, die sich, so lange es geht, bedeckt hält, wird er noch immer von seiner Frau Annette begleitet, der gelegentliche Verzweiflungsanmutungen allerdings nicht mehr fremd sind: „Ich bin eine verschrumpelte Kröte in den Wechseljahren, er ist ein weltoffener, unberechenbarer und verschwenderischer Idiot. Ja, Idiot! Weil er eigentlich nie etwas auf die Reihe bringt. Dieses Sanssouci. Als er fünfundvierzig geworden ist, bekam er auf einmal das Gefühl, dass ihm die Zukunft ausgeht. Also quasselte er mir nächtelang die Ohren voll von einem alten Hotel, wo man über die Zukunft nachdenken kann (…) Hätte er nicht so viel Geld, er wäre schon längst durchgedreht. Anatol ist ein spielendes Kind. Er braucht eine wie mich, ein Nachtschattengewächs. Ich gedeihe gut neben ihm.“

Anatol aber, das deutlich älter gewordene spielende Kind, hat auch darauf eine Antwort, die, passenderweise, eher als Frage daherkommt: „Sie will, dass ich anders mit Freunden umgehe, sie will, dass ich anders huste, anders fühle. Anders denke (…) Aber verdammt, wie macht man das, ein anderer zu werden?“ Am besten, man lässt es und versucht es erst gar nicht. Ab einem bestimmten Zeitpunkt nämlich, der nicht registriert werden will, hat man in sich Bestand, an dem, jenseits seiner tiefgründigen, über das jeweils eigene Leben hinausweisenden Verfasstheit, nicht zu rütteln ist.

Auch davon erzählt Martin R. Deans amüsanter und kluger Roman, der eine seiner Stärken daraus bezieht, dass der Autor sich meist vornehm zurückhält und seine Leute machen lässt. Die Frage, warum wir noch zusammen sind, kann man im Übrigen auch paarübergreifend stellen; eine Wahrscheinlichkeit, dass man dann plausiblere Antworten erhält, ist daraus jedoch nicht abzuleiten.

Es geht seinen Gang; Paare haben es nicht besser als Einzeltäter, von einer sich bedenklich vermehrenden Menschheit ganz zu schweigen. Irgendwann kann man sich das Nachfragen sparen; trotzdem blitzen im „trübe spähenden Blick“ alter Leute, den der Philosoph Schopenhauer, ein Unsympath seiner Zunft, gerne beschwor, gelegentliche Wiedererkennungsmomente auf, die etwas Tröstliches haben, zumal sie gleich darauf, scheinbar umstandslos, von gnädigem Vergessen abgelöst werden. Daran sollte man sich halten, auch in trauter, beizeiten unzugänglich gewordener Zweisamkeit.

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erstellt am 03.9.2019

Martin R. Dean
Warum wir zusammen sind
Roman
Gebunden, 360 Seiten
ISBN 978-3-99027-228-2
Jung und Jung, Salzburg 2019

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