Im Berliner Gropius-Bau interpretieren internationale zeitgenössische Künstler das Motiv des Gartens. Die Ausstellung gleicht einem Erlebnisparcours, der die Besucher mit allen Sinnen eintauchen lässt. Eugen El hat sich im „Garten der irdischen Freuden“ umgesehen.

Ausstellung

Kunst mit Körperkontakt

Nackte Männer und Frauen vergnügen sich, flankiert von teils übergroßen Vögeln, Tieren und allerlei Fantasiegeschöpfen, in einer weitläufigen, grünen Landschaft. Die Menschen vollführen hier und dort rätselhafte Rituale mit verschiedenen Früchten. Irgendwo am Horizont fliegt ein Fisch durch den Himmel. Erstaunlich friedfertig erscheint die Mitteltafel von Hieronymus Boschs Triptychon „Garten der Lüste“ aus dem späten 15. Jahrhundert. Die fantastische Szenerie wirkt wie ein paradiesischer Freizeitpark. Eine im 16. Jahrhundert von Bosch-Schülern angefertigte Version der Mitteltafel ist jetzt im Berliner Gropius-Bau zu sehen. Sie ist thematischer Ausgangspunkt der Gruppenausstellung „Garten der irdischen Freuden“.

Die Schau möchte den Garten als Metapher und Spiegel für den Zustand unserer Welt betrachten und dabei auch unangenehme Facetten abbilden. Einem Paradiesgarten wohnt schließlich immer auch die Gefahr der Vertreibung inne. Über 20 internationale zeitgenössische Künstler zeigen zum Teil raumgreifende Werke. Viele Installationen sind sinnlich erfahrbar. In einem abgedunkelten Raum empfängt den Besucher ein sanft-süßlicher Duft. In sieben Terrarien wächst Nachtjasmin. Die Pflanze wird mithilfe spezieller Mondlichtbeleuchtung und Verdunklung in ihren Nachtzustand versetzt, in dem sie ihren markanten Duft verströmt. Hicham Berradas „Mesk-ellil“ betitelte Installation dürfte Museumsgängern aus dem Rhein-Main-Gebiet bekannt vorkommen: 2018 war sie in der Ausstellung „Rückbindung an Welt“ im Frankfurter Kunstverein zu sehen.

Zwischen Kinderfantasie und Wahnvorstellung: Yayoi Kusama, „With All My Love for the Tulips, I Pray Forever“, 2013–2019 Foto: Mathias Völzke

Eine Besonderheit des 1881 als Kunstgewerbemuseum errichteten, im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten und später restaurierten Martin-Gropius-Baus ist seine imposante Größe. Jeder Künstler der Ausstellung hat einen eigenen Raum bekommen. In den allermeisten Fällen steigert das die Intensität der gezeigten Arbeiten. Mit obligatorischen Filzpantoffeln betritt man einen großen, weiß gestrichenen Saal. Boden, Wand, Decke, eigentlich alles dort ist mit bunten Punkten unterschiedlicher Größe bedeckt. Drei überdimensionale Tulpenplastiken stehen im Raum, auch sie sind weiß und voller Punkte. „With All My Love For The Tulips, I Pray Forever“ heißt diese Rauminstallation von Yayoi Kusama. Die Künstlerin spricht von einem Gefühl der „Selbstauflösung“ in dem Punkte-Paradies. Der Raum schwankt zwischen gigantischer Kinderfantasie und Wahnvorstellung.

Für Kinder eher ungeeignet ist ist Zheng Bos Installation „Pteridophilia“. Stöhnen durchdringt den Raum, in dem mehrere Pflanzen aufgestellt sind. Auf vier dazwischen platzierten Monitoren sind Videofilme zu sehen. Junge, unbekleidete Männer bewegen sich durch einen Wald in Taiwan. Sie suchen, wie es im Wandtext etwas euphemistisch heißt, „Körperkontakt mit Farnen“. Die Männer umarmen die Pflanzen, riechen intensiv an ihnen, bestreichen damit ihre Körper, einschließlich der Genitalien. Die Intimität zwischen Mensch und Natur geht sehr weit, bis hin zur (versuchten) Kopulation. Die Versuchsanordnung wirkt mal zärtlich und poetisch, manchmal fast pornografisch. Wenn man so will, könnte man Zheng Bos Installation als eigensinnige zeitgenössische Interpretation des Boschschen Garten der Lüste sehen. Der in Hongkong lebende Künstler möchte laut seiner Website „queere Pflanzen und queere Menschen verbinden“. Bei den Ausstellungsbesuchern sind neugieriges Staunen und gelegentliches Schmunzeln zu beobachten.

Intimität zwischen Mensch und Natur: Zheng Bo, „Pteridophilia 2“, 2018 © Zheng Bo

Kühl und angenehm fühlen sich die Terrakottafliesen an, mit denen Renato Leotta den Fußboden einen anderen Saals auskleiden ließ. Die Fliesen, die ohne Schuhe betreten werden dürfen, zeigen Abdrücke von Zitronen. Die Früchte wachsen in Leottas Garten auf Sizilien. Während der Erntezeit gruppierte der Künstler ungebrannte Fliesen um die Stämme seiner Zitronenbäume. Die herabfallenden Zitronen hinterließen über Monate hinweg ihre Spuren auf den Fliesen. Leottas Installation schafft eine sanfte, mediterran inspirierte Stimmung. Unverkennbar steht sie in der Tradition der italienischen Arte Povera, die einfachen, alltäglichen Materialien huldigte. Auch ein fernes Echo der Minimal Art ist erkennbar, allerdings ohne deren spröden industriellen Charme.

Spätestens nach dem beglückenden Fliesenerlebnis könnte man eigentlich die Ausstellung verlassen. In den folgenden Sälen wird der Besucher von lauten, knalligen Raumarrangements (Heather Phillipson) oder politisch aufgeladenen Objektanordnungen (Lungiswa Gqunta) wieder auf den Boden der Tatsachen geholt. Die zarten, atmosphärischen Ölgemälde von Maaike Schoorel, auf denen Fragmente von Pflanzen zu erahnen sind, drohen in der allgemeinen Reizüberflutung unterzugehen. Im „Garten der irdischen Freuden“ dominiert eine Kunst, die Erlebnisräume schafft und den Besucher buchstäblich mit allen Sinnen eintauchen lässt.

Der Artikel ist zuerst in der Frankfurter Neue Presse erschienen.

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erstellt am 01.9.2019

Nach Hieronymus Bosch, „Garten der Lüste“ (Mitteltafel), 1535–1550 Privatsammlung

Ausstellung in Berlin

Garten der irdischen Freuden

Bis 1. Dezember 2019

Gropius Bau