Hatte Joseph Beuys mit der Tänzerin und Choreografin Gret Palucca gesprochen, die empfahl, mit dem Kopf zu tanzen und mit den Beinen zu denken? „Palucca, ihr Leben, ihr Tanz“ ist eine Biografie von Rolf Stabel, die über die Dauer zweier totalitärer Staaten den Kampf der Ausdruckstänzerin für ihre Kunst beschreibt. Ein zweites Buch, „Eine kurze Geschichte des Tanzes“ von Dagmar Ellen Fischer beschreibt vom frühen Animalismus über den Sonnenkönig bis zum Hip-Hop, was Tanz alles sein kann und wie er sich in der Gesellschaft situiert. Walter H. Krämer hat beide Bücher mit Gewinn gelesen.

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Tanz lesen

I

Gret Palucca, eigentlich Margarete Paluka (1920-1993), ist eine Ikone der deutschen Tanzgeschichte. Ralf Stabel beleuchtet in seinem sorgfältig recherchierten Buch ihr wechselvolles privates und künstlerisches Leben und ihre Bedeutung für den Tanz. Das Buch ist eine gekürzte, überarbeitete und ergänzend bebilderte Fassung seiner 2001 erschienenen und nicht mehr lieferbaren Biografie “Tanz Palucca“.

Die Biografie ist auch ein Abbild deutscher Geschichte, indem sie ein Jahrhundert deutscher Geschichte aus der Perspektive zweier Diktaturen spiegelt. In der NS‐Zeit versuchte Gret Palucca zu verbergen, dass sie Jüdin war. Hatte 1936 einen Soloauftritt bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Berlin und ihre 1924 gegründete Tanzschule wurde 1939 dennoch geschlossen. Von den Nazis als „Halbjüdin“ eingestuft, ermöglichte ihr eine erteilte Sondergenehmigung weiterhin außerhalb der von NSDAP und Staat organisierten Veranstaltungen aufzutreten. Die Legende vom vollständigen Auftrittsverbot – auch von ihr nicht widersprochen – lag vermutlich auch im Interesse der Kulturverantwortlichen der DDR.

Nach dem Zweiten Weltkrieg eröffnete sie ihre Schule neu. Gret Palucca wird zur Vorzeigekünstlerin der jungen DDR, ihre Schule in Dresden eine der renommiertesten Kultureinrichtungen des sozialistischen Staates. Doch mit deren Verstaatlichung 1949 begann ein neues Spiel mit der Obrigkeit. Durch die angedrohte Abwanderung in den Westen brachte sie die Kulturfunktionäre zum Einlenken und setzte ihre Forderungen durch: Gemäß der „Bedeutung ihrer Arbeit und ihres internationalen Rufes“ (Palucca) sei ihr die künstlerische Leitung der Tanzschule, eine Professur, ein Auto mit Chauffeur und ein Haus auf Hiddensee zu übertragen. Die SED-Führung stimmte zu und verlieh der parteilosen Tanzrebellin 1960 den vormals verweigerten Nationalpreis.

Neben Mary Wigmann war Gret Palucca in den 1920er und 1930er Jahren eine der führenden Vertreterinnen des modernen Ausdruckstanzes. Palucca selbst war von der Pionierin des Ausdruckstanzes frühzeitig fasziniert und gehörte zeitweise deren Tanzgruppe an. Doch die Wege trennten sich bald, und aus einem entspannten und bewunderten Lehrerinnen–Schülerinnen-Verhältnis wurde Rivalität.

Die hoffnungsvollen Anfänge erinnerte Mary Wigman später so: „Zu meinen ersten Schülerinnen gehörte ein Mädchen mit schmalen Hüften und jungenhaftem Gesicht, das von wilden, rotblonden Haaren umrahmt war. Ihr Name war: Gret Palucca. Sie hatte ein ausgezeichnetes, wenn nicht außergewöhnliches Tanztemperament gepaart mit einer natürlichen Fähigkeit zu springen. So eine Begabung habe ich bei keinem der vielen Tänzer und Tänzerinnen, die ich im Laufe der Jahre unterrichtet habe, jemals wieder erlebt.“

Gret Palucca war bekannt und berühmt wegen ihrer unglaublichen Gelenkigkeit und Elastizität sowie ihrer einzigartigen Sprungkraft und sie unterrichtete fast sieben Jahrzehnte lang – durch alle privaten und politischen Turbulenzen hindurch – ihre neuartige Form des Ausdruckstanzes.

Die Ausdruckstänzerin wollte nicht „hübsch und lieblich tanzen“, sondern ein Gefühl für Rhythmus und Stimmungen vermitteln. „Ihr müsst mit dem Kopf tanzen und mit den Beinen denken“, gab sie ihren Schüler*innen mit auf den Weg. Tanz sollte keine erzählerischen Inhalte transportieren, sondern sich einzig und allein auf die Struktur und den Ausdruck der Musik beziehen.

Die Bewahrung ihrer Choreographien war für Gret Palucca kein Thema. Sie hat daher die Zustimmung zur Wiederaufführung ihrer Werke immer mit der Begründung verweigert, dass die Choreographien untrennbar mit der Tänzerin / Choreographin und deren Persönlichkeit verbunden seien.

Mit Ausnahme einer Aufzeichnung von Paluccas bekanntestem Tanzstück „Serenata“ von Isaac Albeniz aus dem Jahr 1932 – hier existiert eine Aufzeichnung aus dem Jahr 1934 sind keine weiteren Werke / Tänze dokumentiert.

„Der beglückendste Tanz des Abends war die „Serenata“, so ein Kritiker, „ein Liebeslied, scheu, verhalten beginnt es, Hände tasten, suchen. Finden den Raum. Der Körper erwacht. Beseelt sich, lebt, liebt. Höhepunkt des Tanzes: das kreisende Schwingen am Boden. Rückwärtsbeuge, Oberkörper, schwingend, kreisend über demütigen Knien. Bild der Leidenschaft. Stark und echt.“

Ihr künstlerisches Credo fasste Palucca so zusammen: „Tanz ist keine Philosophie und keine Religion. Tanz hat weder Probleme zu stellen noch zu lösen. Tanz ist Tanz. Sieg des Reinen, des Unbedingten, der Körperfreude.“

In acht chronologisch geordneten Kapiteln begibt sich Ralf Stabel auf Spurensuche. Geht der Frage nach, wie und um welchen Preis es Gret Palucca gelingen konnte, ihr künstlerisches Dasein in zwei unterschiedlichen Diktaturen zu behaupten und welche Legenden – von Palucca und ihr nahestehenden Personen oft selbst befördert – sich darum ranken.

Die Biografie bietet einen umfangreichen und klugen Blick auf eine der interessantesten und streitbarsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Zurück bleibt das Bild einer Künstlerin, deren tänzerisches Erbe leider weitgehend verloren gegangen ist und deren größte Hinterlassenschaft ihre tanzpädagogische Arbeit und die Gründung der heute noch existierenden Palucca Hochschule für Tanz in Dresden, Deutschlands einziger eigenständiger Hochschule für Tanz, war und ist.

Ralf Stabel: Palucca. Ihr Leben, ihr Tanz, 176 Seiten, Henschel Verlag, 2019

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II

Dieses Buch beschreibt die Geschichte des Tanzes als eine Reise durch Zeit und Raum. In elf Kapiteln erzählt die Autorin kleine und große Geschichten rund um den Tanz als globales Phänomen, gibt eine Übersicht über die wichtigsten Strömungen des Tanzes und stellt bedeutende Künstlerinnen und Künstler vor. Angefangen bei frühen Ritualen aus der Steinzeit über die Hochkultur am Nil bis hinein ins 21. Jahrhundert mit vielen seiner tänzerischen Ausformungen und Entwicklungen.

Das Buch ist mit 100 farbigen und s/w Abbildungen reich bebildert, enthält eine Zeitleiste und Erklärungen, die zum besseren Verständnis in den Text eingefügt sind – erkennbar am gelben Kreis. So beispielsweise zum Spitzenschuh, dem „Ballet Comique de la Reine“, zum Thema Masken oder zur Deutung der Symbole beim Kathakali.

Dagmar Ellen Fischer geht u.a. auch der Frage nach, wie Tanz entstanden sein könnte und bietet mehrere Möglichkeiten dazu an. Wir erfahren von Fruchtbarkeitstänzen, griechischen Waffentänzern und einem ballettvernarrten Sonnenkönig. Natürlich bleibt „Schwanensee“, Hip-Hop und das Tanztheater der Pina Bausch nicht unerwähnt.

Die Autorin ist sich bewusst, dass sie bei 336 Seiten eine Auswahl treffen musste und nicht allem und jedem gerecht werden konnte. Aber ihre Auswahl ist originell und bietet manch überraschende Einsichten. So beginnt bespielsweise Kapitel 1 – Das Animalische im Menschen tanzt zuerst: Frühe Rituale – mit der Beschreibung des sogenannten Schwänzeltanzes der Bienen – inklusive einer anschaulichen Grafik.

Das Buch endet mit Kapitel 11 – Das Netz ist ausgeworfen: das 21. Jahrhundert mit Ausblick – und geht ein auf die Vernetzung der Welt und die daraus entstehenden Herausforderungen und Möglichkeiten für den Tanz.

Martin Schläpfer, Schweizer Tänzer und Choreograf, hofft und wünscht sich in seinem Vorwort, dass durch die Lektüre mehr Menschen den Tanz „lesen“ und „verstehen“ lernen und dadurch die Wertschätzung und der Respekt für die Körperkunst Tanz steigt.

Autorin und Verlag haben dafür Beachtliches geleistet. Selten hat man ein so ansprechend gestaltetes und unterhaltsam informatives Buch über die Geschichte des Tanzes in Händen gehalten. Durch das umfangreiche Personen- und Sachregister lässt sich das Buch auch als Nachschlagewerk nutzen.

Dagmar Ellen Fischer, Eine kurze Geschichte des Tanzes, 334 Seiten, Henschel Verlag, 2019

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erstellt am 27.8.2019

Gret Palucca, Foto: Abraham Pisarek / Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]

Gret Palucca (1945) Foto: Abraham Pisarek / Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)]