Jiří Weils 1960 posthum erschienener Roman „Mendelssohn auf dem Dach“ handelt von der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten. In mehreren Erzählsträngen begegnen sich Täter und Opfer, Unterdrücker und Mitläufer, Kollaborateure, Verräter und ohnmächtige Bürger. Gudrun Braunsperger stellt den Epochenroman vor.

Buchkritik

Tragische Verstrickungen

Jiří Weil, Foto: Unbekannt [Public domain]
Jirí Weil (1900-1959)

Dass es in diesem Buch kein gutes Ende geben wird, ahnt man von Anfang an. Man bangt und hofft, dass die Hoffnung zuletzt doch nicht sterben möge. Und bleibt doch erschüttert zurück nach der Lektüre von Jiří Weils Roman „Mendelssohn auf dem Dach“. Die wohl einzige zukunftsweisende Passage in diesem Roman wird von einem Wünschelrutengänger ausgesprochen.

Der 1900 geborene tschechisch-jüdische Autor Jiří Weil wusste, wovon er schrieb. „Mendelssohn auf dem Dach“ handelt von der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten, vom Terror durch SS und Gestapo und von der Verfolgung und Deportation der Juden, von Kollaboration, aber auch vom Widerstand im Untergrund und vom Heydrich-Attentat. In seinem 1960 posthum erschienenen Epochenroman verdichtet der Autor die eigene schicksalhafte Lebenserfahrung als Seismograph seiner Zeit. Maßgeblich dafür war die Repression durch Nationalsozialismus und Kommunismus, für den sich der junge Jiří Weil ursprünglich begeistert hatte.1933 war er als Journalist und Übersetzer nach Moskau gegangen, wurde dort jedoch aus der Partei ausgeschlossen und nach Zentralasien deportiert. Die Rückkehr nach Prag gelang ihm zwar 1935, aber schon vier Jahre später geriet er nach der Besetzung Prags durch die Nationalsozialisten neuerlich in Bedrängnis. Es gelang ihm, der Verfolgung durch einen vorgetäuschten Selbstmord in den Untergrund zu entkommen. Die Nachkriegszeit brachte keine nachhaltige Erleichterung: Der Stalin-kritische Autor wurde unter sowjetischem Einfluss mit Publikationsverbot belegt.

Schicksalhafte Verstrickungen in verhängnisvollen Schlaufen, eine führt zur nächsten. Dieses Schema wird in der Erzählweise abgebildet, die Weil für seinen Roman gewählt hat. Die flüchtige Begegnung des Wünschelrutengängers mit dem Partisanen Jan Krulis kurz vor dessen Festnahme ist eine Episode im Geflecht mehrerer Erzählstränge, aus denen sich dieser Roman zusammensetzt: Sie alle zeugen von der tragischen Dynamik der Verstrickungen, die Jiří Weil dichterisch gestaltet. Hier begegnen einander Täter und Opfer, von böswilligem Sadismus gesteuerte machtbesessene Unterdrücker sowie Mitläufer, die ihr kleines Leben zu schützen versuchen, Kollaborateure, Verräter und ohnmächtige Bürger, für die es kein Entkommen zu geben scheint.

Der Wünschelrutengänger tritt gegen Ende des Romans auf, als auf einem Ausflugsboot, das die Moldau entlangfährt, eine Verabredung von zwei tschechischen Partisanen stattfindet. Der eine von ihnen, Jan Krulis, hat eine schwere Aufgabe übernommen: Er sorgt für das Überleben von zwei jüdischen Mädchen im Versteck, so wie er es seinem kürzlich verstorbenen Freund versprochen hat, ihrem Onkel und letzten Verwandten. Die heitere Atmosphäre ist in Wirklichkeit eine erdrückende: Während die deutschen Besatzer feuchtfröhlich feiern, trifft Jan Krulis den Überbringer einer schlechten Nachricht: Die Organisation ist aufgeflogen. Nun nimmt das Verhängnis endgültig seinen Lauf.

Aber nicht nur den beiden jüdischen Mädchen wird am Ende des Romans die Schonfrist aufgekündigt, die ihnen das Leben noch gewährt hat, sondern auch einem der angesehensten Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Dr. Rabinowitsch, der sich dank seiner privilegierten Stellung bis zuletzt unter dem besonderen Schutz des Leiters des Zentralamts wähnt. Der Talmud-Gelehrte ist mit der Inventarisierung jüdischer Kultgegenstände beauftragt, um ein Museum für jüdische Sitten und Gebräuche einzurichten. Der perfide Zweck dieser Einrichtung: Sie soll später einmal die ausgestorbene jüdische Rasse dokumentieren.

Rabinowitsch, dessen herrisches Wesen unter seinesgleichen nicht unbedingt wohlgelitten ist, muss erleben, wie Macht und Ansehen zu Ohnmacht werden.
Die Fäden der Verstrickung, die den Juden Rabinowitisch mit Kollaborateuren, SS und Gestapo verbinden, schlingen im wahrsten Sinn des Wortes ein Seil um den Hals einer Statue, deren Abbruch von höchster Stelle angeordnet wurde. Der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy soll vom Dach des Rudolfinums in Prag entfernt werden. Das ehemalige Konzerthaus ist vom stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren Reinhard Heydrich zum „Haus der Deutschen Kunst“ erklärt worden. Doch wer aus der Reihe der grauen Eminenzen in Stein ist Mendelssohn? Der Magistratsbeamte Juliusz Schlesinger wird mit dem Auftrag betraut. Der gelernte Schlosser ist mit der Aufgabe jedoch überfordert. Sein Vorgesetzter Krug gibt Order, den gelehrten Rabinowitsch zur Identifizierung beizuziehen.

Die Statue von Mendelssohn straft und belohnt in diesem Buch: Schlesinger muss für die Komplikationen bei ihrer Entfernung büßen, der willfährige Helfer und SS-Anwärter, den die Angst vor der Front ebenso umtreibt wie die Angst, mit seinem jüdisch klingenden Namen als deutschstämmiger Böhme Argwohn zu erwecken, wird von seinem Vorgesetzten Krug in einem Anflug von Jähzorn zur Waffen SS an die Front geschickt. Aus Rache denunziert Schlesinger seinerseits einen der beiden ihm unterstellten tschechischen Magistratsbediensteten, die den Auftrag der Entfernung der Statue durchgeführt haben. Antonin Becvar wird wegen falscher Gesinnung zum „Totaleinsatz“ im Reich abkommandiert.

Auch Becvars Schicksal schlägt in diesem Buch Pirouetten. Der ehemalige Tischler ist im Herzen ein Dissident, er hat der Gehirnwäsche der Weltanschauungskurse widerstanden und folgt seinem Instinkt. Dieser lässt ihn die Statue unbemerkt so sanft niederfallen, dass sie nicht zerbricht, sondern liegend auf dem Dach warten kann, „bis der Spuk vorbei ist“, wie er sagt.

In finsteren Zeiten ist der Handlungsspielraum eng, aber selbst in der Zwangsjacke eines totalitären Regimes gibt es ein Minimum an Gestaltungsmöglichkeit, auch wenn es sich nur um die Rettung einer Statue handelt. Antonin Becvar hat sich entschieden, diesen Raum zu nutzen, und deshalb gibt es in diesem Roman auch Rettung für ihn. Was zunächst als Tragödie seines Lebens erscheint, der sogenannte „freiwillige Arbeitsdienst“ im Reich, wo Becvar nach der Arbeit in einer Munitionsfabrik schließlich der Feuerwehr zugeteilt wird und unter Einsatz seines Lebens im Bombenhagel Menschen retten und Tote bergen muss, wird für ihn zum Schicksalsmoment, der ihn schließlich aus dem Wahnsinn aussteigen lässt.

Eine Gräfin macht zum Dank für ihre Rettung ihren Einfluss geltend, sodass Antonin Becvar zu seiner Frau nach Böhmen heimkehren darf. Becvar ist ein Retter im doppelten Sinn, er hat nicht nur die Statue von Felix Mendelssohn vor dem Verschwinden bewahrt, sondern auch einem Menschen das Leben gerettet.

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erstellt am 23.8.2019

Jiří Weil
Mendelssohn auf dem Dach
Aus dem Tschechischen von Eckhard Thiele
Klappenbroschur, 288 Seiten
ISBN 978-3-8031-3309-0
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2019

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