Quacksalber, Zeitungssinger, Schausteller und Schauspieler, Alchemisten und Bärenführer: Sie alle praktizierten in der Frühen Neuzeit eine mobile, vagabundierende Lebensweise. Eine Essener Tagung widmete sich 2015 den sogenannten „losen Leuten“, jetzt liegt das dazugehörige Buch vor. Martin Lüdke hat es studiert.

Lüdkes Liederliche Liste

Vertraute Fremde

Bevor eine Weltordnung in die Brüche geht, selten von einem Tag auf den anderen, lassen sich bereits Risse in der alten Ordnung erkennen. Das zeigt auch der interessante, durchaus noch schmale Band über die „Losen Leute“, der eben erschienen ist und sich von seltsamer Aktualität erweist. In der Frühen Neuzeit zogen sie, meist bereits in kleineren Gruppen, durch die Lande. Für die sesshafte Bevölkerung war es, oft eine neuartige, meist eine beängstigende Erfahrung. Fremde, die allein durch ihre Existenz schon für Irritationen sorgten.

Solche Erfahrungen beschreibt, weitaus später angesiedelt, Walter Benjamin in seinen Studien über Baudelaire, „Lyriker in Zeiten des Hochkapitalismus“, im Zusammenhang seines „Passagenwerkes“. Fremde, die alltäglich werden, als Fremde. Nicht mehr nur Zeichen, sondern schon Zeugen des Umbruchs. E.T.A. Hoffmanns „Vetter an seinem Eckfenster“, der das Getümmel auf dem Gendarmenmarkt beobachtet, ebenso wie E.A. Poe’s Mann, der in der Menge verschwindet, zeigen ein Phänomen, das am Übergang vom Früh- zum Hochkapitalismus, zur normalen Erscheinung geworden ist und den hübschen Spruch von Karl Valentin drastisch dementiert: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde.“ In den entstehenden Massengesellschaften bereits des frühen 19. Jahrhunderts wird der Fremde zu einer vertrauten Erscheinung. Denn plötzlich, das lässt sich bei Baudelaire, bei Poe, bei Hoffmann anschaulich ablesen, begegnen wir selbst in vertrauter Umgebung, vor allem den Fremden und nur noch zufällig und ausnahmsweise den Angehörigen der uns einst so vertrauten Welt.

Dieser Prozess hatte in der Frühen Neuzeit begonnen. Sesshaftigkeit war die Norm. Mobilität die Ausnahme. Die Statik war, überspitzt gesagt, gottgegeben, Dynamik des Teufels.

Der vorliegende Sammelband, der eine Tagung der Thyssen-Stiftung dokumentiert, die am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen stattfand, beschäftigt sich mit einer Bevölkerungsgruppe, die in Zeiten genereller Sesshaftigkeit dennoch unterwegs war: die sogenannten „losen Leute“. Möglicherweise von Martin Luther übernommen, hat Georg Philipp Harsdörffer nicht-sesshafte Personen als „lose Leute“ bezeichnet: „wann das Hofleben ohne Schmarotzer / die Rathäuser ohne Lügner / die Kriegslager ohne Huren /die Hohenschule ohne Gesäuf / die Dörffer ohne Diebe / und diese Welt ohne lose Leute seyn würde“, dann, so die unausgesprochene Annahme, wäre die Welt noch in Ordnung. Jeder an seinem Platz, immobil, und geschützt vor den Leuten, die aufgrund ihrer Mobilität Unruhe in die Welt bringen. Bei Luther bezeichnete das Adjektiv „lose“ noch „nichtsnutzig, böse, sittenlos“, während es bei Harsdörffer, ohne seinen abwertenden Charakter zu verlieren, mehr auf die lokale Ungebundenheit zielt. Die Herausgeber (und Veranstalter der Tagung) wollen nun den Teil der „vagabundierenden Lebensformen in der Frühen Neuzeit“ unter dem Begriff der „losen Leute“ fassen, die mit „kunstfertigen Tätigkeiten“ meist in Gruppen eine „mobile Lebensweise“ praktizieren. Die Abgrenzungen bleiben dabei naturgemäß unscharf, Quacksalber, Zeitungssinger zählen ebenso dazu wie Artisten, Schausteller und Schauspieler, Alchemisten und Bärenführer. Weil dieser Prozess einherging mit der allmählichen Auflösung einer ehemals als statisch konzipierten (Welt-)Ordnung, konnte er als bedrohlich empfunden werden. Entsprechend wurden die „losen Leute“ als eine Gesellschaftsgruppierung erfahren, die von vornherein „als kriminell und delinquent“ qualifiziert wurde.

Der Band setzt dabei drei Schwerpunkte, zunächst „Figuren und Ordnungen“, dann „Künste und Schreibweisen“ und schließlich „Schauplätze und Raumwissen“.

Viele der Beiträge, als akademische Fingerübungen erkennbar, sind terminologisch hoch aufgerüstet, oft dazu ungelenk, derart etwa, dass „ein Ferment von Musik erkennbar“ wird, deren „Realisierung in usueller Mehrstimmigkeit“ dann nur noch zeigt, dass es dem Verfasser, einem Musikwissenschaftler, die Sprache verschlagen hat. Sieht man über solche ‚Böcke’ hinweg, was nicht allzu schwer fallen dürfte, dann erfährt man doch, in vielen anschaulichen, auch drastischen Beispielen, wie die Bewegung, die in die Welt gekommen war, von den Menschen erlebt wurde. Und wie schwer es war, sich einen Reim darauf zu machen. „Zuweilen sitzt einer am Weeg mit einem abscheulichen Grind /deme der Kopf einer eichenen Rinden nicht ungleich / das wissen sie aber meisterlich zu machen aus einer feuchten Sau=Blatern / welche sie mit rockenen Meel / gestossenen Galläpfeln und zerbreckleten Eierschalen überziehen.“ Administrativ wurde versucht, zwischen ehrlichen Bettlern und gerissenen Betrügern zu unterscheiden. Und zurecht weist Dirk Niefanger darauf hin, dass bei der Speisung der Fünftausend, die wir unserem Herrn Jesus Christus zuschreiben, gewiss auch der ein oder andere „Mautzkopff“ bedient wurde.

Die „losen Leute“, von „räumlichen Zuordnungen befreit“, nicht an Orte gebunden, heimatlos, bleiben jedoch immer noch „Teil einer christlichen Ständegesellschaft“, die jedem ihrer Mitglieder seinen Ort zuweist. Daraus resultiert eine Spannung – zwischen der bestehenden Ordnung und einer Mobilität, die sie auflöst. So, ließe sich resümieren, haben auch die „losen Leute“ ihren Beitrag geleistet zum Übergang der alten Ordnung in die Neuzeit. Wobei es dem Leser überlassen bleibt, aktuelle Parallelen zu ziehen. Mit der Angst vor dem schwarzen Mann lassen sich Ängste schüren und Wähler ködern. In diesem Sinne gibt es immer „Lose Leute“.

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erstellt am 22.8.2019

Julia Amslinger, Franz Fromholzer, Jörg Wesche (Hg.)
Lose Leute
Figuren, Schauplätze und Künste des Vaganten in der Frühen Neuzeit
Kartoniert, 2017 Seiten
ISBN: 978-3-7705-6172-8
Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2019

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