Die Logik des „30A Songwriters Festival“ im Westen Floridas ist uramerikanisch: Man fährt mit einem Auto auf einem Highway auf und ab. An über dreißig Stationen spielen dort vier Tage lang Songwriter. Martin Wimmer hat sich in Cafés und Fischrestaurants, Bars, Biergärten, Kirchen und Einkaufszentren begeben, um dem Lied zu huldigen.

30A Songwriters Festival

Zuhören, Mitfühlen, Weiterspinnen

Der Panhandle ist das unwirtliche westliche Ende Floridas. Weit weg von den Touristenmagneten zwischen Orlando und Miami ist das Leben 1.500 km von Hemingways Key West entfernt rau und im Winter auch trostlos. Alligatoren und Moskitos, vernichtende Hurricanes und die gefürchtete atemwegsreizende Algenplage Red Tide haben es dem Landstrich noch nie leicht gemacht. Wer hier Urlaub am Meer machte, wollte nicht, der musste. Selbst die Ärmsten fanden hier einen Hotelbunker, der ihnen Zugang zu den spektakulär breiten und weißen Stränden des Golf von Mexiko gewährte. So wurde die Gegend um Pensacola und Panama City als Redneck Riviera bekannt, ein Südstaaten-Ballermann für Arbeiterklasse und Bachelorettepartys.

Doch dann zogen Investoren zwischen den beiden altmodischen Badeorten ein völlig irres Projekt durch. Ein künstliches Paradies aus immergleichen Villen, Retortencafés und Kitschläden wurde verbunden durch mit Lineal und Zirkel geplante Sträßelchen. Genau hier entstand die aberwitzig gleichförmige Architektur, die später als Kulisse des Filmklassikers „The Truman Show“ bekannt werden sollte. Die SUVs transportieren ihre reichen Insassen bis in die Einfahrt, Parken am Straßenrand verboten, mit dem Golfwägelchen geht es dann emissionsfrei weiter an den privaten Strandabschnitt, betretbar durch das ebenso schmucke wie strenge Tor nur mit Keycode.

Zwillinge kann man auseinanderhalten, immer gibt es einen Leberfleck oder eine bestimmte Geste, die selbst auf den ersten Blick ununterscheidbare Geschwister zu Individuen macht. Dasselbe gilt für die Hundertlinge, in denen wir wohnen. Nachdem ich die Straße jetzt zum x-ten Mal entlanggefahren bin, habe ich erkannt, dass hier eine Flagge draußen hängt, sicher gegen jede Regel, dort eine Dachrinne von einem Dilettanten gegen eine um eine Spur weniger ausgebleichte ausgetauscht wurde, drüben ist ein Aufkleber auf der Garage, vielleicht von einem unbeaufsichtigten Kind angebracht, und auch unser Haus ist hochindividuell, denn es ist nun mal das siebzehnte links nach der Kreuzung, und eben nicht nur das sechzehnte oder gar das achtzehnte rechts.

Das Problem blieb der Winter. Es ist nichts los an diesem rund 40 Kilometer langen Abschnitt der Küstenstraße, die als Highway 30A weit hinter Panama City Beach vom Highway 98 abzweigt und weit vor Destin wieder dort mündet. Am Morgen sind die Bäume mit Reif überzogen, auf dem Parkplatz pesten Mietwagen halbe Tankfüllungen in die Luft, damit die Klimaanlage die angefrorenen Scheiben freitaut, tagsüber dampfen die Straßen unter den auf schwüle 20 Grad gestiegenen Temperaturen, kurz vor Sonnenuntergang setzt dann ein eisiger Wolkenbruch die Landschaft wieder unter Wasser. Sie ist es gewöhnt, es sind ja Sümpfe. Aber weil alle reich waren, und weiß, und im fortgeschrittenen Alter, und politisch bewusst (Bio-Grillfleisch, dem lokalen Segelverein spenden und die Kindermädchen überdurchschnittlich gut zahlen) und schon einen gediegenen Anspruch an die konsumierte Kunst hatten, es aber auch nicht mehr zu laut ertrugen, organisierte man sich ein stilles Musikfestival, das im Januar 2019 nun schon seinen zehnten Geburtstag feierte.

Mit dem Auto von Konzert zu Konzert

Die Logik des 30A Songwriters Festival ist so uramerikanisch wie es nur geht: Man setzt sich in ein Auto und fährt auf einem Highway auf und ab. An über dreißig Stationen spielen dort vier Tage lang Songwriter. In winzigen Cafés und edlen Fischrestaurants, in lauten Bars, Biergärten, einer Kirche, einem Stadtsaal, im Hof eines Einkaufszentrums, überall wird Musik gemacht und dem Lied als solchem gehuldigt. Konsequenter bekäme man das nur noch hin, würde man es gleich als Drive-In-Festival organisieren.

Foto: Martin Wimmer

Abtanzen, Dröhnung und Party sucht man hier vergebens Foto: Martin Wimmer

Mit dem für läppische 290 Dollar plus Steuern erstandenen Armbändchen kommt man überall rein. In der einen Stunde hört man so einen Headliner vor 1.000 Zuschauern in der Open-Air-Arena, in der nächsten zwei alte Heroen gemeinsam vor hundert aufmerksam lauschenden Gästen einer Hotelbar und dann noch einen Newcomer mit drei anderen Verirrten in einem Pizzaladen. Falsch machen kann man nichts. Überall trifft zumindest eine Persönlichkeit, eine Geschichte, ein Liedtext, eine Melodie, das Lächeln eines Sitznachbarn einen Nerv. Der Fokus eines Songwriterfestivals liegt natürlich auf dem Zuhören, der Empathie, dem Mitfühlen, dem Erinnern und Weiterspinnen. Abtanzen, Dröhnung und Party sucht man hier vergebens. Das hat auch Nachteile. Füllt der Künstler mit seiner Präsenz nicht den Raum, fallen sein Energielevel, seine Gitarrenkünsten und das Qualitätsniveau seiner Texte und Ansagen ab gegen die Konkurrenz, wird es auch schon mal langweilig.

Das kommt aber kaum vor. Denn für den Fan US-amerikanischer Songwriter liest sich das Line-up des Jubiläumsjahres wie eine Bibel. Von Jason Isbell über Rosanne Cash bis Steve Earle reicht die Liste der linken Ikonen. Von Ryan Culwell über Hayes Carll bis Bob Schneider werden die Texaner bedient. Indie-Lieblinge von Aaron Lee Tasjan über Gregory Alan Isakov bis Courtney Marie Andrews geben modernistische Würze. Dazu kommen gut abgehangene Oldies von den Rascals (Groovin…), ein paar lokale Heroen aus Westflorida und dem nahen Georgia sowie viel Unbekanntes.

Gruppen gibt es nur wenige, in der Regel ist der Name des Songwriters hier die Marke, hinter einem Bandnamen versteckt sich kaum jemand, von The War and Treaty, Drivin N Cryin und paar Ausnahmen mal abgesehen. Zu diesem Konzept gehört, dass auch Mitglieder bekannter Bands hier unter ihrem eigenen Namen auftreten. Aber jeder weiß natürlich, dass Robyn Hitchcock in den 70ern bei den Soft Boys war, Jeff Hanna von der Nitty Gritty Dirt Band und John Driskell Hopkins von der Zac Brown Band sind und dass Peter Holsapple zu den db’s gehört und irgendwie was mit R.E.M. zu tun hat. Um das Phänomen im Künstleralphabet nur mal am Buchstaben H festzumachen.

Rund 200 Künstler sind insgesamt vor Ort und spielen weit mehr Konzerte. Abends hat man zu jeder Stunde die Qual der Wahl zwischen gut zwanzig Konzerten. Man studiert also erst mal pflichtgetreu das ausführliche Programm, checkt auf Google Maps die Entfernungen und macht sich einen ausgefeilten Plan auf der praktischen App. Was soll man nur anschauen?

Die Künstlerbios liefern Argumente. Die Markenstrategen preisen auf jeweils zehn Zeilen ihre Ware an. Weniger überzeugend für mich ist, dass eine Heather Maloney die Tochter eines Zimmermanns und einer Psychotherapeutin ist. Ein Korby Lenker wurde mal von Apple-Mitgründer Steve Wozniak gelobt, immerhin. Eine Carly Burrus liebt Jesus, eine Kristy Lee leidet unter Multipler Sklerose und eine Amy McCarley hat für die Musik ihre Karriere bei der Nasa aufgegeben, ob das jeweils für eine gute Show reicht? Die von Chris Alvarado selbst gebauten Gitarren wurden in das „Nach Perfektion streben“-Jahrbuch von Rolls Royce aufgenommen. Bei einer Nicole Chillemi kam während eines Konzerts in einem Ritz-Carlton mal Robert Goulet auf die Bühne und sie hat ihn nicht erkannt, das fand ich spannend. Jerry Joseph war mal mit den eigentlich großartigen Widespread Panic, zuletzt aber nur als Musiklehrer in Kabul unterwegs. Dass ein Wyatt Durrette zwölf Nummer-Eins-Hits geschrieben und acht Grammys gewonnen hat, beeindruckt mich schon mehr.

Angelhaken, Angelruten und Sänger

Nicht einfacher fällt die Wahl zwischen den bekannteren Namen. Shawn Mullins oder Darrell Scott? John Fullbright oder Matthew Sweet? Alte Meister oder hippe Neustars, traurige Geschichten oder unfassbare Gitarrenläufe? Im Lauf der Tage bekommt man sie alle.

Denn irgendwann merkt man, dass die 25mph Geschwindigkeitsbegrenzung, der Jetlag und eine generelle Übersättigung an „Hooks, Lines & Singers“, so das offizielle Motto des Festivals, die präzise Abarbeitung jedes je gefassten Plans ohnehin vereiteln. Und so fällt beim fünften dünnen Bier der deutsche Perfektionismus plötzlich ab und man lässt sich treiben, geht einfach zu Fuß in die Kneipe nebenan und ist erschüttert, wie genial gut die Songs von Gretchen Peters sind und warum man sie vorher nicht auf dem Schirm hatte.

Tatsächlich geschafft haben wir an den vier Tagen und in dieser Reihenfolge: Goodnight Texas, Dan Bern, Vanessa Peters, Bob Schneider, Patty Griffin, Gretchen Peters, Matraca Berg, Ellis Paul, Kim Richey, Rosanne Cash, Jason Isbell, Paul Burch, Brandi Carlile, Carlene Carter, Cory Chisel, Adriel Denae, Alex Guthrie, Courtney Marie Andrews und Dan Rodriguez. Sie bescherten uns großartige Konzertmomente.

Dan Bern bewies mal wieder, wie gut Bob Dylan sein könnte, wenn der auch noch Humor hätte. Er hat mit Tiger Woods einen ohnehin schon allerlustigsten Song geschrieben, den natürlich jeder immer hören will, aber dass er das noch toppen würde, indem er stattdessen einen neuen, noch sehr viel allerallerlustigeren Song über Tiger Woods bringt, das gab die Lachsalve des Festivals. Vanessa Peters ist die texanische Antithese im Jeansanzug zum jüdischen Altherren. Seinem Testosteron setzt sie Stichworte wie Yoga, Meditation und Depression entgegen. Das neue Album ist hervorragend produziert und steht ihr weit besser als das kindische Gehabe auf der winzigen Open Air Bühne im Backyard Of Love. Dort spielt am nächsten Morgen auch Paul Burch, dessen intelligente Old Timey Nummern den hartgesottenen Mantel- und Mützenträgern unter den Heizpilzen gut gefallen. Auch wenn der Blick immer abgelenkt ist, denn ein Maler verewigt jeden Auftritt hier in einem farbensatten Bild. Passt, schließlich gehen alle Erlöse des Festivals an die Cultural Arts Alliance of Walton County.

Bob Schneider betont zum Amüsement des Publikums mehrfach, bereits über 2.000 großartige Songs geschrieben zu haben. Einer davon, der Titeltrack seines aktuellen Albums Blood and Bones hält auch live das Versprechen des Meisterwerks, das er schon beim Spotify-Streaming gab. Großer Applaus. Doch eben beendete er seine Coverversion von Daniel Johnston’s Kultsong King Kong, und es herrscht Stille im Raum. Denn alle lieben. Jeder und jede einzelne ist soeben von einem einzigen Wunsch beseelt: Aus uneingeschränkter Liebe das Leben der blonden Frau zu retten. Wir alle sind soeben in King Kong verwandelt worden. Schneider ist einer der modernsten Performer des oft traditionellen Genres. Nicht nur, weil er elektronische Elemente in seine Texas-Musik einbaut und seine Texte dem Hip Hop und Poetry Slam näher stehen als der altschottischen Mörderballade. Er verkörpert heute die Speerspitze dessen, was in Austin längst als New Sincerity bekannt ist, während die Kulturphilosophen noch streiten, ob Post-Postmoderne oder Metamoderne der bessere Begriff wäre. Sich mit der Konzertbegleitung wissend zuzuzwinkern, weil man den Interpreten Schneider durchschaut, als dieser in die Rolle des psychisch kranken Johnston schlüpft, der wiederum sich mit einer Kunstfigur aus einem Horrorfilm identifiziert, das wäre so richtig postmodern gewesen. Doch in der Hand Schneiders verschwindet das komplizierte Geflecht ironischer Narrative komplett hinter einer simplen Emotion, die einen Raum mit 150 Fremden erfüllt. Wenn es je echte Liebe gab, dann in dieser Minute. Jeder von uns würde jetzt ohne zu zögern sein Leben für die blonde Frau geben. Das war sie, die neue Ernsthaftigkeit. Und die sensationellste Coverversion des Festivals.

Festivalauftritt von Jason Isbell, Foto: Martin Wimmer

Gesellschaftskritisch: Festivalauftritt von Jason Isbell Foto: Martin Wimmer

Jason Isbell hat sich für die kleine Lösung entschieden. Mit Amanda Shires an der Violine und einem Begleitgitarristen verzichtet er auf die laute Rockshow und spielt akustifizierte Versionen aus dem beeindruckenden Oevre des derzeit erfolgreichsten Americana-Künstlers, gleich zweimal hintereinander mit Grammys je für das beste Album und den besten Song des Jahres ausgezeichnet. Die messerscharfe gesellschaftskritische Analyse, für die Kritiker und Fans ihn so respektieren, bleibt den Songs vorbehalten, in den Ansagen hält er sich mit politischer Botschaft zurück. 2019 wird ein weiteres Erfolgsjahr für Isbell, das von ihm geschriebene Maybe It‘s Time ist weltweit mit dem Soundtrack von „A Star is Born“ in den Kino- und Albumcharts ganz oben. Kurz vor dem Sturzregen, der exakt mit dem letzten Song seines Sets einsetzt, markiert es auf vielen Ebenen – ästhetisch, kommerziell, persönlich – den Höhepunkt eines brillanten Konzerts eines Songwriters auf dem absoluten Zenith seines Schaffens.

Dann ist erst mal Tornado-Warnung. Im Fernsehen läuft zur Entspannung „America‘s Got Talent“ mit Heidi Klum in der Jury. Alles wie daheim. Plötzlich tut es alle zehn Minuten einen Piep, und eine Computerstimme kündigt das Weltende an. Springfluten werden am Strand erwartet. Bäume sollen entwurzelt werden. Dächer drohen durch die Luft zu fliegen. Ganze Landstriche werden wohl vom nordamerikanischen Kontinent abbrechen und an Mexiko andocken. Heidi scheint von all dem Westflorida drohenden Unheil nichts zu wissen. Wir merken auch nichts, nur eine Handvoll verirrte Regentropfen plätschert lau gegen die Veranda, und wir nutzen die Zeit, eine Playlist mit knapp fünfzig Songs von Künstlern des Festivals anzulegen.

Ein halbes Dutzend guter Künstlerinnen

Brandi Carlile spielt am nächsten Nachmittag schon wieder auf trockenem Boden, wenn auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. Daunendecken, Pudelmützen und dicke Decken prägen das Bild. Sie ist dieses Jahr für unfassbare sechs Grammys nominiert (gewinnen wird sie im Februar dann drei). Die offen lesbische Künstlerin ist ein Publikumsliebling. Als sie von ihrer Frau erzählt, jubelt es aus Fankurven wie im Stadion. Gut gelaunt holt sie ihr großes Vorbild Kim Richey auf die Bühne und gemeinsam zelebrieren sie deren altes Selbstbewusstseinsmanifest A Place Called Home, einer der großen, berührenden Momente dieses Festivals.

Carlene Carter wirkt gegen eine moderne Powerfrau wie Carlile wie eine aus der Zeit gefallene Hausfrau aus den 70ern. Sie erzählt anrüchige Geschichten von ihren Ex-Ehemännern wie Nick Lowe, von ihrem angeheirateten Papa Johnny Cash und ihrer Oma Mother Maybelle Carter, und ihre Klamotten, Frisur, Lieder und Fans stammen erkennbar aus einer anderen Epoche. Dennoch punktet sie mit ausgelassener Stimmung und einer bezaubernden Version des Carter-Familienklassikers Will The Circle Be Unbroken, zu der sie sich stilecht auf einer Autoharp begleitet. Alle singen mit. Ein weiterer sehr schöner Moment fürs Erinnerungsalbum.

Festivalauftritt von Patty Griffin, Foto: Martin Wimmer

Es groovt: Patty Griffin beim „30A Songwriters Festival“ Foto: Martin Wimmer

Carlenes Halbschwester Rosanne Cash blieb diesmal dagegen erstaunlich kantenlos, da sprang kein Funke über. Ganz anders Patty Griffin. Enggedrängt pressen sich die Zuhörer in den kleinen Saal im ersten Stock eines Restaurants, der sonst für Hochzeiten gemietet werden kann. Mit großer Geste und feiner Band füllt sie den Raum, es gospelt und groovt, es piaft sogar, und auch ihr früherer langjähriger Lebenspartner Robert Plant hat Spuren hinterlassen. Griffins Folk ist jedenfalls den bluesigen Balladen von Led Zeppelin näher als dem Country der Dixie Chicks, denen sie dank der Coverversionen ihrer Songs ihr Einkommen verdankt.

Gretchen Peters, Kim Richey und Matraca Berg spielen jede für sich in ihrer ganz eigenen Liga mit einer langen Liste von Erfolgssongs, die sie für andere geschrieben haben einerseits und blendenden eigenen Produktionen andererseits. In einem luftigen Zelt am Strand mit Blick auf das Meer spielen sie sich routiniert die Bälle zu, man kennt sich, begleitet sich, und akzeptiert, dass mit Ellis Paul ein Bär von einem Mann mit auf der Bühne sitzt. Die Regeln sind einfach: Jeder spielt einen Song, wenn alle durch sind, geht es von vorn los. Drei Runden schaffen sie. Wer die Folkszene kennt, weiß, welch hochkarätige Besetzung da ein Quartett bildete. Ellis Paul schließt den Kreis mit seinem Klassiker Kick Out The Lights, Johnny Cash. Der Harmoniegesang wird weit aufs Meer hinausgetragen. Irgendwo da drüben ist Havanna. Irgendwo da oben ist der Himmel.

Cory Chisel und seine Partnerin Adriel Denae machen es sich gemütlich. Adriel hat einen Fuß auf ihren Stuhl hochgelegt und behält aufmerksam ihr Kind im Auge, das neben der improvisierten Minibühne des Sushiladens auf einem Laptop mit überdimensionierten Kopfhörern ungerührt einen Film schaut. Cory quatscht ungezwungen mit der Handvoll Gäste, allesamt deutlich jünger und alternativer als der Durchschnitts-30A-er. Alle Fashionistas, die es im Umkreis von 100 Meilen gibt, sind jetzt hier, beide sehen toll aus. Cory und Adriel treiben ihnen mit ihrem wunderschönen Song Never Meant To Love You Tränen unter die Dreadlocks und hinter die transparenten Acetat-Brillen. Dann spielt er noch eine beseelte Version von Tom Waits‘ Rosie und erklärt, wer neben Waits seine Vorbilder sind: Guy Clark und Townes Van Zandt. Die Fashionistas schauen ratlos, wir jubeln, es steht 2:2.

Vielleicht hat er auch beim Herflug im Entertainment-Programm von American Airlines wie wir „Blaze“ von Ethan Hawke gesehen, der Townes und Blaze Foley ein sehenswertes Denkmal setzt. Townes wird darin von Charlie Sexton gespielt, dessen Bruder Will Sexton mit Ehefrau Amy LaVere einen Tag später neben uns vom Parkplatz zu der idyllisch an einer Lagune gelegenen Frühschoppen-Bühne marschiert. Er ein Hüne mit wilden Locken, sie eine elegante Diva im roten Mantel, abwechselnd halten sie mit spitzen Fingern die Leine eines winzigen Hündchens, zu dritt das laufende Titelfoto eines Hollywood-Magazins. Schade, dass wir ihr Konzert nicht mehr schaffen. Courtney Marie Andrews überzeugt uns vorher aber noch mit der Aggressivität der Songs ihres neuen herausragenden Albums May Your Kindness Remain. Der jazzige Easy Listening von Alex Guthrie verblasst da doch arg. Dan Rodriguez dagegen kann mithalten und behält das Bloody-Mary-selige Publikum mit seiner packenden Dynamik voll im Griff.

Vorbei. Wir fahren noch einmal die 30A entlang, die vier Tage unsere Heimat war, spüren dem Leben auf der Straße nach, von dem sie alle berichten in ihren Liedern, die modernen Zigeuner. Wir biegen auf den Highway ab, und weil ich 1mph langsamer fahre als erlaubt, überholen mich vom Tempomat ferngesteuerte Pickups, und da sind sie plötzlich wieder, Gesichter und Hautfarben, die an die Ureinwohner dieses Landes erinnern, an die Südamerikaner jenseits der Grenze zu Mexiko, an die Sklaven aus Afrika, an die Einwanderer aus Asien, Klempner, Bauarbeiter, Automechaniker, Putztrupps. Fette Kinder mit überdimensionierten Fastfoodtüten. Ein totes Reh am Straßenrand. Zerfetzte LKW-Reifen. Vom letzten Hurrikan zerstörte Motels. Vor der Stadtgrenze wild wuchernde Trailer-Siedlungen. For-Sale-Schilder an sumpfigen Brachen hinter aufgelassenen Tankstellen, die keiner mehr kaufen wird. Wir sind wieder in der USA.

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erstellt am 19.8.2019

Foto: Martin Wimmer
Foto: Martin Wimmer
Weitere Informationen zum Festival

30asongwritersfestival.com