Michelangelo Antonionis Film „L‘eclisse“ erhielt 1962 in Cannes den Sonderpreis der Jury. In Deutschland ist der Film mit Monica Vitti und Alain Delon unter dem Titel „Liebe 1962“ bekannt. Jetzt ist er neu auf DVD und Blu-ray erschienen. Ein Muss, findet Thomas Rothschild.

Film

Eine Welt, die unter die Haut geht

Kann man sich einen Literaturkritiker vorstellen, der niemals etwas von Peter Weiss, Uwe Johnson oder Jorge Luis Borges gelesen hat? Ist ein Musikkritiker denkbar, der nie etwas von John Cage gehört hat? Wie viele von den jungen Filmkritikern kennen dem gegenüber die Filme von Michelangelo Antonioni? Die Geschichtsvergessenheit der gegenwärtigen Filmkritik ist ein deprimierendes Faktum, und man darf sich angesichts dieser Tatsache nicht über die Maßstabslosigkeit wundern, mit der über Film geschrieben und geurteilt wird.

Kann man wohl noch nachvollziehen, mit welcher Spannung jeder neue Film von Michelangelo Antonioni – in der Regel uraufgeführt auf einem der damals noch höchst anspruchsvollen Festivals in Cannes oder Venedig, wohin zu reisen sich für jeden Cinéphilen lohnte – erwartet wurde? 1962 lief „L‘eclisse“, der in Westdeutschland den idiotischen Titel „Liebe 1962“ und in der DDR zehn Jahre später „Sonnenfinsternis“ verpasst bekam, auf der Croisette und bekam den Sonderpreis der Jury. Vorausgegangen waren die Filme „L‘avventura“ und „La notte“, die den Ruf des 1912 geborenen Italieners als einer der größten Regisseure der Filmgeschichte festigten.

Mit diesen Filmen hat „L‘eclisse“ nicht nur die wunderbare Monica Vitti – in „La notte“ neben der damals schon viel berühmteren Jeanne Moreau – als Hauptdarstellerin gemeinsam, sondern vor allem jene stilistischen Merkmale, die Antonionis Werk auszeichnen: die Langsamkeit der Bewegungen und des Handlungsverlaufs, die ausgedehnten Pausen, die Subtilität der sparsamen Dialoge, die Eigendynamik von Gängen, die melancholische bis pessimistische Stimmung, die elaborierten Schlüsse. Breiten Raum nehmen im Kontrast dazu die Szenen auf der Börse ein, die Antonioni mit den Mitteln des Dokumentarfilms einfängt.

Die Dialoge sagen nichts von Bedeutung. Oft bleiben sie Fragment. Es sind die Bilder, die von der Leere in den Menschen sprechen, ihren inneren Zustand veräußerlichen. Lieblosigkeit 1962.

Heute bevorzugt man das Präfix „Post“. Antonionis Filme aus den sechziger Jahren sind „Prä“: Prä-68er. Sie zeigen eine Welt, auf die die Studenten- und Protestbewegung in Europa reagiert, gegen die sie rebelliert hat. Sie geht heute immer noch, wieder unter die Haut, weil '68 revidiert wurde und wir zurückgekehrt sind in die bürgerliche Malaise der Nachkriegszeit.

Studiocanal/Arthaus hat den Film, ohne dessen Kenntnis jeder Filmkritiker Schreibverbot bekommen sollte, als DVD und Blu-ray neu herausgebracht.

Filmtrailer „L‘eclisse“

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erstellt am 15.8.2019

L‘eclisse / Liebe 1962
Regie: Michelangelo Antonioni
Darsteller: Alain Delon, Monica Vitti et al.
1962
Studiocanal Arthaus, 2019

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