Tuschicks Kolumne

Der Krieg ist weit weg

Kalifornien im April 1941: Ein Mann betrinkt sich auf einer Party in den Hollywood Hills, bevor er einen Lebensabschnitt beendet. Auch davon erzählt Christopher Isherwood in dem Roman „Die Welt am Abend“, den Jamal Tuschick gelesen hat.

Ursprünglich stammen die Monks aus der ostenglischen Grafschaft Suffolk. Ein Familienast verzweigte sich nach Pennsylvania und blühte in der Gegend von Dolgelly unter Nachfahren walisischer Einwanderer auf. So erzählt es Christopher Isherwood in dem Roman „Die Welt am Abend“. Dolgelly ist zwar in Pennsylvania ein fiktiver Bezirk, doch verweist der Name auf eine Region in Wales, die im 17. Jahrhundert zum Schauplatz eines eschatologischen Erweckungsaktivismus wurde. Die „Stillen Freunde“, ganz korrekt „Mitglieder der Religiösen Gesellschaft der Freunde“, Isherwood verwendet die offizielle Bezeichnung mehrmals, allgemein bekannt als Quäker, suchten und fanden Religionsfreiheit in Amerika. Mit ihren Eigenarten kolorieren sie das Milieu, in dem Stephen Monk zur Welt kam. Dahin flüchtet der „kalte und langweilige, sich (schnell) langweilende“ Playboy-Intellektuelle nach einer Trennung. Fortan schläft er im Bett seiner Geburt. Es steht in einem Haus, das sich in der Vereinigung zweier Häuser verschiedener Epochen ergab. Während eines der Bescheidenheit seines Erbauers ein Denkmal gibt, erhält das andere die Erinnerung an eine großspurigere Persönlichkeit. Für Stephens erste Frau und große Liebe, die im Handlungsjetzt verstorbene Schriftstellerin Elizabeth Rydal, entsprach das Haus ihrer „Vorstellung vom Himmel“. Ihr war es „ein Ort, der seine Beschreibung selbst übernimmt“. 

Ich habe gerade viel Erzählheu wie mit dem kosmischen Rechen zusammengezogen. In der Kompression wird ein großer Aufriss kleingepresst. Isherwood identifiziert Architektur mit Eigenschaften. Hier das von Tante Sarahs gutem Geist belebte, quäkerisch-treuherzig beseelte Geburtshaus des Helden – und da, weit weg in einer kalifornischen Partyhölle, dem Ausgangspunkt der Flucht, Talmi und Zinnober.

Das Haus „sah so aus, als wäre es mitsamt der Einrichtung von einem Geschäft angeliefert worden; und man konnte sich vorstellen, dass, falls keine Zahlungen erfolgten, ein paar Männer kommen und das ganze Haus auf einem Lastwagen dorthin zurückverfrachten würden, zusammen mit Mrs Novotny, den drei Kindern, den beiden Autos und dem Cockerspaniel. Die meisten Häuser, in denen Jane und ich zu Besuch waren, sahen so aus.“

Isherwood packt nicht nur Stephens Ekel vor den Hollywoodhyänen in die Beschreibung einer reinen Oberfläche „inklusive frühamerikanischem Ahorn, nautischem Messing“, Nachbauten von Duellpistolen als Hausbardekor, und „Brüsseler Spitze“ am Hals von Jane Monk. Der Krieg ist im April 1941 weit weg in der Wahrnehmung von Schauspieler*innen, Regisseuren, Drehbuchschreibern und Ehefrauen der zweiten Hollywood-Liga. Jeden Abend kommt die Beta-Riege in einem anderen Haus „im Ranchstil“ zusammen und laust sich. Rituell ergibt man sich Klatsch & Rausch. Rommel spielt eine Rolle. Die Rezensionen der Kämpfe in Afrika lassen an Goethe denken:

„Nichts Besseres weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen/ Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,/ wenn hinten weit in der Türkei/ die Völker aufeinander schlagen./ Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus./ Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten“.

Die Leute haben auch Angst, aber nur um ihre Arbeitsplätze. Selbst die McCarthy-Ära, in der die liberalen Lämmer der Filmindustrie auf dem Altar des Antikommunismus verbluteten, liegt in der Ferne. Amerika wiegt sich in der Sicherheit eines faulen Friedens, Pearl Harbor steht in den Sternen. „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“ sagt Brechts Galilei. Stephens erste Frau Elizabeth war eine seelisch bedeutende Person. Mit dem Roman „Die Welt am Abend“ zog sie Hochachtung auf sich. Jane ist so nicht. Sie betrügt ihren Mann mit einem Schauspieler. Stephen ertappt das Paar, triumphiert mit Sicherheitsabstand (ob der nach vierjährigem Nachsteigens gelungenen Überführung) und gibt sogleich Fersengeld. Er beeilt sich, bei Tante Sarah unterzuschlüpfen; im Gepäck wenig mehr als Elizabeths Briefe.  

Allerdings ist Stephen nicht der einzige Flüchtling.

Gerda Mannheim hat sich vor den Nazis nach Tawelfan gerettet. So heißt der konkrete Ort dieser Begegnung. Angeblich heißt Tawelfan auf Walisisch „der stille Ort“. Wieder kommt Isherwood auf Ausprägungen des gebietsbeherrschenden Quäkertums zu sprechen. Er schildert „die Freunde“ in ihren Gewohnheiten und baut so fast selbstdenunziatorisch eine heile Gegenwelt auf. In jeder Rekonvaleszenz, so Stephen, schätzt der Genesende das gute Brot der Quäker mehr als eine raffinierte Küche.

Ich baue das so aus, weil es mich überrascht, wie konventionell Isherwood sein Tableau hochzieht. Mannheim ist in der Einrichtung für die Horrornachrichten zuständig. Man erkennt leicht, dass Isherwood kein Publikum vor Augen hatte, dass den Faschismus persönlich zu nehmen sich veranlasst sah.

Die Monks sind keine Quäker. Trotzdem beteiligt sich Tante Sarah am Gemeindeleben. Sie zieht Gerda in den Zeugenstand für ihre Familienkauzigkeit. Stephen ist so naiv, dass er den fremden Gast fragt, ob er Quäkerin sei.

Gerda trommelt ihre religiöse Ungebundenheit, doch Stephen hat keinen Sinn für solche Nuancen und furchtbaren historischen Pointen. Seine Gedanken sind bei Jane, der anspruchsvoll Verworfenen – und bei Elizabeth, der Edlen, die Stephen telepathisch kontaktiert. Schließlich beschließt er Elizabeths Briefe an die Welt herauszugeben. Die Korrespondenz führt nach Europa, „ein Berliner Mädchen namens Trude … vervollständigte meine Initiation … indem sie mich mit Gonorrhoe infizierte. „Cabaret“ lässt grüßen.

Man reiste:
„Wir haben uns ein oder zwei Tage in Paris aufgehalten, in Brüssel herumgeschnüffelt, Nürnberg eingeatmet und an München gerochen.“

Stephen erinnert sich an die beste Zeit seines Lebens. In deren Gegenwart erhört ihn Elizabeth. Die turmhoch Überlegene dreht sich vor Skrupel im Kreis. Einerseits will sie auch „die Spinner“ unter ihren Bewunderern zufriedenstellen, andererseits kommt ihr das so vor, „als würde man vor einem Waisenhaus Weihnachtsmann spielen. Es wird erwartet, dass man schamlos leutselig ist.“

Mit gelerntem Humor überspielt sie ihre Angst. Das unzuverlässige Herz taucht in einem Text als „Dorfpumpe“ auf. Kaum ist es mit Elizabeth weit genug bergab gegangen, kreuzt Jane (an einem Strand) auf. Sie ist eine jener „unsensiblen, unüberlegten und zupackenden Amerikanerinnen“, die für die mitunter „giftsprühende Invalide“ zu Hassobjekten geworden sind. Eine schreckliche Konjunktion kündigt sich an. Stephen versagt als Knappe einer Sterbenden.  

Christopher Isherwood, Die Welt am Abend, Roman, aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser, Hoffmann und Campe, 378 Seiten

Buch bestellen

Siehe weiter:

Tuschicks Kolumne

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.8.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.