Der Verdacht, dass alles mit allem zusammenhängt, entsteht nicht nur in Träumen. Detlef zum Winkel trifft im alpinen Voreppe einen Mann, der in St. Germain aufgewachsen ist und als Kind vor einem Haus gespielt hat, das Paul Klee 1914 malte. Dieses St. Germain heißt jetzt Ezzahra und liegt im Süden von Tunis. Kunst und Kriege setzen sich unversehens in Beziehung.

Reportage

Paul Klee hatte keine Ahnung

Es ist ein später Nachmittag und ziemlich heiß, sogar am Fuß des Hochgebirges. Man hat das Gefühl, ständig Wasser trinken zu müssen. Eine kleine Gruppe räumt die Wohnung eines Verstorbenen, der für sie Bruder, Schwager und Onkel gewesen ist. Seine Freundinnen und Freunde kommen ein letztes Mal hierher, um mit den Angehörigen zu reden und um ein Buch, eine Fotografie oder eine CD als Andenken mitzunehmen.

Die Wohnung liegt im Viertel Bourg-vieux von Voreppe, etwa eine halbe Stunde von Grenoble entfernt; dort verlässt die Isère in einer schmalen Passage zwischen den Zweitausendern Chartreuse und Vercors die Alpen. Es ist eine beeindruckende Gebirgskulisse und Schauplatz der Schlacht von Voreppe am 22. Juni 1940, in der es den französischen Alpentruppen gelang, ein deutsches Panzerkorps auf dem Weg nach Grenoble und Chambéry zurückzuschlagen.

Bourg-vieux ist eine kleine Banlieue aus ungefähr zehn großen Wohnblöcken für schätzungsweise 1000 Menschen. Banlieue? Oje, wird der eine oder die andere vielleicht meinen und dabei an die Vororte von Paris, Marseille oder Lyon denken. Dort ist allerdings die gleiche Anzahl von Bewohnern oft in einem einzigen Betonquader untergebracht. So ist es hier nicht. Unmittelbar hinter dem Quartier geht es in die Chartreuse hinauf, davor liegen Sportanlagen und ein schattiger Park. Zwischen den Häusern gibt es immerhin etwas Platz und etwas Grün. Aus jedem Fenster nahezu jeder Wohnung blickt man auf Wälder, Felsen, Schneisen, Gipfel.

Freilich, auf Mutterlandsfranzosen echt gallischen Geblüts trifft man in Bourg-vieux eher selten. Die hier wohnen, sind zwar auch Franzosen, haben ihren Ursprung aber in den ehemaligen Kolonien des Landes. Entsprechend vielfältig präsentiert sich das Viertel, in dem auch die Moschee von Voreppe angesiedelt ist. Sie ist ziemlich klein, macht einen ärmlichen Eindruck und öffnet anscheinend nur freitags.

Als sich die meisten schon verabschiedet haben, kommt ein Bewohner des Hochhauses, der sich als Mitglied des Mieterrats vorstellt und nützliche Ratschläge für die Übergabe der Wohnung an die Gesellschaft erteilen kann. Natürlich kannte er den Verstorbenen, sogar sehr gut, wie er versichert. Also soll er sich auch etwas von den Sachen aussuchen. Er wählt einen großen blauen Theaterkoffer, dem man ansieht, in wie vielen Städten und auf wie vielen Straßen er schon im Einsatz war. Sein Besitzer war neben vielem Anderen begeisterter Straßentheater-Aktivist.

Der Mann, der die Mieter über ihre Rechte aufklärt, verlässt uns bewegt und kehrt nach einer Viertelstunde mit Kaffee und Wasser zurück. Wir genießen seine Getränke und kommen ins Gespräch. Er erzählt, dass er als junger Mann in Köln gearbeitet und sich in Heidelberg verliebt hat. Vorher hat er in Paris an einer Sportschule studiert und aufgewachsen ist er in Ezzahra bei Tunis.

Ezzahra, auch az-Zahra geschrieben, kennen wir nicht. Das sollten wir aber, findet er, und seine Rede nimmt Fahrt auf. Der Ort hieß nämlich früher St. Germain, und er hielt auch, was sein Name versprach. Er erklärt uns, dass das St. Germain von Tunis Schauplatz eines Schlüsselereignisses der Kunstgeschichte war, genau wie das St. Germain von Paris. Kenner werden wissen, worum es dabei geht, aber wir wussten es nicht. Wir erhielten Nachhilfeunterricht über moderne Kunst in einem sozialen Problemviertel.

Erweckungserlebnis in Tunis

Im April 1914 reisten die Freunde und Malerkollegen Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet, alle um die 30 Jahre alt, auf Einladung des Schweizer Ärzte-Ehepaars Jaeggi, das in St. Germain lebte, nach Tunesien (1) . Sie blieben nur zwölf Tage, in denen sie auch Sidi Bou Saïd, Hammamet und Kairouan besuchten. Die Künstler waren begeistert und stürzten sich in einen Schaffensrausch. Besonders Paul Klee hatte ein Erweckungserlebnis, das er in einem später veröffentlichten Tagebuch der Tunis-Reise beschreibt. Gleich zu Beginn notiert er: „Die Sonne von einer finsteren Kraft. Die farbige Klarheit am Lande verheißungsvoll. Der Macke spürt das auch. Wir spüren, dass wir hier gut arbeiten werden.” (2) Später folgt ein Absatz, der eines der bekanntesten Zitate von Klee enthält: „Die Farbe hat mich. Ich brauche nicht nach ihr zu haschen. Sie hat mich für immer, ich weiss das. Das ist der glücklichen Stunde Sinn: ich und die Farbe sind eins. Ich bin Maler.” (3)

Ohne auf die vielfältigen kunsthistorischen Reflexionen einzugehen, ob die Tunis-Reise wirklich die Geburtsstunde der abstrakten Malerei gewesen ist, kann man festhalten, dass die drei Männer einen radikalen Bruch mit dem bis dahin üblichen Orientalismus vollzogen haben, der von den Klischees säbelschwingender Kamelreiter, üppiger Haremsfrauen und anderer Geschichten aus Tausend und einer Nacht geprägt war, das heißt von europäischen Phantasien. Sie haben ihre Reise in seltener Offenheit angetreten und das Neue, das sie erlebten, nicht als etwas Fremdes begriffen, sondern als Hilfe bei der Entschlüsselung der Welt, die sie als Maler sahen. Die Bilder, die bei dieser Begegnung entstanden sind, lassen sich im Internet leicht finden und betrachten – ein unglaublicher Reichtum, der von den Nazis als “entartete Kunst” gebrandmarkt wurde. Gehören sie denn heute zur heimatlichen Leitkultur?

Das Haus in St. Germain…, fährt der Mieterobmann von Bourg-vieux fort, kennen Sie das Bild? Es ist das Haus meiner Familie. Dort habe ich als Kind gelebt. Vor der Mauer, die Paul Klee gemalt hat, habe ich gespielt.

Da kann man schon mal den Atem anhalten. Aber er hält sich nicht damit auf. Viele schwedische und deutsche Touristen kämen zum Baden nach Ezzahra, ohne einen blassen Schimmer von der Bedeutung des Orts zu haben. Das Haus der Jaeggis werde schon lange nicht mehr bewohnt und sei verriegelt, obwohl es sich für ein kleines Museum eignen würde. Ein Rechtsanwalt bemühe sich vergeblich um Finanzquellen. Ein Park in der Nachbarschaft sei verkümmert und mache einen mitleiderregenden Eindruck. Schade, schade, schade. –

Ein spontaner Kommentar kommt wie von allein: Wie schön, dass es dieses andere St. Germain gegeben hat, und dass sich die Künstler damals in Tunesien so frei entfalten konnten! Heute müssten sie um ihr Leben fürchten. Stellen Sie sich vor, jemand hätte Paul Klee vor hundert Jahren vor Attentaten gewarnt. Er hätte wahrscheinlich verständnislos den Kopf geschüttelt. – Unser Besucher geht nicht darauf ein. Sein Blick scheint zu sagen: ich verstehe, was du meinst, aber was willst du eigentlich damit sagen?

War es eine Respektlosigkeit gegenüber der tunesischen Kultur, eine womöglich oberlehrerhafte und eurozentristische Bemerkung? Aber wie soll man über bildende Kunst in islamisch geprägten Ländern reden, ohne an die tödliche Zerstörungswut religiöser Fanatiker zu denken? In den letzten vier bis fünf Jahren wurde in deutschen Medien über ungefähr zwanzig dschihadistische Anschläge in Tunesien berichtet. Der Mann, der als Kind vor dem Haus spielte, das Paul Klee gemalt hat, weiß, dass es in Wirklichkeit eher zweihundert waren. Die Weigerung, höflich darüber hinwegzusehen, ist keine Beleidigung Tunesiens, sondern die Erinnerung daran, was ohne den Terror alles möglich wäre.

Paul Klee hat in Tunesien viele Anhänger. Im Internet finden sich Beiträge, die davon zeugen, wie er die moderne Kunst in dem Land beeinflusst hat und immer noch beeinflusst (4). Einige möchten ihn am liebsten eingemeinden. Filmemacher Naceur Khemir sieht ihn in beiden Kulturen, der arabischen und der europäischen. Klee habe die arabische Kultur verstanden und gehöre daher unbedingt zum Orient.

Auch zum Politikum ist der Künstler geworden. Nach dem Arabischen Frühling, der in Tunesien nicht zu einer Militärdiktatur wie in Ägypten oder zu einem Bürgerkrieg wie in Syrien geführt hat, rufen die liberal-demokratischen Kräfte gerne Klee als Zeugen für ihre Vorstellungen von einer kulturellen Modernisierung auf. So hat zum Beispiel Klees Faszination für Kelim-Motive vor einigen Jahren dazu beigetragen, das traditionelle Gewerbe handgeknüpfter Teppiche zu reaktivieren.

Paul Klee, Ansicht von Saint Germain, 1914, Columbus Museum of Art (Public domain)

Paul Klee, Ansicht von Saint Germain, 1914 Columbus Museum of Art (Public domain)

Selbstverständlich unterstützt das Goethe-Institut in Tunis solche Initiativen. Im November 2014 verkündete es freudig, dass es zum hundertsten Jahrestag der Künstlerreise erstmals eine Ausstellung von Originalwerken der drei Maler in der Hauptstadt geben werde (5). Sie wurde am 28. November 2014 im Bardo Museum eröffnet und dauerte bis zum 14. Februar 2015. Am 18. März 2015 griff eine Dschihadistengruppe neben dem tunesischen Parlament auch das Museum an und erschoss 21 ausländische Touristen sowie einen Polizisten. Ein Foto, das nach dem Anschlag im Bardo gemacht wurde, zeigt noch einen Schriftzug der eben zu Ende gegangenen Ausstellung auf einer weißen Wand: KLEE.

Das ist der zeitliche Ablauf. Ob ihm eine Logik der Kalaschnikows entspricht, ob die Dschihadisten also in der Ausstellung der Werke von Klee, Macke und Moilliet eine „Nische der Ungläubigen und des Lasters im muslimischen Tunesien” sahen, bleibt einstweilen eine Spekulation. Das Bardo Museum ist für seine Sammlung punischer, römischer und frühchristlicher Mosaiken berühmt. Neben dem Ägyptischen Museum in Kairo ist es das bedeutendste archäologische Museum Nordafrikas. Den Dschihadisten reicht das als Begründung. Der „Islamische Staat“ (IS) bekannte sich zu dem Anschlag. Doch die tunesischen Behörden ordnen die Täter als Anhänger von Al-Qaida ein.

Ein paar Tage später begeben wir uns auf die Suche nach dem Haus von Ezzahra auf den Bildern von Paul Klee. Im Netz stoßen wir auf die Ansicht von Kairouan, ein Beispiel für Klees Entdeckung der arabischen Stadtarchitektur, die ihn zum Konzept einer Bildarchitektur inspirierte. Der Künstler soll der Silhouette von Häusern und Moscheen dieser heiligen Stadt mit frevlerischer Freiheit einige Kuppeln hinzugefügt haben, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. Auch Macke und Moilliet vergingen sich an Kairouan. Weiter finden wir Rote und gelbe Häuser in Tunis, Das gelbe Haus (in Tunis?) und Das Haus zum blauen Stern. Der blaue Stern ist sechszackig, vielleicht eine Hommage an das jüdische Viertel von Tunis, auf jeden Fall ein klarer Beweis für Klees „Laster“ (IS) und „Entartung“ (NSDAP).

Dann gibt es noch die Vue de Saint-Germain, eine etwas entfernte Sicht auf eine Häusergruppe, hinter der sich am Horizont Berge erheben, freilich nicht so hoch wie in Voreppe. In der Bildmitte eine rötliche Hauswand, daneben ein sandfarbenes Haus, vor beiden Gebäuden ein bisschen Grün und eine Fläche mit viel Platz für spielende Kinder. Das muss es sein: das Haus der Familie des Mietervertreters von Bourg-vieux.

Paul Klee: Rote und gelbe Häuser in Tunis, 1914 Video: Zentrum Paul Klee, Bern

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erstellt am 13.8.2019

Paul Klee (1911) Foto: Alexander Eliasberg (Public domain)

Paul Klee (1911) Foto: Alexander Eliasberg (Public domain)