In ihrem Debüt „Die Entflohene“ erzählt die New Yorker Autorin Violaine Huisman die dramatische Geschichte ihrer emotional unberechenbaren Mutter, die in Frankreich der späten Sechziger selbstbestimmt ihren Weg einschlug. Gudrun Braunsperger hat die poetische Dokumentation einer wahren Geschichte gelesen.

Buchkritik

Maman bleibt Violaines Heldin

Violaine Huisman (Screenshot)
Violaine Huisman (Screenshot)

Der Mutter in Violaine Huismans autobiographischem Roman „Die Entflohene“ ist eine Romanfigur, wie man sie nicht besser erfinden könnte. Sie ist schillernd und exzentrisch, verrückt, unkonventionell, exzessiv, eine Frau aus kleinbürgerlichem Milieu, die ihren Weg in den späten sechziger Jahren auffallend selbstbestimmt eingeschlagen hat. Catherine ist mit Paul glücklich verheiratet, leitet mit großem Erfolg in Marseille eine Tanzschule, die sie selbst gegründet hat. Doch dann trifft sie Antoine, der später der Vater ihrer beiden Töchter wird. Sie lässt sich vom männlichen Chauvinismus dieses Mannes von Welt umgarnen, wird seine Geliebte und tappt in eine Falle, die ihr Blessuren zufügt. Der Aufstieg in die großbürgerliche Pariser Oberschicht bedeutet zwar gesellschaftliches Ansehen und Luxus, kann sie aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie im familiären Umfeld der zweiten Ehe anders als in ihrer ersten wieder dieselbe Lieblosigkeit und mangelnde Wertschätzung findet, die ihre Kindheit begleitet hat. Antoine liebt sie auf seine Weise, aber er hat eigene Blessuren zu verwalten, die Deportation seiner jüdischen Vorfahren. Antoine braucht andere Frauen, er liebt seinen Geltungsdrang und seine Vorstellung davon, welchen Platz eine Frau in seinem Leben einnehmen darf. Catherine ist eine starke Persönlichkeit mit beeinträchtigtem Selbstwertgefühl, ein unauflösbarer Widerspruch. Sie vermag ihre Rolle im Kosmos von Antoine nicht so recht zu finden. Der Ton, den die Tochter für den Bericht über ihre Eltern wählt, tastet sich an den elterlichen Exzessen entlang, sie schlüpft hinein in deren Empfindungen und lässt dabei die Bereitschaft zur überschwänglichen Hingabe an all das, was das Leben zu bieten hat, nicht außen vor, ebensowenig den Humor, mit dem sie die beiden betrachtet: den Vater, der Zitat: „genauso einen Knall“ hat wie die Mutter – und ihr ist klar: Die beiden haben, so wörtlich, „im immensen Schlamassel ihrer Liebe einen Riesenspaß“.

Aber „die Entflohene“ ist in der Erinnerung der Tochter auch „eine Königin auf der Flucht“. Sie flüchtet vor denen, die sie lieben: vor Pauls Liebe zu ihr ohne Wenn und Aber, vor Claudes bedingungsloser Hingabe und vor den Komplikationen, die das Ausleben ihrer Bisexualität mit sich bringt. Und sie flüchtet aus ihrer Ehe mit Antoine, die ihr Bedürfnis nach einem sicheren Hafen nicht erfüllt. Vor allem aber flüchtet sie vor sich selbst.

Catherine ist eine Mutter, die in ihren Emotionen völlig unberechenbar ist: eine Kerze, die an beiden Enden brennt. Eine Mutter, deren unversorgte seelische Wunden sie mehrmals in psychiatrische Kliniken gebracht hat, und deren Leiden durch die medizinische Diagnose manisch-depressiv doch unzulänglich beschrieben wird. Die Königin auf der Flucht wird gequält von Schmerzen, seelischen, aber auch körperlichen. Nach Meningitis im Kindesalter hat sie ein verkürztes Bein. Die Tänzerin korrigiert den Makel durch eine falsche Haltung, die ihr zunehmend unsägliche Schmerzen bereitet, zuletzt entwickelt sie eine Medikamentensucht.

„Sie litt entsetzliche Qualen, die wir nicht beurteilen konnten, keiner von uns, die wir für ihre Rettung verantwortlich waren“.

Diese Mutter ist ein Mensch, der das Übermaß an brodelnder Lebensenergie, das ihr zur Verfügung steht, ein ganzes Leben lang darauf verwenden muss, die Dämonen in sich niederzukämpfen, die ihren Lebensweg seit ihrer Zeugung begleiten. Am Ende verliert Catherine diesen Kampf. Sie gibt sich zwar geschlagen, tritt aber mit erhobenem Haupt ab, königlich. Catherine ist eine Mutter, der die Erfahrung von Liebe durch die eigene Mutter fehlt, aber sie vergräbt ihr Talent zum Lieben nicht, sondern wuchert mit ihm mit dem Mut der Verzweifelten. Und weil sie um ihr Liebesvermögen als Mutter so unerbittlich gerungen hat, weil es ihr gelungen ist, zu geben, was sie selbst vermisst hat, Liebe und unendliches Vertrauen zu ihren Kindern, bekommt sie mit diesem Buch ihre Liebe in vielfacher Münze zurückgezahlt. Zwar wird sie am Ende ihres Lebens von nahezu allen Weggefährten verlassen sein, weil es diesen an ihrer Seite irgendwann einmal zu heiß geworden ist, aber was bleibt, ist die überwältigende Zuneigung ihrer beiden Kinder. Darüber legt dieser Roman Zeugnis ab.

Die Liebe zur Mutter erfährt auf diesen Seiten eine Transformation. Die Tochter hat das künstlerische Vermächtnis der begabten Tänzerin und Choreografin mit poetischem Zugang zum Leben aufgegriffen und mit ihrem Talent zum Schreiben eine Würdigung für einen außerordentlichen Menschen komponiert, an deren Ende ein Gedicht steht, das zugleich einen Anfang und ein Ende markiert. „Maman, du hast mich doch so lieb, warum gingst du fort ohne ein Wort?“ heißt es in diesen kindlichen Versen, die die Autorin als Zehnjährige nach der Einweisung der Mutter in die Psychiatrie verfasst hat. Mit diesem Ereignis beginnt der Roman. Die Mutter integriert das Gedicht in ihre daraufhin entstandene Autobiografie und hält weitere zwei Jahrzehnte durch, für ihre Töchter, „ihre geliebten Schätze“, bis die Zeilen durch ihren Suizid aufs Neue aktuell werden.

Für die Annäherung an die komplexe Persönlichkeit der Mutter nimmt die Autorin mehrere Anläufe. Die dreiteilige Gliederung ist erzähltechnisch gesehen eine Meisterleistung. Sie bricht das chronologische Erzählen auf und folgt dabei einer stringenten emotionalen Logik, an deren Ende eine in Liebe bereinigte Mutter-Tochter-Beziehung steht. Im ersten Teil dominiert der von der Wucht dieser zerrissenen Persönlichkeit emotional überforderte Kinderblick. Hier ringt das kindliche Ich der Erzählerin um Fassung, sucht für sich und die Schwester nach Ordnung im Chaos der überwältigenden Eindrücke und Erinnerungsfetzen.

Der zweite Teil wird zwar gleichwohl von der Erzählerin berichtet, formal wechselt er aber vom identifizierten Ich und wechselnden Erzählzeiten zur chronologisch geordneten Rückblende in der dritten Person. Hier wird Catherines Geschichte vom Moment ihrer Zeugung an präsentiert. Die Vergewaltigung der Mutter hätte als dramatischer Moment schon hingereicht, um ein Leben traumatisch vorzuprägen. Mehrere Jahre in einem Kinderkrankenhaus ohne Besuch kommen hinzu. Bereits Erzähltes erscheint mit einem Mal in einem völlig anderen Licht. Aus der verrückten Grenzgängerin wird eine eigenwillige und beeindruckende Persönlichkeit, eine ebenso starke wie seelisch schwer verletzte Frau, die aus dem gesellschaftlichen Rahmen ihrer Zeit herauszutreten vermag, aber an ihrem inneren Feuer verbrennt.
Im dritten Teil übernimmt wieder das Ich der Tochter, hier ändert sich der Ton ein weiteres Mal. Violaine Huisman berichtet vom dramatischen Ende der Mutter, emotional involviert, aber mit dem geläuterten Blick der Liebe. So dramatisch Catherines Leben begonnen hat, so dramatisch endet es auch.

Die Töchter einer erklärten Rebellin wider Gesetz und Konvention zeigen sich des mütterlichen Erbes würdig: Sie schmuggeln die Asche der Mutter im Flugzeug in acht Teedosen an deren letzten Wohnsitz in Dakar. Dort verstreut man sie nach Mamans letztem Willen im Meer und feiert ein großes Fest ganz nach ihrem Geschmack.

„Die Entflohene“ ist die poetische Dokumentation einer wahren Geschichte, sie handelt davon, wie eine Niederlage in einen Sieg verwandelt wird. Maman bleibt Violaines Heldin, „mehr als alles andere“, wie sie schreibt. Es ist ihr gelungen, aus ihrer Lebensgeschichte auszusteigen, im doppeldeutigen Sinn. In ihren Kindern lebt sie weiter.

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erstellt am 09.8.2019

Violaine Huisman
Die Entflohene
Roman
Aus dem Französischen von Eva Scharenberg
Hardcover, 256 Seiten
ISBN: 978-3-10-397391-4
Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019

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