Tuschicks Kolumne

Normalität und Paranoia

Jim Byrd ist Kreditberater und lebt in einer Kleinstadt in den US-Südstaaten. Eines Tages erleidet er einen Herzstillstand. Jim ist für wenige Minuten tot. Die Erfahrung wirft sein Leben um. Davon erzählt Thomas Pierce in seinem Roman „Die Leben danach“, den Jamal Tuschick gelesen hat.

„The opponent is physics, and physics doesn’t negotiate. It’s not moved by appeals to centrist moderation, or explanations about the filibuster.“ Thomas Pierce auf Twitter

Die Geschichte in der Geschichte, die Thomas Pierce erzählt, handelt von der Rivalität unter Brüdern. Der eine hebt Gewichte, predigt Grundsätze, hortet „rare Colaflaschen … und urzeitliche Stromleitungsisolatoren“ und lebt in der Poesie des Elementaren: Gold, Silber, Schnee. Er fährt zweihundert Meilen, bloß um da, wo der erste Schnee des Jahres im Umkreis von zweihundert Meilen gefallen ist, einen Schneeball zu formen. Ich deute die symbolische Handlung als Vergewisserungsgeste der Verbundenheit mit dem Universum, die eine Unverbundenheit mit dem Wohlstand nötigt gemacht hat. Der manische Sammler unterrichtet bis zu seiner Pensionierung Mathematik. In seinem Keller verrottet auch „die Armschlaufe, die er in der zehnten Klasse (trug), nachdem er sich das Handgelenk gebrochen hatte“.

Die Verletzung ist „die größte Tragödie seines Lebens“. Sie hat ihn, so stellt er es dar, um die Chance gebracht, als Pitcher in der Baseballmannschaft seiner High School ein Stipendium für ein bedeutendes College zu ergattern. Mit dem gebrochenen Handgelenk erklärt er seine materielle Unterlegenheit im Verhältnis zu einem Overachiever-Bruder, der ihn als Banker auf der ganzen Linie vom Start bis zum Finish deklassierte.

Berufliche Gründe führen den Sohn des Underachiever in das Su Casa Siempre. Der Kreditberater Jim Byrd ist bei der Prüfung eines Kreditbegehrens der Casa-Wirtin Ruth Glazer über einen bizarren Beitrag im Posten Ungezieferbekämpfung gestolpert. Die persönliche Klärung ergibt sich zwanglos in einer Unterbrechung des Heimwegs. Ein Hauch von Abwechslung liegt in der Luft. Endlich hat Jim einen vor den inneren Instanzen vertretbaren Grund, das exotisch über seinen Verhältnissen liegende Restaurant zu betreten.

Ruth überrascht Jim mit mysteriösen Erklärungen, in denen ein brennender Hund als Wahrheitsbeweis auftaucht. Doch bevor die Wirtin Jims Phantasie anregt und seine Skepsis sediert, geschieht Folgendes. 

*

Jim hat „rein gar nichts gesehen“, als der Tod bei ihm zur Probe saß.

„Technisch gesehen war ich kurz ein bisschen tot“, erklärt er Annie, die sich in ihrer gemeinsamen Schulzeit von anderen insofern unterschied, als dass Jim ihr nicht zu langweilig für erotische Übungen war. Sie blieb dem Überlebenden eines Herzstillstandes im Gedächtnis wegen des „perfekten schmalen Spalts zwischen ihren Schneidezähnen“ und der von einer Pfefferminzwolke verdichteten Sommersprossenaura. Jim trifft Annie im Su Casa Siempre, bevor Ruth in Erscheinung tritt und sich an die Spitze eines Spielmannszuges des Irrsinns stellt.

Das Casa ist eine Station auf der Zukunftsmagistrale von Jims Heimatstadt Shula: dem „Epizentrum des Widerstands gegen die Weißhaarigen“, die sich den Widerstand gern gefallen.

„Sie fanden ihn charmant, wie alles andere auch. Sie kannten keine Reviergrenzen.“

Die Weißhaarigen sind hochaktive Invasoren. Sie haben sich eine vor Beliebigkeit schillernde Stadt unter den Nagel gerissen und regieren sie im Geist ihrer Greisengier. Jim, der außer zum Studium nie aus Shula herausgekommen ist, betrachtet das Auf und Ab der Verhältnisse mit dem Abstand des Indolenten, dessen Lebensnichtigkeiten sich so gewichtig wie leere Papiertüten auftürmen. Nur ein implantierter Kontrollapparat, der sein Herz bewacht und via Smartphone den Patienten informiert, hebt den Kreditberater aus der Normalitätsanbieterschar.

Annie kommt Jims Normalität gerade gelegen. Nach ein paar Auswärtsabenteuern ist sie als Witwe mit einer Tochter in ihr Elternhaus zurückgekehrt. In der weiten Welt hat nichts geklappt, zu Hause spielt das keine große Rolle. Die Alten sind froh, ihr Junges zumindest nicht total zerrupft wieder im Nest zu haben. Annie schleppt Jim dahin ab. Im Weiteren vollzieht sich das Geschehen als Hommage an High School Sex mit Aufforderungen zur Lärmvermeidung und Wollust bei den Wollmäusen auf dem Teppich.

Thomas Pierce beschreibt drei Regressionen. Deren Dynamik mobilisiert die Handlung.

Erstens. Die Selbstverkleinerung der gescheiterten Annie in ihrem Herkunftsmilieu als Wiedereintritt in die Jugendsphäre und Wiederaufnahme adoleszenter Beziehung mit dem Ziel sie anders fortzuführen als beim ersten Durchgang in echt.

Zweitens. Jims Bereitschaft der Irrationalität Raum zu geben, um die Sinnlosigkeit seines Daseins zu überwinden.

Drittens. Ruths Geisterbeschwörungen, die Annie und Jim aus dem Land der Erwachsenen zurück initiieren in den magischen Kreis der Kindheit.

Als Rechnungsprüfer des eigenen Gefühlshaushalts rät Jim sich zur Zurückhaltung. Der alte Knabe, an dem das Leben vorbeirauscht, will von Zurückhaltung nichts wissen. Jim recherchiert die Geschichte des Hauses, in dem Ruth ihr Restaurant hat. Es gab da mal einen Brand. In Ruths Spukmärchen kommt ein Brand vor.

Fortan sind Geister am Start. Spekulationen über ihre Existenz tragen zur Unterhaltung und zur Beunruhigung bei. Annie fördert die Infantilisierung und den Nonsens. Das Irrationale rauscht ab Richtung Paranoia. Jim ist das schwächste Glied einer Kette, die aus ihm, dem implantierten Herzhelfer und der HeartNet-App besteht. Sein Herz kann gehackt und zur Explosion gebracht werden. Allerdings mit einer Wahrscheinlichkeit von „eins zu dreihundertfünfzigtausend“.

Das ist nicht wirklich beruhigend. Die modernste Technik hat aus Jim ein weltweit angreifbares Objekt gemacht, nicht zuletzt für Hacker, die auf der Suche nach Herausforderungen in der Fernzündung nichts weiter als einen Leistungsbeweis sehen.

Es gibt noch eine Geschichte in der Geschichte in diesem Roman. Der brennende Hund spielt darin eine Rolle.

Thomas Pierce, Die Leben danach, Roman, aus dem amerikanischen Englisch von Tino Hanekamp, Dumont, 400 Seiten

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erstellt am 02.8.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.