Leïla Slimanis 2014 auf Französisch erschienener Roman „All das zu verlieren“ sorgte in ihrem Geburtsland Marokko für Aufregung, weil die Autorin sexuelle Begierden einer verheirateten Frau auf direkte Weise ausspricht. Jetzt liegt das Buch in deutscher Übersetzung vor. Ruthard Stäblein hat es einer kritischen Lektüre unterzogen.

Buchkritik

Wie eine Sprechblase

 Leïla Slimani, Foto: Heike Huslage-Koch [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Leïla Slimani, Foto: Heike Huslage-Koch

Was manche deutsche Kritikerinnen und Kritiker als „feministische Strategie“ für „entfesselte Sexualität“ und „weibliche Sex-und-Gewalt-Ästhetik in der Literatur“ bejubeln, stellt sich für mich als abschreckende Auflistung von banalen, bourgeoisen Eheszenen mit den üblichen französischen Sexeskapaden dar. Einzig die beiden Kapitel, in denen der Vater der nymphomanischen Hauptfigur Adele vorkommt, Kader aus dem Maghreb, und die Mutter, Simone, die wenigstens durch ihre direkte Art und ihre Proll-Sprache auffällt, haben noch einen gewissen Reiz. Et encore.

Adele nimmt für ihren sozialen Aufstieg die Langeweile mit einem Arzt in Kauf, den sie betrügt, wo es nur geht, um auf ihre Kosten zu kommen. Aus einem Gemisch aus Bestätigungsdrang, Angst und Schuld hat sich seit ihrer Kindheit ihre Sexsucht entwickelt. 

So oft ist das schon in französischen Romanen ausgebreitet worden. Mit Flauberts „Madame Bovary“, die im Klappentext und auch von manchen deutschen Literaturkritikern bemüht wird, hat das wenig zu tun. Es mangelt der Autorin an genauerer Beobachtung, scharfer Analyse, auch an Bosheit und v.a. an Stil. 

Flaubert baut richtige Satzbögen, Perioden, Rhythmen. Er sucht seltene Wörter und treffende Ausdrücke, wiederholt sich nie. Slimani ist dagegen kurzatmig, haut ihre Schrumpfsätze raus und wiederholt sich ständig. 

Im zweiten Teil nimmt der Roman dann doch etwas Fahrt auf. So wie Adele in ihrer Gefallsucht und -angst fremde Männer braucht, so wird ihr Ehemann, gerade nachdem er ihre Betrügereien entdeckt hat, abhängig von ihr, sperrt sie in sein neues Landhausidyll ein. 

Als Adeles Vater Kader beerdigt wird, kommt einmal die Migration ins Spiel. Kader träumte vom großen Leben und kann sich mit dem kleinen mit seiner Proll-Frau nicht abfinden und übertrug seinen Traum auf seine Tochter. 

Slimani ist 1981 in der Hauptstadt Marokkos, in Rabat geboren. Sie hat Politikwissenschaften an der Pariser Eliteuniversität Sciences Po studiert und in der Redaktion der wichtigen Afrika-Zeitschrift „Jeune Afrique“ mitgearbeitet. Das scheint – leider zu wenig – auch an manchen Stellen in diesem Roman durch, der bereits 2014 in Paris erschienen ist, unter dem reißerischen Titel „Dans le jardin de l´ogre“ (Im Garten des Menschenfressers).

Dieser Roman sorgte in ihrem Geburtsland Marokko für Aufregung, weil die Autorin sexuelle Begierden einer verheirateten Frau auf direkte Weise ausspricht. Für ihren zweiten Roman „Dann schlaf auch du“ erhielt Slimani 2016 den renommierten „Prix Goncourt“. Darin erzählte sie auf komplexe und literarische Weise die Nöte eines Pariser Ehepaars, das eine Nanny für ihre Kinder abstellt, die diese schließlich aus innerer Bedrängnis, Liebe, Neid und Eifersucht tötet, bzw. töten will.

In ihrem neuen, bzw. älteren Roman aber plappert Slimani wie die von Adele verachteten schnöden Ehefrauen, wie eine Schnattergans, comme une perruche.

Das Ganze liest sich flott runter und verfliegt wie eine große Sprechblase.

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Kommentare


Margarete Schwind - ( 08-08-2019 03:51:06 )
Lieber Ruthard,

aber Dann schlaf auch Du ist doch nicht wirklich viel besser? fandest Du das vom psychologischen her schlüssig? sorry... aber ich halte sie für rundum doch leicht überschätzt... Herzlich

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erstellt am 01.8.2019

Leïla Slimani
All das zu verlieren
Roman
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Hardcover mit Schutzumschlag, 224 Seiten
ISBN: 978-3-630-87553-8
Luchterhand Verlag, München 2019

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