Am 8. Juni 2019 ist Schriftstellerin Gerlind Reinshagen im Alter von 92 Jahren gestorben. Sie schrieb Theaterstücke, Hörspiele, Prosatexte und Gedichte. Reinshagens Lektor Hans-Ulrich Müller-Schwefe würdigt in seiner Trauerrede Leben und Werk der Berliner Autorin.

Zum Tod von Gerlind Reinshagen

Stark, souverän und freundlich

Von Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Durch einige Bücher Gerlind Reinshagens bewegt sich eine alte, erblindende Frau; eine asketische Erscheinung; frei, sich zu erinnern, frei, alles zu hören und mit ihren sich eintrübenden Augen zu sehen – um strikt nur zu beherzigen, worauf es ankommt. Sehr preußisch, wie mir scheint – ein Homer? „Wer singt? Nicht ich. Ich schreibe, wenn ich schreib, ein Leben, so wie es mir erscheint. Und wenns sich einmischt und sich selber schreiben will, kann ich dafür? Ich muß den Anfang finden.“

Gerlind Reinshagen hat so jemanden gekannt, wie sie erzählte – eine Tante – ein Vorbild; ihr Selbstbild?

Die 1926 in Königsberg Geborene wohnte seit langer Zeit in Berlin. In vielen ihrer Stücke und Prosabücher, zuletzt in ihrem Roman nachts und dem jüngsten Theaterstück Die Fernfrau, ist das Berlin der letzten Jahrzehnte (West-Berlin) und das der Gegenwart Handlungsort. Die Stadt spielt mit. Fast hat sie die Präsenz einer Hauptfigur.

Die Kriegsjahre und die davor und danach durchlebte sie als Mädchen und als junge Frau in Halberstadt. Neben dem wenig jüngeren Alexander Kluge ist sie die andere Chronistin der Zerstörung Halberstadts durch den Luftangriff am 8. April 1945 – und Zeugin der Zerstörung des zivilen Lebens durch Nazitum und Krieg, die dem vorausgegangen war.

In der von Männern weitgehend befreiten, merkwürdig weiblich geprägten Schul- und Familienwelt des Kriegs gedeihen Träume und Fantasien. Die männlichen Helden – Kampfflieger, Generäle, zartbesaitete Schulkameraden – sterben an der Front im Osten oder kehren verwundet und gebrochen zurück. In den Hunger- und Trümmerjahren danach, wie befreit von Ballast, scheint materielle Knappheit eine große Beschwingtheit und experimentierfreudige Beweglichkeit zu befördern – die jedoch bald darauf den Erfolgen des Wirtschaftswunders erliegt. (Lesen Sie: die beiden Prosabände Zwölf Nächte und Vom Feuer. Erinnern Sie sich: an die Stücktrilogie Sonntagskinder, Das Frühlingsfest und Tanz, Marie!)

Jeder Mensch hat eine Aura. Manche können sie sehen. Am Zustand der Aura erkennen sie, wie es um den Betreffenden steht. Zur ‚Grundausstattung‘ Gerlind Reinshagens gehörte, daß sie alle, jede und jeden von uns, durch auch so eine Art Aura, eine Blase der anderen Möglichkeiten, von der umgeben unser reales Leben sich abspielt, herausgehoben und ausgezeichnet sah. In ihren Theaterstücken und Gedichten, den Erzählungen und Romanen wurde sie nicht müde, ihre Figuren auf diese Weise zu vervollständigen. Indem sie den Freiraum der Möglichkeiten ins Spiel brachte, machte sie ihre wahre Größe sichtbar.

Womit dann alles gut und die Dinge eingerenkt wären? Nein, eine paradiesisch, gar spirituell befriedete Scheinwelt kommt bei Anwendung dieser Optik nicht heraus. Wohl aber verteilen sich die Gewichte anders. Beziehungen erscheinen in einem neuen Licht. Aussichten, und seien es bestürzende, tun sich auf. Noch in der Sackgasse bricht sich Manövrierfähigkeit Bahn.

Das Ganze in einer Sprache, die geerdet ist, witzig und schlagfertig sein kann, dann wieder zart und leise – und immer zu gebundener Rede drängt. Sie schlägt mit den Flügeln – um abzuheben. Atem anhalten, Gerlind Reinshagens erster und einziger Gedichtband und ihr letztes Buch, besteht aus lauter – Flügen: Flugmanövern, mit Volten und gänzlich ohne.

Einer ihrer schönsten Texte der letzten Jahre ist der jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar (1894-1943) gewidmet, die nicht emigrierte, sondern – für ihren Vater und dann allein – sehenden Auges in ihrer Stadt Berlin ausharrte. Die Frau und die Stadt – Eine Nacht im Leben der Gertrud Kolmar ist ein großer Monolog, ein Gesang im Feuerofen. In Atem anhalten ist Gertrud Kolmar ein Gedicht gewidmet.

In Venedig

Mittags steigt Fieber aus den Kanälen
Am Abend fallen Vögel
Aus den schwarzen Fensterhöhlen
Tot
Schon morgen
Wird hier alles stumm versunken sein
So viele Brücken noch
Bis nach Haus
Verlaufen in den fremden Gassen
Längst verloren
Such ich das Trostwort
Den Sterbespruch
Plötzlich
Steigt Rauch aus dem Buch
Schimmert von Ferne
Das Dach
Schon so lange
Über die Jahre gebreitet
Still und unbeirrbar
Wie zum Zeichen
Daß ich den Weg finde
Die Stadt den Garten
Die versteckte Pforte
Und in der hellen Türe
Eine Unbekannte
Längst Vertraute
Läßt mich ein
Rückt mir den Stuhl an den Tisch
Bringt Wein und Brot
Birgt mich in ihrem weißen Haus
Wie lange sag mir kann ich bleiben

Wohl 1978 lernte ich sie kennen. Die Theater- und Hörspielautorin schrieb auf einmal Prosa. Dafür war ihr neuer Verlag, der Verlag der Autoren, nicht zuständig. Sie wechselte zurück zu ihrem ‚alten‘ Verlag, Suhrkamp, und wurde mir zugewiesen. 1981 erschien das erste Prosabuch, Rovinato oder Die Seele des Geschäfts. Ein schönes Buch mit einem wunderbaren – sehr reinshagenschen – Titel.

Eine Arbeitsbeziehung, eine Arbeitsfreundschaft entstand.

Von Frankfurt am Main aus fuhr ich zu Gesprächen nach Feuerschützenbostel (bei Celle – dort wurde man am Bahnhof abgeholt), später nach Berlin in die Halmstraße im Westend (wenige Straßen weiter wohnte Einar Schleef), dann in die Rheingaustraße und schließlich zum Eyke-von-Repkow-Platz ins Haus Christophorus.

Ich fand sie vorbildhaft – stark, souverän, freundlich, zugewandt, ohne Allüren. Das Leben und ihre Arbeit wie selbstverständlich meisternd, so erlebte ich sie. Manchmal habe ich sie als meine Vizemutter – im selben Alter wie meine ‚wirkliche‘ Mutter – bezeichnet.

Einen wunden Punkt hatte (auch) sie. Wie stand es mit der Anerkennung durch Kritikerinnen und Kritiker, Leserinnen und Leser? Und durch den Verlag? Schätzte der sie gebührend? Hielt er an ihr fest, und würde er auch weiterhin an ihr festhalten? Und wie stand es mit mir?

Wichtige Fragen, die sie immer neu stellte und auf die stets einzugehen war – mit neuen und alten Erklärungsversuchen, mit Jas und Neins –, die zu meinem großen Bedauern nie eine zufriedenstellende Antwort fanden.

Als der jüngere und als ihr Lektor habe ich das Arbeiten mit Gerlind Reinshagen, habe ich ihre Art des Umgangs, habe ich sie geliebt.

Hans-Ulrich Müller-Schwefe ist Lektor im Suhrkamp Verlag. Die vorliegende Ansprache hielt er bei der Trauerfeier am 25. Juli 2019 in Berlin.

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erstellt am 31.7.2019

Gerlind Reinshagen (Screenshot)

Gerlind Reinshagen Screenshot