Tuschicks Kolumne

Tackling in den Grauzonen

Die in Polen geborene und in Berlin aufgewachsene Emilia Smechowski hat ein Jahr lang ihre zweite Heimat unter die Lupe genommen. Dabei herausgekommen ist ein angenehm ratloser Report: „Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland“. Jamal Tuschick stellt das Buch vor.

„Vor dreißig Jahren ging von Polen jene Kraft aus“, die das Band erzwungener Einigkeit im Warschauer Pakt sprengte. Der Elektriker Lech Wałęsa verkörperte den Mythos eines volkstümlichen Widerstands. Wałęsa trat als Gewerkschaftsführer auf. Doch war seine Solidarność nicht nur eine Gewerkschaft, sondern auch eine Bewegung – die erste Neue Soziale Bewegung im Machtbereich der Sowjetunion. Inzwischen erscheint Polen wegweisend für eine transeuropäische Regression. Die Regierungspartei Prawo i Sprawiedliwość (PiS) restauriert einen antiquierten Heimatbegriff, der viele ausschließt.

„Für die PiS … wird der Staat nicht durch die Gesamtheit aller Bürger legitimiert.“

Dazu gehört nur, wer sich patriotisch bekennt. Jarosław Kaczyńskis Partei spaltet die Bevölkerung. Sie verschärft die Gegensätze zwischen Stadt und Land und schürt „den Hass auf die Abgehängten“. 

Kaczyński, der überlebende Zwilling, die Brüder standen einst hinter Wałęsa, ist der Schattenfürst. Er regiert im Stil der Puppenspieler und lässt die Regierung tanzen – nach oder noch in einer Kulturrevolution von oben.

Das schreibt Emilia Smechowski. Ein Jahr hat sich die Autorin Zeit gelassen, von Gdańsk ausgehend, die Stimmung in der ersten Heimat ihrer kurz vor dem polnischen Wunder von Neunundachtzig nach Berlin emigrierten Eltern auszuloten. Smechowski weist darauf hin, dass gegen autoritäre Bestrebungen auch gefestigtere Demokratien als die Newcomer aus dem Wilden Osten nicht immun sind.

Smechowski recherchiert in Begleitung ihrer Tochter, die zu einer Heldin der Erzählung wird. Die junge Pionierin findet sich in Polen leichter zurecht als ihre Mutter.

„Ich könnte gerade genauso gut in Timbuktu sein. So fremd fühlt sich alles an.“

Erste Beobachtungsgewinne schöpft das Team aus der Differenz. In Polen gibt es zwar keine Pfandflaschen, aber gesungene Ansagen. Der Vermieter bringt die Sauberkeit der Stadt mit der Abwesenheit von Flüchtlingen in einen Zusammenhang. Die Autorin interveniert im Geist der Flüchtlingssolidarität. Der Vermieter zuckt zurück.  

Die Überlieferung solcher Tacklings in den Grauzonen machen das Buch lesenswert. Smechowski überzieht nicht. Sie meldet stets auch die eigene Mutlosigkeit. Sie will in Polen nicht deutsch sein. Aber was könnte sie sonst sein … mit ihrer Berliner Sozialisation, dem westeuropäischen Hygienestandard, der allergischen Abwehr horizontaler Gerüche, dem leicht aufkommenden Ekel, der halbunbewussten Überheblichkeit.

Smechowski datiert das Jahr, in dem Polen seine Pole erhielt. Kaczyński und Wałęsa erscheinen als Würdenträger der Differenz und erbitterte Antagonisten, seit sie 1989 in ihren Lagern verschiedene Marschrouten verkündeten.

Die Autorin trifft die Legende Wałęsa mit einem Schraubenzieher in der Hand. Die Szene ist so surreal, dass man sie nur überzeichnen kann. Wałęsa führt sich als greiser Milizangler vor; in der Manier jener, die im Camouflageanzug, Würmer aufspießt. Er übertrifft alle Klischees, die sich mit seiner Person verbinden. Er verkörpert einen Gipfel des schlichten Gemüts in der katholischen Kombination mit intransigenter Gläubigkeit. Der polnische Katholizismus ist martialisch, fest im Fleisch auch als Stachel.

Solidarność war eine katholische Arbeiterbewegung. Wo auf der Welt hat es sowas schon gegeben?

Smechowski: „Was denken Sie über …?“

Wałęsa: „Hören Sie, gute Frau. Ich denke erst mal gar nichts. Ich bin hier nicht zum Denken.“

Emilia Smechowski, Rückkehr nach Polen – Expeditionen in mein Heimatland, Hanser Berlin, 255 Seiten

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erstellt am 25.7.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.