„Mächtige geben offenbar als Allerletztes ihre Macht über das Schicksal anderer ab”, schreibt Yassin Al Haj Saleh in seinem neunten Brief an seine entführte Frau Samira Khalil. Zweifel werden jetzt spürbar, ob die Schwächung des „Emirats” in naher Zukunft auch zur Befreiung der Gefangenen führen wird. „Wir wissen nicht, was ein eingesperrter Kerkermeister tut, dessen Gefängnis kleiner und enger wird…”. Die Kompliziertheit der Lage werde zudem, so Yassin, außerhalb der Gefängnismauern immer häufiger als Vorwand genutzt, um sich abzuwenden und die Unterdrückten ihrem Schicksal zu überlassen.

30.April 2018

»Das Leben als Leben leben.«

Yassin Al Haj Salehs neunter Brief an Samira

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Sammour,

Weißt du, was um dich herum passiert, Sammour? Sicherlich hörst du den Bombenlärm und vielleicht nimmst du durch die Geräusche und das Verhalten deiner Kerkermeister wahr, dass diesmal etwas anders zu sein scheint. Sehr anders, Sammour. Das Emirat der Armee des Islam scheint in seinen letzten Zügen zu liegen, dank der russischen Besatzungstruppen, die gleichzeitig Krieg führen und verhandeln und dabei jenen Truppen des Regimes, die sie kontrollieren, das Plündern, die Verkündigung des Sieges und die Demütigung der Bevölkerung überlassen.

Heute stellt sich nicht die Frage, ob das Emirat seinem Ende entgegensieht oder nicht, sondern welches Ende und welches Schicksal ihm beschieden sein wird: Folgt eine Verlegung der Armeekader des Islam und ihrer Familien Richtung Norden in das Umland von Aleppo und Idlib, wie es vor einigen Tagen mit den Kämpfern von Harasta geschah? Oder nach Deraa? Oder werden sie als regionale Polizeikräfte fungieren, wie einige Informationen verlauten lassen, was, würde es stimmen, nur eine temporäre Lösung wäre.

Auf jeden Fall werden sie wohl ihre schweren und mittelschweren Waffen abgeben, die sie vor etwa drei Jahren zur Schau stellten und lediglich benutzten, um Douma ihre Macht aufzuzwingen. Ich erinnere mich noch gut an diese Machtdemonstration, Sammour. Es war, als wollten sie insbesondere mir demonstrieren, wie gut dein Gefängnis bewacht ist! Ihre Waffen erinnerten an die Chemiewaffen des Regimes, die gegen die Syrer eingesetzt wurden, bevor man dem Regime einen Teil davon entzog (dass das Regime einen anderen Teil behielt und ihn auch einsetzte, natürlich wieder gegen die Syrer, davor verschloss man international die Augen).

Ich kann nicht anders, ich freue mich über das Ende der Situation, die zu deinem Verschwinden geführt hat, und begrüße zugleich den Zusammenbruch des Emirats, des brutalen Wärters deiner Abwesenheit. Aber ich hätte mir ein anderes Ende gewünscht, das nicht dazu führt, dass die Bewohner von Douma und der Ost-Ghouta ihre Häuser und Grundstücke verlassen müssen.

Ich hätte mir gewünscht, dass sich bei manchen in der Armee des Islam das Gewissen zu regen beginnt, so dass sie euch freilassen und sich bei euch entschuldigen – bei euch und bei den Anhängern der Revolution. Ich hätte mir gewünscht, dass die Armee des Islam von innen her zersetzt wird und dass ihr – du, Razan, Wael und Nazem – freikommt. Oder ich hätte mir gewünscht, dass die Armee des Islam durch die lokalen Kämpfer besiegt wird. Die Sieger hätten euch dann befreit und das Anliegen der Allgemeinheit, das von einer religiös-fanatischen Miliz verraten worden ist, verteidigt. Oder ich hätte mir gewünscht, und wünsche es noch immer, dass die Führer dieser verbrecherischen Miliz ihre gerechte Strafe erhalten, und zwar sowohl die militärischen wie die religiösen Führer. Aber für all diese Wünsche ist es zu spät.

Menschen, die früher in Gefängnissen des Regimes saßen und zu Kerkermeistern wurden, während die Region, die sie kontrollierten, durch das Regime belagert wurde, bewachen noch immer dich und deine Freunde, während ihr eigenes Gefängnis immer kleiner wird. Es ist kaum mehr größer als das Gefängnis, in dem du sitzst, Sammour.

Mächtige geben offenbar als Allerletztes ihre Macht über das Schicksal anderer ab. Die Nazis verfrachteten ihre Opfer sogar noch in die Konzentrationslager, als ihre Truppen bereits auf dem Rückzug waren und ihre Macht zerfiel. Auch der IS hat seine Gefangenen – unter ihnen Firas und Ismail – nicht freigelassen, als er aus Rakka vertrieben wurde (Habe ich dir erzählt, was passiert ist, Sammour? Habe ich dir berichtet, dass achtzig Prozent der Stadt zerstört sind, auch unser Haus?) Und genauso würde der Assad-Staat seine Gefängniszellen und seine Gefangenen bis zum letzten Augenblick behalten, wenn dieser letzte Augenblick jemals bevorstünde. Und er stand bevor.

Vielleicht glauben diese Herrscher, dass ihr eigenes Schicksal kein menschliches sein wird, solange sie das Schicksal anderer Menschen in der Hand haben. Das erinnert uns daran, dass Macht Herrschaft über Menschen bedeutet und dass die Herrschenden Untertanen brauchen, Körper, die sie entführen, quälen und verschwinden lassen können. Ohne sie gleichen sie gerupften Hühnchen.

Was uns am meisten enttäuscht, Sammour, ist, dass die Mörder Immunität genießen. Sogar den Mördern des IS wurde die Möglichkeit gegeben, aus Rakka abzuziehen, nachdem sie die Stadt fast völlig zerstört hatten. Wenn es eine Konstante in den letzten sieben Jahren gibt, ist es die, dass den größten Mördern die Türen zur Flucht immer offenstanden und sie so dem Schicksal ihrer Opfer entgehen konnten. Wie gerne hätte ich sie gesehen – und wie sehr hätte ich mir gewünscht, dass du sehen würdest, wie sie wirklich sind: gerupfte Hühnchen, erbärmlich, verachtenswert.

Unsere Situation ist kompliziert, Sammour.
Ich gebe zu, dass es mich immer noch ärgert, die syrische Sache stets als kompliziert zu beschreiben. Denn kompliziert heißt nicht nur, dass die Situation eine komplexe Analyse der Realität benötigt – was wir versuchen zu leisten -, sondern auch, dass es gerechtfertigt erscheint, sich von dieser komplizierten Situation abzuwenden und so die Lage zu vereinfachen.

Vereinfachung bedeutet, das Vertraute zu bevorzugen, das einem kein Kopfzerbrechen verursacht. Zu diesem »Vertrauten« gehört die Gewalt des Staates und seiner Partner, welche unter ihm stehen (die Schabbiha, das heißt die Regimemilizen) oder über ihm (die Russen, Iraner und ihre Befehlsempfänger). Diese Gewalt bleibt, egal wie grausam sie ist, unsichtbar. Sie lässt Vernichtung zu einer Möglichkeit werden. Daran arbeite ich in diesen Tagen.

Zusammenfassend kann ich vorläufig sagen, dass der Grund für die Vernichtung im Staat selbst verankert ist. Er ist als Macht mit einem »Gewaltmonopol« ausgestattet und gilt als ein Souverän, in dessen innere Angelegenheiten sich niemand einmischen darf. Der Staat kann gegenüber seinen Untergebenen wie ein weltlicher Gott auftreten, der verurteilt und tötet, wenn er will. Das muss sich ändern, wenn wir nicht wollen, dass die Vernichtung unsere Zukunft und die Zukunft der Welt sein soll.

Aber wenn es mir auch schwerfällt, meine, unsere Situation zu beschreiben, und wenn es sogar für jene kompliziert zu sein scheint, die heute in meiner Umgebung in Deutschland und in der Türkei mitfühlen, bin ich gezwungen, das allgemeine Desinteresse an unserer Sache zu verstehen. Ich verstehe es widerwillig und akzeptiere es nicht. »Komplizierte« Umstände wie unsere Situation sollten Menschen zu größerer Erkenntnis und richtigerer Einschätzung der Lage führen. Kopfzerbrechen sollte denkende Menschen dazu anspornen, das bequeme Vertraute zu verändern. Ich versuche so gut ich kann auf diese Herausforderung zu reagieren, Sammour.

Ich habe das Gefühl, dass die ganze Welt in einer Krise steckt, einer Krise des Denkens, der Politik, der Organisation und des Gewissens. Unsere Sache als »kompliziert« zu bezeichnen, ist vielleicht die passendste Haltung gegenüber dieser Krise, weil unsere Sache eine globale ist – bezüglich der Situation, der Verflechtungen und der Auswirkungen, historisch und kulturell -, weil die Welt zu uns kam und wir in die Welt gingen.

Ich versuche es, Sammour. Du bist meine Stütze, heute, obwohl du abwesend bist, genauso wie du meine Stütze warst, als du da warst. Du gibst mir Kraft und zeigst mir die Richtung.

Heute gibt es eine kleine Öffnung in deinem dunklen Gefängnis, einen Spalt, durch den Licht und Hoffnung fallen, aber auch Gefahren. Wir wissen nicht, was ein eingesperrter Kerkermeister tut, dessen Gefängnis kleiner und enger wird, der niemals über einen großen Verstand verfügte und der kein Gewissen hat. Ich glaube, dass solche Kerkermeister wie deine bereits von den geringsten Überlegungen Kopfschmerzen bekommen und sich dann ihrer Muskeln bedienen, um dem Schwächeren zu begegnen. Aus diesem Grund machen sie Angst. Wir wissen gleichfalls nicht, was der größte Kerkermeister macht, Assad, der uns ein ganzes halbes Jahrhundert lang daran gewöhnte, zu verstehen, dass er schlimmer ist als unsere schlimmsten Befürchtungen. Allerdings wissen wir heute, dass er nicht mehr Herr seiner selbst ist und nicht aus eigenem Antrieb handelt.

»Ich habe einen Traum«, Sammour. Ich möchte bald wieder deine Stimme hören, dich sehen, ich möchte, dass wir unser Leben gemeinsam wieder aufnehmen, dass vor vier Jahren und vier Monaten unterbrochen wurde. Mein Traum ist, dass du ins Licht trittst, frische Luft atmest und die Last der dunklen Jahre der Abwesenheit von dir wirfst. Dass wir gemeinsam spazieren gehen und miteinander sprechen, dass wir »das Leben als Leben« leben.

Ich möchte nicht an die vielen und enormen Schwierigkeiten denken, die dir beim Übergang vom Gefängnis ins Exil bevorstehen würden. Mach dir darüber bitte keine Sorgen! Du wirst bei mir sein, mit vielen Freunden, die sich alle um dich gesorgt haben. Aus ihnen und uns und vielen verschiedenen Freunden wird sich eine solidarische Gemeinschaft bilden, in der man gerne leben wird, Sammour.

Wer, wie wir, Schreckliches in der Jugend und noch Schrecklicheres in der Mitte des Lebens durchgemacht hat, wird vor der Erfahrung des Exils nicht zurückschrecken. Außerdem erwartet dich darin auch etwas Neues, Sammour: Das Exil ist die Welt! Und kann für jene, die schon vorher wussten, dass die Heimat das Exil ist, überhaupt noch irgendetwas schwierig sein?

Ich küsse dich, mein Herz

Yassin

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Die Übersetzung der Briefe wurde durch das Beiruter Büro der Heinrich-Böll-Stiftung gefördert.

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erstellt am 25.7.2019

Dies ist der neunte von elf Briefen, die Yassin Al Haj Saleh an seine verschwundene Frau Samira Khalil geschrieben hat. Samira wurde am Abend des 9. Dezember 2013 aus Douma entführt. Yassin erklärt in diesen Briefen seiner Frau, was sich seit ihrem Verschwinden in seinem Leben und in Syrien ereignet hat. Die Briefe haben weltweit Aufmerksamkeit gefunden und wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Larissa Bender hat sie aus dem Arabischen ins Deutsche übertragen.

Samira Khalil
Samira Khalil