Vor fast 150 Jahren sind im Wiener Verlag Wilhelm Braumüller die Aufzeichnungen des Fürsten Klemens Wenzel Lothar von Metternich über den französischen Kaiser Napoleon Bonaparte erschienen. Anlässlich des 250. Geburtstags Napoleons erscheinen sie erneut, und zwar unverändert und im selben Verlag. Martin Lüdke hat Metternichs Charakterstudien gelesen.

Lüdkes Liederliche Liste

Sohn des Glücks

Die Aufzeichnungen des Fürsten Metternich über Napoleon Bonaparte

Metternich, österreichischer Diplomat, später Außenminister und dann, für Jahrzehnte, auch Kanzler, wurde zur dominierenden Gestalt des Wiener Kongresses für die Neuordnung Europas nach den Napoleonischen Kriegen. Und zur Eindämmung der umstürzlerischen Tendenzen, die im Nachhall der Französischen Revolution und der siegreichen europäischen Freiheitsbewegung gegen die napoleonischen Vorherrschaft sich über den halben Kontinent verbreitet hatten. Der Name Metternich wurde zum Inbegriff aller restaurativ-reaktionären Anstrengungen.

Das kleine Büchlein präsentiert Metternichs Aufzeichnungen aus den Jahren 1806 bis 1809 „Als Botschafter Oesterreichs am Hofe Napoleon’s“. Den Bericht über eine „Unterredung mit Napoleon zu Dresden am 23. Juni 1813“. Schließlich die „Denkschrift Metternichs über den Charakter und die Eigenheiten Napoleons. Napoleon Bonaparte. Geschrieben im Jahre 1820“. Also die Zeit der großen Erfolge und der endgültigen Niederlage dieses, wie er sich selbst einmal nannte: „Sohn des Glücks“.

Metternich betont, dass er bei seiner Beurteilung Napoleons nur der „Stimme“ seines „Gewissens“ folge, und seine „Functionen“ es ihm ermöglicht hätten, dessen „Vorzüge zu würdigen“, aber auch „seine Fehler kennen zu lernen“. Dabei artikuliert Metternich immer wieder seine hocharistokratische Verwunderung, „wie dieser Mann von so niederem Ausgangspunkte sich zu solcher Höhe emporschwingen konnte“. Gesehen und erforscht habe er ihn, als er „ruhmgekrönt, in vollem Glanze dastand“, und auch zu den Zeiten, als er „seinem Untergang entgegenging“. Er habe den „Emporkömmling“ erkannt, den Mann, der auch in kleinem Kreis seiner Beamten, also in privater Umgebung „den Hut auf dem Kopfe“ trug und damit gegen die Regeln guten Benehmens verstieß.

Das Porträt, das Metternich von Napoleon zeichnet, lässt an Hegels Bemerkung über den Kammerdiener denken, für den es keinen Helden gebe, aber nicht, weil der Held kein Held, sondern weil der Kammerdiener ein Kammerdiener sei. Napoleon habe zu den Damen von „Toilette“ gesprochen, nach der Zahl ihrer Kinder gefragt und zudem, „ob sie dieselben selbst genährt hätten; wählte aber hierzu Ausdrücke, welche in der guten Gesellschaft verpönt sind.“ Sein oft belehrender Ton erschien „an Ort und Stelle unstatthaft“. Dieser „Mangel an Lebensart zog ihm manchmal Bemerkungen zu, die er mit Stillschweigen anzunehmen gezwungen war.“

Fürst Metternich räumt nun allerdings ein, daß dieser „außerordentliche Mann“ nur dann adäquat nur dann „zu beurteilen“ sei, wenn man ihm auf die Weltbühne“ folge, und gerade nicht aus der Kammerdienerperspektive betrachte, was dem altadligen Reaktionär allerdings schwer fällt.

Aus solchen Äußerungen lässt sich gut erkennen, wie hier zwei Welten aufeinanderstoßen.
Das Ancien Régime, das von der Geschichte bereits auf ein Abstellgleis geschoben worden war, und die neue Gesellschaft, die wie Schneeglöckchen nach der Schneeschmelze allerorten aus dem Boden sprieß, all das machte deutlich, welche Veränderungen bevorstanden. Die Literatur, von Balzac über Fontane, Thomas Manns „Buddenbrooks“, überall wurden die Zeichen der Veränderung registriert. Diese Beobachter sahen durchaus auch die Verluste, die mit dem Aufkommen der bürgerlichen Gesellschaft einhergingen. Metternich hingegen sieht nicht die Unausweichlich dieses Prozesses. Er stemmt sich mit Macht und Gewalt dagegen. Seine frühen Aufzeichnungen über Napoleon lassen das bereits sehr gut erkennen. Und zwar, das ist bemerkenswert, an seinem aristokratischen Hochmut gegen den Emporkömmling, der zwar die halbe Welt im Eilmarsch erobert hatte, aber nicht einmal wusste, wann man seinen Hut in der Hand behalten muss.

Dass Metternich auch eine ganze Reihe von interessanten Beobachtungen mitzuteilen hat, geschenkt. Denn in jedem Fall ist dieses kleine Büchlein ebenso interessant wie aufschlussreich.

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erstellt am 22.7.2019

Klemens Wenzel Lothar Metternich
Fürst Metternich über Napoleon Bonaparte
Gebunden, 136 Seiten
ISBN-13: 978-3-99100-270-3
Braumüller Verlag, Wien 2019

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