Der neue Intendant des Festivals von Aix-en-Provence, Pierre Audi, hat sich offenbar nicht vorgenommen, alles anders zu machen als seine Vorgänger. Wie zuvor stehen sechs Bühnenwerke im Vordergrund, umrahmt von Konzerten unterschiedlichen Formats. Wie zuvor gibt es eine Mischung von Repertoireknüllern – in diesem Jahr ist es „Tosca“ – und wenig bekannten oder aktuellen Stücken. Auch Audi wuchert mit dem Pfund des erzbischöflichen Palais, in dessen Innenhof Hauptattraktionen stattfinden, und er wäre töricht, wenn er darauf verzichtete.

Aix-en-Provence 2019

Festival ohne Eitelkeiten

Dass der Bösewicht Scarpia Tosca an zwei Stellen eine „Diva“ nennt, reicht dem Regisseur Christophe Honoré, um die ganze tragische Geschichte von Begehren und Machtmissbrauch auf diesem für das Werk unerheblichen Motiv aufzubauen. Neben der zwar musikalisch beeindruckenden, aber allzu aufwendigen und in ihrer Konzeption überkandidelten „Tosca“ gab es diesmal Brecht/Weills „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in der Regie von Ivo van Hove, als Übernahme von der Stuttgarter Oper Wolfgang Rihms „Jakob Lenz“ in der Regie von Andrea Breth, die Welturaufführung einer israelischen Kammeroper von Adam Maor und Yonatan Levy, die unter dem Titel „Die schlafenden Tausend“ eine Science Fiction-Story über den israelisch-palästinensischen Konflikt zum Thema hat, eine szenische Umsetzung von Mozarts Requiem durch Romeo Castellucci, sowie das enttäuschende multimediale Projekt „Blank Out“ des niederländischen Komponisten Michel van der Aa. Ob man das eine oder andere Unternehmen für mehr oder weniger gelungen hält: ein Schielen nach Verkaufsrekorden sieht anders aus. Das spiegelt sich auch in der Atmosphäre des Festivals, in der wohltuenden Absenz von schmuckbehangenen Selbstdarstellern. In Aix-en-Provence verzichtet man auch auf Politikerreden. Wer Musik liebt, empfindet das nicht als Verlust.

Seit 1998 gibt es in Aix-en-Provence unter dem Titel „Académie“ eine Art Meisterklassen, die jungen Sängern und Instrumentalisten, später auch Opernkomponisten und -realisateuren aus aller Welt die Gelegenheit bieten, sich mit einem Schwerpunkt auf der Mozart-Interpretation, aber auch auf dem Gebiet der alten und zeitgenössischen Musik und Oper fortzubilden. Sie werden nicht marginalisiert, sondern eng in das Programm des Festivals eingebunden. Zu den „Lehrern“ zählten im Lauf der Jahre einige der namhaftesten Künstler unserer Gegenwart.

	  Das Pygmalion-Orchester wird von Raphaël Pichon geleitet Foto: Pygmalion-Orchester

Das Pygmalion-Orchester wird von Raphaël Pichon geleitet Foto: Pygmalion-Orchester

Die Präsentation von Szenen aus Mozart-Opern durch neun Teilnehmer der heurigen Académie geriet zu einem umjubelten Glanzlicht des Festivals. Diese jungen Sängerinnen und Sänger haben nicht mehr viel zu lernen. Sie können auf jeder Opernbühne neben erfahrenen Kollegen reüssieren. Und selbst in den kleinen Andeutungen, die ein Konzert zulässt, ließ sich ihr darstellerisches Talent und ihre Spielfreude erkennen. Dass sie in dem Dirigenten Raphaël Pichon und dessen Pygmalion-Orchester aus Bordeaux adäquate Unterstützer fanden, trug sicher zum Erfolg bei. In zwei weiteren Konzerten spielte dieses Ensemble Mozarts vier letzte Symphonien – nicht gerade ein Geniestreich der Programmierung, aber eine angenehme Attraktion für warme Sommerabende. Beim zweiten Konzert erinnerte Pichon an eine zu Mozarts Zeit gängige Gepflogenheit, indem er zwischen zwei Sätzen der Symphonien je eine Arie, gesungen von Siobhan Stagg, einfügte.

Eingeschränktes Vergnügen

Zu den Absolventinnen der Académie (von 2015 und 2016) gehört auch die Mezzosopranistin Lea Desandre. Begleitet von Thomas Dunford auf der Theorbe lieferte sie einen Liederabend mit vorwiegend barocken Kompositionen. Das Konzert fand im malerischen Innenhof des Hôtel Maynier d'Oppède statt. Und hier, in der Abenddämmerung, bricht das Leben in die Kunst ein. Ein Rabe kräht beharrlich. Kaum hebt der Gesang von Lea Desandre an, verstummt der Vogel, als würde er, wohl ein bisschen neidisch, der klaren Stimme lauschen. Dann reißt eine Saite der Laute. Kaum ist die Zwangspause zu Ende, erinnert ein Flugzeug an die Distanz der Gegenwart von Komponisten wie Charpentier, Visée oder Couperin.

Julie Fuchs mischte, begleitet am Klavier von Alphonse Cemin, Lieder von Komponisten des 19. und 20. Jahrhunderts – Debussy, Poulenc, Crumb – mit Chansons. Wer freilich die Interpretationen der unvergessenen Barbara selbst kennt, mag zweifeln, ob sie durch eine am akademischen Gesang orientierte Stimme übertroffen werden können. Buchstäblich eingeschränkt war das Vergnügen des Zuhörens auch durch die allzu eng aufgestellte Bestuhlung und den Ellbogen des Nachbarn im eigenen Brustkorb, zumal die Hälfte der Plätze für die Gäste der Sponsoren reserviert war.

Gleich zwei französische Streichquartette, das Van Kuijk Quartett und das Tana Quartett, hatten Wolfgang Rihm auf dem Programm. Das Van Kujik Quartett ergänzte Rihm mit Schostakowitsch und Tschaikowski sowie mit dem Franzosen Benjamin Attahir, bei dem die Bulgarin Vassilena Serafimova das Quartett mit Perkussionsinstrumenten fulminant antrieb. Das Tana Quartett stellte neben Görgy Ligeti und Philip Glass den, wie Attahir leibhaftig anwesenden, Komponisten Raphaël Cendo vor.

Rihm allerwegen. Nach der Oper und der Kammermusik – das monumentale Werk für opulente Besetzung. Mit Rihms „Über die Linie VIII“ von 2015 begann das Konzert des Orchestre de Paris unter der Leitung von Ingo Metzmacher. Sehr einleuchtend wurde es mit Gustav Mahlers „Lied von der Erde“ kombiniert. Dass zwischen den beiden Kompositionen mehr als 100 Jahre liegen, ist ihnen kaum anzumerken. Erstaunlicherweise wurde Rihm diesmal eher kühl aufgenommen. Die Begeisterung sparte sich das Publikum für Mahler auf.

Mit dem „Feuervogel“ setzten Esa-Pekka Salonen und das renommierte Londoner Philharmonia Orchestra die Strawinsky-Pflege fort, die in Aix-en-Provence über Intendantenwechsel hinweg einen roten Faden legt. Das Finale, wohl einer der wirkungsvollsten Schlüsse der Musikgeschichte, stachelte das Publikum unter Salonens aufgekratztem Dirigat zu Standing Ovations an. Das ließ sich nur noch mit dem „Kanonensong“ aus der „Dreigroschenoper“ als Zugabe toppen.

Melodien aus dem Mittelmeerraum

Nur halbherzig öffnet sich Pierre Audi für Jazz. Ein einziges Konzert im Hôtel Maynier d'Oppède war ihm gewidmet. Der amerikanische Trompeter, Santurspieler und Sänger irakischer Herkunft Amir ElSaffar spielte mit seinem internationalen Sextett zeitgenössischen Bebop auf der Grundlage arabischer Folklore. Nun sind Orientalismen im Jazz nicht ungewöhnlich. Man denke etwa an Duke Ellingtons „Caravan“ oder an Dizzy Gillespies „Night in Tunisia“. Im Gegensatz zu diesen Standards jedoch lässt sich ElSaffars Komposition ernsthaft auf die arabische Harmonik ein. Auch die Zusammensetzung des Two Rivers Ensembles zollt der arabischen Musik Respekt. Neben dem Saxophon des Norwegers Ole Mathisen, dem Kontrabass von Carlos De Rosa und dem Schlagzeug von Nasheet Waits behaupten sich die aus Palästina stammenden Amerikaner Zafer Tawil und Tareq Abboushi mit der Oud und dem Buzuq, einer Variante der griechischen Bouzouki.

Ein Festival, das mit einer Totenmesse und einem Abgesang auf alles, was ausgelöscht wurde und verschwunden ist, begonnen hat, endete hoffnungsvoll mit seinem 2014 ins Leben gerufenen Orchestre des Jeunes de la Méditerranée. Im ersten Konzert präsentierten zehn Musiker des Ensembles auf „klassischen“ und traditionellen regionalen Instrumenten und zwei Sängerinnen eine Folge von Melodien aus dem Mittelmeerraum. Im zweiten Konzert brillierte das volle Orchester mit ElSaffar, Mahler und Brahms. Die Orchestermitglieder stammen aus Frankreich, Syrien, Libanon, Israel, Palästina, Ägypten, Algerien, Tunesien, Marokko, Italien, Griechenland, Zypern, der Türkei, Spanien, Portugal, Slowenien, Kroatien, Montenegro, Albanien, China. Die AfD oder ihre Schwesterpartei, das Rassemblement National, muss verzweifeln angesichts so viel Internationalität.

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ in der Regie von Ivo van Hove, Foto: Festival d'Aix-en-Provence

„Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ Szenenfoto: Festival d'Aix-en-Provence

Die beiden Höhepunkte des diesjährigen Festivals stammen aus Deutschland aus den späten zwanziger Jahren. Neben dem „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ war es Fritz Langs Film „Metropolis“, der seit der Berlinale von 2010 in der restaurierten Fassung von 2 Stunden und 33 Minuten und mit Orchesterbegleitung durch die Welt reist. In Aix-en-Provence wurde das formidable Philharmonia Orchestra vom auf Filmmusik abonnierten Frank Strobel dirigiert, der für dessen Leiter Esa-Pekka Salonen eingesprungen war.

Wir sagten, dass Pierre Audi die Linie seiner Vorgänger bruchlos fortführt. Das hat, neben der Beibehaltung von Schwerpunkten – Mozart, Strawinsky, Rihm –, auch mit einem sich verfestigenden Kartell von Koproduktionspartnern zu tun, die ähnliche stilistische Vorstellungen haben wie der lange in den Niederlanden tätige Franko-Libanese. Dazu gehören, aus dem Dunstkreis von Gerard Mortier, der, wenn man den veröffentlichten Biographien der Macher trauen darf, mit der ganze Welt zusammengearbeitet haben muss, das Brüsseler Théâtre Royal de la Monnaie, die Lyoner Oper, deren Intendant demnächst nach München übersiedelt, Les Théâtres de la Ville de Luxembourg und die Dutch National Opera. Exklusivität ist bei den teuren Produktionen kaum noch zu haben. In Aix-en-Provence ebenso wenig wie in Salzburg. Das muss kein Malheur sein. Man kann für die internationalen Festivals gelten lassen, was Martin Thomas Pesl in einer Bilanz der Wiener Festwochen kürzlich auf nachtkritik.de meinte: „Dem Wiener Publikum ist auch egal, ob etwas schon einmal in Gent, Graz oder Salzburg zu sehen war.“ Zu Ende gedacht heißt das freilich, dass man einen Wanderzirkus der Großproduktionen – eine Rückkehr zum Tourneetheater in moderner Form also – und, sicher konfliktträchtiger, eine Umverteilung der Subventionen in Erwägung ziehen sollte. Man muss sich ja nicht auf Liveübertragungen spießiger Inszenierungen aus der Metropolitan Opera in die Programmkinos jeder Kleinstadt beschränken.

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erstellt am 20.7.2019

Erzbischöfliches Palais in Aix-en-Provence, Foto (Ausschnitt): Bjs [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

Erzbischöfliches Palais in Aix-en-Provence
Foto (Ausschnitt): Bjs [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]

3. bis 22. Juli 2019

Festival d'Aix-en-Provence

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