Ein Plattenvertrag, dann Tonträger- und Tournee-Umsätze, schließlich Superstar-Ruhm? Diese Zeiten sind längst vorbei. Heute wollen sich aufstrebende Musiker immer weniger auf die Musikindustrie verlassen. Lieber suchen sie auf eigene Faust in den Weiten des Internets ihren Weg. Michael Behrendt liefert Einblicke in die Musikproduktion der Gegenwart.

Popsplitter

Sweet Streams Are Made of This

„Unsigned artists“, das sind Künstler ohne „Plattenvertrag“. Künstler, die an kein Tonträger-Label gebunden sind, sich von niemandem per Kontrakt vertreten lassen. Ein Zustand, der wohl auf die überwältigende Mehrheit der Hobby- und Profimusiker zutrifft. Mussten „unsigned artists“ im 20. Jahrhundert noch ein weitgehend unerhörtes Dasein fristen, hat ihnen das digitale Zeitalter schier unendliche Möglichkeiten eröffnet: Heute können selbst produzierte Songs und Tracks ohne Label und komplett in Eigenregie veröffentlicht werden – und zwar im Internet, auf den unterschiedlichsten Plattformen. Das ist, keine Frage, grundsätzlich eine sinnvolle Sache: Denn die Musikkonsumenten von heute kaufen immer weniger klassische Tonträger wie CDs, sondern erwerben ihre Lieblingstitel lieber virtuell als Datenpakete. Oder – und dahin geht der Trend – sie verzichten gleich ganz auf den „Besitz“ von Songs, das heißt, sie streamen ihre Lieblingsmusik nur noch, gegen eine überschaubare Monatsgebühr.

Womit wir auch schon bei den Schattenseiten dieser unendlichen Möglichkeiten sind. Denn gerade „unsigned artists“ befinden sich anno 2019 in einem globalen virtuellen Wettstreit mit unzähligen anderen Künstlern. Sie investieren Unmengen an Liebe, Zeit und Geld in die eigene Musik und die Selbstvermarktung, aber die Chancen, mit ihrer Musik einmal nennenswerte Umsätze zu erzielen, sind gesunken. Sich irgendwo als Band mit einem eigenen Profil zu platzieren, mag vielleicht noch leicht gelingen. Doch um einen größeren Bekanntheitsgrad zu erlangen, muss man verschiedene Hürden nehmen – von Aggregatoren und Streamingdiensten über den Kampf um die Aufnahme in wichtige Playlists bis hin zum Buhlen um die Gunst einflussreicher Webradio-DJs.

Fériel, Gastsängerin bei Buzzing Sound Candy
Fériel, Gastsängerin bei Buzzing Sound Candy

„Auf nervöse A&R-Typen und windige Vertiebspartner habe ich keine Lust mehr, sie reden einem ständig rein und stellen indiskutable Konditionen in den Raum. Ich ziehe mein Ding lieber alleine durch.“ Sagt Rossi, Komponist, Texter und Soundtüftler von Buzzing Sound Candy. Zur Musik von Buzzing Sound Candy kommen wir noch – zuvor soll es um die Arbeitsweise und die Strategie des deutschen Projekts gehen. Denn die haben so etwas wie Modellcharakter für die „unsigned artists“ von heute. Rossi lebt in Frankfurt am Main, wo er einst als Bassist in Punkbands begann, um dann die Welt der Synthesizer für sich zu entdecken und fortan House- und Electro-Musik zu produzieren. In den letzten Jahren hat er auch als DER AXIOMATOR fantasievolle elektronische Akzente gesetzt. Über Musikerforen und andere Kontakte findet er Gastsängerinnen und Gastsänger. Und mal trifft man sich in der realen, analogen Welt zum Gedankenaustausch oder gar zum Aufnehmen – mal entwickelt man Songs standesgemäß über eine größere räumliche Distanz hinweg via Hin- und Herschicken von Audiodateien im Internet. Es ist ein kreatives Pingpong. Oft hat Rossi die Tracks schon vorproduziert, mal mit Gesangsmelodie und Text, mal steuern die Gastvokalisten einen eigenen Text, eine eigene Melodie bei. Auf diese Weise wird ein Track immer wieder überarbeitet und um Sounds und Parts ergänzt – so lange, bis die Endversion steht.

Künstlerauswahl per KI?

Schnell haben sich Buzzing Sound Candy, kurz: B.S.C., eine Webrepräsentanz geschaffen, es war wahrscheinlich die leichteste Etappe auf dem künstlerischen Weg. Hier stellt sich das Projekt vor, bietet Audio-Dateien zum Anhören und zum Kauf an, bestimmt die Preise, hat alles selbst im Griff. Auch das Artwork hat Rossi in Eigenregie entwickelt, für das Betreiben der Homepage zahlt er einen überschaubaren Monatsbeitrag. Doch nur mit einem Bandprofil im Internet kommt man nicht weit. Das Ziel muss sein, in allen virtuellen Music-Stores und auf allen relevanten Streamingportalen vertreten zu sein – von iTunes über Amazon Music bis hin zu Spotify & Co. Und wie erreicht man dieses Ziel? Über einen sogenannten Aggregator. Aggregatoren, oft Ableger großer Unternehmen, auch aus der Musikbranche, bilden so etwas wie die Schnittstelle zwischen Künstlern auf der einen und Stores beziehungsweise Streamingdiensten auf der anderen Seite. Sie sorgen dafür, dass die Künstler mit ihrer Musik überall vertreten sind – und halten dafür natürlich die Hand auf. Aber nicht nur das: Sie prüfen die Musik sogar, bis hin zur Zensur. „Der harmlose B.S.C.-Weihnachtssong EMPATHY!, der im Dancegewand für ein fleischloses, vegetarisches Weihnachtsfest plädierte“, erinnert sich Rossi, „wurde von einem deutschen Aggregator vehement abgelehnt, eigentlich ein Skandal!“ Und: „Wer weiß, ob da nicht schon ein paar Algorithmen am Werk waren, die nach Reizwörtern wie ,slaughter‘ oder ,blood‘ gesucht und dann gnadenlos aussortiert haben. Ich denke sowieso, dass wir mit dem Thema Künstliche Intelligenz zukünftig auch im Musikbereich noch unser blaues Wunder erleben.“ Wie auch immer: B.S.C. zogen die Konsequenz und wechselten. Jetzt sind sie bei einem amerikanischen Aggregator, mit dem es keinerlei Probleme gibt.

Aber sind mit einem guten Aggregator alle Weichen für eine erfolgreiche Karriere von Buzzing Sound Candy gestellt? Mitnichten. Denn optimal wäre es, in die großen Apple- und Spotify-Playlists mit Millionen von Followern aufgenommen zu werden. „Wer da vertreten ist, erreicht auf einen Schlag zigtausend mehr Hörer, das heißt, er wird auch häufiger gestreamt“, weiß Rossi, „und jeder Stream bringt ein kleines bisschen Geld.“ Aber: „Als unsigned artist kommst du da nicht rein. Um in ,beliebte‘ Playlists von sogenannten ,Music influencers‘ reinzukommen, wird ordentlich Geld verlangt. Da blüht mittlerweile ein großer und unseriöser Markt, das ist allgemein bekannt.“ Pay for a Play – diese Strategie kommt für Buzzing Sound Candy nicht infrage. Weshalb das Projekt seine Musik unermüdlich über soziale Medien wie Twitter und Instagram promotet und versucht, regelmäßig von den weltweiten Internetradiostationen gespielt zu werden, am besten in den Shows renommierter DJs. Solche Internetradios gibt es wie Sand am Meer, und auch hier haben sich je nach Musikgenre Topstationen und Star-DJs etabliert. Wer sich einen ersten Einblick verschaffen möchte, schaue nach bei Mixcloud.com, laut Selbstbeschreibung die „global community for audio culture“. Sie lädt ein, mehr als 15 Millionen Radioshows, DJ-Mixes und Podcasts zu entdecken.

Der PR- und Marketing-Aufwand, um Buzzing Sound Candy in den Webradios der Welt zu platzieren, ist enorm. Die aufwendig erstellten Promopakete schicken B.S.C. an die Radiostationen und DJs, dann muss nachgehakt werden. „Wenn möglich, ist man bei Twitter und Instagram praktisch ,always online’“, wie Rossi erklärt. Die Präsenz in den weltweiten Radioshows „bringt erst mal kein Geld, aber Werbung.“ Und motiviert interessierte Hörer, B.S.C. durch Käufe zu unterstützen. Dasselbe gilt für die Remixes, die angesagte DJs für das Projekt erstellen. Diese DJs, die man natürlich auch erst mal für sich gewinnen muss, haben ihr Publikum – und was sie remixen, erfährt gesteigerte Aufmerksamkeit.

Sind Freunde elektrisch?

Womit wir allmählich das vollständige Bild zusammenhaben: Buzzing Sound Candy betreiben ihre eigene Webrepräsentanz www.buzzingsoundcandy.com und sind über den US-Aggregator DistroKid in den globalen Internet-Music-Stores und Streamingdiensten verfügbar. Musikalisch bewegen sie sich in einem wunderbaren Achtzigerjahre-Genre, das in den Weiten des Internets nicht nur überlebt, sondern längst einen eigenen vitalen Mikrokosmos herausgebildet hat. Die Rede ist von Synthpop – oder Synthwave, je nachdem. Mit Verve beschwören Internetmusiker aus aller Welt eine Zeit, in der man noch ehrfurchtsvoll von „Süntis“ sprach und es nach und nach schaffte, Drumcomputern Seele einzuhauchen; als die Haare toupiert und die Gesichter geschminkt, die Klamotten dazu neuromantisch geschnitten waren; als Kraftwerk schüchtern von einem Model schwärmten, Depeche Mode gar nicht genug kriegen konnten und Human League die Stimme Buddhas hörten, während Visage zu Grau verblassten und Gary Numan darüber meditierte, ob Freunde wohl elektrisch seien.

„Synthpop/Synthwave hat in anderen europäischen Ländern eine große Fangemeinde“, sagt Rossi, „in Deutschland ist das Genre noch etwas unterrepräsentiert.“ B.S.C. halten hierzulande die Fahne hoch. Der Projektname – auf Deutsch etwa „Sirrender Klangsüßkram“ – scheint Programm, und das im besten Sinne. Denn die englischsprachigen Songs sind regelrechte Ohrwürmer und verbinden die klassischen elektronischen Klangwelten der Eighties mit modernen House- und Dance-Beats, nicht selten versehen mit eigenwilligen Texten und einem Schuss Melancholie, wenn nicht gar Morbidität. Es sind knackige Synthi-Dance-Tracks, die um klassische Genrethemen wie dunkle Leidenschaften (Tasted Heaven), Retro-Feeling (Back in Time), Euphorie (You Take Me High) und Maschinen (Rise of the Drum Machines) kreisen.

Rossi ist ein überaus kreativer Kopf – und konsequent obendrein. Vorgefertigte Firmensounds und das schnelle Produzieren „am Küchentisch“ oder auf dem Laptop lehnt er ab. Für den virtuosen Autodidakten ist Musik eine künstlerische Herausforderung und solides, schöpferisches Handwerk. Kein Wunder, dass sein Studio durch ein feines Arsenal an analogen wie digitalen Synthesizern und Drummachines beeindruckt. Um die Songs von Buzzing Sound Candy radiotauglich produzieren zu können, hat er sich über Jahre hinweg das Know-how eines Tontechnikers draufgeschafft. Und bevor ein Song seine Veröffentlichung erlebt, wird er in einem professionellen Mastering-Studio auf Industriestandard gehoben. „Da wird aus Enthusiasmus viel Geld investiert“, sagt Rossi ein wenig sarkastisch, „das man wohlweislich nie wieder sieht.“ Denn selbst wenn man großen Erfolg hat: Pro Stream erhalten Künstler einen Betrag von sage und schreibe unter 1 Cent. Um hier auf nennenswerte Umsätze zu kommen, muss man schon ein gefeierter Star sein.

Da stellt sich die Frage: Warum tut man sich das alles an? Die Antwort ist simpel: Aus Liebe zur Musik. Weil man mit Herzblut bei der Sache ist, nicht anders kann. Weil man Teil einer aufregenden Szene ist, immer neue, spannende Leute kennenlernt. Und weil man insgeheim vielleicht doch darauf hofft, erfolgreich mit der Musik zu sein, ein bisschen Geld zu verdienen. B.S.C. scheinen ihren Dreh gefunden zu haben: Mit Weitblick schicken sie ihre digitalen Promokits an die richtigen Multiplikatoren in den Weiten des Webs. Ihre Songs haben Qualität und überzeugen, weshalb sie regelmäßig von Internetradiostationen und in Mixshows auf der ganzen Welt gespielt werden, darunter Artefaktorradio (Mexiko), Radiocoolio (Kanada), Radio Dark Tunnel (Deutschland) und die „Electric Family Tree Radio Show“ (Großbritannien). Bei letzterer legt kein Geringerer als Rusty Egan Hand ans Mischpult, einst Mastermind der Synthpop-Helden Visage (We Fade to Grey) und heute ein einflussreicher DJ in der Szene. Seine einzigartige Art zu moderieren und seine eleganten Übergänge von Track zu Track muss man gehört haben. Auf Bombshellradio (Kanada) haben B.S.C. sogar mal selbst eine Radioshow moderiert – ebenfalls kein schlechter Move zur Steigerung des Bekanntheitsgrads. Auch das Ziel, die eigenen Songs von angesagten DJ-Produzenten remixen zu lassen, haben sie erreicht. Zum Beispiel von Mark Kendrick, der unter seinem Künstlernamen Fused etwa den B.S.C.-Track Back In Time überarbeitet und so für die weitere Verbreitung des Songs unter seinen zahlreichen Followern gesorgt hat. Im Herbst wollen B.S.C. ein Album herausbringen, von dem es auch eine limitierte Vinylauflage geben soll. Vinyl? „Na klar“, sagt Rossi, „Vinyl ist schon länger wieder im Kommen und passt außerdem gut zum Retrofeeling unserer Musik.“ Darüber hinaus sind Vinylveröffentlichungen, ebenso wie Liveauftritte samt Merchandising, weitere Möglichkeiten, auch ein bisschen Geld zu verdienen.

Denn, so Rossis Resümee: „Die Tatsache, dass man selbst bei größerem Bekanntheitsgrad kaum angemessen für seine künstlerische Arbeit bezahlt wird, ist und bleibt das Problem der heutigen ,unsigned artists‘. Für ein paar Euro Monatsabo bekommen die User das gesamte Riesenspektrum an zeitgenössischer Musik präsentiert, das macht aufwendig und mit Liebe produzierte Tracks zur billigen Massenware, zu wertlosen akustischen Accessoires. Gewinne fahren vor allem die Internetriesen ein, auch durch die Werbespots, die Nichtabonnenten zwischen die Titel eingespielt bekommen. Bei den Künstlern jedoch kommt am wenigsten Geld an.“ Weshalb Journalisten wie Kabir Sehgal schon fordern: „Spotify and Apple Music should become record labels so musicians can make a fair living.“ Sehgals Vorschlag: Streamingdienste schließen Verträge mit Künstlern und zahlen ihnen auch vorab schon Honorare, mit denen sie dann weiterarbeiten und neue Musik produzieren können, die wiederum weitere Kunden und Streams nach sich ziehen. „Eine nette Utopie, die aber nicht Wirklichkeit werden wird“, meint Rossi skeptisch – und freut sich auf die Wellen, die der aktuelle Buzzing-Sound-Candy-Titel You Take Me High mit Gastsängerin Fériel hoffentlich noch schlagen wird. Am Erfolg geschnuppert hat das deutsche Synthpop-Projekt bereits – und vielleicht schwebt es irgendwann ja doch einmal im siebten Musikerhimmel.

Bandinfos und Hörproben: http://www.buzzingsoundcandy.com

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erstellt am 18.7.2019

Ein kontroverser Song, ein starkes Album, historische Meilensteine, überraschende künstlerische Konstellationen: Die Reihe Pop-Splitter gibt unkonventionelle Einblicke in die wundersame Welt der Popkultur.

Foto: Buzzing Sound Candy
Foto: Buzzing Sound Candy