Der 1967 geborene, in Berlin lebende Autor und Übersetzer Lothar Quinkenstein arbeitet an einer Sammlung von kurzen Prosatexten. Faust-Kultur veröffentlicht daraus vier Geschichten. „Wo früher das Denkmal war“ heißt die letzte Erzählung, in der Quinkenstein über die fortwährende Gegenwart der Vergangenheit nachdenkt.

»Vier Geschichten vom Rand der Tage«

Wo früher das Denkmal war

Er stieg vom Fahrrad, las die Texte auf den Tafeln, Belehrendes zu Flora und Fauna, betrachtete die Skizze der Biberburg. Ein Biber mit Rucksack begleitete auch den Rundweg (ca. 20 Min.), auf einer Plastikplakette, die hier an einen Baumstamm, dort an einen Zaunpfosten genagelt war. Wertvolle Biotope, Beiträge zur Erhaltung der Vielfalt. Umweltpädagogik, wie geschaffen für Wandertage. Eine Feuchtwiese, ein Sumpfgebiet, das man auf einem Knüppelweg durchqueren konnte, malerisch versanken umgestürzte Bäume, und gezimmerte Brückchen führten über den Bach, an dem er nicht einmal die Augen schließen musste, um sich zu erinnern.
      Tage, die nachwuchsen wie das Gras, in dem die Heupferdchen schrillten, hinter den Gärten vorbei und den Weidepfad hinunter, wo die Hufspuren der Kühe zu harten Formen gebacken waren, und wenn sie dann dasaßen, im dunstigen Schatten der Erlen, auf einem Ast, einem umgestülpten Eimer mit der Aufschrift „Sauerkraut“ oder auf dem Rahmen eines Mofas, das seit Jahren hier verrostete, gewann der große Plan seine Umrisse: einmal mit einem Floß bis ins nächste Dorf fahren. Sie müssten nur auf den Regen warten, der den Bach schiffbar machen würde.
      Bis dahin zerrten sie Autoreifen und Schrott aus dem Schlick, errichteten Staudämme, kerbten die Wassertiefenrekorde mit dem Taschenmesser in ein Obstkistenbrett, und wenn sie nach Hause kamen, schickten die Mütter sie in die Waschküche, damit sie dort die schlammverspritzten Kleider auszögen, denn alles stank zum Himmel nach Kanal.
      Gegen halb sechs am Abend kam aus der Ferne ein Rauschen, schlug einen Bogen, wurde zum Pochen, dann sahen sie den Zug, der sich durch die Wiesen wand. Mei Vadda kummt hemm, sagte Bädsche jedes Mal, und das Versprechen des endlosen Nachmittags schien mit einem Mal verbraucht. Eine halbe Stunde noch bis zum Läuten, und wenn es herüberwehte von dem Hügel, den sie jeden Morgen hinaufgingen zur Schule, ließen sie den Autoreifen ein letztes Mal in die Brühe klatschen und kehrten zurück zu den Gärten.
      Die Wiesen, die Bäume, der Bach. Empfindung von Raum. Als wäre die Landschaft eingerichtet wie eine große Wohnung, im Wechsel von Formen und freien Flächen. Auch die Grüntöne wirken, als wären sie aufeinander abgestimmt. Und für Momente sah er eine Schulklasse eines der Brückchen überqueren, mit bunten Rucksäcken und Mützen, und die Lehrerin, ein Stück voraus schon, bleibt an einer der Tafeln stehen, deutet auf das Dargestellte, deutet über Busch und Tal.
      Mannigfache Wege gehen die Menschen … Wie oft nicht hat er es gelesen. Und wie oft nicht waren sie an diesem Bahnhof in den Zug gestiegen, der sie in die große Stadt bringen sollte, als wäre dies nun endlich die von Sommer zu Sommer verschobene Fahrt mit dem Floß.
      Dort saßen sie auf einer Bank am Ufer des Flusses, rauchten hastige Zigaretten, von denen ihnen schwindlig wurde, und die Frachtschiffe zogen ihre Wellenfächer durch das graugrüne Wasser, das an die betonierten Befestigungen schwappte. Sie streiften durch die Altstadt, warfen verstohlene Blicke in eine Straße, in der vor einem Lokal mit roten Herzen in den Fenstern Frauen an der Hauswand lehnten, tranken ihre ersten Biere in einer Kneipe, die „Zum Stiefel“ hieß, und wenn der Zug zurückfuhr, an den Förderanlagen vorbei, den grauen Halden, um einzutauchen in den Wald, bis sie, drei Bahnhöfe weiter, jedes Stück Weg, jede Biegung, die aus dem Grün auftauchten, von ihren Fahrradtouren kannten, waren sie, unter all den Pendlern, die dösten oder mit der Zeitung raschelten, die Einzigen, die wussten, dass diese Wege so viel weiter reichten als der Spaziergang am Sonntagnachmittag. Und der Bahnsteig des Dorfes, an dessen Ende Kamille und Löwenzahn aus der bröselnden Asphaltdecke sprossen, wurde zum Sinnbild eines jener auf keiner Karte verzeichneten Orte, in denen die erträumte Ferne so vertraut ist wie das Kinderzimmer.
      Ein wolkenloser Sommertag, Grasähren wehen im warmen Wind. Und hier steht er am Biberpfad und erinnert sich an Staudämme, die sie vor fünfunddreißig Jahren gebaut haben. Erinnert sich an das Geräusch des Zuges, mit dem Bädsches Vater von der Arbeit kam.
      Wo früher das Denkmal war, sagten die Leute, wenn sie den Weg zum Bahnhof erklärten. Dass jemand nicht wusste, wo es gestanden hatte, war ausgeschlossen. Wirkliche Fremde gab es hier ja nicht. Vielleicht in der Stadt. Aber auch dort kannte jeder noch mindestens einen im Ministerium aus der Grundschulklasse.
      Ich hörte einst von alten Zeiten reden … Wie oft nicht hatte er auch das gelesen.
      Status quo, bist so faul wie Bohnenstroh, sangen Tiere, Bäume, Felsen, die so gerne mit den Menschen sprachen, und am liebsten von der Heimat, der Schönsten unter den Schönen. Und am Giebel des Hauses, vor dem sie den ersten Ringkampf austrugen auf dem Heimweg nach der Schule, hatte ein stilisiertes Dach gehangen, das dem tatsächlichen darüber nachempfunden war, und unter einem Adler und drei Hakenkreuzen fand die Heimat Worte für die Sehnsucht, ach, die Sehnsucht: „Deutschland, Deutschland, nimm uns auf!“ Als sie ihre Ringkämpfe austrugen, hing dort ein Werbeschild der Rechtsschutzversicherung DAS, und einmal gelang es ihnen wahrhaftig, den Kaugummiautomaten gegenüber mit einem Knopf zu beschummeln, die Kugel aber, die herauskam, war steinhart und schmeckte nach nichts.
      Das Ergebnis des Referendums hörte Gustav Regler aus einem Radio in der Kneipe „Zum Stiefel“, kurz danach floh er nach Frankreich. Sie hörten „Bauer Plath“, „Das Lied vom Königssohn“. Von Regler hatten sie keine halbe Zeile gelesen. Umso besser kannten sie dafür den Steppenwolf. Im Übrigen passte, was sie zu sagen hatten, auf einen Anstecker. „Stoppt Strauß!“, die Nicaragua-Faust – das hing als Galerie der kritischen Erkenntnis am verwaschenen Parka aus dem Army-Shop.
      Mannigfache Wege gehen die Menschen. Die kreuzten sich auch hier, mitten in ihrem Dorf.
      Der eine stieg auf diesem Bahnsteig ein, der andere saß schon im Zug. Beide fuhren als Lehrlinge in die Stadt. Worüber sie sprachen? Das Wetter, den Meister, ein Mädchen? Über die Zukunft? Ihre eigene? Die Zukunft ihres so genannten Vaterlandes?
      Beide fielen 1944. Josef Schäfer im Juli, als seine Panzereinheit ihren Betrag leisten sollte zum großdeutschen Sieg vor Caen. Seiner Maria hatte er kurz zuvor noch eine Postkarte geschickt mit einem verliebten Pärchen zwischen Herzen und Blumen: Sous le signe du bonheur. Im Nachlass seiner Mutter fand sich ein Gebet, das Gott um Hilfe anrief gegen die „Neuheiden“. Wilhelm Ruschel im Oktober in der Ukraine. Als Vertrauensmann des Nationalkomitees „Freies Deutschland“ in einer Division der I. Ukrainischen Front hatte er über Lautsprecher versucht, deutsche Soldaten zur Kapitulation zu bewegen.
      Der erste Bürgermeister des Dorfes nach dem Krieg war einer der wenigen gewesen, die offen widersprochen hatten. Er kam mit ruinierter Gesundheit aus Dachau zurück. Als er fünf Jahre später an den Folgen der Misshandlungen starb, wurden die Schulkinder aufgefordert, sich die Beerdigung anzuschauen, damit sie sähen, wie ein „Gottloser“ begraben wird. Am Rande des Friedhofs. Ohne Blumen, ohne Ehre.
      Knüppelweg und Biberpfad. Heupferdchen in der Mittagsstille.
      Hier kann er sich erinnern, ungestört. An Heinrich und Mathilde. Die Weisheit des Bergmanns, die Tiefen der Natur. An Denkmal und an Vaterland. Den Hans der Hänse, Mutter Erde, Blut und Boden.
      An alles, was er glaubte, je zu wissen.

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erstellt am 11.7.2019

Lothar Quinkenstein, Foto: Adam Czerneńko

Lothar Quinkenstein Foto: Adam Czerneńko

Vita

Lothar Quinkenstein

Geboren 1967 in Bayreuth, Studium der Germanistik und Ethnologie in Freiburg/Breisgau. Lebte 1994-2011 in Polen, seit 2011 in Berlin. Unterrichtet im Rahmen des Studienganges „Interkulturelle Germanistik“ am Collegium Polonicum in Słubice. Zahlreiche Beiträge – Lyrik, Prosa, Essay, Kritik – in deutschen und polnischen Zeitschriften: Sinn und Form, Ostragehege, Palmbaum, Signum, Krautgarten, Miasteczko Poznań, Borussia, Prowincja, Gazeta Malarzy i Poetów, kultura enter. Zuletzt in Buchform erschienen: mitteleuropäische zeit (Gedichte, Lyrikedition 2000, 2016) und Souterrain (Roman, edition.fotoTAPETA, 2019). Übersetzer aus dem Polnischen.