Tuschicks Kolumne

Eine Frage der Haltung

Georges Simenons Kriminalroman „Maigrets Jugendfreund“ entstand 1968 in sechs Tagen. Er zeigt dem bürgerlichen Kommissar am Ende seiner Laufbahn. Jamal Tuschick hat die Neuausgabe gelesen.

Mademoiselle Joséphine Papet führt das Leben einer ausgehaltenen Person in Paris. Sie empfängt Männer in ihrer Wohnung, das macht die Concierge zur Zeugin des Treppauf-Treppab. Einem ist Papet verbundener als den Übrigen. Er heißt Léon Florentin, nennt sich Antiquar und bringt den Spießer nach dem Spaßvogel zum Vorschein. In seiner Jugend regierte ihn der Leichtsinn, er hatte es gut als Sohn eines renommierten Konditors. Nun ist der Glanz dahin. Als höchst zweifelhafte Erscheinung beruft er sich gegenüber Kommissar Maigret auf Rechte, die aus einer gemeinsamen Schulzeit resultieren.

Dem alten Fuchs fällt es nicht leicht, den hasenherzigen Leichtfuß zu duzen, als er ihm nach Jahrzehnten wieder unter die Augen tritt – zuerst als Mordmelder und bald schon als Verdächtiger in der Tötungsangelegenheit Papet.

Ist Florentin ein Lude, der auf Antiquar macht? Ein Lude, der zum Mörder wurde?

Georges Simenon versäumt es auch in „Maigrets Jugendfreund“ nicht, seine Kindheit in belgischer Armut über Strohmänner und -frauen abzuwickeln. Selbstverständlich kriegte sein Maigret als Knabe nicht so viel Taschengeld wie die anderen, die „Eis und Kuchen zwischen Spiegel, Marmor und Golddekor in dieser zuckrig-wohligen Atmosphäre“ in der Konditorei von Florentins Vater verzehrten.

Der Roman entstand 1968 in sechs Tagen. Den Galopp bremsen keine psychologischen Überraschungen. Florentin versagt als Bürger und überlebt als Blender. Maigret kann er nicht täuschen. Fast sofort muss er sich einen Dieb schimpfen lassen.

Interessant ist der Pariser Pointillismus – weich gezeichnete Menschen-im-Café-Szenen auf einer melancholischen Grundierung. Simenon nimmt die Niedergangstraurigkeit zum Ausklang einer Ära vorweg. Er zeigt Maigret am Ende seiner Laufbahn; einen Fleischberg, dem Verachtung fremd geblieben ist. Florentin überführt er der Liederlichkeit. Da liegt die Schuld: kein ordentliches Leben hinbekommen zu haben.

Einem anderen Verdächtigen hält Maigret zugute, dass er seine Worte abwägt und zwar von der leicht erhöhten Warte einer soliden Stellung.

Maigret betreibt Sozialstudien, während er selbst zum Gegenstand seines Meisters wird. Abends erwartet den schwerblütigen Beamten Madame im geblümten Baumwollkleid und serviert „Huhn à l’estragon … garniert mit Spargelspitzen“. Maigret legt die Jacke ab, nicht aber die Krawatte. Immerhin lockert er den Knoten. 

Das ist wichtig. Darum geht es. Deshalb war Maigret so erfolgreich. Er bestand auf eine Bürgerlichkeit, gerade als deren Voraussetzungen ihre Gültigkeit zu verlieren drohten – und deshalb alles zu einer Frage der Haltung geworden war. Maigret reüssierte als Rollenmodell der Vielen, die den revoltierenden Studenten ihre Anzüge entgegentrugen.  

Madame informiert sich. Sie stellt die richtigen Fragen, das gehört zu ihrem Liebreiz, der einfach nicht vergehen will. Maigret hat alles richtig gemacht. Er ist standhaft geblieben. Madames Liebe zeichnet ihn aus. Das ist Simenons Botschaft.   

Georges Simenon, Maigrets Jugendfreund, übersetzt von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Cornelia Künne, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 220 Seiten

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erstellt am 11.7.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.