Tuschicks Kolumne

Das Kaff am Kanal

Georges Simenon braucht nicht viel mehr Worte als ich hier, um den historischen Horizont des 1938 in La Rochelle entstandenen Romans „Chez Krull“ aufzubauen, erkennt Jamal Tuschick.

Ursprünglich stammen die Krulls aus Emden und sind da bis zu den in der Romangegenwart amtierenden Patriarchen in bodenständigen Berufen vertreten. In einem kaum beachteten Vorraum der Geschichte walzt der Korbmachergeselle Cornelius K. durch Deutschland und Frankreich. Er weicht von der Ahnenroute ab, indem er sich in Nordfrankreich nahe einer Wasserstraße niederlässt, ohne je heimisch zu werden in dem Kaff am Kanal. Er lernt kaum Französisch, vergisst aber sein Deutsch.

Die Eingesessenen reagieren reserviert auf den Zugezogenen und dessen vor Ort gegründeten Familie. Krull geht nicht nur seinem Handwerk nach. Er unterhält auch einen von seiner Frau und einer (im Erzähljetzt, dreißig Jahre nach seiner Ankunft) ledig gebliebenen Tochter bewirtschafteten Ausschank/Handelsposten, der von den Nachbarn gemieden wird, für Schiffer und Fuhrleute aber ein beliebter Anlaufpunkt ist.

Simenon braucht nicht viel mehr Worte als ich hier, um den historischen Horizont des 1938 in La Rochelle entstandenen Romans „Chez Krull“ aufzubauen. Der volkstümlichen Halsstarrigkeit jener, die Verachtung aushalten und Protestanten bleiben unter Katholiken, sowie jener, die ausdauernd bleiben in ihrer fremdenfeindlichen Verachtung, begegnet nun der aus Deutschland abgehauene, ganz und gar leichtsinnige Hans Krull.

Er hat ein Jurastudium abgebrochen, während sein französischer Cousin Joseph kurz vor dem Ende eines Medizinstudiums steht. Die Väter waren qualifizierte Arbeiter, die Söhne sollen es als Akademiker einmal besser haben.

Wieder erzeugt Simenon einen einfachen Gegensatz zwischen Gelingen und Misslingen. Wieder erklärt der Autor das Scheitern mit Leichtfertigkeit und den Durchbruch mit Langweiligkeit. Simenon lässt Joseph und seine Schwestern im Vergleich zu dem Cousin als Luftnummer nicht großartig erscheinen.

Hans ist ein Hochstapler, Fälscher und Betrüger und bei alldem so sehr leichten Herzens, dass er jeden auch noch auslacht, der sich von ihm hinters Licht geführt sieht.

Zudem ist er ein zwanghafter Verführer. Seine siebzehnjährige Cousine Lisbeth, die sich nach Kräften am Klavier verbessert (eine weibliche Aufstiegsvariante), sofern sie nicht zur Hausarbeit herangezogen wird, veranlasst Hans noch vor seinem ersten Mittagessen im Haus der französischen Krulls zum Sex. Er trägt eine Schramme davon. Trotzdem besteht er in einem Gespräch mit dem Cousin, der als Schlüssellochgucker zum Zeugen wurde, auf einvernehmlichen Verkehr. Der Fortgang des Geschehens gibt ihm formal recht; Lisbeth wird eine seiner Geliebten.
Das könnte man heute so nicht mehr erzählen, obwohl es immer noch so geschrieben steht. Es gibt keine gültige Lesart mehr für das Weitere. Hans etabliert sich mit einer geleugneten Vergewaltigung in der Familie seines Onkels. Er zieht sämtliche Profite aus dem kleinen Kreis. Obwohl ihn die Geschichte nicht gut aussehen lässt, bleibt er obenauf.

Zwei weitere Außenseiterpaare ergänzen die Konstellation. Ein Deutschstämmiger und seine Tochter dienen den Krulls als angenehme Gesellschaft. Da sind ferner eine sesshaft gewordene Marketenderin, die als beste Kundin die Geduld der Krulls strapaziert, und deren Tochter, die bald ums Leben kommt.

Sidonies Tod provoziert einen Aufstand gegen die Krulls. Das nur am Rand. Interessant ist der verstummte Vater, der wie ein Eremit unter seinen Leuten haust und viel mehr mit seinen Weidentrieben verwandt zu sein scheint. Interessant ist Joseph, der seiner Schwester nicht hilft und hinnimmt, dass sie im Gefühlschaos versinkt. Er verkörpert die Tugend ohne Rückgrat. Simenon weist dieser Kombination ihre Schäbigkeit nach. Joseph verkörpert das Laster gemeinsam mit Hans. Der eine wird handelnd, der andere unterlassend zum Täter.
Zum Schluss. Hans spielt sich als Opfer des Nationalsozialismus auf. Simenon lässt ihn von Konzentrationslagern sprechen – zu einer Zeit, in der angeblich nie jemand je von Konzentrationslagern gehört hat.

Georges Simenon, „Chez Krull“, Roman, Deutsch von Thomas Bodmer, mit einem Nachwort von Julian Barnes, Atlantik bei Hoffmann und Campe, 253 Seiten

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erstellt am 07.7.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.