Der Bezug zu Ort und Zeit war wohl gegeben: Esslingens Fachwerk spielte sich selbst, und menschenverachtende Korruption und die damit erzeugte Rache sind höchst aktuell, weil zeitlos. Dürrenmatts Claire Zachanassian besuchte also die schwäbische Stadt, und Thomas Rothschild war Zeuge beim Besuch der alten Dame.

Theater

Verspäteter Besuch

Güllen, wie die Bühnenbildnerin Marion Eisele es sieht, ist ein um 90 Grad nach hinten geneigtes Fachwerkhaus, wie es sie in Esslingen in großer Zahl gibt. Die Akteure treten von innen durch die Fenster, also von unten auf und verschwinden wieder durch die Öffnungen, die, je nach Bedarf auch als Sitzgelegenheiten oder Falltüren dienen können.

Das Drama, wie wir es seit Jahrtausenden kennen, sei unwiederbringlich tot, erklären uns jene, die daran interessiert sind, dass die spärlichen Subventionen in ihre Projekte statt in die geschmähten Stadttheater fließen. Einer, den man mit einigem Recht zu den überholten Dramatikern zählen könnte, scheint die nicht ganz uneigennützigen Totsagungen freilich standhaft zu dementieren. An ein und demselben Abend sollten innerhalb eines Umkreises von 15 Kilometern zwei „Klassiker“ von Friedrich Dürrenmatt Premiere haben. Erst vor knapp sechs Jahren konnte man am Stuttgarter Schauspiel den „Besuch der alten Dame“ sehen. Einen Monat zuvor hatten „Die Physiker“ an der Württembergischen Landesbühne Premiere. In einem Bäumchen-wechsle-dich-Spiel übersiedeln die Physiker jetzt nach Stuttgart, und die alte Dame besucht Esslingen, wo sie beim allsommerlichen Freilichttheater, passenderweise gleich neben einer bekannten Sektkellerei, dem Risiko von Regen ausgesetzt ist.

Der Wettergott wollte denn den Mangel an Koordination nicht dulden. Er ließ ebenso wenig Gnade walten wie Dürrenmatts alte Dame und es zur vorgesehenen Premiere bis fünf Minuten nach deren Verschiebung tatsächlich regnen. Sie fand mit vier Tagen Verspätung statt. Der Wettergott war versöhnt, die abendliche Hitze mehr als nur ein Ausgleich. Aber auch ohne Intervention des Wetters war die Premiere vom Pech verfolgt. Der Darsteller der männlichen Hauptrolle, der selbst schon für einen erkrankten Kollegen eingesprungen war, hat sich wenige Tage davor verletzt. Die Umbesetzung machte weitere Umbesetzungen erforderlich.

Sabine Bräuning als Claire Zachanassian im roten Kostüm. Foto: Patrick Pfeiffer, Esslingen

Claire Zachanassian – #Sie Auch. Die Zeitstimmung spricht dafür, dem Rachebedürfnis der gedemütigten alten Dame, die geschwängert und dann durch eine gekaufte Falschaussage ins Elend getrieben wurde, jeden denkbaren Erfolg zu wünschen. Der gegenläufige Strang des verzwickten Stücks, die Korrumpierbarkeit der Güllener Bürger hat im Vergleich dazu den Status der akzeptierten Normalität. Dass sie den Lehrer Ill ausliefern, dient der Gerechtigkeit. Dass sie dafür Geld nehmen – sei‘s drum. So sind hier die Leute.

Sabine Bräuning spielt die Zachanassian im roten Kostüm, mit schwarzen Strümpfen überwältigend mit der Gelassenheit der eleganten Dame, die weiß, dass Geld alles kaufen kann. Sie ist die Siegerin ohne Risiko. Oliver Moumouris ist als Ill, nicht weniger eindrucksvoll, in Christof Küsters Regie durchweg ein Opfer, ein unschuldig Verfolgter wie Kafkas Josef K. Seine Schuld ist bald vergessen.

Die oberflächliche Aktualisierung – Zachanassian lässt ihren Butler unter anderem mit Gerhard Schröder telefonieren und Kim grüßen, einer ihrer Gatten sieht aus wie Karl Lagerfeld – hätte man sich sparen können, aber das Publikum goutiert den Spaß des Wiedererkennens.

Kurz vor dem Ende sagt der Bürgermeister: „Wir können nicht leben, wenn wir ein Verbrechen unter uns dulden.“ Denkste. Die alte Damen will für ihre Milliarde – nennen wir sie Marshallplan – Gerechtigkeit. Ill wird in Esslingen in eine goldene Staniolfolie verpackt und steht da wie der gekreuzigte Christus. Aus einer Düse strömt Gas. Die Bürger von Güllen fallen tot um. Im wirklichen Leben haben jene, die den Tod in den Gaskammern von Auschwitz billigend hingenommen haben, bekanntlich zwar das „Wirtschaftswunder“ angenommen, ihre Schuld aber nie beglichen. Sie haben ihre Ills auch nicht ausgeliefert, sondern gedeckt und als Wiedergänger in Politik und Wirtschaft geduldet. Gerechtigkeit gibt es nur im Theater. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Nach dem kollektiven Tod verbrennt auf der Esslinger Bühne ein Mann aus der Entourage der Claire Zachanassian lachend den Scheck, den Sie den Güllenern eben ausgestellt hat. Sie haben ihn nicht verdient.

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erstellt am 04.7.2019

Szenenfoto

Szenenfoto aus Der Besuch der alten Dame, Foto: Patrick Pfeiffer, Esslingen

Theater

Der Besuch der alten Dame

Von Friedrich Dürrenmatt

Regie
Christof Küster

Bühne
Marion Eisele

Kostüme
Marion Eisele

WLB ESSLINGEN