Alle Augen waren auf Klagenfurt gerichtet, alle Klagen an die Jury. Der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb um den gleichnamigen Preis ist oft demütigend für die dort lesenden Autorinnen und Autoren, mit am Pranger stehen aber immer die Mitglieder der Jury. Marcel Inhoff aber hörte hin und nahm kein Blatt vor den Mund.

Ingeborg-Bachmann-Preis 2019

1. Preis an Birgit Birnbacher

Plus ça change…jedes Jahr bringt ein Autor oder eine Autorin einen „typischen Bachmanntext” und in Diskussionen im Publikum, auf Twitter und in der Jury wird erwähnt, dass ein bestimmter Text diese oder jene Eigenschaft habe, die einfach zu Klagenfurt passe. In diesem Jahr war es besonders deutlich in den Diskussionen zu Leander Fischers Text, der von Klaus Kastberger auch prompt als Köder für die Jury demaskiert wurde. Auch der Text von Yannic Han Biao Federer passt gut in dieses Beute- bzw. Köderschema. Es ist schwer, genau festzulegen, was es ist, das so typisch ist. Realismus ist ein wichtiger Bestandteil, ein direkter oder metaphorischer Bezug auf den Kulturbetrieb hilft, und eine größere Zahl an literarischen Bezügen und Wortspielereien ist auch hilfreich. Obwohl nicht sofort als Bachmanntext erkannt, passt Birgit Birnbachers ausgezeichnete (nun im doppelten Wortsinne) Erzählung, eigens für Klagenfurt verfasst, sehr gut in das Zelt am Wörthersee.

Als Sharon Dodua Otoo 2016 den Bachmannpreis gewann, gestand sie in einem Interview hinterher, sie habe nicht um die Bedeutung dieses Preises gewusst, eine Behauptung, die die Juroren so ins Mark getroffen hatte, dass sie noch im nächsten Jahr, bei der Besprechung einer Erzählung des amerikanischen Autors John Wray, der eine hervorragenden Text nach Klagenfurt mitgebracht hatte, wofür er auch mit einem zweiten Preis honoriert wurde, zu Protokoll gaben, dass Wray, im Gegensatz zu Otoo, schon wisse, dass diese Juroren „kluge Leute” sind und ihr Handwerk verstünden. Ein seltener Moment des expliziten Aufbäumens der zunehmend unter Druck geratenden Berufsgruppe der Literaturkritiker. Die Zeiten, in denen Jurymitglieder so berühmt sind, wie es Marcel Reich-Ranicki, Walter Jens oder Peter Härtling waren, sind vorbei.

Es scheint zunehmend, dass die Produktion von „typischen Bachmanntexten”, das kritische Lob und die Preisvergabe für ebensolche Texte, ein Rückzugsort ist für eine Profession, die nicht mehr dieselbe Aufmerksamkeit genießt, wie das früher der Fall war. Es geht um eine interne Konsistenz. Wir, die Kritiker, sind wichtig, und Texte, die auf unseren Geschmack zugeschnitten sind, sind wichtig. Das ist eine Haltung, die, auch in diesem Jahr, individuelle Vorlieben übersteigt: Klaus Kastberger lud einen (im weitesten Sinne) Science Fiction-Text ein, Insa Wilke und Nora Gomringer ebenso. Michael Wiederstein lud einen Text und einen Autor ein, die ich zwar furchtbar fand und finde, denen man jedoch nicht dem ruhigen, fast betulichen literarischen Gestus der „typischen Bachmanntexte” vorwerfen kann. Auch der ebenso von Insa Wilke eingeladenen Ronya Othmann kann man nicht vorwerfen, einen Text vorgelegt zu haben, der genau auf einen Preis abziehlt.

Und trotz all dieser Einladungen und all dieser Texte waren die vier Sieger dieses Jahr, wie man auf Englisch sagt, “straight out of central casting,” also wie eigens für Klagenfurt gecastet. Katharina Schultens mutige Zukunftsvision hat es nicht einmal auf die Shortlist geschafft, ebensowenig Ines Birkhans kluger Text. Jeder einzelne Gewinner in diesem Jahr: Birgit Birnbacher, Leander Fischer, Julia Jost und Yannic Han Biao Federer (in dieser Reihenfolge), präsentierte einen „typischen Bachmanntext.” Es gab keine Ausreißer, wie das noch letztes Jahr der Fall war, als Özlem Dündars polyphonische Evozierung rassistischer Gewalt einen zweiten Preis gewann. Der Modus der Preisvergabe beim Bachmannpreis bewirkt, dass es für fast alle Preise eine Stichwahl gibt. In diesem Jahr war durchgehend die Stichwahl zwischen Yannic Han Biao Federer und einem anderen Autor, bis im vierten Durchgang (gegen die literarische Karikatur von Daniel Heitzler), Federer endlich gewann. Die Texte, die vom strengen Typus abwichen, gewannen nicht nur nichts, sie schafften es nicht einmal in die Stichwahl.

Es ist schwer, den Preis in diesem Jahr nicht als Reaktion auf die zunehmend zweitrangige Rolle, die Vermittler von Literatur spielen, zu verstehen. Die Preise in diesem Jahr sind eine Selbstbestätigung, um aus der Diskussion aus den TDDL 2017 zu zitieren, „dass da kluge Menschen sitzen [und nicht] dumme Menschen.” Es wurde honoriert, dass es manchen Autoren wichtig genug ist, sich dem Geschmack anzupassen (der wie gerade schon festgestellt, gar nicht der individuelle Geschmack ist – Insa Wilke hat z.B. keinen einzigen „typischen” Autor eingeladen – sondern der Geschmack, um es mit Bourdieu zu sagen, des Feldes „Bachmannpreis”). Diese Feststellung ist weitgehend wertfrei – ich persönlich, wie aus meinem Bericht hervorgeht, fand zum Beispiel den Siegertext von Birgit Birnbacher hervorragend, und sie ist eine absolut verdiente Siegerin.

Es stellt sich aber die Frage, ob die Juroren unterschätzen, welche Strahlkraft Literatur – und auch ihre Vermittler – nach wie vor in der lesenden Bevölkerung hat. Ein gutes Barometer dafür ist der alljährliche Publikumspreis, den nicht die Jury vergibt, sondern das Publikum per Online Voting. Den Publikumspreis kann jede/r Autori/in gewinnen, unabhängig davon, ob er/sie bereits einen Preis der Jury bekommen hat. Und in diesem Jahr gewann Ronya Othmann diesen Preis – weil sie einen relevanten, gut geschriebenen, klugen Text mitgebracht hat. Es stellt sich die Frage, ob das, was den „typischen Bachmanntext“ beschreibt, etwas ist, das so vehement verteidigt werden muss, wie es die Diskussionen – und vor allem die Preisvergabe in diesem Jahr, bis hin zur Shortlist – suggeriert hat. Am letzten Vormittag in diesem Juni, wo der Bachmanntext als Gattung auf einem institutionellen Höhepunkt angekommen zu sein scheint, scheint diese Gattung, angesichts der leer ausgehenden Texte von Autorinnen wie Sarah Wipauer, Katharina Schultens und Ines Birkhan, und vor allem angesichts des Publikumspreises für Ronya Othmann eigentlich an einem Endpunkt angekommen.

Auf die nächsten Tage der deutschsprachigen Literatur darf man gespannt sein.

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019

3. Tag: Der Sauhund

Der dritte der 43. Klagenfurter Tage der deutschsprachigen Literatur begann schlecht und endete ebenso schlecht, dazwischen fanden sich zwei weitgehend belanglose Lesungen, eine davon fachlich gut, die andere nicht. An den Favoriten für die Preise hat sich nichts geändert – bzw. sollte sich nichts ändern.

Die erste Autorin am heutigen Tag war Ines Birkhan. Ines Birkhan arbeitet still und leise an einem der interessantesten Werke in der deutschen Literatur – schon in ihrem ersten Roman, Chrysalis, ist klar, dass es sich hier um eine enorm originelle Autorin handelt, obwohl zumindest meiner Meinung nach das Buch nicht gut im eigentlichen Sinne ist, ist es doch zu unfertig. Der Text, den Birkhan nach Klagenfurt brachte, ist ein Auszug aus ihrem dritten Roman, und fühlt sich an wie die Einlösung eines Versprechens. Ihre Arbeit an der Ökologie und der Art und Weise, wie Menschen in die Umwelt eingebunden sind und sein können, und was das bedeuten kann und muss, ist absolut zentral in unserer heutigen Zeit. Ihr kunstvoll montierter Text war sehr gut, und es stand zu erwarten, dass eine Jury, die so manchen schlechten Text der vergangenen Tage partout höher hängen wollte, als es dem Text vielleicht entsprach, darunter z.B. die weniger als mittelmäßigen Texte von Daniel Heitzler und Andrea Gerster, auch Birkhans Text loben würde. Stattdessen schien die Jury, darunter besonders Insa Wilke, angetreten zu sein, den Text und die Autorin mit dem ersten Verriss der diesjährigen TDDL auszustatten. Die Nachdrücklich- und Uneinsichtigkeit von Wilkes Kritik ließ mich fragend zurück. Fast hätte sich ein Juror zum Satz von Marcel Reich-Ranicki durchgerungen, der Jörg Fauser vorgeworfen hatte, sein Text gehöre nicht hierher. Bei allem Spielraum für Geschmacksfragen – es ist schwer zu sehen, dass Daniel Heitzlers vergorener Nachbarschaftsstreit, Gersters verschlafener Kleinstadtzank oder Tom Kummers maskulinistische Fixierungen nach Klagenfurt gehören, Birkhans kunstvoll gearbeiteter Ausschnitt jedoch nicht. Ausnahmsweise durfte die Autorin sogar zu ihrer Verteidigung sprechen, – bzw. sie wurde von der Jury dazu genötigt, so drückend war die Feindseligkeit an diesem Samstagmorgen, und sie erklärte, ihr Text sei montiert gewesen (Hildegard Keller war danach bemüht festzustellen, das habe sie „natürlich“ gesehen.) und bot als intertextuellen Verweis Konrad Bayers kurzen brillanten Roman „Der Kopf des Vitus Bering“ an. Mit Birkhans klugen, knappen Ausführungen war die Jury nicht beruhigt – Insa Wilke war so nachhaltig beschäftigt von der Situation, dass sie direkt in der Diskussion zum nächsten Text nochmal die Gelegenheit nutzte, zwei verdeckte Hiebe auf Birkhans Text abzugeben. Das irritierende an dieser Situation war Wilkes Hauptpunkt – sie sehe die Relevanz des Textes nicht. Nun verweigert sich der von ihr eingeladene Romanauszug von Schulte, der diverse Schwächen hat, fast explizit der aktuellen ökologischen Krise und ihren politischen Fragen. Birkhan spricht in ihrem Auszug nicht nachdrücklich zum Thema, weicht ihm aber auch nicht explizit aus. In ihrem zweiten Roman, dort mit, wie mir scheint, Einflüssen von Autoren wie Jelinek, spricht sie direkt die Flüchtlingskrise an, und auch im vorgelegten Textausschnitt sind zumindest Spuren ausgelegt. Ein sehr guter Text – und eine sehr schlechte Jury.

Vielleicht sehnte sich die Jury auch nach einem richtigen Bachmannpreistext – der erste Text des gestrigen Tages war ja so bieder und so schön passend für Klagenfurt. Und tatsächlich, der zweite Text des heutigen Tages, Leander Fischers fachsprachengeschwängerte Erzählung vom Fliegenfischen verzückte die Jury. Nur Klaus Kastberger (bei diesen TDDL kann man viele Sätze anfangen mit „Nur Klaus Kastberger…“) vermutete sofort, dass dieser Text einen Köder für die Jury ausgelegt hatte, den diese nur zu bereitwillig schluckte. Gefällige bildungsbürgerliche Wortspiele, kluge Manipulationen von Ebenen, relativ präzise Wortwahl – ein Text, der wahrscheinlich einen Preis gewinnt, obwohl er keinen gewinnen sollte.

Ebenso bieder, aber wesentlich weniger gut ausgeführt war, nach der Mittagspause, Lukas Meschiks Text über den Tod seines Vaters – oder eines Vaters. Das gestern besonders prominente Thema der Autofiktion gewann wieder Relevanz, aber in der bislang banalsten Variante: „Wir decken dich zu, denke ich, damit dir nicht so kalt ist. Ich zucke zusammen. Ihm ist nicht mehr kalt, sondern er ist kalt. Er empfindet keine Kälte mehr, sondern sie durchdringt ihn, geht von ihm aus. Ein kleines Wort macht diesen großen Unterschied. Das ist der sprachliche Übergang vom Menschen zum Körper, der einmal Mensch war.“ Das liest sich, als ob es ein Seelsorger verfasst und zusammen mit den üblichen Gedichten und zum Beispiel Henry Scott Hollands populärer „Death is nothing at all“-Predigt zusammen in eine Rede an die Angehörigen verwurstet hat. Es ist dies das zweite Mal in den letzten Jahren, dass jemand eine belanglose Beerdigungserzählung mitgebracht hat, – nach Björn Trebers Beitrag bei den TDDL 2017. Von der Jury kam immerhin die Vermutung, es handele sich, wie bei der mexikanischen Geschichte gestern, um heimliche, sehr gut verborgene Ironie. Soviel Wohlwollen hätte man am Morgen auch Ines Birkhan entgegenbringen können.

Gänzlich vorbei mit dem Wohlwollen – bei der Jury und dem Publikum – war es dann beim letzten Autor, Martin Beyer. Hatte Silvia Tschui noch am ersten Tag eine politisch schwierige Erzählung versucht, die zumindest Hubert Winkels Assoziationen mit Stella oder dem Werk Gert Gaisers entlockte, so schlug Beyers Erzählung in dieselbe Kerbe, aber mit mehr Schwung. Beyers Erzählung skizziert knapp die Hinrichtung der Scholl Geschwister, und zwar aus Sicht eines Handlangers des berüchtigten NS Scharfrichters Johann Reichhart. Beyer geht dabei literarisch unauffällig vor – es wird weitgehend chronologisch erzählt, Rückblenden werden ordentlich eingeleitet und sortiert, sogar traumatische Flashbacks werden angeboten wie manierliche Kanapees. Noch bevor man überhaupt anspricht, was er da erzählt, ist es das wie, das bereits irritiert. Als Gegenbeispiel kann Laurent Binets Heydrich-Roman HHhH dienen – dort wird die Schwierigkeit, als Nachgeborener einen historischen Roman über diese Epoche und ihre Greueltaten zu schreiben, nachdrücklich reflektiert. Gestern noch bot Ronya Othmann eine unvergessliche Lektion darin, wie man über Trauma und Sprache auch schreiben kann, und wie man mit der Spannung zwischen Fiktion und Fakten ringen muss, sogar wenn man es selbst erlebt hat. Keinerlei literarisch-moralische Spannung hingegen bei Martin Beyer, der alles so erzählt, als ob es irgendeine andere Geschichte sei. Er liest seinen Text auch mit einer Märchenonkel-Stimme vor, die diesen Effekt noch verstärkt. Und dann kommt hinzu, was er erzählt. Seine Hauptfigur ist ein Mitläufer. Er hat seinen Bruder im Krieg verloren. Seinen Arm auch. Ach, wäre doch „Hitler, der Sauhund“ nicht gewesen. Bloß keine Verantwortung übernehmen. Vielleicht, das ist Martin Beyers großer moralischer Spannungsbogen hier, kann sein Protagonist nicht anders als solche Morde zu begehen, vielleicht ist es seine Anlage. In einem kurzen Gespräch bemüht er sich um Hans Scholls Sympathie und bedauert, ihn nicht getroffen zu haben. Scholl zweifelt an, dass dies etwas geändert hätte. Auch diese Unausweichlichkeit, womöglich sogar wegen einer Charakterschwäche, ist eine gute Möglichkeit, der Verantwortung aus dem Weg zu gehen. Ach Hitler, der Sauhund. Und die armen Deutschen – schau hin, er hat seinen Arm, seinen Bruder verloren. Das ist das Drama, das Beyer präsentiert, flacher, naiver als Takis Würger in seinem unsäglichen Roman. Es ist unerklärlich, wie diese Texte immer wieder veröffentlicht und, in diesem Fall, eingeladen werden zu einer großen literarischen Veranstaltung. Ach, ich sage das so: „unerklärlich.“ Es ist natürlich nicht unerklärlich, nicht in diesem Land und besonders nicht in diesen Tagen. Wie sagt man – enttäuscht, aber nicht überrascht.

Aber wenigstens bleibt eines – fünf bis sechs starke Autorinnen, von denen hoffentlich fünf morgen einen Preis gewinnen. Es werden in Klagenfurt vier Preise von der Jury, und ein Publikumspreis vergeben. Meiner Meinung nach sind die besten Autorinnen, in der Reihenfolge vom ersten (dem „Bachmannpreis“) bis zum vierten: Sarah Wipauer, Ronya Othmann, Birgit Birnbacher und Julia Jost. Ich fände es außerdem gut, wenn Ines Birkhan den Publikumspreis gewönne. Es ist jetzt alles in der Hand der Jury.

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019

2. Tag: Der letzte Satz

Der zweite Tag der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur hatte es in sich. Er begann aber – und endete – mit einer maskulinen Nabelschau, die zudem weitgehend das Wohlwollen einer Jury fand, die sich wie gestern offenbar der Positivität verschrieben hatte.

Der Tag begann mit einer Erzählung von Yannic Han Biao Federer. Die Erzählung, durchsetzt mit Alltagsbeobachtungen, die genau, aber nicht treffend waren und zum Teil ermüdend langwierig vom Leben eines Schriftstellers in Köln berichteten. Federer hat seinen Stil gefunden, das kann man nach dieser Stunde feststellen – stilistisch und strukturell passt zwischen seinen Debütroman Und Alles Wie Aus Pappmaché und seine Erzählung vom Freitagmorgen kein Blatt Papier. Das ist nicht wie aus Pappmaché, sondern wie aus einem Guss, dieses Werk von Federer. Die Frage bleibt dann, wie interessant man diese écriture finden kann oder muss, und das ist dann wahrscheinlich eine Geschmacksfrage. Was schwer zu bestreiten ist: der träge Fluss der Federerschen Prosa und die Ausflüge um den eigenen Bauchnabel, die, von einigen kleineren Ausnahmen abgesehen, auf banale Art und Weise Banalitäten zelebrieren. Man hört fast Fabian Hischmann heraus, dessen Roman vor einigen Jahren Anlass für eine der nachdrücklicheren Kritiken an jüngerer deutscher Literatur gab. Teile der Jury hörten auch Christian Krachts Faserland heraus – aber zum einen ist dies ein anderer kultureller Moment, und zum anderen ist Krachts Roman mit einer ganz anderen Energie verfasst. Federer kam gut an bei der Jury, die sich in diesem Jahr nicht besonders für analytische Feinheiten interessiert – sein Pech war allerdings die Auslosung. Seiner Autofiktion folgten zwei weitere Autofiktionen, die diese Art des Schreibens aber mit mehr Inhalt, Dringlichkeit und Spannung füllten.

In den Kommentaren zum Werk von Tom Kummer wird manchmal Hunter S. Thompson und Gonzo bemüht – wobei Gonzo nichts ist als eine Ausprägung von New Journalism. Dieses Prinzip der Mischung aus Subjektivität und Objektivität ist aber gerade viel deutlicher im Text von Ronya Othmann, die als Zweite heute las. Eingeladen von Insa Wilke präsentierte die Autorin einen Text der Teils Reportage, Teils Arbeit am Zeugnis, Teils eine fiktionalisierte Fassung des inneren lebens von Ronya Othmann in den Jahren, in denen die Iesidische Bevölkerung des kurdischen Gebiets von ISIS ermordet wurde. Der Text scheint chronologisch zu sein und immer vorwärts zu laufen, von Mord zu Mord. Tatsächlich hat der Text aber eine Ungleichzeitigkeit, die in den Text vorsichtig eingearbeitet ist. Der Text ist in Teilen montiert, bzw. wird als montiert präsentiert. Manches wird direkt erinnert, manches nur mittelbar, die Momente des Erlebens und Erinnerns überlappen, der Schrecken kommt immer wieder, in Wellen. Othmann strukturiert ihren Text um die Idee der Sprachlosigkeit herum, um die Unmöglichkeit, den Genozid, das Überleben adäquat mit Sprache zu beschreiben: “Die Sprachlosigkeit liegt noch unter der Sprache, selbst wenn ein Text da ist. Die Sprachlosigkeit strukturiert den geschrieben Text, legt seine Grammatik fest, seine Form, seine Worte.” Wie Le Grand Voyage von Jorge Semprun ist auch die Erzählung von Othmann um das Moment der Reise organisiert, Reise als Ausweg aus der Sprachlosigkeit, als direktes Erleben des Verlusts. Othmanns Erzählung macht betroffen, aber sie ist vor allem weitgehend hervorragend geschrieben und strukturiert. Schade also, dass sich Teile der Jury einer Analyse verweigern. Vor allem Hildegard Keller findet, wenn da die Autorin sitzt, könne sie schlecht die falsche Verwendung des Akkusativs erklären. Das ist doppelt irritierend: zum einen wäre das das erste Mal, dass Keller oder sonstwer aus der Jury einen Text in diesem jahr so detailliert kritisiert – dass es Frau Keller bei der ersten Autorin mit Migrationshintergrund überkommt, den Akkusativ anzumahnen hat, wie man sagt, ein Geschmäckle. Zum zweiten ist es aber auch so, dass der Text von Othmann es ohne Probleme aushält, literarisch kritisiert zu werden. Der Text sagt dem Leser, dass er Fehler enthält, ja, dass das so angelegt ist: “Vieles von dem, was ich schreibe, hat keine Ordnung.” Die größte Stärke des Textes ist nachgerade eine literarische. Othmann kannte ich vorher nur als ausgezeichnete Lyrikerin – diese Qualität findet sich in der Erzählung auf jeder Seite wieder. Irritierend auch, dass die Jury in ihrer Analyse bei der Frage nach Fiktion oder Wahrheit im literaturwissenschaftlichen Morast stecken bleibt – tatsächlich ist das ein Rätsel, das ich nicht ohne weiteres auflösen kann. Gestern noch wurde Imre Kertesz als Referenz bemüht, auch Autoren wie Primo Levi und Jorge Semprun böten sich hier an – diese Autoren selbst, ebenso wie die vielen hundert Regalmeter an Sekundärliteratur zu diesen Autoren haben sich seit Jahrzehnten mit diesem Spannungsfeld – gerade im Zusammenhang Völkermord und Trauma – auseinandergesetzt. Doch die Jury steckt fest und kann sich auch nicht mehr aus dem Problem befreien. Was bleibt, ist ein hervorragender, bewegender, wichtiger Text – und wie gestern ist der zweite Text des Tages auch der beste.

Aber der dritte Text, eine Erzählung von Birgit Birnbacher, hat es ebenfalls in sich. Eine fast perfekte Erzählung über eine Frau im vielbeschworenen Prekariat, die sich aber nicht aus Not nur schlecht über Wasser hält, sondern weil sie vielleicht noch eine große Geschichte, einen Roman womöglich, zu schreiben hat. Keine Autofiktion im eigentlichen Sinne teilt die Erzählung, aber viele Elemente des Genres, bis hin zur Feststellung, „[ü]berhaupt wisse man bei mir nie, rede man jetzt mit mir oder mit einem Text.“ Vor allem ist sie voller genauer und treffender Beobachtungen. Wo Yannic Federer noch ermüdend ein gutes dutzend Worte auf die Beschreibung der Wand eines Discounters verwandt hat, ist Birnbacher reduzierter, trifft das, was sie beschreibt, aber so genau und so eindeutig, dass sie sofort erkennbar – unverwechselbar sind. Ich kann die Erzählung schlecht analysieren, ohne festzustellen, dass ich mich persönlich von ihr oder in ihr getroffen fühle, und zwar erschreckend genau, bis hin zu dem romanförmigen Loch. Abgesehen davon zeigt Birnbacher aber auch, dass so ein Monolog, so ein Alltag, in den ein ungewöhnliches Objekt eintritt – hier der eponyme Schrank – erzählbar ist ohne banale Längen. Birnbachs Text liest sich flüssig, humorvoll, spannend. Die Erzählung hat keine Längen, sondern vielmehr unterschiedliche Höhepunkte – sie hat nur einen Fehler, und das ist der schwache letzte Satz. Eine Erzählung, die dem Pathos und der Transzendenz klug ausweicht – mit einem soziologischen Beobachter als Gottersatz – und am Ende auf ein dramatisches, aber humorvoll gefedertes Ende zuarbeitet, hat so ein einfaches, simples, pathetisches Ende nicht verdient.

Ich hätte geschrieben: die Jury war sich weitgehend einig, aber noch während der Lesung erlitt Jurorin Nora Gomringer einen Hitzekollaps und musste ins Klinikum eingeliefert werden. Abends sang sie schon wieder am Lendkanal, aber zumindest für die drei letzten Textdiskussionen musste auf die kluge Dichterin verzichtet werden. Und ja, der Rest der Jury war sich weitgehend einig im Lob des Textes von Birgit Birnbacher.

Es war der nächste Text, ein wirrer Text von Daniel Heitzler Zarain, die „Vorband“ von Tom Kummer, der zum ersten Mal einen Riss in der bislang recht einhelligen Meinung der Jury markierte. Es gibt wenig zu sagen über diesen Text. Im Internet gibt es „Poes Gesetz“ (poe’s law), wonach es bestimmte Meinungen gibt, die so verrückt klingen, dass sie sich nicht von Parodien unterscheiden lassen, ohne dass die Parodien explizit als solche gekennzeichnet sind. Die zentrale Frage bei Heitzler Zarains Text ist: Ist das ernst gemeint? Ein grammatikalisch und lexikalisch dubioser Worthaufen, der entweder ein ernstgemeinter Versuch ist, den Duktus von Western- und Abenteuerromanen in die heutige Zeit zu überführen, oder eine Parodie dieser Genres. Ist es das erstere, ist es ein absoluter Reinfall – ist es jedoch das zweitere, wäre der Text es wert, genauer gelesen zu werden. An dieser Unterscheidung zerbrach die Jury – Klaus Kastberger war der Meinung, der Text sei genau so schlecht, wie er oberflächlich scheine, und der Rest der Jury fand im Gegenteil einen cleveren, nahezu brillanten Text vor. Letztlich handelt es sich hier um einen Fall von Poes Gesetz, da der Autor seinen Lesern und Zuhörern nie ein Zeichen gibt, dass er das Chaos unter Kontrolle hat. Das kanonische Beispiel für diese Art des Schreibens findet sich im Werk des großen amerikanischen Postmodernisten Robert Coover. In Ghost Town parodiert Coover liebevoll (und durchaus ernsthaft) das Westerngenre, und in Noir das gleichnamige Genre. In beiden Fällen könnte man beim Durchblättern eine ähnliche Ununterscheidbarkeit behaupten, aber bei sorgfältigem Lesen löst sich das schnell auf. Bei Heitzler Zarain bleibt bis zuletzt die Unklarheit – und es scheint als müsse man Klaus Kastbergers Urteil zustimmen – obwohl der letzte Satz mich zweifeln lässt.

Keine Ambiguitäten finden sich schließlich beim Text des berühmt-berüchtigten Tom Kummer ein. Nach einer Lesung im rollenden Ton überkommener männlicher Coolness möchte man Kummer fast mit Juse Ju und Jilet Ayse sagen: „Übertreib nicht deine Rolle!“ Nichts im Text von Kummer wird in der Doppeldeutigkeit belassen, es gibt keine Potentialitäten, keine Bedeutungen in der Schwebe. Alles wird ganz klar festgenagelt, totgeschrieben. Bern ist eine Geisterstadt, hören wir, und damit wir das auch wirklich verstehen, wird nochmal erklärt, es sei kalt und trostlos. Aha. Die Hauptfigur ist ein Verwandter der „Tom“-Figur aus der Autofiktion „Nina und Tom“, 2017 im Aufbau Verlag erschienen, ein Nachruf auf Kummers verstorbene Frau, bei dem es aber eigentlich, wie immer, primär um Tom Kummer geht. Er ist Luxuslimousinen-Chauffeur in der Schweiz, fährt Nachtschichten. Sein erster Fahrgast ist Afrikaner mit glänzendem Silberzahn. Und natürlich gibt es hier Potentialitäten in der Darstellung, also muss Kummer die ausräumen. Sein Protagonist begeistert seinen Fahrgast mit der Behauptung, weibliche Schweizer Hausangestellte „sind total verrückt nach Senegalesen,“ eine Behauptung, die sein Fahrgast zwar zuerst verwirft, die ihn aber dennoch so beschäftigt, dass der „kräftige Afrikaner“ zum Abschied die Behauptung noch einmal erwähnt. Natürlich. So geht es immer weiter. In einer unangenehmen Szene legt er sich nackt neben seinen nackten Sohn und streichelt ihm den schlafenden Körper – und falls es noch Unklarheiten gibt, wird auf der nächsten Seite klargestellt: sein Sohn schläft immer nackt. Dann fährt er seinen nächsten Fahrgast, eine Forscherin, die in der Pharmabranche arbeitet. In den folgenden Seiten erfährt der Leser von der Wichtigkeit der männlichen Lust, die angeblich so ignoriert wird („der verdammte Feminismus!“) und von der Gier, die den Protagonisten so überfällt, dass er beinahe seine Kundin überfällt. Zum Schluss erscheint ihm seine Frau als tödliches Seemonster – denn Frauen sind entweder Lustobjekte oder gefährlich bei Kummer. Natürlich. Wie auch sonst. Diese Geschichte ist schlecht – und schließt doch ein bisschen eine Klammer mit dem ersten Text des Tages, der maskulinen Nabelschau. Die Jury lässt sich zu Lob hinreißen, obwohl es Mahner gibt, darunter Insa Wilke. Das wagemutigste Lob des Tages kommt von Michael Wiederstein, der Kritik an den tatsächlich schlechten Dialogen abbügelt mit der Feststellung, dass es bei der ersten Affäre um Tom Kummer darum ging, dass er spannende Dialoge erfunden – und sie realen Berühmtheiten in den Mund gelegt hatte. Dialoge, so Wiederstein, seien also nachweislich eine Stärke des Autors. Da muss er den Text des von ihm eingeladenen Autors nicht so genau gelesen haben. Folgendes ist zum Beispiel ein ungekürzter Dialog aus der Erzählung:

Ist das Middle-Earth, fragt Olga plötzlich und lächelt.

Stille.

Wo war Tolkien, als er die Schweiz besuchte?

Ich drehe mich kurz um.

Sie meinen J.R.R. Tolkien, den Autor von „Der Herr der Ringe“?

Ja, genau.

Er besuchte das Lauterbrunnental, das liegt gut einhundert Kilometer südwestlich von hier, mehr weiß ich nicht

An einem Tag, wo Ronya Othmann die Ambiguität zwischen ‚nicht getötet werden‘ und ‚leben‘ zur Diskussion stellt, hören wir den Text eines Autors, der nicht einmal die Ambiguität des Namens Tolkien aushält. Ein aussagekräftiger Tag, mit zwei sehr guten Texten und Schwierigkeiten.

Am Ende des zweiten Tages sind die vier besten Autor*innen – so kann man relativ deutlich sagen – Sarah Wipauer, Ronya Othmann, Birgit Birnbacher und Julia Jost, meiner Meinung nach auch ungefähr in dieser Reihenfolge, obwohl Othmanns Text schon stark nach Siegertext klang.

Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 2019

1. Tag: Das Loch

An einem heißen Donnerstagmorgen schickte der erste Tag der 43. Tage der deutschsprachigen Literatur zwei Autorinnen gewissermaßen ins Weltall und eine Autorin in die Vergangenheit – drei Texte mit klaren, unverwechselbaren Stimmen, wobei nur eine Autorin Sprache, Kontext und Struktur ihres Textes völlig unter Kontrolle hatte. Zwei Autorinnen am Nachmittag lieferten ein realistisches Kontrastprogramm an einem insgesamt dubiosen Tag.

Katharina Schultens, eingeladen von Insa Wilke, machte den Auftakt mit einer Zukunftsvision, relativ behäbig erzählt – da wo es überhaupt erzählt ist. Schultens verliert sich oft in den Beobachtungen ihrer Figuren, reiht starke, ungewöhnliche Beschreibungen einer übermoosten Zukunft, wo Menschsein etwas anderes bedeutet als es das heute tut, an banale Statements wie „Die Welt ist, wie wir sie nicht verhindert haben,“ die vielleicht zu einem belehrenden Aaron Sorkin Monolog passen, nicht jedoch in eine gut gearbeitete Erzählung. Der Text ist schwierig, auch, weil sich nichts richtig bewegt, nichts erzählerisch in der Seite verwurzelt. Der Text steht quer zu einigen Visionen einer ökologisch komplexen Zukunft, wie sie Timothy Morton in seinen Vorlesungen Dark Ecology darstellt, und wie sie sich in Romanen von LeGuin bis VanderMeer darstellt. Am nächsten scheint mir allerdings das frühe Werk von JG Ballard hier zu sein – vor allem auch mit seinen erzählerischen und stilistischen Schwächen, die Ballard in seinen ersten Romanen teils noch hatte. Schultens scheint vor allem an ihrer komplexen Vision gearbeitet zu haben und weniger an der Erzählung darum herum – und es scheint gerade diese Vision zu sein, die der Jury in der morgendlichen Hitze zu schaffen machte. Eine Diskussion der Qualität des Textes fand fast nicht statt – statt dessen wurde Motiv- und Referenzanalyse betrieben, angetrieben von Insa Wilke, die schwaches Lob nicht gelten lassen wollte, wenn man auch nachdrücklicher loben konnte.

Wo Schultens die verschiedenen Elemente ihrer Erzählung nur selten schlüssig verbinden konnte, konnte Sarah Wipauer, die zweite Autorin des Tages (eingeladen von Klaus Kastmeier), gerade mit der Kohärenz ihrer literarischen Vision auftrumpfen. Wipauers Text, inspiriert von einem Ereignis auf der ISS im August des vergangenen Jahres, als die Besatzung überraschend ein Loch vorfand, dessen Provenienz nicht geklärt werden konnte, verbindet Weltraumbegeisterung mit einer sehr österreichischen Geschichte über Kühe und Gespenster, die locker und langsam beginnt, aber zunehmend pointierter wird und gesellschaftliche Zwänge einbaut in die literarische Logik der Erzählung. Stilistisch ist Wipauers Text sehr genau gearbeitet – was der Autorin erlaubt, das Tempo ihrer Erzählung genau zu manipulieren. Sätze, die einen ganzen Absatz umfassen, wechseln sich ab mit kurzen Sätzen, so dass sich ein Leserhythmus ergibt, der sich der Form der Handlung und der inneren Verfasstheit ihrer Protagonisten genau anpaßt. Es gibt nirgends in der Erzählung banale Sätze, und tatsächlich ist es beim Lesen klar, daß Wipauer einer eigenen Vision nachgeht hier – was auch die Juroren bemerkt haben. Trotz einiger Reserviertheit hier und da war die Jury dem Text gegenüber sehr wohlwollend eingestellt – was an diesem Tag allerdings weniger Aussagekraft haben sollte, wie später klar wurde. Hätte Daniel Kehlmann den Text geschrieben, so wurde erklärt, so hätte man manche Elemente zu einem Bestseller machen können.

Dieser Drang zum Populären fand sich dann aber überdeutlich im dritten Text des Vormittags, Silvia Tschuis Romanausschnitt, der in weiten Teilen inspiriert von den revisionistischen Fernsehfilmen Nico Hofmanns zu sein schien. Der Text beginnt mit furchtbarem Agrar-Kitsch, aus dem man, wie sich im Laufe der Lesung herausstellt, nicht zufällig Autoren wie Hermann Löns heraushört, und endet in einer Evozierung der deutschen Erlebnisse der letzten Kriegsmonate, die nicht fehl am Platz wäre in einem von Hofmanns Filmen, ob Unsere Mütter, Unsere Väter, oder Die Flucht oder oder. Die Liste ist lang. Nur Hubert Winkels benannte diese Schwierigkeiten dieses ideologisch dubiosen und literarisch belanglosen Textes relativ klar.

Dass hier so viele Assoziationen zu Film und Fernsehen geweckt werden, paßt übrigens auch zur Diskussion der Jury, in der nicht nur eine überraschend große Menge an Filmen als Referenz bemüht wurden, sondern einige Filme und Serien erwähnt wurden, die auf Romanen beruhen. Besonders bemerkenswert war die Erwähnung der Serie Handmaid’s Tale, statt des Romans von Atwood, des Films Annihilation, statt des Romans von VanderMeer, und des Films Solaris, statt des Romans von Lem. Vielleicht war es die Hitze, vielleicht ein Zeichen der Zeit.
Am Nachmittag allerdings war es vorbei mit den Zeichen der Zeit und dem Moos der Modernität. Die beiden Autorinnen des Nachmittags widmeten sich der traditionellen Erzählung – einmal mit einem hohen Grad an Können, und einmal – ach, es ist schwer zu beschreiben, was Andrea Gerster da geschrieben hat, bzw. wieso man diesen Text hatte einladen wollen. Julia Josts Text erzählt eine Geschichte vom Land, von toten Mädchen, urinierenden Priestern und Naziorden an Österreichischen Wänden, gerade wie aus Bachmanns „Unter Mördern und Irren“ entlehnt. Ihr ist anzumerken, daß sie zum einen eine Dramatikerin ist, und zum anderen gerade Josef Winkler auf die Bühne gebracht hat. Die erste Hälfte von Josts Text ist großartig – die Sprache, adjektivgeschwängert und laut, entwickelt einen mächtigen Sog, zudem ist der Text schreiend lustig. In der zweiten Hälfte ist der Autorin die Mühe anzumerken, das Ganze zum richtigen Ende zu bringen. Die vielen Stimmen müssen eingefangen und unter’s Joch der Handlung gezwungen werden, und aus den vielen wilden Rössern der österreichischen Provinz des Anfangs werden müde Ackergäule zum Ende der Erzählung. Dennoch – Josts Können überzeugt – und überzeugt weitgehend auch die Jury, wobei mittlerweile auffällt, dass es so gar keine richtigen Verrisse gegeben hat bislang.

Das wird schließlich besonders auffällig, geradezu verdächtig, in der Jurydiskussion zum letzten Text, der ein banales Thema auf die banalstmögliche Art und Weise erzählt. Andrea Gerster, eingeladen von Hildegard Keller, hat schon viele Romane veröffentlicht, und auch diese sind – allesamt – betulich und banal erzählt. Wolfgang Tischler erwähnt als Referenz auf Twitter Rosamunde Pilcher, aber so gendern muss man es gar nicht. Tatsächlich macht die Erzählung nichts falsch – sie ist eben einfach fehl am Platz.

Am Ende eines zu langen Tages scheint klar, dass Wipauer, Jost und Schultens die besten drei Texte bislang abgeliefert haben, es scheint aber auch, dass die Kritiker das kritisieren vergessen haben. Vielleicht hat jemand heimlich ein Loch in die Bühne gebohrt, und die Jury hat, ohne es zu merken, ihren Sinn für Kritik darin verloren.

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erstellt am 28.6.2019

Der Bachmannpreis geht in diesem Jahr an Birgit Birnbacher.

Leander Fischer bekommt den Deutschlandfunkpreis. Julia Jost nimmt den KELAG-Preis mit nach Hause. Der 3sat-Preis geht an Yannic Han Biao Federer. Das Publikum stimmte beim BKS-Bank-Preis für Ronya Othmann.

Übertragung von 3sat

Bachmann-Wettbewerb 2019

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