Im letzten Kapitel seines neuen Buches »Brüder im Geiste. Heidegger trifft Hölderlin« kommt Otto A. Böhmer auch auf die letzten Dinge zu sprechen. Es heißt »Der tiefere Grund« und beantwortet mit poetischer Melancholie die Frage, die sich wie ein Lebensfaden durch die Philosophiegeschichte zieht, nämlich, woran das Glück nicht hängt.

Romanauszug

Der tiefere Grund

Für gewöhnlich ist es so, dass Dichter und Denker von sich aus auf Sendung gehen, sie sind erpicht darauf, etwas zustande zu bringen, das aus ihrem steigenen Wahlversprechen hervorgeht. Das fertige oder noch nicht ganz fertige Produkt erhält dann ein Originalitätssiegel, das zumindest vorzeigbar ist, gerne aber auch, und sei es auch nur von der internen Prüfstelle erteilt, als genial ausgelobt wird. Die Richtung, in der solche künstlerischen Prozesse verlaufen, ist klar: sie geht vom Künstler aus und führt, mit oder ohne Zwischenstopp auf den Landebahnen der Interpretation, zum Künstler zurück, der sich, zu Recht, als Urheber begreift und wenigstens ein bisschen Anerkennung erwarten darf. Es gibt in diesem hochsensiblen Bereich allerdings auch ganz anderen einen Weg, der beschritten werden kann; er ist weniger gut ausgeschildert, verläuft oft im Ungefähren und erfordert von denen, die ihn gehen, Geduld, Aufmerksamkeit und Demut. Man muß sich aufs Warten verstehen, aufs Zuhören, das auch dann unverzichtbar ist, wenn sich lange, sehr lange niemand zu Wort meldet. Die Kunst, die dahintersteht, ist die Kunst des Vernehmens, sie inszeniert einen bescheiden gedachten, aber in sich großangelegten Lauschangriff auf das Unvordenkliche, den Ursprung der den Menschen überlassenen Zeit-, Welt- und Raum-Gabe, für die, letztlich, ein „verantwortlicher Leiter“ (Kierkegaard) gesucht wird, der sich vom Anbeginn aller Tage, vermutlich aus gutem Grund, bedeckt hält und den man, nach althergebrachter Vorstellung, Gott nennen kann, aber nicht Gott nennen muß. Der Künstler, der an dieser Suchaktion teilnimmt, befindet sich nicht in den Produktionshallen, die bei Bedarf sogar dem Publikumsverkehr zugänglich gemacht werden, sondern sitzt, betont bescheiden, im Empfangshäuschen, das durchgehend geöffnet bleibt, selbst wenn schon länger niemand von Rang mehr empfangen wurde.
Der Dichter Rilke folgte dem daraus abzuleitenden Erkenntnismodell, das dem Ich, gerade weil es ihm viel abverlangt, erst einmal wenig zutraut; er war, so seine Selbstauskunft, „begierig auf die Stimmen, die da kommen sollen“. Hölderlin ist ihm vorausgegangen, er war ein „Vernehmender“, wie sein Bruder im Geiste Heidegger wiederholt feststellte.

Wer sich zu sehr mit Hölderlins Biographie aufhält, könnte sagen: Nicht alles, was Hölderlin vernommen hat, ist ihm bekommen, und auch aus Heideggers Wartestand auf der Lichtung lassen sich keine Erkenntnisse beziehen, die sich für den Geschäftsbetrieb der Nachdenklichen als unverzichtbar erwiesen hätten. Das Warten geht weiter, auf der Lichtung und anderswo. Womöglich ist es ja auch so, dass der Zuspruch, den man zu vernehmen hofft, gar nicht aus dem Umkreis heraus kann, in den er erst einfallen soll: Wir müssen wissen, zumindest aber ahnen, was die Botschaft sein könnte, die an uns ergeht. Nur so nämlich kann sie uns zukommen und (wieder)erkannt werden. Das ist, wenn man so will, der „Kreisgang des Denkens“, von dem Hölderlins Freund Hegel sprach; auch unsere Erwartungen und Hoffnungen und die Bilder der Sehnsucht, von denen wir nicht lassen mögen, sind darin eingegeben.

Eine Erinnerung, nur eine, dann war’s das wohl. In diesem Leben. Weg vom Meer, von Kälte und Schlick und windscharfem Gras. Zurück in südlichere Gefildere, in die Heimat, zurück zu sanft aufgeschwungenen Bergen, zu Wäldern und in Lichtungen, auf denen man manchmal dachte, man bekäme was eingeflüstert, aber dann kam nichts, und es war dennoch schön. Tatsächlich leuchteten die Wälder, jetzt, das sah er, unbe­wegt, von seiner Bettstatt aus; ein Glanz hatte sich erhoben, einschmeichelndes Licht, das zwischen den Baumstämmen zu verharren schien, Wind ging dazu, der ihn, wohlmeinend, an das erinnerte, was er sich, hier unten im Tale, zurechtge­legt hatte. War das nicht eine fast feierliche Stimmung, die man sogar mit Tränen begrüßen durfte, Tränen der Einsichten und der Gewißheit, eine erhebende Stimmung, schon ging’s ihm besser; das Vergangene blieb ja, blieb gegenwärtig, und die Zukunftsmusik, sie wurde wieder und wieder gespielt, ein nicht totzukriegendes Rührstück, an dem so viele Her­zen hingen; er lachte, mußte lachen, auch wenn das seinem Magen mißfiel – in der Schönheit dieser Nacht. Es war still, nur der Wind rauschte, und über dem gewöhn­lichen Himmel, der nun aufgerissen war, tat sich ein zweiter Himmel auf, sternenübersät, ein wahrhaftiges Firmament, mächtig aufgedonnert, so daß man die schlechte Ewigkeit, bis auf weiteres, vergessen konnte und sich stattdessen eine solide, eine grundsolide Ewigkeit vorstellte. Fliehkraft, eine kosmische oder eher komische Reise, das Universum, so nannte man es wohl, war ja, wie es inzwischen hieß, ewig auf Trab, öde Vorstellung eigentlich, eine zersplitterte und doch unglück­lich zusammengehaltene Welt, die sich ständig dehnte und streckte, eine schlecht ausgeschlafene Schöpfung demnach, und wo war der verschlafene Schöpfer; er lachte, der Schöp­fer, erhob sich vom Bett, vorzüglich ging’s ihm wieder, dem Schöpfer, danke der vereinzelten Nachfrage; er verließ den Raum, bekleidet nur für diese eine Nacht, das reichte; die Treppe ging er hinunter, öffnete die Tür, und unten, jetzt un­ten vor dem einen irdischen Gästehaus, büßte der Himmel bereits etwas von seiner Großartigkeit ein, desgleichen der Glanz, der nun eher zum Abglanz wurde, egal; hoch war er noch immer, der Himmel, ein rauschendes, quergelegtes Unendlichkeits­segel, in welches der Wind sich mit einbegeben hatte, so daß immerhin jene Einheitlichkeit verbürgt schien, an der die Wahrnehmungen auf jeden Firlefanz verzichten konn­ten; keine Objektivität mehr, keine Subjektivität, wie gehabt, wie gesehen, auf dem Dach der hiesigen Ruinen etwa hatte er’s ge­fühlt, aber eine solche in sich geschlossene Gewißheit ließ sich ja nicht halten, er mußte das wissen; was zusammen­gehörte, brach auseinander, immer wieder und wieder, so wollte es die Erkenntnismaschine, und er ging unter seinem Himmel einher, der über ihn hinwegzog, Unruhe-Geist, dort oben, uralter Maschinist, längst überfordert mit dem an ihn gerichteten Ansinnen, in den Ruhestand zu treten oder aber, gefälligst, sich zu offenbaren.
Er kam an einem Schwimmbassin vorbei, dessen Wasser vom Wind aufgerauht war; natürlich wäre er jetzt gerne hin­eingesprungen, aber das konnte er auch noch auf dem Rück­weg tun; es sollte ja kein langer und schon gar kein starker Marsch werden, den er ablieferte, eher ein Spaziergang, ver­stohlen, nach renitenter Dichter- und Rentnerart, eine letzte oder vorletzte Verab­schiedung. Eine wunderbare Nacht war dies, eine Nacht zum Sterben; wer durfte sich glücklich schätzen in dieser Nacht, wer starb, eine alte Frau etwa, ein Greis, dazu ein paar Kinder, allesamt beweint von den Hinterbliebenen, die sich nicht trösten lassen wollten, was nur bewies, daß sie Dummköpfe waren; am Leben hing, wer das Sterben noch nicht kannte, und er, er kannte es längst. Um die alte Frau tat es ihm leid, in dieser Nacht; fast konnte man meinen, daß er sie kannte, eine Vertraute aus versunknen schönen Tagen; ihr Gesicht war ihm, für Augenblicke, merkwürdig gewärtig, ein liebes altes Gesicht, in dem die Augen ständig zufielen, so als würde dort, in diesem Gesicht, ein letzter Kampf gegen die Müdigkeit geführt, mit welcher der Tod durch die Lande zog; sie ging ihm zur Hand, Müdigkeit, unverzichtbare Ge­fährtin, täglich bereitete sie seine Geschäfte vor, schöne Per­son, noch immer, wenn auch schon deutlich angejahrt; ver­führerisch war sie, die Müdigkeit, wo er, der stets grau in grau gekleidete Herr Tod, sich unangenehm schroff gab, verführe­risch, mußte wohl sein so, und die alte Frau, die ihn, er sah sie ja noch, an eine Jahrhunderte zurückliegende Kindheit erinnerte, starb; ihre Zeit war gekommen. Er kehrte um; ver­fehlte, vielleicht auch verlorene Stimmung, sein Gespür. Im­merhin tat der Himmel ein übriges, er gab nach, noch in die­ser, nicht mehr so ganz feierlichen Nacht gab er nach, machte sich flach, vor der eigenen Größe flach; kannte man schon, und das Rauschen des Winds wurde zum zögernden, fast lach­haften Wimmern. Er nahm das als Zeichen; durch die rau­schende Nacht also zurück auf sein Lager, die Angelegenheit war geregelt, ein Fall für den himmlischen Beistandsdienst. Der kam dann auch, war aber nicht himmlisch, sondern irdisch, ja noch schlimmer: akademisch, und ein seltsam vierschrötiger Mann, der fast genauso breit wie hoch war, eine seltsame Schwarzwälder Tracht trug und ihm bekannt vorkam wie einer, der einem schon länger nachgestiegen ist, obwohl man ihn erst später, viel später kennenlernen muß, was dann keine reine Freude mehr ist, beugte sich zu ihm herab. »Die Vor­teile, tot zu sein, Herr Hölderlin«, flüsterte der Mann, »sie sind beträchtlich. Ich selbst habe das leider erst etwas spät festgestellt und konnte daraus keinen Nutzen mehr ziehen. Keiner kümmert sich mehr um uns, wenn wir tot sind, keiner, wobei Angehörige und ehrenhaft Trauernde nicht zählen. Es ist ganz einfach und läßt sich, mit ein bißchen Übung, schon zu Lebzeiten bewerkstelligen: Sich wegdenken aus der Menschheit, die Begehrungen aller Art verlernen – und den letzten Rest Kraft auf das Zuschauen verwenden! Ein herrlicher Friedfertiger werden Sie sein, Herr Hölderlin, auf immer und ewig, nichts entgeht Ihnen, wie auch mir, der ich mich Ihnen, ohne daß Sie es merkten, ungefragt angeschlossen habe, nichts mehr entgeht; denken Sie nur; Herr Hölderlin, Sie und ich, die wir, vorwiegend auf mein Betreiben, zusammengefunden haben, wir sind der unsichtbare Zuschauer.”

Wenn aber, trotz versierter Achtsamkeit, eines Tages nichts mehr zu vernehmen ist, jedenfalls nichts Großes, Bleibendes und Bedeutendes, muß uns das, die wir dann womöglich noch mitten im Leben stehen, nicht schrecken, im Gegenteil: Die Beschwernisse fallen ab, vor allem die des Kopfes, wir stehen in der Helle. Aber auch dieser Glanz verfliegt, sogar das Einleuchtende trägt ein Verfallsdatum. Die Botschaft, die uns zugemutet wird, ist schlicht: Der Mensch hat keine Überflugrechte, man zwingt ihn lieber zur Landung. Von der Gewißheit a.D. bleibt eine Ahnung, immerhin; auf die kann man bauen, auch wenn das Wissen ans Vergessen gerät. Ansonsten ist Alltag, der sich manchmal in ein wundersames Licht kleiden läßt, nichts Ernstes, nichts Haltbares, nur etwas zum Staunen und zur seligen Ermüdung. Es gibt jede Menge letzter Worte, aber des Rätsels Lösung gibt es nicht. Gut so: Seltsam leicht fühlen wir uns, in dem einen bedachten Augenblick; unterwegs sind wir und schon angekommen. Selbsterkenntnis wird nicht mehr gefordert, auch nicht Selbstfindung. Das Glück hängt nicht am Ich.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Dr. rer. nat. Harald Wenk - ( 15-07-2019 05:59:28 )
Hölderlins Freundschasft zu Hegel hat zwei arge Brüche. Der Verrat Hegels an Spinoza, dre Kirchenkritik, und das "Hängenlassen von Hegel und Schelling von Hölderlin im "Verücktenturm".

Hölderlin hat sich ausserordentlich abfällig über die Deutschen ausghelassen so das dr zweifelsfrfeie Militär-NATIONALIST Heigdegger e alles andere als Bruder im Geiste Höldrelinsist.
Dr war ein verlogener Liebdiener der NAZI Barbaren, diese auch noch
leider philosopisch, der Herr Heidegger, d. h.das BARABARENTUM INTREKTUELL, hoffähig gemacht hat.

Da hat Hölderlin zentral das absolute Gegenteil GEFORDERT!

Kommentar eintragen









erstellt am 24.6.2019

Otto A. Böhmer
Otto A. Böhmer, Foto: privat

Otto A. Böhmer
Brüder im Geiste. Heidegger trifft Hölderlin
Gebunden, 144 Seiten
ISBN: 978-3-495-49073-0
Verlag Karl Alber, 2019

Buch bestellen