Viele deutsche Kinderverse setzen auf Belehrung und Disziplinierung. Der englische „nursery rhyme“ lebt von originär literarischen Mitteln und dem, was manche als Nonsens empfinden. Thomas Rothschild zeigt anhand von Textbeispielen, welche Wirkung „nursery rhymes“ entfalten können.

Lob der nursery rhymes

Wenn Kühe über den Mond springen

Wenn die Befürworter des Genderns in der Sprache recht haben – um wie viel mehr muss Sprache, wo sich ihre Wirkung durch literarische Mittel vervielfacht, das Bild von der Welt und erst recht von Literatur prägen. Die erste Begegnung mit Poesie findet statt, wenn Eltern ihre eigenen kindlichen Erfahrungen mündlich in Form von Kinderreimen, gesprochen oder gesungen, an ihren Nachwuchs weitergeben. Generationen von deutschsprachigen Kindern wurden mit der „schwarzen Pädagogik“ des Arztes Heinrich Hoffmann erzogen, wonach verbrennt, wer mit Zündhölzern hantiert, den Daumen verliert, wer diesen lutscht, verhungert, wer seine Suppe nicht isst, oder ins Wasser fällt, wer in die Luft guckt. Unzählige deutsche Kinderverse folgen diesem Modell. Sie drohen mit drastischen Strafen, wenn nicht beherzigt wird, was die Verfasser für gut und richtig halten.

Im englischen „nursery rhyme“ hat sich eine ganz andere Überlieferung durchgesetzt. Er setzt nicht so sehr auf Belehrung und Disziplinierung, wie auf phonetische und prosodische Effekte, also auf originär literarische Mittel, und ordnet ihnen die Semantik unter. Das erlaubt ihm, was auf Logik fixierte Leser als Nonsens empfinden. Zwar haben Forscher für einzelne nursery rhymes historische Bezüge entdeckt, die aber heute niemand mehr erkennt und versteht. Die Texte „funktionieren“ trotzdem. Der so genannte Nonsens kann in der Variante des Absurden, des Grotesken auftreten und hat oft einen humoristischen Charakter. Dieses Kennzeichen des nursery rhymes wurde in der englischen Tradition auch in die Literatur für Erwachsene übernommen, namentlich von Edward Lear. Seine Limericks sind keineswegs überholt. Noch heute kann, wer in der englischen Sprache aufgewachsen ist, Limericks auswendig aufsagen wie ein Deutschsprachiger „Die Bürgschaft“ oder den „Erlkönig“, und heute noch werden Limericks geschrieben, die beides aufweisen: das kanonisierte Metrum und Reimschema und die „unsinnige“ Aussage.

In der deutschsprachigen Literatur fallen einem höchstens Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, in neuerer Zeit vielleicht Georg Kreisler und Robert Gernhardt ein, wenn es um Nonsens in der Literatur geht. Gegen ein dogmatisches Verständnis, das Goethes „Faust“ für den Höhepunkt der deutschen Nationalliteratur hält, kamen sie nicht an. Wer sich in ihre Nachfolge wagt, wird als trivial gescholten (was er freilich – man denke an Eugen Roth – tatsächlich sein kann).

Diese Prägung von den ersten Lebensjahren an dokumentiert sich auch im schulischen Deutschunterricht und in der Literaturkritik. Geschätzt wird der Tiefsinn, der psychologische oder politische Erkenntniswert. Das Sensorium für das Literarische, das Nutzlose, also keinem praktischen Zweck Unterworfene, das poetische von funktionaler Rede unterscheidet, ist unterentwickelt. Den deutschen Rezensenten liegt, was sie für philosophisch halten und was mit Philosophie so viel zu tun hat wie Sloterdijk mit Hegel, näher als Ästhetik.

Um nicht allzu abstrakt zu bleiben, seien hier ein paar jedem englischen Kind vertraute Beispiele zitiert.

Hey diddle diddle,
The cat and the fiddle,
The cow jumped over the moon;
The little dog laughed
To see such sport,
And the dish ran away with the spoon.

Auffällig ist hier wie in vielen nursery rhymes die Häufigkeit von Tieren als Protagonisten. Sie deutet auf die Herkunft aus einer vorindustriellen Epoche, als Kinder ihre primären Erfahrungen aus einer ländlichen Umwelt bezogen. Nicht nur können diese Tiere sprechen und menschlich handeln wie im Märchen und in der Tierfabel, es ist ihnen auch jeder Unfug – mit den Maßstäben des naturwissenschaftlichen Rationalismus: jeder Nonsens – zuzutrauen. Eine Kuh kann über den Mond springen, wie eine anthropomorphe Schüssel mit einem Löffel davonlaufen kann.

Hickory, dickory, dock,
The mouse ran up the clock.
The clock struck one,
The mouse ran down,
Hickory, dickory, dock.

Anstelle einer bedeutungsvollen „Erzählung“ amüsieren hier der – wenn auch unreine – Reim sowie Nonsenssilben und -mehrsilber, wie man sie auch in deutschen Auszählreimen vorfindet. Sie entsprechen der spielerischen Lust an der Erfindung lautlich einprägsamer „Quatschwörter“, wie man sie bei Kindern beobachten kann, ehe sie gedrillt werden, die Sprache den Erfordernissen der Kommunikation unterzuordnen.

Einer der auch außerhalb Englands bekanntesten und oft zitierten nursery rhymes ist schon durch die Namensgebung seines „Helden“ bemerkenswert:

Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall;
All the king‘s horses,
And all the king‘s men,
Couldn‘t put Humpty together again.

Wer Vergleichbares in deutschen Kinderreimen sucht, wird am ehesten in Peter Rühmkorfs kommentierter Sammlung „Über das Volksvermögen“ fündig. Aber erstens will Rühmkorf gerade beweisen, dass Kinderverse weder anarchisch, noch unlogisch, noch absurd seien. Ihn interessiert das (verdrängte) „Obszöne“ mehr als das verspielt Literarische. Und zweitens sind die deutschen Exemplare im Gegensatz zu den englischen größtenteils nicht mehr lebendig. Sie galten schon, als Rühmkorf sie veröffentlicht hat, als Entdeckung.

Sicher ist der folgende Auszählreim auch antiautoritär. Vor allem aber ist er genial gereimt. Und wenn der Binnenreim treffsicher auf die Kisten zielt, ist er fast schon englisch.

Drei Polizisten
Pissten in die Kisten
Einer pisst vorbei
Und du bist frei

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erstellt am 24.6.2019

Alice und Humpty Dumpty, Illustration von John Tenniel, 1871

Alice und Humpty Dumpty
Illustration von John Tenniel, 1871