„Nach Nordkorea“ ist ein Reise-Essay von Michael Ostheimer. Er besuchte das totalitär regierte Land als Teil einer internationalen Gruppe. Im dritten und letzten Teil des Essays in Versform beschäftigt sich der Autor mit den langanhaltenden Nachwirkungen seiner Reise.

Originaltext, Teil 3

Nach Nordkorea

III. Nach Nordkorea

1

Nach der Rückkehr an meinen damaligen Wohnort Peking
An verschiedenen Orten
Sind wir verschiedene Menschen
Verschlug es mir
Angesichts meiner spekulativen Synthesen
Aus flackernden Erinnerungen beklemmenden Empfindungen ungeheuren Mutmaßungen
Über das Unwahrscheinliche aber Wirkliche
Wiederholt an die Grenzen des Mitteilbaren stoßend
Erst einmal die Sprache
Mit den Abzügen meiner Nordkorea-Bilder aus dem Fotoladen kommend
Traf ich zwei deutsche Philosophie-Professoren
Eigens eines Kant-Kongresses wegen in die chinesische Hauptstadt gereist
Die lieber folkloristische Mitbringsel
Und westliche Zigaretten erhandeln wollten
Als mit mir über die Grenzen des Verstehens
Die Scham der Fremdheit
Die abgründigen Prinzipien des Daseins
In der nordkoreanischen Welt zu sprechen

2

12 Jahre später
In Nordkorea gab es zur dynastischen Nachfolge
Namens Kim Jong-un anscheinend keine Alternative
Herodot zufolge haben Homer und Hesiod
Den Griechen ihr Göttergeschlecht geschaffen
Den Nordkoreanern hat Kim Il-Sung
Nach dem Verlust der Souveranität
Durch Japans Kolonisierung
Einen Staat geschenkt
Mit Aussicht auf Verewigung
Für sich und seine Nachfolger
Schlingerte ich aus selbstverschuldetem Liebeskummer
Konturlos dahin
Kreiste mein Innenleben
Karussellartig um die immergleichen Gefühlsausschnitte und Viertelgedanken
Ersehnte ich zur einen Hälfte
Zur anderen Hälfte imaginierte ich
Hinter jeder Ecke das Auftauchen der von mir so Vermissten
Am Morgen war ich bei bei der Lektüre der Tageszeitung
Auf das Foto einer in die Kamera lächelnden Frau gestoßen
Das Gesicht flächendeckend mit den Farben Blau, Weiß und Rot geschminkt
Die obere Hälfte weiß die untere rot
In der aus Augen und Nase gebildeten Partie
Zeichnete sich der blau ausgemalte geographische Umriss Islands ab
Das Zentrum bildete ein rotes von einem weißen Streifen umrandetes Kreuz
Die hellbraunen Haare die ungeachtet der Schminke durchscheinenden Gesichtszüge
Die tiefbraunen Augen die hochstehenden Wangen der breit lächelnde Mund
Wie sie mit dem überstreckten Daumen und den gebeugten Fingern ihrer Rechten
Einen Holzstab mit der Fahne Islands umklammerte
All das ließ mich untrüglich auf die Person schließen
Deren Abwesenheit zu ertragen ich so schwer imstande war
Das Foto in dessen Hintergrund sich schemenhaft eine Menschengruppe abzeichnete
War untertitelt mit
STRAHLENDE GESICHTER BEI DER EUROPAMEISTERSCHAFT
IN REYKJAVIK MACHT PUBLIC VIEWING DERZEIT RICHTIG FREUDE
Minutiös ging ich die Indizien durch
Konnte keine offensichtliche Unstimmigkeit erkennen
So unplausibel es war
Dass sich hinter dem Musterbild
Europameisterschaftsbegeisterter Fußballanhängerschaft
Von der Presse in Islands Hauptstadt aufgestöbert
Die Person meiner flirrenden Tagträume verbarg
So wenig konnte ich mich davon überzeugen
Von einem Trugbild zum Narren gehalten worden zu sein
SO KANN ES sagte ich mir NICHT WEITERGEHEN

3

Foto: Ulrich Wüst
Foto: Ulrich Wüst

Zu jener Zeit war ich wie besessen von einer Schwarzweiß-Fotografie
Aufgenommen von Ulrich Wüst in Magdeburg um 1982
Die zwei etwa zehnjährige fußballspielende Jungen zeigt
In einer Mischung aus Säulen-, Garten-, Plattenbau- und Seelandschaft
Der eine hat gerade mit seinem rechten Fuß den Ball getroffen
Noch ganz im ausklingenden Bewegungsablauf gefangen
Der andere erwartet den Rücken dem Betrachter zugewandt gelassen den Ball
Links von ihnen ragen zwei Säulen aus der Erde
Etwas erhöht und in einem Rechteck eingefasst von einem Natursteinmäuerchen
Den Hintergrund bestimmen die Fassaden von drei Plattenbauten
Und der Anblick auf Teile eines Sees
Die zwei Säulen wirken in dem Plattenbauensemble mit Seeblick
Wie eine Erinnerung an eine ferne
Bis in die griechische Antike zurückreichende Zeit
Auf quadratischen Sockeln und attischen Basen ruhen schmucklose
Sich nach oben leicht verjüngende Säulenschäfte mit Kapitellen aus Akanthusblättern
Es ist Sommer
Der eine Junge ist nur mit einer kurzen Hose bekleidet
Der Schlagschatten der vorderen Säule teilt die hintere in der Hälfte entzwei
Am Rand des dem Fußballspiel dienenden Betonplattengeländes stehen vier Steinbänke
Deren dem Betrachter zugewandten Füße
Wie aus Beton modellierte Löwen-Gestalten erscheinen
Kann eine Fotografie
Wie die Waben eines Bienenstocks den Honig
Die Früchte einer Zeit aufbewahren
Der Lebenshorizont der beiden Jungen
So erschien es mir
War eingelassen in die realsozialistischen Manifestationen
Einer an der Idealstadt orientierten Architektur
Begrenzt von einer Wasserfläche
Auf die bezogen die beiden Säulen gemahnten
Wie diejenigen des Herakles einst
NON PLUS ULTRA
Für die Griechen des Altertums bildeten
Die zwei Säulen der Straße von Gibraltar
Das Ende der Welt
Eine geographische Grenze
Deren Überschreitung physisch als unmöglich galt
Aber die Phantasie dazu herausforderte
Das Jenseits des Nonplusultra vorstellbar zu machen
Die Säulen hatten ihren Weg als Freiluft-Spolien
In das Ensemble der Magdeburger Plattenbauten
Vermutlich als Überbleibsel gefunden
Eines im Zweiten Weltkrieg zerstörten klassizistischen Prachtbaus
Als Zeugnis jener bürgerlichen Epoche
Welche nach der Lesart der marxistischen Geschichtsphilosophie
Im Faschismus kulminierte und vom Sozialismus überwunden wurde
Fungierten sie als materielle Repräsentation einer Schönheit
Der Leid und Schrecken eingeschrieben sind
Während sich dahinter eine Neuordnung
Von Raum- und Sachwelt abzeichnete
Zu wuchtigen Komplexen industrialisierter Bauproduktion
Zusammengefasste gleichförmige Wohneinheiten
Deren Typenprojektierung Hand in Hand ging
Mit der Planung naturbezogenen Freizeiterlebens
Die unlängst fertiggestellte Grünanlage und der künstlich angelegte See
Bildeten die naturräumliche Einbettung
Für die erholungsbedürftige Arbeiterseele
Wenn die Müdigkeit dabei Platz fand
Auf einer Bank mit Löwenfüßen
So konnte sie sich in einer geschichtlichen Linie fühlen
Mit der Löwenrepublik Venedig
Die trotz geringer Ressourcen über ein Jahrtausend lang
Eine bedeutende See- und Wirtschaftsmacht darstellte

4

Der Bildaufbau von Wüsts Fotografie
Folgte einer in der DDR populären
Ikonographie dualer Zeiträumlichkeit
Im Vordergrund tummeln sich architektonische Relikte
Des Alten und Überkommenen
Im Hintergrund ragt
Das Neue und Zukunftsweisende wuchtig in die Höhe
Zwischen diesen beiden Sphären
Vermittelte üblicherweise
Die beherzte Schaffenskraft des Arbeiter-und-Bauern-Staates
Deren Einsatzfreude man im selbstvergessenen Fußballspiel
Der beiden Jungen angelegt sehen konnte
Ignorierte man aber Wüsts Kameraperspektive
Konnte man sich auch vorzustellen
Im Schlagschatten direkt zwischen den beiden Säulen zu stehen
Über die spielenden Kinder hinweg aufs Wasser zu schauen
Aus dieser Perspektive lag die Idee nahe
Die Säulen rahmten den Seeblick warnten davor
Die Grenze der DDR-Welt überschreiten zu wollen
Als zeitgenössische Spielart der Säulen des Herakles
Gleichsam als Säulen des ersten Mannes im Staate namens Erich Honecker
Mahnten sie demnach insbesondere die nachkommenden Generationen
Die Neugier auf das Jenseits der Grenze Einhalt zu gebieten
Da dort nicht das Reich der Freiheit beginne
Sondern ungeahnte Kategorien des Gefährlichen warteten
Es waren exakt diese DDR-spezifischen Zeiträumlichkeiten
Die mich in den letzten Jahren
Geradezu obsessiv gefangengenommen hatten
Je mehr ich derlei Gedanken durchdeklinierte
Je länger ich die Entwürfe vergangener Zukünfte illustrierte
Wie ein Kind das unentwegt Ausmalbücher mit Farben versieht
Anstatt die eigenen Vorstellungen zu bebildern
Desto mehr schienen diese Zusammenhänge
Die Struktur meiner Wahrnehmung zu formen
Verstrickte ich mich immer tiefer im Dickicht einer Kultur
Die von der Existenz eines inzwischen untergegangenen Staates
Ihren Ausgang genommen hatte
Verflüchtigten sich zusehends
Die Vorstellungen von meiner eigenen Zukunft
Ich war in eine Phase geraten
In der meine gesamte Lebensgeschichte wie aufgebraucht schien
Als ob ich auf einmal
Bar jeglicher Beziehungen zu anderen Menschen
Und aller Aufgaben entledigt wäre
Das Wüst-Foto kam mir just in dem Moment wieder in den Sinn
Als die durch Lektüre und Bilder freigesetzten Phantasien
Sich bis zu einer umfassenden Selbstblockade in mir breitgemacht hatten
Zeit
Den Spieß umzudrehen
HIN ZU DEN SCHAUPLÄTZEN sagte ich mir
Öffnete Google-Earth
Suchte die Plattenbaugebiete rund um Magdeburgs Gewässer
Nach zwei Säulen in einer Grünflache ab
Wusste einige Minuten später
Wüsts Foto stammt aus der Nähe des Neustädter Sees

5

Am nächsten Morgen auf dem Weg zum Hauptbahnhof
Mit dem Fahrrad hatte ich gerade das Kanzleramt passiert
Rief es unvermittelt
STOP HIER WIRD EIN FILM GEDREHT
Die Kulissen der Macht
Setzten sich fort in der Macht der Kulisse
Eine schwarze Limousine mit Blaulicht raste vorbei
Die Gesichtszüge des jungen Mannes mit der neonfarbenen Warnweste
Entspannten sich SO JETZT KÖNNEN SIE DURCH
Vor dem Bahnhof Madgeburg-Neustadt fragte ich einen alten Mann
Der einen Metallpfosten in seine Bodenverankerung zurückhievte
Woraus ihn offensichtlich Übermütige in der Nacht gerissen hatten
Ob mein eingeschlagener Weg zum Neustädter See richtig sei
NEIN DA SIND SIE GANZ FALSCH
DA MÜSSEN SIE NACH NORDEN
Nach zwei Kilometern stadtauswärts stand ich
Vor einer Plattenbausiedlung
In die hinein ein schmaler Fußweg führte
Als ich um die Ecke einer Einkaufshalle bog

Erblickte ich am Rand einer Treppe die beiden Säulen
Der Blick auf den See inzwischen verwachsen
Zwei der drei Plattenbauten unlängst abgerissen
Im Umfeld von nunmehr grünem Rasen
Sprießenden Büschen großgewachsenen Bäumen
Näherte ich mich den beiden
Ihre Fremdartigkeit noch heute behauptenden Objekten
Umrundete inspizierte sie
Erregte eine Aufschrift meine Aufmerksamkeit

Der Ton sich lässig gebender Flapsigkeit
In dem die Aufschrift verfasst war
Berührte mich
Warum hatte der mit dem Kürzel für ICH LIEBE DICH Unterzeichnende
Seine Zuversicht mit dem Filzstift einer Stein-Säule anvertraut
Hoffte er darauf
Die von ihm Vermisste würde es lesen
Und als Liebesbeweis auffassen
Der die Beziehungsturbulenzen im Nu zerstreuen würde
Die Säule trug Spuren eines Zerwürfnisses
Das aus der Welt zu schaffen die Worte
Wie ein magischer Bannspruch unternahmen
Das Bauwerk geriet in eine Sphäre des Sakralen
Stätten wie Kirchen oder Tempeln vergleichbar
An denen die Menschen ihre Wünsche
Den Göttern und Heiligen übereignen
Um übernatürliche Kräfte
Zum Eingriff in ihr
In der Regel problembehaftetes
Dasein zu bewegen
Mit einem Mal erschienen mir die Säulen
Mit denen der Wunsch zu einer Einheit verschmolz
WAS KÜMMERT DAS HERZ
DIE GESCHWINDIGKEIT DER ERDE
Als Mahnmal gegen eine Gesellschaft
In der alles Tun
Das sich nicht in der Effektivität des Geldes ausdrücken lässt
Verdächtig ist
Spürte ich wie dieser Ort der mir
Seitdem das Wüst-Foto in mir ankerte
Als Sinnbild des Zeitstillstands galt
Sich aus der Erstarrung löste
Zu vibrieren begann
Das Ensemble aus Plattenbau-Architektur
Und Überbleibseln des letzten Krieges
Erschien mir
Der ich mich unvermittelt fähig wähnte
Im von mir wahrnehmbaren Raum
Ein Mosaik zu lesen
Aus Spuren der Vergangenheit und Vorboten der Zukunft
Wie ein Zeittunnel
Ich drehte mich um die eigene Achse
Registrierte wie die Dinge und Kräfte um mich herum
Sich vermählten und integrierten
Kinder liefen angetrieben von ihren inneren Stimmen umher
Elstern schwirrten in kühnen Bögen durch die Luft
Das Gras spross selbstvergessen
Auf dem Rückweg zum Bahnhof
Sah ich wie eine ältere Frau
Im mühsamen für sie offensichtlich ungewohnten Laufschritt
Zu einer Straßenbahn-Haltestelle eilte
Um zwischen den sich gerade schließenden Falttüren noch hindurchzuschlüpfen
Wirkte die Welt im Lot für einen Moment
Als der Waggon passierte
Mit zwei am Fenster klebenden Gesichtern
Von schwarzhaarigen etwa 30-jährigen Männern
Legte sich ein Erinnerungsbild über meine Wahrnehmung
Von zwei Nordkoreanern
Die in Pjöngjang
Die Hand zum Victory-Zeichen gehoben
Mit der Straßenbahn an mir vorbeifuhren
WIE KANN ICH VERGESSEN
Es war an der Zeit
Meine Nordkorea-Fotos
Noch einmal in Augenschein zu nehmen

IV. Epilog

Im Mai 2018 saß ich
Vor einem vietnamesischen Imbiss
Aus dem gerade ein Bettler
SCHLITZAUGEN fluchend
Hinauskomplimentiert wurde
Am Berliner Mehringplatz
Einst krönender Abschluss der südlichen Friedrichstraße
Um 1970 neu gestaltet nach Plänen von Werner Düttmann
Umringt von typisierten Wohnmodulen
Die Viktoria-Skulptur der 1843 aufgestellten Friedenssäule im Blick
Die Flügel gespreizt wie zum Abflug bereit
Nachdem ich den Traum der Nacht zuvor
Hatte Revue passieren lassen
– Kauere in mich gesunken am Meeresufer
Auf zwei akkurat herausgearbeiteten Sandstufen
Deckenbehütet
Sie verabschiedet sich von mir
Indem sie mir
Mit ihrer gerade noch mein Kinn stützenden Rechten
Durchs Haar fährt
Sie mir dann hinhält
Lasse die zwei Glieder ihres Daumens
Durch die Spitzen meiner Finger gleiten
Sie steigt in einen Holzkahn
Stößt sich mit einem Ruder vom Ufer ab
Gleitet auf das Meer hinaus
Unsere Blicke haften aneinander
Bis ihr Gesicht
Vor dem Horizont
An Kontur verliert –
Hielt ich inne
JETZT WÄRST DU BEREIT
DICH ZU VERSCHENKEN

Die nicht anders gekennzeichneten Fotos sind vom Autor.

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erstellt am 20.6.2019