Claudius Seidl hat für ein Buch Texte aus zwei Jahrzehnten ausgewählt, die er für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben hat. Bescheiden ist der Titel, „Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassisches Feuilleton“, nicht gerade. Aber er passt, meint Vincent Sauer.

Claudius Seidls Feuilletons

Sinn am Sonntag

Claudius Seidl (Screenshot)
Claudius Seidl (Screenshot)

Es ist so eine Sache mit den großen, allgemeinen Begriffen: Wenige können sich langfristig über sie einigen; regelmäßig werden sie als ideologisch verworfen; wer sich darauf einlässt, sie zu gebrauchen, kriegt schnell zu hören, das sei jetzt aber alles schon ganz schön verkürzt. Auf dem Buchmarkt, wo Begriffe ein bisschen Business machen müssen, ist es hingegen gar nichts Ungewöhnliches, zwei solche Kaliber mit einem beiläufigen „und“ auf dem Cover zu verknüpfen: Lukács‘ „Geschichte und Klassenbewusstsein“, Foucaults „Überwachen und Strafen“ und viele, viele andere beweisen, dass die kleine Konjunktion, mit der ein Zusammenhang ja erstmal nur großspurig behauptet wird, kein Indiz für Willkür sein muss.

Claudius Seidl hat für ein Buch in der Edition Tiamat nun Texte aus fast zwanzig Jahren ausgewählt, die er für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung geschrieben hat. Es heißt „Die Kunst und das Nichts. Nahezu klassisches Feuilleton“. Bescheiden ist der Titel nicht gerade. Aber er passt. Denn er charakterisiert die Spannung zwischen dem (hoffentlich) schönen Gegenstand der Beschäftigung eines Feuilletonschreibers und das Wissen darum, dass auch das gelungenste Kunstwerk nichts an der Wirklichkeit jenseits der Buchdeckel und Leinwände ändern muss. Dem Nichts, in dem man laut Seidl als Raucher mit einem Bein steht, kommt er in einem kleinen Text über diese „modernste Droge“ nach. Das wird freilich etwas übertrieben, aber gerade „vom Glück, nicht dauernd nur aus der Wirklichkeit berichten zu müssen, handelt dieses Buch.“ Dieses Glück kann aber nur vermittelt werden, wenn man weder die gesellschaftliche Wirklichkeit ausblendet, in der Kunst und Kultur betrieben werden, noch den gesellschaftlichen Status Quo bestimmten lässt, wie die Kunst zu sein hat und wie man denken soll. Heute ist „Feuilleton“, wie Seidl im Vorwort schreibt, oft ein Schimpfwort für die „Irrelevanz der sinnstiftenden Klasse“. Ihm geht es darum, „Feuilleton“ in eine „Methode“ zu verwandeln, um mit ästhetischem Gespür die Wirklichkeit besser zu durchdringen und wiederum durch Kenntnis des gesellschaftlichen und politischen Geschehens den „Eigensinn der Ästhetik“ genauer zu begreifen.

Das Buch fängt mit einer Hymne auf das Filmmuseum München an, wo Seidl „versuchte, dem Film bei seiner Arbeit zuzusehen und zu verstehen, woraus die Gefühle, die mich dann so überwältigen, hergestellt werden.“ Dieses Gebot befolgen die Texte: Es geht (meistens) um die subjektive Erfahrung von Kunst im Spiegel von Gesellschaft, Politik, Geschichte und darum, versuchsweise etwas Objektives zu sagen und nicht nur eine weitere Meinung aufzutischen. „Nahezu klassisch“ sind die Feuilletons vielleicht, weil sie ihre Einsichten ohne große Rechthaberei erlangen, „besonnen“ sind. Seidls Zeitgenossenschaft hat nichts mit der verbissenen Besserwisserei zu tun, liefert den notorischen Kopfschüttlern gerade keine Argumente, warum alles den Bach runtergeht. Genauso entzieht sich Seidl aber auch der zwanghaften Begeisterung für all das, was sich mit dem Prädikat „neu“ kurzfristig rentabel machen will und morgen vergessen sein darf. Sein Beispiel hierfür sind die meisten Serien.

Anstatt seine Urteile ideologisch vorneweg abzusichern, lässt sich der Autor auf seine Gegenstände ein. Auf dummdeutsche Ursprungssucht, der man im ZDF-Histotainment frönt, hat er genauso wenig Lust, wie auf das heuchlerische Strafbedürfnis im Fall Kevin Spacey, bei dem Leute jahrelang weggeguckt haben, um sich dann medienwirksam zu entrüsten. Immer wieder werden Geschlechterbilder und -verhältnisse Thema: Den dummen Vorwurf, die Verweichlichung der westlichen Männer sei mit Schuld daran, dass so etwas wie die Kölner Silvesternacht 2015 überhaupt passieren konnte, entkräftet Seidl, indem er dem plumpen Wunsch nach Heldentum nachgeht und Grundlegendes über die Dialektik von Zivilisation in Erinnerung ruft. Er entlarvt, wie die Autorin Hanna Rosin in ihrem Bestseller „Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen“ die totale Anpassung an gesellschaftliche Normen als Emanzipation missversteht. Auch seine kontroverse Antwort auf Henryk M. Broders „Hurra, wir kapitulieren“ ist abgedruckt.

Aber meist nähert sich Seidl doch, ausgehend vom Künstlerischen, dem Gesellschaftlichen: Da geht es um die „Angestelltenphantasie“ James Bond, die Redaktionsspaltungsgefahr durch Rainald Goetz‘ Texte, Helmut Langs Mode und die „Kunst des Verschwindens“, Bertolt Brechts sauteures Proletarieroutfit. Nicht zuletzt findet sich in diesen Feuilletons viel Zeitgeschichte der letzten zwei Dezennien, für die es keinen schönen Ordnungszahlnamen gibt. Als die frühen Texte entstanden, gab es noch keine AfD, keine Finanzkrise und Eurokrise, waren Smartphones noch keine Selbstverständlichkeit. Im letzten, vielleicht schönsten Text des Buchs fordert Seidl „Rettet den Film!“. Es geht ihm aber auch hier nicht darum, der gesamten Filmkunst eine tiefe Krise zu attestieren, sondern ums empfindliche, endliche, kostspielige Material, auf dem sich das Lichtspiel abbildete, bevor das digitale Zeitalter mit schier unendlichen Speicherplatz winkte, insgeheim aber dazu verlockte, Filme ohne Welt, ohne den Widerstand der Materialität zu drehen. „Dass die Szenen und Bilder eines Films nicht einfach Ergebnis eines künstlerischen Willens sind, dass also so eine Szene, mit ihrem Licht, ihrem Schauplatz, den Schauspielern viel zu komplex ist, als dass sich das alles dem künstlerischen Willen des Regisseurs oder des Kameramanns unterwürfe: Das ist der Grund, warum wir so gerne glauben, wir sähen im Kino dem Leben (und dem Tod) bei der Arbeit zu.“ Das ist präzise, subjektiv gefärbte Analyse, die vor etwas warnt, ohne in Pessimismus zu verfallen.

Von Adorno bis Žižek werden die großen Berufsdenker nicht ignoriert. Karl Heinz Bohrers Diktum, die Moderne mache Anleihen bei der Zukunft, und Rimbauds „Il faut être absolument moderne“ werden sogar mehrmals zitiert (genauso wie die „Panzer“-Körperlichkeit von Heinrich George und Emil Jannings öfters als Negativfolie herhalten muss). Aber Seidl bringt das, was er sieht, hört, liest eben nicht auf den großen Allgemeinbegriff, sondern spürt mit Leichtigkeit und Ernst dem nach, was ihn affiziert: im Kinosaal, im Medientrubel, beim Lesen, im Arbeitsalltag. Deshalb regt „Die Kunst und das Nichts“ dazu an, dieses „und“ für sich selbst zu bestimmen, zu fragen, wie weit gewisse Begriffe einen tragen, zu fragen, was die Ästhetik über Politik verrät und wo die Grenzen ihres Verstehens liegen. Das ist nicht nur ein Späßchen für den Sonntag.

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erstellt am 14.6.2019

Claudius Seidl
Die Kunst und das Nichts
Nahezu klassisches Feuilleton
Broschur, 240 Seiten
ISBN 978-3-89320-244-7
Edition Tiamat, Berlin 2019

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