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Es gibt sie noch, die gedruckten Kulturzeitschriften. Doch muss man sie wegen ihrer relativ kleinen Auflagen zumeist im großen Angebot der gewerblichen Publikationen suchen. In loser Folge werden in Faust-Kultur solche Zeitschriften vorgestellt, um sie sichtbar zu machen. Zum Auftakt liest Bernd Leukert das Kulturmagazin DIE GAZETTE.

ZEIT:GEIST – Zeitschriftenschau

Einst großartig

Gleich zu Beginn dieser Kolumne gerät, was als Empfehlung gedacht war, zur Verlustanzeige. DIE GAZETTE ist ein vierteljährlich erscheinendes, politisches Kulturmagazin, das aktuell für 9 € vor allem in größeren Bahnhofsbuchhandlungen zu bekommen ist, selbstverständlich auch im Abonnement. Was in diesem Fall „politisch“ heißt, liegt sicher näher an den Ideen der legendären Demokratie im antiken Athen, als an den macht- und parteipolitischen Strategien, denen wir heute ausgesetzt sind. Denn die GAZETTE leistete, was anderen Zeitschriften aus parteilichen und moralischen Gründen, wenn nicht, um Konflikte zu vermeiden, aufgegeben haben: Sie führte ein öffentliches Gespräch. Und das ist in einer von Schlagworten geprägten und teilweise verhetzten Atmosphäre keine leichte Aufgabe. Denn das Gespräch entsteht nicht von allein. Die Beiträge müssen nicht nur klug beauftragt und redigiert, sie müssen für ein Heft auch „komponiert“ werden. So fand sich vom ersten GAZETTE-Heft an bis 2018 in seinen Seiten ein schillernder Reigen prominenter Autoren von Carl Amery, Valéry Giscard d’Estaing, Ralph Giordano, Gregor Gysi, Rafik Schami, Erwin Chargaff, György Dalos, Georg Stefan Troller, Klaus Wagenbach, über Robert Menasse, Theo Sommer oder Ralf Fücks, Interviews mit Michael Naumann, Roberto Bolaño oder Peter Gauweiler.

Mit ihrer weit ausgreifenden, programmatischen Selbstbeschreibung belegte die Zeitschrift den Platz, den die sogenannten Qualitätszeitungen unter ökonomischem Druck zugunsten einer falsch verstandenen Popularisierung zu verlassen geneigt sind:

DIE GAZETTE versucht, Themen zur Sprache zu bringen, die von den großen Medien übergangen werden – aus Fahrlässigkeit, oder auch, weil unpopulär, weil zu komplex, gewollt. Themen, die uns alle betreffen, heute und in Zukunft.


DIE GAZETTE will über die Tagespolitik hinaus Fragen stellen, Antworten geben und Perspektiven öffnen, wo andere sie schuldig bleiben.
DIE GAZETTE will zur politischen und gesellschaftlichen Willensbildung beitragen.
DIE GAZETTE ist den Menschenrechten, der sozialen Gerechtigkeit und der gelebten Demokratie verpflichtet.

 Sie zeigt Haltung und Rückgrat.
DIE GAZETTE, fundierter als die Zeitung, aktueller als das Buch.

DIE GAZETTE wurde 1998 als Online-Zeitschrift gegründet und erscheint seit 2002 im Druck, seit 2014 im Verlag Kastner AG in Wolnzach im Landkreis Pfaffenhofen. Ein Chefredakteur, sein Stellvertreter, eine Textchefin, ein Lektor und zwei Layouterinnen, ein Fotochef und eine sechsköpfige Redaktion trugen die Beiträge zusammen, die Autoren und Autorinnen kamen zum Teil aus der Redaktion, zum größeren Teil aus den Chefetagen großer Zeitungsverlage in aller Welt (Der Spiegel, DIE ZEIT, Süddeutsche Zeitung, Abendzeitung München, FAZ, taz, Lo Straniero, Le Monde, Times-Media-Gruppe etc.) aus Rundfunkredaktionen oder aus den Fakultäten von Universitäten, Fachleute also für die jeweils gewählten Themen, – wobei bemerkenswert war, dass nirgendwo Fachjargon den Zugang zum Text versperrt. Auch in der Hinsicht war DIE GAZETTE eine Publikumszeitschrift mit hohem Anspruch, die neben den analytischen, reflektierenden, politischen Betrachtungen immer auch unterhaltsame Beiträge anbot.

Mit den Kopfthemen gingen die Blattmacher zumeist auf aktuelle öffentliche Diskussionen ein, indem sie sie konzentriert und differenziert aufbereiteten. Das Titelthema „Schweigen & Verschweigen“ etwa vereinte einen kurzen philosophischen Essay über die Hermeneutik der Stille von Hans Hunfeld mit einem Bericht über den verschwiegenen Besitz von Grund und Boden von Rüdiger Rossig. Von „alternativen Fakten“ war die Rede, vom Mundtotmachen von Frauen in der #MeToo-Debatte, von den Tabus der Linken bei den Problemen, die uns der Islam bereite, aber auch von Erfahrungen in einem Schweigekloster oder über die Appeasement-Politik der Vergangenheit. Erinnert wurde an die Konferenz in Evian 1938, als kaum ein Land sich bereit erklärte, die flüchtenden Juden aufzunehmen und an die Diktatoren und Populisten 28 Jahre nach dem Mauerfall.

Auch das Titelthema „Wer glaubt uns noch?“, das den ‚Journalismus in der Krise’ in den Vordergrund rückt, zog damit den Populismus, Gedanken über eine Grabstätte, Donald Trump, die Gefährdung der Demokratie und Chinas neue Seidenstraße mit ins Netz der Argumente.

Hinzu traten Erzählungen, Berichte oder Geschichten wie Sebastian Borgers „Nostalgie mit Kopfschuss“ im ‚Brief aus London’ über die Downton Abbey und Kriminalromane erfindende Fellowes-Familie, eine Geschichte, die in der legendären „TransAtlantik“ der 80er Jahre hätte stehen können. In jedem Heft wurden auch „seltene Bücher, Essays oder Artikel von Schriftstellern, die historisch bedeutsam, aber aktuell nicht im Mainstream sind“, dokumentiert, wie William Hazlitts 1821 erschienener Essay „Über das Lesen alter Bücher“. Herrlich!

Die mit Fotos aufgelockerten, zweispaltig gesetzten Beiträge wurden abgelöst von einer Serie von Farbseiten, etwa mit Karikaturen aus dem „Simplicissimus“, royaler Souvenirs, Fotos verlassener Liegenschaften in Berlin von Ciarán Fahey oder eine Graphical Novel von Kate Evans.

Was zur Attraktivität der Zeitschrift beitrug, sind die Lyrikseiten, die in der Zusammenarbeit mit der Stiftung Lyrik Kabinett in jeder Ausgabe erschienen. So konnte man von William Stanley Merwin, der einst mit seinem großen Opus „Folding Cliffs“ Hawaï besang, schön präsentierte Gedichte finden, darunter ein komisches mit dem Titel „Warum manche Leute keine Lyrik lesen“; oder William Aulds Esperanto-Gedichte samt Übersetzung von Clemens Setz; oder drei Generationen ungarischer Dichtung. Auch eine diebische Kurzgeschichte der italienischen Lyrikerin Patrizia Cavalli war zu entdecken, deren zweisprachige Ausgabe ausgewählter Gedichte 2009 bei Hanser erschienen war und die sich 2011 mit ihrem Berlusconi-kritischen Poem „La patria“ auch transalpin bekannt machte.

Kurz, DIE GAZETTE, die Anzeigen nur auf den Innenseiten des Heftumschlags drucken lässt, also fast werbefrei ist, gab den Deutschen zu Denken – und ein Lesevergnügen obendrein.

Beschwörung des Guten

Und nun erschien das erste Heft 2019 (#61 – 01/2019), in dem nahezu alles eben Beschriebene getilgt ist. Unter dem attraktiv nach einem Motiv des Malers Thomas Klingenstein gestalteten Titelbild ist der Hefttitel gesetzt: „ICH! DU! WIR! Trennung und Gem/Einsamkeit, Spaltung und Versöhnung“. Ein Blick ins Impressum: Bis auf eine Bildredakteurin ist die Redaktion ausgetauscht. Neuer Herausgeber und Chefredakteur ist der Journalist Hans Christian Meiser, Enkel des (von 1933 bis 1955) ersten Landesbischofs der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, Hans Meiser. Im Editorial, so als hätte kein redaktioneller Wechsel stattgefunden, denkt der Herausgeber über die Mauer nach („Weltweit gibt es kein schrecklicheres Symbol für die mutwillige Trennung von Menschen als eine Mauer.“) und plädiert dafür, dass das Trennende verschwindet und wir die Einheit wieder finden. Die Philosophin Barbara Strohschein, die beschreibt, wie durch Anerkennung Gemeinschaft entsteht, schnürt dafür seltsame Pakete: „Orban und andere Staatschefs nehmen nicht an der UNO-Konferenz teil, in der eine gemeinsame unverbindliche globale Flüchtlingspolitik beschlossen wird. In der westlich geprägten Welt steigt die Anzahl der Singlehaushalte. …“ Sie stellt Fragen über Fragen, schreibt, dass diese nicht beantwortbar sind. „Dennoch wäre es zu kurz gegriffen, deshalb auf diese Fragen zu verzichten.“ Schließlich erwähnt sie Lebensgemeinschaften, die in ‚Heilungsbiotopen’ zusammenleben und sich in einem ‚Friedensforschungszentrum’ treffen.

Die Politikwissenschaftlerin Annette Heuser sieht sich in einer Zwischenzeit, die man nutzen könnte, um weniger „Ich“ und mehr „Wir“ zu wagen. Der Jurist Joachim von Beust zitiert die Scham- und Empathieforscherin Brenée Brown, die schrieb: „Authentisch sein heißt, … sich von dem verabschieden, was die Leute denken/ … das loslassen, was wir glauben sein zu müssen und zu umarmen, was wir sind …“. Der Tangolehrer und paartherapeutische Berater Ralf Sartori beschreibt das Alleinsein (im Gegensatz zum Einsamsein) als einen Zustand, „dessen wir immer wieder existenziell bedürfen, um … zu uns selbst, zu eben diesem Wesenskern und unserem inneren Du, zurückzukehren.“ Die Journalistin und Mythenforscherin Christa Zettel geht dem Yin und Yang in den Mythologien nach, und der Herausgeber spricht mit der Schauspielerin Jaqueline Fritschi-Cornaz über ihre Rolle als Mutter Teresa. Der Ärztefunktionär Ellis Huber bekräftigt, dass Körper, Geist und Seele oder Individuum und Gemeinde einen Organismus bilden. Und er bezieht sich auf den früheren McKinsey-Berater Fréderic Laloux, der erläutert, „wie wirkungssichere, beseelte und sinnvolle Unternehmen oder Organisationen besser produzieren und erfolgreicher sind.“ Und in „Zu guter Letzt“ berichtet die Kabarettistin Sissi Perlinger von Licht, Liebe und Energie, sowie von glücklichen Menschen in Goa.

Ich will nicht verschweigen, dass es auch zwei Erzählungen von dem libanesisch-amerikanischen Dichterphilosophen Khalil Gibran und der Münchener Autorin Daniela Otto gibt. Und es findet sich ein langes Gedicht des in Andalusien geborenen und in Offenbach am Main lebenden Lyrikers Francisco Cienfuegos.

Kurz: Das ganze Heft ist durchzogen von einer Beschwörung des Guten, – als ob uns die frohe Botschaft bislang unbekannt gewesen wäre und wir, jeder einzelne von uns, mit dem Einigkeitswunsch im Herzen imstande sein könnten, Trennung, Krieg und Verderbnis „erfolgreich“ abzuwenden. Nichts steht da von politischen Machtinteressen, von der Menschenverachtung industrieller Lobbyisten, der daraus folgenden, hingenommenen, expansiven Verarmung oder der sozialen Ungleichheit, – Themen, deren widersprüchliche Wirklichkeiten uns aufklären können. Ein intellektueller Anspruch wird in dieser Ausgabe so gründlich vermieden, dass die Bezeichnung „gesellschaftspolitisches Kulturmagazin“ wie ein Etikettenschwindel wirkt und man vom Verlust eines einst großartigen Zeitschriftenprojekts sprechen muss.

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erstellt am 07.6.2019

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