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Tuschicks Kolumne

Reisen eines greisen Dichters

Hans Magnus Enzensbergers Spätwerk weist Eigenschaften eines Kuriositätenkabinetts auf. „Eine Experten-Revue in 89 Nummern“ versammelt Erinnerungen und Ausblicke an/auf eigensinnige Leidenschaften und unterbewertete Spezialisierungen. Jamal Tuschick hat das Buch gelesen.

In der Hochzeit der Afrika-Expeditionen und der spekulativen Ethnologie befasste sich der Journalist Henry Mayhew (1812 – 1887) mit der Armutsarchaik vor der eigenen Haustür. Er trieb Völkerkunde in den Gassen von London und unterschied Stämme von Klans. Hundedieb war zu seiner Zeit ein anerkannter Beruf, jedenfalls in gewissen Kreisen. Hans Magnus Enzensberger zeichnet Mayhew eine Vignette des ehrenden Andenkens. Der greise Dichter entdeckt einen „schwarzen Kontinent“ in der Kapitale des Empires. Er unternimmt seine letzten Reisen zu den Reichen der Hutmacherzunft und der Primzahlen sowie der Pomologie und der Bierfilzarchäologie.

Die Werbewirksamkeit von Bierdeckeln „wurde früh“ erkannt. Das trägt dem Archivar eine Buchhändlerin aus Barntrup-Alverdissen (bei Detmold) zu, die sich als Verfasserin von fünf Büchern über das Bogenschießen hervorgetan hat. Der Leser ahnt das Agens der beinah postumen Produktion. Die Ein-Mann-Moderne Enzensberger erfrischt sich in Nebenflussquellen, die keine besondere Aufmerksamkeit beanspruchen können. Die auf Bierdeckel spezialisierte bogenschießende Buchhändlerin fällt in ihrer Umgebung weiter nicht auf. Abseits der bundesrepublikanischen Magistralen erscheinen ihre Kenntnisse nicht abseitig. Vielmehr sind sie eingelassen in schmiedeeiserne Entwürfe der Normalität, die ihre eigene Gravitation haben.

Enzensberger, der die Sturmspitzen des Epochalen vermessen hat, einen schnellen Schritt schneller stets als die Zeitgenossen, ein Flüchtling in jeder festhaltenden Hinsicht, Jahrzehnte im mühelosen Spagat zwischen den Polen,  wendet sich zum guten Schluss einem landläufigen Glaser zu, der seinen Betrieb in der vierten Generation führt, und dem Alten Auskunft gibt, über einen „ziemlich geheimnisvollen Stoff“.

Enzensberger bringt seinen Großvater ins Spiel, der als Vorsitzender der deutschen Sektion des Esperanto-Weltbundes 1923 zum Gastgeber eines Weltkongresses in Nürnberg avancierte. Dessen Idol war Eliezer Levi Samenhof, der das Alte Testament ins Esperanto übersetzte. Der Enkel überträgt Namen aus der zweiten Reihe der kulturellen Beschriftungen in sein Poesiealbum des ablandigen Wissens. Der Erfinder des Porzellangebisses findet namentliche Erwähnung und mit ihm ein Schmerzkontinent, den die Kohorten des Fortschritts beinah vollständig versenkt haben. Da ergibt sich dann ein Ausblick auf die Menschheit ohne den Segen der Dentalchirurgie. So geht das weiter in diesem Kompendium, das Eigenschaften eines fürstlichen Kuriositätenkabinetts aufweist.

Hans Magnus Enzensberger, Eine Experten-Revue in 89 Nummern, Suhrkamp, 335 Seiten

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erstellt am 07.6.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.