Tuschicks Kolumne

Die Habsucht der Augen

Er war Dramaturg am Berliner Ensemble, im Jahr 2000 erhielt Volker Braun den Georg-Büchner-Preis. Nun sind seine „Handstreiche“ erschienen. Jamal Tuschick hat Brauns Aphorismen studiert.

Seine Habseligkeiten behält er im Blick. Er nennt das „die Habsucht der Augen“. Er sperrt das Allgemeine aus, auch wenn man doch (wie alle) mit der Mode geht; und sei es nur, um das Verhängnis zu tragen; über die „Abbruchkante der Geschichte“ hinaus, in die „Verwerfung“.

Die Aphorismen des Brechtschülers Braun sind aus gröberen Klötzen herausgeschnittene, ziselierte und polierte Kleinode nicht nur des geschulten Denkens.

„Die Funktion von Kunst besteht für mich darin, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“ Heiner Müller

Brecht unterwies seine Schüler in der Kunst, Sonette aus den Ärmeln zu schütteln. Es gab in den tiefen Lagen des Berliner Ensembles kollektive Reimtermine. Prägend dazu kam für Braun die Sächsische Dichterschule mit ihren protestantisch-monologischen Zwiegesprächen. Man berief sich auf die Toten. Ich nenne Klopstock.

Man nahm sich ernst. Als Dichter in der Deutschen Demokratischen Republik war man politisch. Das scheint jetzt durch die Verse als immaterielles Erbe eines gescheiterten Staates, dessen Ideen in Hoffnungen überleben.

Die DDR-Dichter*innen hatten enorm potente Leser*innen, so wie die Stasi. Nach Neunundachtzig gerieten sie in einen Sog der Bedeutungsverluste und der Verdächtigungen. 

Braun schreitet auf dem Papier auf, er eskaliert am Schreibtisch. Er wirft sich in einen Harnisch der Sprache.

„Nur der Liebende lernt seine Lektion“ schrieb Braun über Rimbaud. Er setzte das Trunkene Schiff auf den Müggelsee. Stranden ließ er es in der preußischen Prärie.

Das ist alles sehr schön und gut gemacht. Braun arbeitet „gegen die Deckgebirge der Verheißung“. Der alte Dekonstruktivist des Sozialismus weiß mit Heiner Müller: „Und wenn Sie mich nach einer Moral fragen, dann wäre die Blochsche Formulierung über die moralische Überlegenheit des Kommunismus auch meine: Der Kommunismus hat für den einzelnen keine Hoffnung. Aber das ganze System der Marktwirtschaft beruht darauf, dem einzelnen zu suggerieren, dass gerade er eine Hoffnung hat.“

Hat man das verstanden, ist die Strecke kurz zu Brauns Charakterisierung der Treuhand „als Instanz zur Verschrottung einer ganzen Gesellschaft“.

„Handstreiche“ ist eine Versammlung solcher Vers gewordenen und silbentreuen Einsichten. Das Geklingel der Alliteration ist wie das Klopfen an der Tür. Ist da noch jemand? Oder verwaist das Schreiben hinter den Anti-Ansichten (zu „Hype & Hate gesteuerter Pöbellust“) einer hausgemachten Klassik voller „Heiterkeit, Grimm und Graus“?

„Ich lasse das Chaos arbeiten“, sagt der Dichter.

„Poesie ist eine Gegensprache und ist sie weiter nichts, dann ist sie eine Grimasse.“

Der Autor verbirgt sich in einer „Autobiografie aus Steckbriefen“. Er hat sich selbst zur Fahndung aus- vielleicht auch umgeschrieben – als ein im gesellschaftlichen Narrensaum Untergetauchter.

Volker Braun, Handstreiche, Suhrkamp, 91 Seiten

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erstellt am 28.5.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.

Volker Braun, Foto: Jamal Tuschick
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