Die Kunstwelt blickt dieses Jahr wieder nach Venedig. Die Hauptausstellung der dortigen Biennale trägt den Titel „May You Live In Interesting Times“, parallel präsentieren unzählige nationale Pavillons künstlerische Beiträge. Thomas Rothschild hat sich auf die Suche nach aktuellen Tendenzen begeben.

Kunstbiennale in Venedig

Die Auferstehung des Surrealismus

Das Kuratoren-Protegierungs-und-Bereicherungsunternehmen mit auserwählten Künstlern als subalternen Nebenprofiteuren, eine Errungenschaft der Wohlverhaltens- und Netzwerkkultur, genannt Biennale von Venedig, hat seine Pforten geöffnet. Was ich hier vor sechs Jahren geschrieben habe, gilt nach wie vor: „Dabei fragt man sich, wenn man durch die Pavillons geht, zunehmend, wozu man diese Kuratoren benötigt. Kaum einer hinterlässt eine bemerkenswerte Spur. Sie tun nicht mehr, als jeder halbwegs aufgeweckte Museumsleiter und Ausstellungsmacher aus der ganzen Welt jahraus jahrein tut: Sie suchen Künstler aus, denen sie die Teilnahme an der Biennale verschaffen, und steuern vielleicht noch die eine oder andere Idee zur Gestaltung seines Arrangements bei. Dass sie dabei besonders einfallsreich wären, lässt sich in Venedig nicht feststellen.“ Sie sind die Schwestern und Brüder im Geiste jener Festspielintendanten, die als Entdeckung präsentieren, was die Spatzen landauf landein von den Dächern pfeifen. Vergessen sind die Zeiten, als intelligente und fachkundige Scouts die Welt bereisten und tatsächlich – etwa im Bereich des Theaters – mehr und Unbekannteres aufstöberten als, sagen wir, Milo Rau, Ersan Mondtag und Susanne Kennedy.

Der Eindruck der vergangenen Jahre hat sich verstärkt: Für die berühmteste Messe aktueller Kunst im Ganzen wie für viele einzelne Pavillons gilt das Prinzip Beliebigkeit, wo die Phrasen und hochstaplerischen Leerformeln der Begleittexte Konzeptionen vortäuschen. Die Bedeutsamkeit ist Bluff, das Spiel Vorwand für Gedankenschwäche. Schon das Motto der heurigen Biennale – „Mögen Sie in interessanten Zeiten leben“ – grenzt an Schwachsinn und hat die Qualität solcher wohlfeilen Wünsche wie „Gesundheit“ oder „may you always stay young“. Die inflationäre Zusammenschau von Unvereinbarem – „die zufällige Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ – in der raumgreifenden Installation könnte man als Auferstehung des Surrealismus deuten, wenn sie nicht so weit zurückbliebe hinter den Leistungen der „Klassiker“ dieser Kunstrichtung. Diese Exponate wollen mit wenigen Ausnahmen weder „Schönheit“ im traditionellen Sinne produzieren – das wäre dem schicken Publikum ohnedies verdächtig –, noch Erkenntnisse vermitteln, wie es Künstler von Goya bis Beuys noch taten. Und wie oft kann man Duchamps „Witz“ wiederholen, der einen von seiner praktischen Funktion befreiten Trivialgegenstand – etwa ein Küchenmesser – zum Kunstwerk erklärt?

Großes Einerlei

Als der Film erfunden wurde, feierte man eine Kunstform, die der bildenden Kunst die Dimension der Zeit hinzuzufügen imstande war. Inzwischen hat diese ihre Starrheit überwunden und überschattet die Konkurrenz durch permanente Bewegung oder Reihung von Objekten, die einen zeitlichen Ablauf vorgaukeln. Hito Steyerl etwa präsentiert ein Videolabyrinth, mit dem sie noch vor wenigen Jahren die Sonderprogramme von Filmfestivals bereichern durfte. Auch im brasilianischen Pavillon gibt es nicht mehr zu sehen als einen doppelt projizierten Film. Zu den bewegten Bildern kommt eine nicht immer angenehme Beschallung: Kino und Disco im Doppelpack. Schön und gut. Aber sollte man dann die Kunstbiennale nicht mit der Filmbiennale vermählen? Die Ausdehnung der Sparten, die Aufhebung der Grenzen hat zu einem großen Einerlei geführt.

Diese Unschärfen verwischen die Konturen. Einerseits quasselt jeder Festredner eines Kaninchenzüchtervereins von der Überwindung des Nationalismus durch irgendeine Europa-Idee, andererseits hält die Biennale an nationalen Pavillons fest, die eine nationale Spezifik behaupten, die den Kunstwerken nur in Einzelfällen abzulesen ist. Artig schreiten die Journalisten kurz vor der Öffnung für das ordinäre Publikum die Pavillons „ihrer“ Länder ab, die Deutschen den deutschen, die Franzosen den französischen, die Chilenen den chilenischen, als müssten sie dafür nach Venedig anreisen, wo die Pasta freilich besser schmeckt als daheim. Einerseits wird an der Forderung von Originalität festgehalten, andererseits folgen die meisten Künstler schamlos gerade gängigen Trends.

Gewirr von Rohren: Klanginstallation „tribute to whistle“ von Natascha Süder Happelmann im deutschen Pavillon Foto: Jasper Kettner

Das zweite Zauberwort des Tages neben „Installation“ ist „Performance“. Sie hat gegenüber jener den Nachteil, dass sie lebender Menschen bedarf. Die Biennale dauert ein halbes Jahr, aber niemand kann sechs Monate lang ständig performen. Und so riskiert, wer den deutschen Pavillon besucht, wie schon im vergangenen Jahr, dass er weit und breit nichts von der von eilfertigen Berichterstattern gepriesenen Performerin Natascha Süder Happelmann sieht. Sie sitzt wahrscheinlich gerade im Restaurant und ruht sich bei Spaghetti von ihrer Pflastersteinmaskierung aus. Mahlzeit! Und was ihre Kuratorin erklärt, gibt sich als Lautsprecherausscheidung in einem an eine Baustelle gemahnenden Gewirr von Rohren: „Die Töne sind nicht nur an und für sich bedeutend, sondern vielmehr auch im Dialog mit anderen.“ Das ist, mit Verlaub, Stuss, und wer sich davon blenden lässt, verdient nichts Besseres.

Das Unerfreulichste an 70 Jahren sowjetischer Erziehung zum Neuen Menschen ist die bigotte Religiosität, die dabei herauskam. Im russischen Pavillon zeigt der bekannte Filmregisseur Alexander Sokurow in mehreren Räumen eine monströse Installation zum biblischen Thema des „Verlorenen Sohnes“, ein Kitschpanoptikum wie aus dem Lunapark. Vorschlag: lieber seine Filme ansehen.

Kleine Meisterwerke

Als exemplarisch für die oben beschriebenen Tendenzen kann der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate gelten. Im Faltblatt, das dort ausliegt, werden zunächst die Kuratoren vorgestellt. Erst danach findet man die Angaben zur Künstlerin Nujoom Alghanem. Ausstellungsspezifisch an ihrem Exponat ist der Einfall, dass zwei ihrer Filme gleichzeitig auf zwei Seiten einer Wand projiziert werden, die der Betrachter umkreisen muss, wenn er den jeweils anderen Film sehen will. Das war's. Nujoom Alghanem hat in Australien und in den USA studiert. Ihre „Installation“ ist ebenso arabisch wie international.

Inmitten all dieser Belanglosigkeit, sowohl in ästhetischer, wie in politischer Hinsicht, fallen einzelne Objekte umso erfreulicher auf. Zum Beispiel die weit in die Höhe ragenden Leitern von Alexandra Bircken im Arsenale, auf denen deformierte schwarze Figuren den Aufstieg und den Fall in einer auf Karrierismus begründeten Gesellschaft versinnbildlichen. Weitere, kleinerformatige Arbeiten der Künstlerin im zentralen Pavillon der Giardini belegen nicht nur deren Ideenreichtum, Witz und Materialbewusstsein, sondern auch ihre handwerkliche Meisterschaft. Gerne erführe man, nach welchen Kriterien Natascha Süder Happelmann und nicht Alexandra Bircken, für die nicht die ungarische Kuratorin Franciska Zólyom, sondern der amerikanische Kurator der Biennale zuständig war, für den deutschen Pavillon auserwählt wurde. Dem Gendergebot entsprechen beide.

Frappant ist auch das von innen nach außen gekehrte Flugzeug des Polen Roman Stańczak. Wiederum aber behauptet ein Text, was dem Exponat keineswegs abzulesen ist: „Es ist auch ein Kommentar zu den Wirkungen politischer und ökonomischer Transformationen, die sich sowohl in der materiellen Kultur wie auch in der Gesellschaft manifestieren.“ Man spricht nicht mit den Mitteln der Kunst, sondern erläutert zum Schein, was die Kunst zu sagen offenbar nicht imstande ist. Ein Nebeneffekt der Kuratorenherrschaft.

Völlig unbekümmert um aktuelle Moden haben sich die Tschechen und Slowaken für eine Retrospektive des 93-jährigen Stanislav Kolíbal entschieden, der in der Tradition des Konstruktivismus steht. Seine reduktionistischen Objekte sind von zeitloser Schönheit und zuweilen ironischer Pointierung. Die Berücksichtigung älterer Werke ermöglicht Einblicke in eine Entwicklung, die die Beschränkung auf die Gegenwart verweigert.

Künstliche Menschen: Installation von Jos de Gruyter und Harald Thys im belgischen Pavillon Foto: Nick Ash

Verblüffend unzeitgemäß erscheint auch das den gesamten belgischen Pavillon ausfüllende Arrangement von Puppenautomaten von Jos de Gruyter und Harald Thys. Man fühlt sich in einen Vergnügungspark des 19. Jahrhunderts versetzt. Ist das ernst gemeint oder ein ironischer Verweis auf die Vorläufer all der elektrisch gesteuerten Mobiles, die die Biennale motorisch bereichern? Die „interesting times“ jedenfalls, auf die diese künstlichen Menschen aufmerksam machen, liegen weit zurück. Der belgische Beitrag wurde mit einer „besonderen Erwähnung“ gewürdigt. Ein Zeichen des Überdrusses an der Verstiegenheit des eigenen Muts? Auch die großen Tafelbilder im Stil eines naiven Realismus oder früher Abstraktionsversuche im zentralen Pavillon der Giardini deuten in diese Richtung.

Den Gegensatz von Moderne und Tradition kostet der aserbaidschanische Pavillon aus, der Arbeiten von fünf Künstlerinnen und Künstlern vereint. Während Kanan Aliyev, Uliviyya Aliyeva und Zarnishan Yusif mit realistischen oder abstrahierenden Skulpturen die Situation von Menschen thematisieren, die nur noch über das Internet miteinander zu kommunizieren vermögen, projiziert Orkhan Mammadov ein Breitwandbild mit folkloristischen Miniaturen in einen Rahmen, deren Figuren sich zyklisch bewegen. Das Panorama erinnert an „More Sweetly Play the Dance“, das der Südafrikaner William Kentridge vor zwei Jahren in Salzburg präsentiert hat, allerdings im kleinen Format.

Durch seine Architektur besticht der italienische Pavillon im Arsenale. Er ist in diesem Jahr als Spiegellabyrinth eingerichtet, der Orson Welles auch für seine „Lady von Shanghai“ hätte dienen können und in dem die sehr unterschiedlichen Arbeiten von Enrico David, Chiara Fumai und Liliana Moro zur Musik von Astor Piazzolla und zum Partisanenlied „Bella ciao“ einander gegenübergestellt werden.

Was Räumlichkeiten und ihre Einrichtung jenseits der Installation bewirken können, belegt eine Werkschau von Günther Förg in einem alten Palazzo. Die Bilder und Kleinplastiken bilden mit den antiken Möbeln, Spiegeln und Wandverkleidungen eine zugleich kontrastive und harmonisierende Einheit, die wiederum die Differenz und die Vergleichbarkeit zwischen den Zeiten bewusst macht. Werk und Exposition haben hier das gleiche Gewicht. Ein gutes Argument für eine eigenständige Kunstform außerhalb solcher Kategorien wie Film oder Theater, ohne die „Vermittlung“ durch Installation und Performance.

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erstellt am 27.5.2019

Natascha Süder Happelmann (rechts) und ihre Sprecherin Helene Duldung Foto: Jasper Kettner

Ausstellung

Biennale Arte 2019

Venedig, 11. Mai – 24. November 2019

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