Seit Maryse Condé im Oktober 2018 von der Neuen Akademie in Stockholm den Alternativen Literaturnobelpreis verliehen bekam und dieser damit den Platz des ausgefallenen regulären Nobelpreises einnahm, ist die schwer erkrankte Schriftstellerin aus Guadeloupe wieder aufgelebt und voll Elan öffentlich mit Lesern und Medien in Kontakt getreten. So zeigt sie sich beim Genfer Salon du Livre im Mai 2019 als Autorin wie gewohnt rebellisch. Sie ist sogar so kämpferisch, dass sie unverzüglich die Unabhängigkeit für ihr von Frankreich „besetztes“ Land einfordert. Marlène Seraphin hat die Autorin anlässlich dieses Besuchs porträtiert.

Alternativer Literaturnobelpreis für eine Rebellin

»Ich schreibe in Maryse Condé«

Das koloniale Erbe und die Erinnerung an diese Zeit der Fremdherrschaft, deren Folgen bis heute irreversibel nachwirken, prägen und bereichern Maryse Condés Schreiben auf vielschichtige Weise. Es war vor allem diese postkoloniale Dimension ihres Werkes und ihre Schilderung der Verheerungen des Kolonialismus und des Chaos der postkolonialen Zeit, die die Neue Akademie in Stockholm dazu bewogen hat, die Schriftstellerin aus Guadeloupe auszuzeichnen.

Maryse Condé schreibt auf der Basis eigener Erfahrungen und Recherchen. Die Autorin, Essayistin und Professorin an Universitäten in Frankreich und den USA hat viele Jahre auch in Afrika gelebt. Ihr Gesamtwerk umfasst ungefähr vierzig Bücher, darunter Segou, ein zweiteiliger historischer Roman, der 1984 und 1985 erschienen ist, in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde und der ihr ein internationales Renommee verschafft hat. Zudem schrieb sie Theaterstücke, weitere Romane und Biografien sowie Essays und Artikel. Diese Autorin, die ihr erstes Buch mit vierzig Jahren veröffentlichte, hat ein Werk nach ihrem eigenen Bild gestaltet, beeindruckend, einzigartig und zugleich komplex, in einer präzisen Sprache und einem Sprachstil, der sich gelegentlich an das Kreolische anlehnt.  „Ich schreibe in Maryse Condé!“, sagt sie von sich selbst, wenn man sie darum bittet, ihren Stil zu charakterisieren. Auf die Autorin bezogen heißt dies: wagemutig und eindringlich bis frech, fernab der üblichen Pfade.

Vor dem Salon du Livre de Genève konnte man sie bereits im Dezember 2018 bei einem triumphalen Empfang in ihrer Heimat Guadeloupe, einem französischen Department d´Outre Mer (0), erleben. Voller Entschiedenheit und Überzeugung erklärt sie, wenn sie ihrer Heimat schon nicht hat Unabhängigkeit bringen können, sei sie zumindest ihr Sprachrohr geworden.

Wurzeln des Widerstands

In beiden öffentlichen Gesprächen, die auf der Buchmesse stattfanden (eines im Raum l‘Apostrophe, das andere im Salon africain, dem Raum für die „Forscher Afrikas“ (1), befasst sie sich mit den Themen, die auch einen wesentlichen Teil ihres biografischen Werks prägen, wie z.B. Le cœur à rire et à pleurer (1999) und La vie sans fards (2012).
 
In ihren Kämpfen als Frau und Mutter und in ihrem politischen Engagement zeigt sich die Autorin eindeutig ungeschminkt. Sie offenbart die Widersprüche, die sie mutig annimmt, und hält an ihrer Zurückweisung von Normen und Konventionen fest. Seit sie 1937 in eine bürgerliche Familie auf Guadeloupe hineingeboren wurde (sie selbst bezeichnet diese als eine Keimzelle der Kleinbourgeoisie auf den Antillen), war sie eingezwängt in Vorurteile und zählte zur Klasse der „Grands-Nègres“, jenen wohlhabenden Respektspersonen, die sich anderen gesellschaftlichen Gruppen überlegen fühlten. Ihre Eltern, die sie in ihrem Buch Le cœur à rire et à pleurer gemäß Fanon als „Selbstentfremdete“ bezeichnet, sind den Werten Frankreichs verhaftet, verherrlichen die Reisen in die “Métropole”(2) und lehnen jegliches kulturelle Erbe, das aus Afrika kommt, ab.  Indem sie sich früh gegen diese Festlegungen wehrt und diese zurückweist, reift in der heranwachsenden Frau ein eigenwilliger Sinn heran, der sich stets in Aufruhr befindet.

In diesen biographischen Werken erläutert Condé auch den Eindruck, den die in Martinique geborenen Vordenker der Entkolonialisierung, Frantz Fanon mit seinem Essay Peau noire, masques blancs (1952) und Aimé Césaire mit seinem Buch Discours sur le colonialisme (1950), auf sie gemacht haben. Wichtigster Impulsgeber für ihr „politisches Engagement“ war jedoch der ebenfalls in Martinique geborene Autor Joseph Zobel. Sein Roman La Rue Case-Nègres (1950), den sie als Jugendliche gelesen hat, erzählt die Geschichte von José, einem kleinen Jungen aus Martinique, der auf einer Zuckerrohrplantage der 1930er Jahre nur ein Leben der Arbeit und des Elends kennt. Dieses Schicksal habe sie „schlagartig“ mit der „Bürde der Sklaverei, des Sklavenhandels, der kolonialen Unterdrückung und den von der Hautfarbe abgeleiteten Vorurteilen“ konfrontiert.

»Haiti hat mich dauerhaft vereinnahmt«

In Genf erzählt Maryse Condé auch von ihrer ersten großen Liebe, die ihr während des Studiums in Paris begegnet ist. Die Beziehung zu diesem haitianischen politischen Aktivisten endet jedoch unglücklich. Bis heute hat sie eine bittere Erinnerung an diese Zeit bewahrt. Man spürt, wenn sie mit verhärteter Stimme erzählt, dass die alte Wunde noch nicht verschlossen ist. Ihr Interesse an Haiti, dem ersten von schwarzen Sklaven gegründeten Staat, der sich 1804 im Kampf gegen Frankreich vom Joch der Kolonialherrschaft befreite, wurde jedoch geweckt. „Haiti hat mich dauerhaft vereinnahmt.“ 

Als alleinerziehende und arbeitsuchende Mutter zieht sie 1959 auf einem Passagierschiff gen Afrika, wo sie in verschiedenen Ländern (Guinea, Elfenbeinküste, Senegal und Ghana) unterrichtet. Seitdem ist Afrika in ihren Werken lebendig. In der Zeit, als sie Segou verfasste, habe man Afrika noch zutiefst verachtet, erinnert sie sich. Es wurde damals als ärmster Teil der Welt eingestuft, der am wenigsten über Kultur und Reichtum verfügt. In diesem historischen Roman wollte sie diesen Vorurteilen entgegentreten, denn: „Afrika ist schön und prächtig, aber leider muss der Kontinent dies dem Rest der Welt noch immer beweisen.“ Von Timbuktu (Mali) hat sie sich zwar entfernt, doch hofft sie, dass „Mali irgendwann einmal wieder so mächtig sein wird, wie es einst war.“

Afrika und die Frage der Identität

Vor ihren Zuhörerinnen und Zuhörern in Genf setzt Maryse Condé ihre Innenansicht fort und analysiert den Stellenwert, den Afrika in ihrem Leben eingenommen hat. Afrika wirkte auf sie wie eine Vision. Vor allem Ghana verkörperte als Land das, „was aus Afrika insgesamt einmal werden könnte.“ Der afro-amerikanische Führer Malcom X, dem Maryse Condé vermittelt durch die befreundete Dichterin Maya Angelou in den USA persönlich begegnet ist, hat dieses Bild von Afrika damals schon so dargestellt. Die Schlussfolgerungen, die Maryse Condé jedoch Jahrzehnte später in Genf zieht, sind bitter und unwiderruflich. Sie zitiert aus Prousts Eine Liebe von Swann: „Doch Swann ist von seinen Gefühlen verblendet – bis die Liebe ganz plötzlich endet, so unbegreiflich, wie sie gekommen war. Und Swann bleibt nur die Erkenntnis: Wenn ich denke, dass ich mir Jahre meines Lebens verdorben habe, dass ich sterben wollte, dass meine größte Liebe einer Frau galt, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“

„Alle wissen“, fährt sie in humorvollem Ton fort: „Maryse Condé liebt es, so stark zu provozieren, dass man darauf reagieren muss!“ Umgehend relativiert sie dann ihre zuvor gemachte Feststellung und sagt ergänzend „Afrika ist auch voll Glanz und Pracht, ein Ort, an dem man die Schönheit und die Poesie des Islam entdecken kann.“ Inzwischen habe sie mit Afrika literarisch jedoch abgeschlossen, meint Condé und erklärt, dass sie es niemals mehr ins Zentrum eines ihrer weiteren Werke stellen will. _Le fabuleux et triste destin d’Ivan et d’Ivana_ (2017), ihr zuletzt publizierter Roman, der durch die Attentate auf Charlie Hebdo in Paris und in Montrouge (einem Pariser Vorort) inspiriert wurde, spielt in der Tat nicht mehr primär in Afrika, doch ist er indirekt mit dem Kontinent verbunden. Mit sicherem Gespür für Aktualität hat sich die Autorin darin einem drängenden Zeitthema zugewandt, das den Leser von Guadeloupe nach Mali führen wird. Maryse Condé analysiert darin am Beispiel von in den Antillen geborenen Zwillingen die Triebfedern von Identitätsfindung. Auf der Suche nach sich selbst gelangen die Zwillinge nach Afrika, einen von den beiden wird es auf dieser Reise in die gewaltsame Radikalisierung treiben.  

Sprachrohr für Guadeloupe

Selbst wenn sich Maryse Condé rebellisch und unzähmbar gibt, wehrt sie sich dagegen, als eine Kämpferin zu gelten. Allerdings verteidigt sie die Anliegen, die sie für gerecht hält, und präzisiert in ihrer Stockholmer Rede: „… und zwar auch dann, wenn es sich nicht um meinen persönlichen Kampf handelt.“ Sie hinterfragt die Rolle der Eliten und stellt dabei auch sich selbst in Frage. „Welchen Nutzen hatte Maryse Condé, die Frau aus Guadeloupe, wenn ihr Land heute noch immer ein französisches Departement d`Outre-mer ist, das von Frankreich quasi besetzt ist?“

Mit ihrem legendären Mut stellt sich die Autorin auch gegen Aimé Césaire, der damals einer der politischen Architekten des DOM-Status war. Diese Position bekräftigt die Moderatorin *Valérie Marin* mit einem weiteren Zitat aus Condés Stockholmer Rede: „Ich gehöre nicht zu denen, die Césaire für sein politisches Handeln verunglimpfen. Die Schönheit seiner Dichtung zwingt mich dazu, ihm alles zu verzeihen, doch müssen wir zugeben, dass er sich in diesem Punkt zutiefst geirrt hat. Wegen ihm sind die Bewohner von Guadeloupe DOMiens geworden. Ich bin also eine DOMienne. Wir haben keine eigene Sprache. Man sagt, wir haben keine Kreativität und seien Nachkommen von Sklaven oder von vertragsgebundenen,indischen Arbeitern (3), oder von Franzosen. Niemand denkt, dass wir eine Kultur entwickelt haben könnten und eine eigenständige Zivilisation sind, die auf unterschiedlichen Beigaben basiert.

In der gleichen Rede gibt Maryse Condé bekannt, dass sie mit einer Gruppe eine politische Partei gegründet hat, die sich dafür einsetzt, den Departement-Status zugunsten der Unabhängigkeit aufzuheben. Mit unbeirrbarer Selbstironie beschreibt sie den Kampf dieser Partei als einen Kampf der „ewig Gestrigen” und deutet damit an, dass die Mehrheit der Bevölkerung in Guadeloupe sie bisher nicht unterstützt. Bitter sagt sie darum: „Guadeloupe ist heute quasi ein Zombi.“ Es ist ein Land, von dem man nur dann spricht, wenn es Zyklone gibt, die Rum-Route (4) gefeiert wird oder es einen populären Sänger (5) gibt, der sich in Saint-Barthelemy – der Nachbarinsel- beerdigen lassen will.
 

Maryse Condé hat in Frankreich niemals einen der herausragenden Literaturpreise wie beispielsweise den renommierten Prix Goncourt zugesprochen bekommen. Die Bitternis, die sich hierüber in ihrer Stimme zeigt, verwandelt sich jedoch schnell wieder in Freude. Schließlich ist sie ja jetzt Trägerin eines Nobelpreises. Sie begrüßt umso mehr diese späte Anerkennung. Mit Richard Philcox – ihrem britischen Ehemann und Übersetzer – „ihr Sauerstoff“, sagt sie in der Stockholmer Rede zärtlich – der, seit sie krank ist, ihre Hand auf der Tastatur ersetzt – hat sie sich in das französische Dorf Gordes (in Lubéron) zurückgezogen. Eine Entscheidung, die die Schriftstellerin aus Guadeloupe mit philosophischer Weisheit akzeptiert hat: Ihre komplizierte Gesundheit mache von ihr, die gegen Frankreich rebelliert, diesen Kompromiss, auf dem französischen Festland Aufenthalt zu nehmen, erforderlich.

Maryse Condé ist auch heute noch eine Frau mit außergewöhnlichem Mut. Eine degenerative Krankheit belastet sie und reduziert ihre Mobilität. Auch wenn sie ihre Worte nur mit Mühe artikulieren kann, spricht sie ohne Zurückhaltung klar und direkt. Zwar ist ihr Körper geschwächt, ihr Geist jedoch ist unvermindert scharf geblieben. Mit Humor tritt sie gegen ihre Schmerzen an, während sie lächelnd und mit bissigen Kommentaren verbunden spricht, so werden ihre Gefühle auch trotz der jetzt fragmentierten Sprechweise spürbar.

Maryse Conde ist eine kämpferische Frau. Während der offiziellen Zeremonie, die am 23. Dezember 2018 zu ihren Ehren im Memorial ACTe von Pointe-à-Pitre stattfand, wurden zahlreiche Reden für das Landeskind gehalten. Die Verlegerin Régine Jasor (die die Werke Bouquet de voix pour Guy Tirolien, 1999, und La planète Orbis, 2002, publiziert hat) hob insbesondere den _lalit,(auf Kreolisch) den Kampf hervor, den Maryse Condé weiterhin für ein blühendes Guadeloupe kämpft.

Wenn sie auch nicht, wie sie bedauernd feststellt, ihrem Land Freiheit bringen konnte, so hat sie ihm doch eine starke Stimme gegeben, die sich schlagkräftig und „magisch“ über das karibische Meer hinaus Gehör verschafft.

(0) Zu Frankreich gehören zwölf ausserhalb Europas gelegene Territorien (in Amerika, Ozeanien, im Indischen Ozean und in der Antarktis), sie sind Zeichen der kolonialen Geschichte und Macht Frankreichs. Guadeloupe, wo Maryse Condé geboren wurde, ist ein französisches Departement d'Outre-mer (DROM), das auch als Region gilt. Auf der Insel leben ca. 400 000 Einwohner. Die Sklaverei wurde dort im Jahr 1848 abgeschafft.
(1) Im Kontext der französischen Kolonialgeschichte bezeichnet man mit dem Wort “Métropole” nicht nur die Hauptstadt, sondern zugleich das gesamte,in Europa gelegene Territorium, das den ausserhalb gelegenen Gebieten als eigentliche Machtzentrale gilt. Heute wird jedoch mehr und mehr die Bezeichnung “das Hexagon” verwendet, um den in Europa gelegenen Teil Frankreichs zu benennen. Das Bild vom “sechseckigen Frankreich” ersetzt somit zunehmend den Begriff vom “französischen Metropol-Staat”.
(2) Der Forscher Afrikas (1990): Ein autobiographischer Roman von Henri Lopes, Schriftsteller, Diplomat und Politiker der Republik Kongo
(3) Vertragsgebundene, indische Arbeiter, die im 19. Jahrhundert in die Antillen kamen, um dort unter sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen die Zuckerrohr-Produktion wiederzubeleben.
(4) Rum-Route: ein Wettkampf transatlantischer Solosegler.
(5) Johnny Hallyday: 2017 verstorbener, sehr populärer französischer Rocksänger.

Der Text basiert auf zwei moderierten Gesprächen, die mit Maryse Condé im Rahmen des Salon du Livre im Mai 2019 in Genf stattfanden, und ihren autobiographischen Erzählungen.

Übersetzung aus dem Französischen: Andrea Pollmeier

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Kommentare


Elfrun Magloire - ( 30-06-2019 11:44:21 )
Bravo für das grossartige Portrait über Maryse Conde von Marlene Seraphin

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erstellt am 25.5.2019

Maryse Condé mit ihrer Verlegerin aus Guadeloupe, Régine Jasor, bei der Preisverleihung am 9. Dezember 2018 in Stockholm. Foto: privat

Maryse Condé (*1937 in Guadeloupe) studierte Literaturwissenschaften an der Sorbonne in Paris und lebte danach viele Jahre in Westafrika. Zurück in Frankreich widmete sie sich dem literarischen Schreiben und der Wissenschaft. 1976 veröffentlichte sie ihren ersten Roman. Nach Stationen als Universitätsdozentin in Paris, Berkeley und Maryland wechselte sie 1995 an die Columbia University in New York. Seit der Gründung 1997 hatte sie den Vorsitz des Center for French and Francophone Studies bis zu ihrer Emeritierung 2002. Sie leitete das 2004 per Dekret gegründete Komittee für das Gedächtnis und die Geschichte der Sklaverei. Vielfach wurde sie ausgezeichnet, u.a.1988 mit dem LiBeraturpreis. 2018 erhielt sie den New Academy Prize für Literatur. Maryse Condé lebt heute in Frankreich.

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