Liebe Leserinnen und Leser! Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sowie Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Der Künstler und Schriftsteller Schuldt wurde 1941 in Hamburg geboren und lebte lange im Ausland. Mittlerweile ist er in seine Geburtsstadt zurückgekehrt. „Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit“ heißt Schuldts neues Buch, in dessen Mittelpunkt der Hamburger Hafen mit seinen Menschen und Geschichten steht. Martin Lüdke empfiehlt den Band.

Lüdkes Liederliche Liste

Lebensgeschichte in der Sortiermaschine

Schuldts »Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit«

Der Mann heißt „Schuldt“. Seine(n) Vornamen hat er, vor Jahrzehnten schon, verschwinden lassen. Er stammt aus Hamburg, lebte in der halben Welt, in London, Paris, Wien, New York, auch Peking. Er kennt die ganze. Von Togo, Japan, China berichten seine Bücher. Er ist ein komischer Vogel, vor allem aber ein Phänomen. Er war einmal das, was man Geheimtipp nannte. Akronyme waren seine Spezialität. Wir haben ihn, vor fast vierzig als Jahren, zusammen mit dem damaligen S.Fischer-Lektor und (Mit-)Herausgeber der Neuen Rundschau, Thomas Beckermann, im Süden von Manhattan, in New York besucht. Er wohnte in einem alten Fabrikgebäude, in einem einzigen, allerdings ziemlich geräumigen Raum. Küche, Schlafzimmer, Gästezimmer, Arbeitsbereiche waren auf den gut und gerne 400 (in Worten: vierhundert) Quadratmetern Wohnfläche so untergebracht, dass unsere (damals kleinen) Kinder, die wir mithatten, genügend Auslauf fanden und regelrechte Verfolgungsjagden starteten. Ein Spinner, sagten unsere Kinder und meinten es bewundernd. Er war umtriebig und in der New Yorker Künstlerszene fest integriert.

Seine Bücher, nicht viele, sind allerdings in erstaunlichen Auflagen erschienen. Denn Schuldt, wirklich ein komischer Vogel und sicher ein Phänomen, ist Künstler. Auch ein Vortragskünstler, trotz leicht näselnder Stimme und eines leichten, aber kaum überhörbaren Hamburger Akzents. Ist er zu Lesungen eingeladen, dann liest er nicht nur. Er hält zugleich kleine Vorträge, belehrt und überrascht sein Publikum. Er redet schnell, oft atemlos. Er präsentiert sich als Gesamtkunstwerk. Und er zieht seine Zuhörer immer in seinen Bann. Und immer hat er stapelweise seine Bücher dabei. Meist übersteigt die Anzahl der Exemplare die Zahl seiner Zuhörer. Aber (fast) immer kaufen die Leute (fast) alles, was er dabei hat. Seine Texte, man darf sie „experimentell“ nennen, entsprechen keineswegs den konventionellen Erwartungen eines normalen Publikums, auch wenn ihr Schwierigkeitsgrad ebenso variiert wie das Vergnügen, das sie erzeugen. Für sein schönstes, originellstes und aberwitzigstes Buch „In Togo, dunkel“, hätte er, wenn schon nicht den Nobelpreis, dann mindestens den Büchner-Preis verdient. Wer sich diese kleine, schmale und auch dünne Buch besorgen kann, dem stehen einige unvergessliche Stunden bevor.

Sein neues Buch, von der Ausstattung her bei weitem das schönste, das er bislang vorgelegt hat, die „Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit“ nennt er im Untertitel, fast schon nostalgisch, obwohl Schuldt zu keinen Sentimentalitäten neigt, „Die vergehende Wahrheit“.

Der Hamburger Hafen, da kommt Schuldt her. Sein Vater war, so weit sich das erschließen lässt, offenbar Reeder. Der Sohn, wie es der Vater vermutlich gesehen hat, eine Art (Früh-) Aussteiger. Kein Dandy, sondern Radfahrer. Mit seinem, offenbar teuren Rennrad, das er wie seinen Augapfel hütet und von dem er ständig spricht und schreibt, ist er ständig, unterwegs. Von Schule, gar Studium ist nichts bekannt. ‚Richtig’ gearbeitet, das hat er schon, auf Baustellen oder als Tontechniker. Er ist praktisch veranlagt. Sprachkenntnisse sind verbürgt, auch durch seine Übersetzungen. Seine Lieblingslektüre, das waren offenbar Wörterbücher. Woran sich zeigt, dass sein Zugriff auf die Welt ebenso systematisch wie chaotisch (geblieben) ist. Der Hafen, die Kneipen, die Schiffe, davon wird hier nun erzählt. Zum Hamburger Hafen, seiner „Schule des Lebens“, wie er das jetzt nennt, ist er immer wieder zurückgekehrt. Da kennt er sich aus. Da hat er lange gelebt. Und jetzt lebt der Hafen, die Docks, die Kräne, die Lagerhäuser und Hallen, die Schiffe und die Menschen, die mit den Schiffen kamen, die im Hafen arbeiteten, in den Kneipen tranken, sangen, die sich prügelten und sich versöhnten, und jetzt lebt dieser Hafen in seinen Erzählungen weiter. Aber Schuldt wäre nicht Schuldt, würde er einfach Geschichten erzählen, gar chronologisch. Er ordnet, nach alter Gewohnheit, was er zu erzählen hat, alphabetisch. Das geht von „Achtern Diek“ und „Allens gewaarschuwd“ über die „Duckdalben“ und der „Waterkant“ bis hin „Zum Festmachertreff“. Also wirklich von A bis Z. Schuldt liefert die Erklärung dieser Begriffe. Er erzählt die Geschichten, die sozusagen an ihnen angedockt haben. Dazu, wenn vorhanden, seine persönlichen Erinnerungen. Er berichtet also vom Verschwinden einer Gegend, die ihm tatsächlich die „Schule des Lebens“ war. Wer es erträgt, dass ganze zwanzig Druckseiten des Buches von einer Liste der Straßen und Plätze, exakt zehn Seiten von einer Namensliste ihrer Anwohner gefüllt sind, wer also solche Marotten des Autors als solche akzeptiert, der wird entschädigt – durch eines der schönsten Bücher dieses Frühjahrs.

Eine verschwundene, verschwindende Welt wird von Schuldt mit einer Methode noch einmal gebannt, die ebenfalls aus jener Vergangenheit kommt, in der wir hier die „vergehende Wahrheit“ der Welt von Gestern erkennen können.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


Heinrich von Berenberg - ( 06-06-2019 12:21:54 )
Liebe Ulla, wollte mich mal ganz bescheiden bedanken für den wirklich schönen Text von Martin Lüdtke über das Schuldt-Buch. Hat mir den Donnerstag gerettet. Ich hoffe, dieser Kommentar erreicht Euch. Herzliche Grüße
Heinrich

Kommentar eintragen









erstellt am 23.5.2019

Schuldt
Hamburgische Schule des Lebens und der Arbeit
Die vergehende Wahrheit
Halbleinen, 136 Seiten
ISBN 978-3-946334-51-4
Berenberg Verlag, Berlin 2019

Buch bestellen