Liebe Leserinnen und Leser! Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sowie Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


In einer Zeit, in der philosophische Tröstungen noch geholfen haben, spielt Bülent Kacans Erzählung, „Haltung bewahren in unsicheren Zeiten“. Und doch handelt sie von Beschleunigung und rücksichtslosen Raubbau an der Natur, also heute. Ein Philosoph, der sich angesichts der ungewissen Zukunft ängstigt, wird von einem anderen Philosophen erfolgreich beschwichtigt. Womit?

Originaltext

Haltung bewahren in unsicheren Zeiten

„Wir leben in unsicheren Zeiten“, sprach der erste Philosoph zum zweiten Philosophen, während er auf das offene Meer hinaussah. „Heute Morgen beispielsweise habe ich mich gefragt, ob es einen Unterschied machen würde, wenn ich im Bett liegen bleibe, anstatt aufzustehen, zu frühstücken und die Wohnung zu verlassen. Ich habe mich dann doch dazu überwunden und bin aufgestanden. Den ganzen lieben Tag über hat mich dann eine einzige Frage beschäftigt: Werde ich mich heute Abend halbwegs gelassen schlafen legen können? Die Welt, heißt es allenthalben, sei aus den Fugen geraten. Nicht, dass ich den medialen Berichterstattungen ausnahmslos Glauben schenken würde, ich behalte mir schließlich vor, sie kritisch auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Allerdings bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass die Welt in der Tat verrückt spielt. Der Beweis dessen, dass wir in einer wahnsinnig beschleunigten Zeit leben, sind wir selbst. Immerhin sind wir es, die, – um nur ein Beispiel zu nennen – einen rücksichtslosen Raubbau an der Natur praktizieren. Zu allem Übel bietet auch das alltägliche Leben in der Großstadt unzählige Gefahren. Das hohe Verkehrsaufkommen fordert seine Opfer, allzu schnell kann man hier unter die Räder kommen!“, sprach der erste Philosoph, während er ein eigenwilliges Handzeichen für das Unter-die-Räder-kommen machte. „Zwischen der Einschlafphase und dem Augenblick des Erwachens befinden wir uns in sicherer Lage, zumindest deutet unser Schlaf darauf hin, dass wir uns in traumhafter Sicherheit wiegen können.“, sprach er weiter. „Nach dem Erwachen müssen wir allerdings das Schlimmste befürchten. Wer wach ist, der ist anfällig für das Grauen. Es mag nachts vorübergehend sein Spielchen mit uns treiben, es mag uns im Alptraum begegnen und uns zutiefst erschrecken, am Tage jedoch, sobald wir mit allem rechnen, nur nicht mit dem Unglück selbst, schlägt es zu. Beispielsweise wird die Schwere eines Verbrechens erst dann sichtbar, sobald es aufgeklärt wurde. Die Schattenseite einer derartigen Aufklärung ist die Klärung des Tathergangs selbst, dessen Schrecken wir uns nicht verschließen können, sobald wir Kenntnis davon gewonnen haben. In gewisser Weise wiederholt sich die Tat durch ihre kriminalistische Aufklärung. Die an der Aufklärung maßgeblich beteiligten Beamten sind gewissermaßen Folgetäter, eine Art berufsmäßig operierender Wiederholungstäter.“

Der zweite Philosoph, überrascht vom Sprachgewitter seines Denkkollegen, bemerkte dessen Unsicherheit, schließlich zitterte der erste Philosoph am ganzen Körper. 

„Du frierst?“, fragte er den ersten Philosophen. 

„Aber nein“, antwortete dieser. „Ich habe Angst. Ich ängstige mich, weil ich nicht weiß, was im nächsten Moment geschehen wird. Eine offene Zukunft birgt schließlich allerlei Gefahren. Eine abgeschlossene Vergangenheit bietet zumindest die Möglichkeit, eine Lehre aus ihr zu ziehen. Es ist nicht die Unkenntnis von den Dingen, die da unzweifelhaft kommen werden, die mir Angst macht. Es ist die Ungewissheit überhaupt, die Ungewissheit darüber, dass wir diesen Tag unter Umständen gar nicht überstehen werden.“, und während er so sprach, riss der erste Philosoph die Augen auf, ganz so, als hätte er in der Ferne etwas wahrgenommen, was ihm sichtlich Angst und Bange machte, eine herannahende Gefahr, wenn man so will, deren Konturen sich am fernen Horizont deutlich abzeichneten. 

„Nicht von ungefähr interessiere ich mich für geschichtliche Ereignisse.“, sprach der erste Philosoph weiter. „Was geschehen ist, ist geschehen, soweit so gut. Der Zufall aber will, dass künftig zwangsläufig Ereignisse eintreten werden, mit denen wir nicht gerechnet haben, weil wir nicht mit ihnen rechnen können. Der Zufall ist das Unberechenbare, das mir überhaupt Angst macht. Was wir Sicherheit nennen, ist nicht vielmehr als ein Faustpfand statistischer Berechnungen. Trifft der Zufall ein, so beweist dies nur, dass die besten Berechnungen überhaupt nichts getaugt haben. Wir können zufällige Ereignisse nicht vorhersagen und wie der Zufall will, müssen wir sie ertragen.“ 

„Gewiss, wir können nicht alles vorhersehen, allerdings bedeutet dies keineswegs, dass wir uns vor der Zukunft fürchten müssen.“, sprach der zweite Philosoph, der dem ersten Philosophen aufmerksam zugehört hatte. „Ebenso wenig kann uns die Vergangenheit einen sicheren Halt bieten. Wer sich an vergangenen Ereignissen orientiert, wer sich an ihnen festklammert, der ist nicht frei für das Kommende, der verliert den klaren Blick für künftige Ereignisse, diese werden, ob wir es nun wahrhaben wollen oder nicht, zweifelsohne eintreten.“, und während er sprach, wies er mit seiner rechten Hand auf einen Felsen, der mitten in der Brandung stand. „Vordergründig trotzt der Felsen den herannahenden Wellen und tatsächlich bricht er sie auch, eine jede von ihr zerbricht an seiner steinernen Stirn. Und doch“, sprach der zweite Philosoph weiter, „und doch nimmt eine jede Welle einen Bruchteil des Felsens mit sich, gibt sich der Felsen sozusagen selbst Stück für Stück einer jeden herannahenden Welle hin, verwandelt ihn Wellengang für Wellengang schließlich in diesen Sandstrand unter unseren Füßen. Es wäre vermessen, anzunehmen, der Felsen würde ewig bestehen oder gar zurückkehren in den glühend heißen Schoß der Erde, die ihn vor Jahrmillionen ausgespuckt hat. Der Felsen“, sprach der zweite Philosoph weiter, „der Felsen widersteht zweifellos den Elementarkräften. Er bewahrt seine Haltung angesichts der mächtigen Brandung, die ihn umgibt. Und doch gibt er nach, ja, gibt er sich ihr hin, lässt er sich von der hereinbrechenden Naturgewalt formen, verliert er über die Zeit seine Gestalt ohne sich hierbei gänzlich aufzulösen. Der Felsen verwandelt sich, er gibt sich dem Meer hin, das ihn umgibt, bis er darin aufgegangen ist und Anteil nimmt am Unendlichen. Der Abschluss sämtlicher Metamorphosen – und hierin bin ich ein unbelehrbarer Metaphysiker – ist das Unendliche. Im grenzenlosen Meer des Seins angekommen, beginnt das ewige Wechselspiel von Werden und Vergehen schließlich von Neuem. Nichts endet. Was enden wird, ist nur die vorübergehende Gestalt, ihr Gehalt aber hat Anteil am Unendlichen.“ 

Dem ersten Philosoph, der dem zweiten Philosophen aufmerksam zugehört hatte, fiel ein Stein vom Herzen. Man konnte ihn förmlich am Grund seiner Seele aufschlagen hören, so tief fiel der Stein. Erleichtert sprach er: „Nun, für heute hast du mir die Angst genommen, hierfür möchte ich dir danken. Möge die Zuversicht auch in Zukunft dein Begleiter sein und mir künftige Sorgen ersparen.“, sprach er, klopfte seinem Denkkollegen sichtlich erfreut auf die Schulter und setzte mit diesem den gemeinsamen Spaziergang fort.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 16.5.2019

Illustration: © Kornelius Wilkens