Welches Theaterstück hat die schreibende Zunft mehr beschäftigt als Shakespeares „Hamlet“? Und es beschäftigt weiter. Bernhard H.F. Taureck hat mit „Hamlet. Widerstand gegen den Überwachungsstaat“ nicht nur ein Netz fabelhafter Analogien im Schrifttum aufgetan; er hat auch im Hamlet den ersten Auftritt des modernen Menschen auf der viktorianischen Bühne erkannt. Enno Rudolph hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Schlag nach bei Shakespeare

Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899, Foto: James Lafayette, London
Sarah Bernhardt als Hamlet, 1899

‚Relire Hamlet‘: Man beginne mit der Lektüre von William Shakespeares Hamlet noch einmal von vorn. Diesen Aufruf könnte man der im Jahr 2017 bei Velbrück erschienenen Interpretation des zu den berühmteste Werken Shakespeares zählenden Dramas Hamlet von Bernhard Taureck als Motto voranstellen: Das Buch ist eine Führung durch die komplexen Handlungsgefüge, die extrem spannungsvolle Dramaturgie und die unerschöpflich reiche Architektonik des vielleicht modernsten Bühnenstücks Shakespeares. Als modern darf es u.a. schon deshalb bezeichnet werden, weil es nicht primär dem Schicksal eines Standes bzw. eines Beziehungsgeflechts von gesellschaftlichen Gruppen oder dem Schicksal von Repräsentanten einer adeligen Elite, wie im Macbeth, auch nicht demjenigen von eminenten Amtsinhabern, wie im Fall der sogenannten „Königsdramen“, und schon gar nicht den komödiantischen Phantasien einer märchenhaften Zauberwelt, wie im Midsummer Night‘s Dream gewidmet ist. Vielmehr zeichnet es sich durch eine Reihe von für die Moderne typischen Stilmerkmalen aus, wie die durchgängige Konzentration auf die psychischen Regungen und Erregungen eines Individuums, auf die Methodik der permanenten Selbstbeobachtung und auf die Versprachlichung des reflexiven Innenlebens des Ich: Sämtliche aus der für Neuzeit und Moderne charakteristischen Subjektzentrierung folgenden Einseitigkeiten in der Wahrnehmung der Außenwelt nimmt die Titelfigur des Dramas vorweg: Hamlets Perspektive ist der Dreh- und Angelpunkt, von dem aus sich das Geschehen auf der Bühne entfaltet. Anders als etwa im Fall King Lears, ist es die Perspektive eines jungen sensiblen Menschen, der Leser und Zuschauer für sich einnimmt, und nicht die eines verwirrten Greises, der er Distanz bewirkt: der junge Mensch verführt den Zuschauer zur Identifikation mit seinen Hoffnungen, seiner Verzweiflung und seinen Ahnungen, er weckt Sympathie und Parteilichkeit, ja Empathie für sich, dem Opfertäter. Keiner würde wagen, ihn als einen Psychopathen oder einen Schwerenöter zu bezeichnen – zu integer scheint er, zu redlich seine Absichten, zu skrupulös sein Gemüt. Er hat etwas von einem Existentialisten avant la lettre, dessen radikaler Subjektivismus schon bei der bloßen Lektüre – außerhalb der Bühne – zur Wirkung kommt, und der Profilmerkmale des modernen Einzelsubjekts, wie es uns in theatralischer Form von Don Carlos bis Woyzeck vertraut ist, in sich vereint. Taurecks Hamlet ist keine gewöhnliche Werkinterpretation, die sich den zahlreichen bereits vorliegenden hinzugesellt oder sogar entgegenstellt. Er polemisiert nicht, er schottet sich nicht ab, aber er reiht sich auch nicht ein. Wiederholt begegnet die Bemerkung, dass seine Beobachtungen sich auf Passagen, Konstellationen oder Problemzusammenhänge des Dramas beziehen, die bislang von der Forschung noch nicht berücksichtigt worden seien. Wichtiger aber ist der Interpretationstyp, den Taureck eigens kreiert: er aktualisiert das Drama durch die Fokussierung auf den Tatbestand der permanenten Überwachung durch den Staat des Königs Claudius und seine Spione, der Hamlet unentrinnbar unterworfen ist, sowie auf die Formen und auf das Ausmaß der Widerstandsregungen, die der Held des Geschehens erkennen läßt. Dieser Fokus bildet die Zentralperspektive, aus der das Stück von Anfang bis Ende gelesen und gedeutet wird, und die den Kapiteln jeweils vorangestellten Inhaltsreferate sind konsequenter Weise der Einnahme dieser Sichtweise geschuldet. Ihr folgt entsprechend auch die Interpretation, allerdings, um dann dank ermittelter Gemeinsamkeiten über die Grenzen von Zeit und Raum hinweg interkulturelle weitere Kreise zu ziehen – historisch durch Einblendung von Horizonten anderer historischer Kulturen und ihrer Texte, die Taureck für vergleichbar hält, und thematisch durch die Bezugnahme auf aktuelle Parallelen etwa in der Beurteilung von Machtmißbrauch durch Totalkontrolle. Man kann diese Lesevorrichtung auch als eine Regieanweisung verstehen, und von daher wird verständlich, dass es sich bei diesem Buch zugleich um das Konzept für eine Neuinszenierung des Hamlet handelt, eines, das dem Drama eine spezifische Originalität verleiht.

Taureck stellt verblüffende Parallelen und Analogien her zwischen der Dramaturgie des Hamlet und denjenigen anderer repräsentativer Texte in Geschichte und Gegenwart – wobei es sich nicht nur um Dramen handelt. Einschneidend ist die Entdeckung von Überschneidungen im Fall der Apokalypse des Johannes. Der Vergleich zwischen diesen beiden extrem unterschiedlichen literarischen Genres – ganz zu schweigen von der Epochendifferenz – bedarf natürlich einer Erklärung: Der Autor ist sich dieser Aufgabe bewusst, und er motiviert den Leser zur Aufgeschlossenheit durch die Aussicht, eine „interkulturelle Kontextualität“ herzustellen. Eine mitgelieferte Auflistung ergibt im Fall der vergleichenden Gegenüberstellung von Apokalypse und Hamlet ein Verhältnis der Gemeinsamkeiten und Differenzen von 5:4. Hier bleibt allerdings nachzufragen, ob das ermittelte Verhältnis das Vergleichsergebnis tatsächlich überzeugend legitimiert: die leicht geringer ausgefallene Anzahl von Differenzen birgt nämlich Gegensätze, die schwerlich durch die Gemeinsamkeiten kompensiert werden können: Beiden, Hamlet und dem apokalyptischen Autor, gehe es zwar um „Gerechtigkeit“, was in dieser Allgemeinheit auch zutrifft, konkret aber markiert der Vergleich eine unüberbrückbare Differenz, und zwar sowohl diejenige zwischen der Kultur der kosmischen Metaphysik der jüdisch-christlichen Antike und der rationalen Berechenbarkeit der Welt – gerade auch der politischen Welt – in der anbrechenden Moderne einerseits, als auch diejenige zwischen den betroffenen Akteuren andererseits: In der Apokalypse geht es um die Menschheit, bei Hamlet um den Einzelnen. Die Apokalypse zielt auf die Durchsetzung von Gottes Gerechtigkeit über den Weg einer kosmischen Katastrophe. Der Gott der Apokalypse rächt sich nicht, er straft; Hamlet hingegen straft nicht, er rächt. Hinzu kommt, dass die Apokalypse den Betroffenen weder zeitlichen Spielraum – das Weltgericht kommt jetzt –, noch Autonomie lässt: jede Aktion, die auf Beeinflussung zielt, ist sinnlos, jede Handlung kommt zu spät. Hamlet aber hadert, er hat noch Entscheidungsspielräume, er verfügt über eine Rest-Autonomie, die rechtfertigt, von einer Handlung des Dramas zu sprechen, eine, die sich den Handlungen der Akteure verdankt. Im dramatischen Geschehen der Apokalypse handelt niemand mehr – und das gilt für sämtliche Apokalypsen der jüdischen und der christlichen Kultur.

Da die anderen Punkte der Liste – ebenso wie ein provokanter Vergleich zwischen Shakespeares Hamlet und Vergil – entsprechende Einwände auslösen – und wohl auch auslösen sollen -, wird der Leser mit Blick auf das Ende des Buches, wo es um den Vergleich zwischen Hamlet und Antigone geht, umso mehr in Spannung versetzt. Diese Gegenüberstellung kann von vornherein eine Plausibilität für sich beanspruchen, geht es doch in beiden Fällen um das Problem des individuellen Widerstands gegen die Staatsgewalt, seine Legitimation und seine Risiken. Darüberhinaus wird in beiden Fällen auf die Beharrlichkeit in der Solidarität mit den jeweiligen Opfern der Staatsgewalt abgehoben – hier Hamlets Vater, dort Antigones Bruder. Es ist die „Sensibilität“ der beiden Helden, die sich Taureck zufolge vergleichen lasse, die sich im Fall Antigones keineswegs durch die Feindschaft einschränken lässt, die zwischen den beiden Brüdern bestand, und die sich bei Hamlet unbeirrbar gegen die zunehmende Todesdrohung behauptet. Allerdings macht gerade diese Zuspitzung auch die Grenzen der Vergleichbarkeit deutlich: Da ist auf der einen Seite die todesbereite Gelassenheit Antigones, die sich darauf freut, an der Seite ihres Bruders in ihrem Grabe zu liegen, und auf der anderen ist es die Verzweiflung Hamlets angesichts der Einsicht, dass es so oder so kein Entrinnen für ihn gibt. Für Taureck läßt sich das Hamlet-Drama lesen als ein Dokument „neuzeitlicher Ausweglosigkeit“. Antigone hingegen ruhe im Mythos – ein Vorteil, der in der Zeit Shakespeares keine Chance mehr habe. Diese Schlußfolgerung verblüfft: Ist es in der Antigone nicht derselbe Sophokles, der – man denke nur an Ödipus Rex – die Unausweichlichkeit des Tragischen wie kein anderer zu seinem Thema gemacht hat, und der in der Antigone ein anderes Beispiel für den Determinismus des Tragischen liefert? Antigone muß an ihrem „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ zugrunde gehen, da es sich hier um die Unausweichlichkeit des tragischen Ausgangs bewußter Aktionen handelt, deren Ende – anders und vor allem fataler noch, als im Ödipus – berechenbar ist, so dass ihm offenen Auges entgegengesehen werden kann. Es gibt also nicht nur den tragischen Irrtum, à la Ödipus, es gibt das tragische Handlungsziel. Das Martyrium, der Heldentod, der Glaube an die eigene Wahrheit mögen die Motive sein: die bewußt ausgeübte Handlungsfreiheit unterliegt der Logik des Tragischen genauso wie die ungewollten Verstrickungen. Diese Deutung ließe sich im Übrigen mit der viel diskutierten Sentenz des ersten Chorliedes im zweiten Akt der Antigone plausibel zur Deckung bringen, was ins Auge sticht, wenn man übersetzt: „nichts ist abgründiger als der Mensch“ (statt Taureck und schon Hölderlin: „nichts ist ungeheurer als der Mensch“). Von dieser Deutung aus lässt sich eine Brücke schlagen zur Figur des modernen Einzelnen, der zum Herrn seines Schicksals werden will, und der weiß, daß er scheitern kann, aber nicht scheitern muß – ein Verweis auf den Abgrund der Freiheit.

Die Stärke von Taurecks originellem und unkonventionellem Zugang zu Shakespeares Hamlet liegt zweifellos in seiner hermeneutischen Courage und in den anregenden Provokationen, die seine Deutungsvorschläge auslösen. Der „interkulturelle Kontext“, den er herstellt, muß nicht immer überzeugen, er erweitert aber den Horizont der Einordnung, und er lädt ein zu Vergleichen mit akuten Fällen staatlicher Überwachungspraktiken in unserer Zeit. Neugierig darf jeder Leser sein, auf den vom Autor zum Abschluss präsentierten Vorschlag zu einer Inszenierung des Hamlet.

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erstellt am 16.5.2019

Bernhard H.F. Taureck
Hamlet. Widerstand gegen den Überwachungsstaat
Eine intertextuelle Deutung
Paperback, 320 Seiten
ISBN 9783958321366
Velbrück Wissenschaft, Weilerswist 2017

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