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DJ BoBo ist nie weg gewesen: 2017 feierte der Schweizer Popstar sein 25-jähriges Bühnenjubiläum. Jüngst trat er in der ausverkauften Arena Nürnberg auf. Andreas Thamm hat den eindrücklichen Abend protokolliert und über das musikalische Comeback der Neunziger nachgedacht.

Konzert

Raumschiff, Flammen, Konfetti, Dance!

Der Mann, den sie BoBo nennen, heißt René Peter Baumann. René Baumann liebt Laubbläser. Und fährt privat einen ferrariroten Traktor. Was könnte besser passen zum Bild, das man eh hat von diesem Mann, diesem bodenständig-spießig-spaßigen Schweizer? Auf den Plakaten in Nürnberg sieht man ihn in seinem Raumanzug, der offenbar dem des Iron Man nachempfunden ist.

Es ist der 4. Mai 2019, Arena Nürnberg, ausverkauft. Einlass 18 Uhr, vollbestuhlt, familienfreundlich. Die Bühne ist keine flache Ebene, sondern auf ein Aufbau auf einem Aufbau, acht Meter hoch. 18.20 Uhr: DJ BoBo meldet sich von hinter der Bühne. Man kann sein Lächeln hören durch diesen sanften Schweizer Akzent: „Ich befinde mich bereits in meinem Raumanzug.“ Er bittet sein Publikum einander zu begrüßen, links, rechts, vorne und hinten, einander kennenzulernen. Die Ansicht eines Flugsimulators wie man ihn vom Jahrmarkt kennt, erscheint auf der Leinwand. 18.23: Wir fliegen mit DJ BoBo durchs Weltall und auf Nürnberg zu.

Es gibt diese Theorie, dass Modeerscheinungen alle 20 Jahre wiederkehren. Was jetzt cool ist, ist in zehn Jahren peinlich, in zwanzig aber wieder cool. So lassen sich die Retro-Wellen mit leichten Ungenauigkeiten vorhersagen. Auf Plakatwänden werden zurzeit Namen angekündigt, die längst in der Versenkung verschwunden waren. Blümchen, Culture Beat, Mr President – sie sind alle wieder da, und die jungen Menschen gehen hin und tanzen genauso, wie die jungen Menschen vor 20 bis 30 Jahren getanzt haben. DJ BoBo ist nicht wieder da. DJ BoBo ist nie weg gewesen. Er hat einfach immer weiter gemacht, Album für Album, Tour für Tour, Freizeitpark, Mehrzweckhalle, Schlagerfest, Technofest. 2017 feierte er 25-jähriges Bühnenjubiläum – mit der bestverkauften Tour seiner Karriere.

18.26: Da ist er ja. Aus Rauch und Laser kristallisiert sich eine durchschnittlich gewachsene Figur, der 51 Jahre alte Mann, dessen Gesicht jeder kennt. „We are made of colours, we are made of stars“. Links, etwas niedriger spielt einer ein echtes Schlagzeug, einer Gitarre, rechts von BoBo ein Keyboarder. Er ist flankiert von zwei Space-Göttinnen in Glitzerkleidern. Eine muss Nancy sein, seine Frau. 18.30: Tragflächen entfalten sich, eine Schnauze klappt runter, ein Raumschiff. Die Goldene, das muss Nancy sein, so lasziv, wie sie sich jetzt um BoBo windet. Sein Lächeln mit beiden perfekten Zahnreihen ist ikonisch. Vier weitere Tänzerinnen erscheinen, ihre Körper, zack, Knie hoch, zack Faustschlag, bewegen sich in perfekter Choreografie. Das Publikum sitzt noch zum neuen Sound vom „Kaleidoluna“-Album. 18.37: Das kommt uns bekannt vor. „I believe in visions, I believe in love“. Ein klassischer Eurodance-Beat hämmert. 18.40: Niemand sitzt mehr.

Eurodance, das war ja schon in den 1990er-Jahren eigentlich eine Gegenbewegung. Aus den USA schwappte die stilvoll verzerrte Depression rüber, Grunge, die totale Ablehnung von allem, sogar von Ablehnung an sich. Und Grunge wurde Mainstream, was ja schonmal gar nicht funktioniert. Auf Deutsch hieß das dann Diskurs-Pop oder Hamburger Schule.

In diese Zeit der dünnen, schlauen Jungs, die, wenn sie nicht gerade romantische Gedichte oder französische Psychoanalyse lasen, krachig Gitarre spielten, platzte Eurodance und war in jeder Hinsicht so absolut anders, weil nicht zerdacht und nicht ablehnend, sondern radikal bejahend und radikal einfach. Spaßverpflichtung statt Depression, Tanztherapie statt Heroin. Vollkommene, wunderbare Harmlosigkeit. BoBo fühlte sich unterschätzt, aber er war und ist so wahnsinnig erfolgreich.

Die Fans sind jetzt heiß. BoBo weiß um ihre Nostalgiesehnsucht. „Ich war zwölf und hatte einen großen Traum: Die Menschen tanzen zu meiner Musik.“ Mit 21 nahm er die erste eigene Single auf. Er hält die Platte hoch: „I Love You“. „Ich habe sie aufgelegt, dann war die Tanzfläche leer.“ So ging das weiter. Von „Ladys in the House“ habe er 950 von 1000 Pressungen noch im Keller liegen. Mit der vierten Single geht René Baumanns Traum in Erfüllung. 18.44: „Somebody Dance With Me“. Klimperkeyboard, ekstatisches Jauchzen im Publikum.

Musikvideo: DJ BoBo, „Somebody Dance With Me“

DJ BoBo macht leichte Unterhaltung. Da sagt er selbst, und auch, dass er eigentlich nicht viel Talent habe, was Gesang und Texten angeht. Gleichzeitig ist Baumann auch nie die Postererscheinung gewesen wie die Boygroup-Kollegen jener Tage. Kein rausgeputzter Muskeltyp, sondern immer dieser leicht zerknautschte ehemalige Bäckergeselle, der Popstar, den es einfach nicht kümmerte, als seine Zeit nun abgelaufen war. Sein mangelndes Talent und durchschnittliches Aussehen haben ihm dabei geholfen: Er ist nie der Künstler gewesen, der sich auf eine Sache verlassen konnte. Er musste mit höchster Akribie und fast manischem Perfektionismus etwas drum herum bauen, das die Musik anreichert, aufwertet, vielleicht vergessen lässt: Eine Show im eigentlichen Sinne. Diese Show hat überlebt, weil sie ganz einfach beeindruckt, weil sie einem die Kinnlade aufzieht, auch wenn die dazugehörende Musik schlecht gealtert ist.

Rund ein Dutzend Menschen tanzen mittlerweile in wechselnden Outfits um DJ BoBo herum. Er selbst, erhaben, verlässt sich auf reduzierte Gestik: Arme ausbreiten, wohin deuten, Hand ans Ohr. 18.55: Die Leinwand zeigt Sternenhimmel, über BoBo schweben vier Drohnen wie leuchtende Quallen, schwingen hin und her zum Titeltrack des neuen Albums. Das ist kein Dance mehr, nur Pop-Bombast. 19.09: Blaue und rote Lichter wandern wie leuchtende Knochen durch die Anzüge von vier Tänzern, „Shadows of the Night“.

Alles hört sich an, wie es damals wahrscheinlich auch schon klang. Baumanns Rap holpert freundlich von Reim zu Reim. Das Singen überlässt er anderen. Die Musik ist nicht immer Dance, aber immer sind die Melodien so einfach und so unwiderstehlich eingängig. Das Schlimmste an allem: Man kann ihn, selbst wenn man sich bemüht, nicht doof finden, René Baumann. DJ BoBo, wie er grinst, wie er sich über mitsingende NürnbergerInnen freut, wie er sich treuherzig rührend bedankt. Wie er den 12-jährigen Maurice auf die Bühne holt, damit der am unsichtbaren Bluetooth-Schlagzeug „We will Rock You“ spielt. Videobilder: DJ BoBo besucht Kinder in Afrika. DJ BoBo schenkt einem animierten Strich-Mädchen einen Regenschirm. DJ BoBo ist reine, freundliche Oberfläche. Musik zum Sichgutfühlen, über Respekt und Liebe und Tanzen. Das ist so naiv und so kindisch und, bitte, warum nicht?

19.17: „What a Feeling!“ Ach ja, ganz vergessen. Die seitlichen Leinwände zeigen das Video von 2001, junger DJ BoBo, aber schon kein schulterlanges Haar mehr, dafür ein weißer ärmelloser Anzug mit Spiegeln besetzt. Das Raumschiff hat sich in eine Villa verwandelt, in deren Hintergrund verkohlte Bäume, die im Wasser stehen, Flammen. Hinweis auf die Klima-Apokalypse? An dieser Stelle? Nancy wurde mittlerweile durch einen Sänger ersetzt, macht Pause. 19.33: Nancy ist wieder da, ein Glück, trällert piepsig: „Take control of your mind!“ Wir befinden uns in einem Piratenmusical mit Rockzitaten, Gitarrensolo! 19.33: Die Villa setzt Moos an, ist im Verfall begriffen. BoBo tanzt auf dem Balkon.

19.42 und man vergisst manchmal, wie viele Hits der Mann noch im Köcher hat, 150 goldene Schallplatten. Jetzt jedenfalls: „Pray!“ Rote Feuerzungen schießen im Beat gen Hallendecke, zehn Meter hohes Flammen züngeln. Es riecht nach Feuer. Religiöse Verzückung im Publikum, aber Mitklatschen nicht vergessen. Um die Säulen der Villa rankt sich Efeu. Die Brände haben aufgehört. Der Urwald erobert sich die Welt zurück.

20.00: „Senorita“, die Kulisse sieht nun mexikanisch aus. Kakteen und Sombreros, logisch. Konfettiregen von der Decke. Eine Halbglatze mit Hemd unterm Pullover, Marke Erdkundelehrer, hat sich eine fluoreszierende Luftschlange um den Hals gelegt. Die Menschen schreien teilweise unkontrolliert. 20.15: Ist „Chihuahua“ der Höhepunkt des Irrsinns, der perfekte Dada-Moment? 15 erwachsene Menschen tanzen mit großer Ernsthaftigkeit ein Kinderlied. Fans wissen, wir sind noch nicht am Ende. Die Bühne neigt sich dem Publikum zu. Nur BoBo und Band jetzt: Warum fallen die nicht? 20.23: „Freedom!“ Wenn Kirmes-Techno je ernst zu nehmen war, dann vielleicht in diesem Song. Das hat doch Gospel! Arme nach oben, Flugbegleiterdance, Arme vor der Brust zusammen, BoBo betet Dance.

20.28: „Wollt ihr noch einen?“ Das Raumschiff ist wieder da. 20.35: „There Is a Party“. Das ist programmatisch, Lebensmotto. War das Leben so in den 90ern, sorgenfrei? In der Erinnerung seiner Fans zumindest wird es das, das ist wichtiger. BoBo stellt die Band vor: „… und immer an meiner Seite, die Liebe meines Lebens: Nancy.“ Ist er der beste Mensch? Man will nichts anderes mehr glauben. 20.40: Silberkonfetti. Die Welt ist zwei Stunden lang ein harmloser, ein friedliebender, ein schöner Ort. „Wir kommen wieder“, verspricht René Baumann, der Popstar, der nicht aufhören wollte einer zu sein. 2022 feiert er 30-jähriges Bühnenjubiläum. Keine Frage.

Musikvideo: DJ BoBo, „There Is a Party“

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erstellt am 15.5.2019

DJ BoBo in Sofia, 2018, Foto: Biser Todorov [CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)]

DJ BoBo in Sofia, 2018 Foto: Biser Todorov [CC BY 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0)]