Liebe Leserinnen und Leser! Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit sowie Archivfunktionen kosten Geld. Damit www.faustkultur.de, eines der wenigen Qualitäts-Portale im Netz, weiterhin eine »Kultur-Oase« bleibt, können Sie uns unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


Henry Jaegers Romane erreichten einst Millionenauflagen. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, einige in Starbesetzung verfilmt. Erste Berühmtheit erlangte er jedoch als Kopf einer Räuberbande. Jaeger starb 2000 in Ascona. Jakob Stein erinnert an die bewegte Lebensgeschichte des Autors.

Porträt

Die Wandlung des Karl-Heinz Jäger

Von Jakob Stein

„Dabei ist sein größter Roman, der über sein Leben, noch nicht geschrieben …“ (Dietrich Wagner, Ein Gangster schreibt sich frei. Eine Dokumentation, 1999)

Grab von Henry Jaeger in Ascona, Foto: Jakob Stein [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)]
Grab von Henry Jaeger, Foto: Jakob Stein

Die emaillierte Fotografie auf dem Grabstein zeigt das Konterfei eines Herrn im gesetzten Alter. Der Betrachter nimmt ihm sofort den Beruf des Schriftstellers ab. Das ist Henry Jaeger, Bestsellerautor und Verfasser von Romanen, die es bis auf die Leinwand brachten. Karl-Heinz Jäger, so sein bürgerlicher Name, war ein anderer. Ihm war nicht in die Wiege gelegt, einmal Autor von mehr als zwanzig Büchern zu werden.

Karl Heinz Jäger wurde 1927 in Frankfurt geboren. Er verlebte eine vom Streit der Eltern geprägte Kindheit in Bornheim. Mitten im Krieg verlässt der Vater die Familie. Mit sechzehn war die Schulzeit von Karl-Heinz zu Ende. Wie viele aus seiner Generation musste er an die Front.

Zunächst war Jäger Flakhelfer in der Heimat, später, kurz vor Ende, wurde er als Kanonenfutter gegen die anrückenden Alliierten nach Westen geschickt. Karl-Heinz Jäger hatte Glück und überlebte. Traumatisiert kehrte er in das zerstörte Frankfurt zurück.

Es gelingt ihm, eine Anstellung bei der US Army zu finden. Als Dolmetscher und Laborassistent bringt er sich und seine Mutter durch die Nachkriegszeit. Seine heimliche Betätigung als ‚Hilfsarzt‘ beschert ihm ein Vermögen in Form von Zigaretten, der eigentlichen Währung in der Schattenwirtschaft. Es geht verloren, wie auch seine erste Verlobung zerbricht.

Das ihm im Krieg verliehene Notabitur ist nichts wert. Er drückt nochmals die Schulbank. Ein angestrebtes Medizinstudium wird ihm verweigert. Jäger fühlt sich erneut um seine Zukunft betrogen. Mehr und mehr gerät er auf die schiefe Bahn. Noch sind es kleine Vergehen. Es folgen erste Festnahmen und kurzfristige Inhaftierungen.

Prinz der Unterwelt

Karl-Heinz lernt schnell die Lücken in der Nachkriegsordnung zu nutzen. Mit knapp fünfundzwanzig Jahren ist er der Kopf einer Räuberbande, die Der Spiegel einmal „die klügste und raffinierteste der jungen Bundesrepublik“ nennen wird. Karl-Heinz ist ein Prinz der Unterwelt. Er ist gewieft, vorausschauend und hartnäckig. Will er etwas haben, ob Beute oder Frauen, kann ihn nichts davon abbringen. Die Eiche wird er in seinen Kreisen genannt.

Einige Jahre geht es gut. Die Raubzüge der Bande werden von Mal zu Mal dreister. Sie spielen Katz und Maus mit der Polizei. Mit gestohlenen, schnellen Autos fährt ihnen die „Jäger-Bande“ einfach davon. Fingierte Alibis und gekaufte Zeugen lassen die Staatsanwaltschaft, trotz bereits bestehendem Verdacht, immer wieder ins Leere laufen.

Mitte der 1950er Jahre ist Schluss. Der Überfall auf die Rentenkasse am Oeder Weg in Frankfurt ist Höhepunkt und Ende zugleich. Zwölf Jahre Zuchthaus, ein Vielfaches dessen, was ein Täter aus dem Dritten Reich damals zu erwarten hatte, werden Karl-Heinz Jäger aufgebrummt. Ein weiteres Mal fühlt er sich von der Gesellschaft betrogen.

Zuchthaus hieß Rede- und Schreibverbot, Schweigehof, Einzelhaft und nicht selten körperliche Gewalt. Hinter dicken Mauern, in einer kleinen, kargen Zelle, wird aus Karl-Heinz Jäger, Henry Jaeger. Um den drohenden Irrsinn zu entgehen, beschafft er sich einen Bleistiftstummel. Auf das dünne, braune Toilettenpapier seiner Zelle schreibt er erste Entwürfe und Szenen eines Romans. Die eng beschriebenen Blätter steckt er dem Anstaltspfarrer zu, der sie hinausschmuggelt. So entsteht heimlich, ohne Wissen der Gefängnisleitung, das erste Buch Henry Jaegers: „Die Festung“.

„Die Festung“ erscheint 1962 und wird ein Riesenerfolg. Kurze Zeit später wird der Roman mit Martin Held und Hildegard Knef in den Hauptrollen verfilmt. Henry Jaeger darf nun offiziell schreiben. Im Gefängnis beginnt er weitere Romane. 1964 wird Jäger begnadigt und unter Auflagen aus der Haft entlassen.

Erich Maria Remarque, den Jaeger der Frankfurter Buchmesse kennenlernte, lockt ihn nach Ascona. Dies sei der richtige Ort für einen angehenden Künstler, besonders mit seiner Vergangenheit. Es sei das ideale Umfeld für eine geschundene Seele. Henry Jaeger lebt zunächst sporadisch, ab 1968, fest in Ascona.

Gefeierter Schriftsteller

Er zieht mit seiner Frau Elke – die beiden hatten ein Jahr zuvor in Frankfurt geheiratet – in die Casa Elisabetta, in der Sentiero Crocetta. Für Jaeger ist es die verspätete Emigration aus einem Land, das ihn seiner Jugend und einem Großteil seines bisherigen Lebens beraubte.

Die Wandlung zum Schriftsteller, zum Künstler, ist nun endgültig vollzogen. Ein zwischenzeitlicher Absprung in den Journalismus bei der Frankfurter Rundschau und beim Stern haben sich zerschlagen. Der Erfolg als Autor bleibt Henry Jaeger in den ersten Jahren treu. Seine Bücher, die sich mit den Randfiguren der Wirtschaftswunderzeit beschäftigen, werden von Kritik und Publikum gleichermaßen gefeiert. Seine Frau und nahe Freunde verleihen ihm den Namen Gröschaz, der größte Schriftsteller aller Zeiten.

Sein scheinbar luxuriöses Leben am Lago Maggiore bringt erste Risse in diese Beliebtheit. Plötzlich ist er ein Playboy, ein Mitglied der Hautevolee, der Schickeria. Es erscheinen Reportagen, die den ehemaligen Gangster als wohlhabenden Lebemann zeigen. Wie um das Gegenteil zu beweisen, schreibt Jaeger ein Buch über die feine Gesellschaft von Ascona. „Der Club“, so der Titel, ist Fiktion und Parodie eines ausschweifenden Lebens innerhalb der Künstlerkolonie.

Die Kritik akzeptiert ein solches Thema von ihm nicht. Sein Metier sind Außenseiter und die schummrige Halbwelt. Erstmals fällt ein Buch von ihm durch. Enttäuscht beginnt er Fortsetzungsromane für Zeitschriften zu schreiben, seichter Lesestoff für ein gelangweiltes Publikum. Die Kritik bricht vollends mit ihm. Der einst so hochgelobte Autor, das Naturtalent, der so glaubhaft und authentisch erzählen konnte, wird nun gänzlich ignoriert.

Was keiner weiß, was niemand wissen durfte: Jaeger erlitt einen Schlaganfall, der ihm komplett die Sprache raubte. Über Monate ist er nicht in der Lage sich zu verständigen, geschweige denn zu schreiben. Die Ärzte sagen, dass er nie wieder ein Buch verfassen könne.

Doch sie kennen ihn nicht. Es ist noch genügend des ehemaligen Karl-Heinz Jäger, der Eiche, in ihm. Mit unendlicher Mühe, mit großer Qual, schonungslos gegen sich und seine Frau, erlangt er sein Handwerkszeug zurück. Er diktiert erste kleinere Geschichten, dann Erzählungen, schließlich wieder einen ganzen Roman. Die Kritik schweigt, übergeht ihn, erkennt seine Leistung nicht an.

Henry Jaeger ist tief gekränkt. Er trinkt noch mehr als zuvor, wird aggressiv und handgreiflich. Die Ehe zerbricht endgültig. Seine Lebensumstände verschlechtern sich von Jahr zu Jahr. In einer Art später Rückbesinnung schreibt er über die düsteren Lebensperspektiven der Kohlearbeiter im Ruhrgebiet. Ein letztes Mal schimmert ein Abglanz des einstigen Erfolges auf. Das Buch wird verfilmt. Doch es ist zu spät. Die Einnahmen daraus waren längst ausgegeben.

Über Jahre hatte Jaeger einen Schuldenberg angehäuft. Längst musste er das Haus mit Blick auf den See und die Promenade verlassen. Am Ende lebt er schwer krank und völlig mittellos in einem Hospiz in Locarno. Er stirbt am 7. Februar 2000. Die Gemeinde Ascona erweist ihm die letzte Ehre und stiftet ihm ein Grab auf dem Friedhof und einen Eintrag auf der dortigen Gedenktafel.

Jakob Stein ist Autor, Herausgeber und Verleger. Er lebt in Frankfurt am Main. Stein hat mehrere Jahre zu Henry Jaeger recherchiert. Er durchsuchte Archive und Bibliotheken, sammelte Bücher, Hinweise und Dokumente, befragte Zeitzeugen. Auf dem Gerüst dieser Fakten ist der Roman „Der Gröschaz“ entstanden, für dessen Publikation Jakob Stein und der B3 Verlag eine Crowdfunding-Kampagne initiiert haben: https://www.startnext.com/henry-jaeger-bankraeuber-gaune

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare


martin compart - ( 23-05-2019 03:01:10 )
Großartiger Text. Eine Beschäftigung mit Jaeger ist m.E. lange überfällig. Einer der großen Außenseiter der bundesrepublikanischen Literatur, der eine Neubewertung verdient.

Kommentar eintragen









erstellt am 13.5.2019

Henry Jaeger in Ascona an seiner Schreibmaschine, Foto: privat
Henry Jaeger in Ascona, Foto: privat