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Im Gegensatz zum Fußball weiß der Spielleiter im Theater, wie das Spiel ausgeht. Er legt sogar jeden Spielzug fest, wenn er ihn nicht der Improvisation überlässt. Nicht jedes Theaterstück ist also ein Sportstück und umgekehrt, außer vielleicht in München, wo Walter H. Krämer von der Theaterliga berichtet.

Theater

Bittere Tränen und Zidanes Kopfstoß

In München spielt nicht nur der FC in der ersten Liga oder: Theater von herausragender Qualität!

Im ICE auf dem Weg nach München kamen mir die Worte Bertolt Brechts aus dem Jahr 1920 „wenn man ins Theater geht wie in die Kirche oder in den Gerichtssaal oder in die Schule, das ist schon falsch. Man muss ins Theater gehen wie zu einem Sportfest“ in den Sinn.

Sportliche vier Theaterbesuche in vier Tagen und dazu noch das zum Endspiel um die deutsche Meisterschaft 2019 hochstilisierte Bundesliga-Spiel zwischen Borussia Dortmund (bis dahin Tabellenerster) und dem FC Bayern München am 6. April 2019 (Spieltag 28 von 34) führten mich zu folgenden Überlegungen:

Nicht selten hört oder liest man in Bezug auf Fußballereignisse Formulierungen wie „aufwühlende Dramaturgie“, „unglaubliches Drehbuch“, „mitreißendes Szenario“, „Leid und Leidenschaften pur“, oder „unfassbare Tragödie“ – Formulierungen, die man eher bei der Beschreibung eines Films oder eines Theaterstückes vermutet.

Doch das Analogie-Potential von Fußball und Theater ist groß und vielfältig. Es scheint, dass alle Kultur Spiel-Charakter besitzt und der Mensch seine Fähigkeiten vor allem über das Spiel entwickelt (homo ludens, der spielende Mensch) und – frei nach Friedrich Schiller – der Mensch nur da ganz Mensch ist, wo er spielt. – egal ob Fußball oder Theater!

Manche Spieler entwickeln nach gelungenen Auftritten auf dem Rasen ein regelrechtes Verbeugungsritual gegenüber dem Publikum, denn im Stadion gibt es ähnlich wie im Theater für eine gute Leistung viel Applaus. Die Bühne und das Stadion bieten gleichermaßen Schauspiele. Fußballer und Bühnendarsteller sind Spieler, auf die geschaut wird, eben Schauspieler. Große Helden und Dramen gibt es daher sowohl auf der Bühne als auch auf dem Fußballrasen, meint dazu der Dramaturg, Autor und Fußballfan Moritz Rinke.

So lassen sich zwischen Fußball und Theater durchaus Parallelen finden. So etwa die zwischen Stadion und Bühne, Fußballer und Schauspieler, Mannschaft und Ensemble – um nur einige von vielen weiteren zu nennen. Sowohl hier als auch dort haben wir es mit wirklichen Handlungen zu tun – manchmal zum Gähnen langweilig und manchmal kathartisch und erschütternd.

Auch in den Theatern in München finden derzeit vermeintliche und reale Endspiele statt. Im Residenztheater geht gerade die Intendanz von Martin Kušej nach acht erfolgreichen Jahren zu Ende, das Volkstheater wird an anderer Stelle neu gebaut, und Matthias Lilienthal hat nur noch eine Spielzeit an den Münchener Kammerspielen vor sich – die designierte neue Intendantin steht schon bereit.

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, Residenztheater/Marstall Foto: Hans Jörg Michel

Am ersten Abend im Marstall, einer Nebenspielstätte des Residenztheaters, „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ von Rainer Werner Fassbinder gesehen. Die bildmächtige Inszenierung von Martin Kušej aus dem Jahre 2012 lässt einen nicht unberührt, so unmittelbar und expressiv kommt sie daher. Annette Murschetz hat dafür einen Guckkasten errichtet, der von vier Seiten von den Zuschauer*innen eingesehen werden kann. Auf einer Spielfläche mit 998 anfangs systematisch aufgereihten Sektflaschen spielt sich das Drama um die enttäuschte Liebe einer erfolgreichen Modedesignerin zu dem Subjekt ihrer Begierde ab. „Es sollte ein Raum geschaffen werden“, so die Schauspielerin Bibiana Beglau, „in dem der innere Schmerz der Figuren sichtbar wird“. Der Fluss der Handlung wird mehrmals durch Blackouts unterbrochen. Geht dann das Licht wieder an, haben sich die Schauspielerinnen – insgesamt sechs – neu positioniert. Mittendrin immer wieder Bibiana Beglau als harte Geschäftsfrau Petra von Kant, die an der Liebe zerbricht. Und die Schauspielerin riskiert viel bei der Gestaltung dieser Rolle.

Bei Fassbinder stirbt die Liebe der Modedesignerin zur jungen Karin, die sie nur als Karrieresprungbrett benutzt, einen quälend langsamen, leisen Tod. In der Inszenierung von Martin Kušej – anders geht, besser nicht! – und seiner Hauptdarstellerin spürt man dagegen fast körperlich, wie weh das tut. Bibiana Beglau legt vor unseren Augen die Seele der Geschäftsfrau bloß, macht ihre Verletzlichkeit und Einsamkeit sichtbar. Holt alles aus ihrem schmalen Körper und setzt diesen kontrolliert permanent aufs Spiel. Das ist Schauspielkunst auf allerhöchstens Niveau und macht Bibiana Beglau zu einer der bemerkenswertesten Spielerinnen der Republik – nicht zuletzt deshalb erhielt sie 2014 auch den Faust Theaterpreis als beste Schauspielerin. Champions League eben.

Dunkle Frauenschicksale

Einen Tag später auf der großen Bühne des Residenztheaters: neun Tonnen schwarzer Stahl. Das Bühnenbild eine kolossale Maschine. Begleitet von einem bombastischen Soundtrack aus Geigen, Cello und Bass kann man hier einmal mehr das Überwältigungstheater von Ulrich Rasche erleben. Diesmal mit einer Inszenierung und Bearbeitung der „Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal. Im Gedächtnis bleiben vor allem drei Frauen: Katja Bürkle, die sich als Elektra den Hass von der manchmal fünf, sechs Meter hohen Bühne aus der Seele schreit, Juliane Köhler als ihr Mutter Klytämnestra und Lilith Häßle als ihre Schwester Chrysothemis. Alle drei gefangen in den jeweils eignen Gefühlen des Hasses (Elektra), der Selbstgerechtigkeit (Klytämnestra) und des Sich-Arrangierens (Chrysothemis). Aber die Erinnerungen an ihre grausamen Taten lassen sich nicht verdrängen. Sie tauchen als Dämonen wieder auf und bestimmen das Leben der drei. Indem der Regisseur die wesentlichen Gedankengänge der drei durch einen Chor beschwörend wiederholen lässt, wird dies noch deutlicher. Drei dunkle Frauenschicksale sind hier einer Bühnenmaschinerie unterworfen, die sie reden, aber nicht handeln lässt – mittendrin und eindeutiges Zentrum eine großartige Katja Bürkle, die ihre Familie sprachlich durch das gemeinsame Schicksal peitscht und dabei zugleich ihre Verzweiflung und das Zerbrechen daran sichtbar werden lässt.

Eine weitere Spielerin also in der höchsten Spielklasse. Besonders seit sie den Verein – sprich das Theater – gewechselt hat und mit neuem Trainer – sprich Regisseur – zusammenarbeitet, spielt sie beflügelt und befreit auf und begeistert durch ihre sprachliche Virtuosität – nominiert für den Faust Theaterpreis als beste Schauspielern. Was dem FC Bayern die Fußballspieler Manuel Neuer und Robert Lewandowski, sind dem Residenztheater die Schauspielerinnen Bibiana Beglau und Katja Bürkle.

„Warten auf Godot“ am Münchner Volkstheater Foto: Gabriela Neeb

Das Volkstheater spielt zwar nicht in der gleichen Liga wie die Münchener Kammerspiele und das Residenztheater, ist aber immer wieder für Überraschungen gut und besonders für junge Menschen diesseits und jenseits der Bühne ein geliebter Ort. Die Frage, wer Godot eigentlich ist, beantwortet auch Nicolas Charaux mit seiner Inszenierung von „Warten auf Godot“ am Volkstheater München nicht. Gleichwohl beeindruckt sie mit ihrer Verständlichkeit und humorvollen Absurdität. Dem Regisseur und seinem jungen Ensemble gelingt es erstaunlich gut, den Kern des Stücks freizulegen. Charaux vertraut dabei sowohl der Vitalität seiner Darsteller als auch den clownesken Elementen, die Beckett seinen Figuren bis in detaillierte Regieanweisungen hinein vorschrieb. Jonathan Müller (Estragon) und Silas Breidig (Wladimir) sind hierfür mit ihrem grenzenlosem Optimismus und ihrem tiefgründigem Unverständnis. hervorragende Spielpartner. Jakob Geßner (Pozzo) und Jonathan Hutter (Lucky) gelingt es überzeugend, die Abhängigkeit ihrer beiden Figuren voneinander darzustellen. „Landstraße. Ein Baum. Abend“ – diese Gegend ist seit der Uraufführung Anfang 1953 in Paris der Treffpunkt von Wladimir und Estragon. Dort warten sie auf Godot, und wir alle wissen, dass er nicht kommen wird. Heute nicht, morgen nicht, überhaupt nicht. Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, und zumindest eine Halbzeit lang ist dieser Abend ein Highlight der Münchener Theaterszene.

Theater als Rausch

Bleiben noch die Münchner Kammerspiele. Hier hat sich der Regisseur Christopher Rüping allerhand vorgenommen. Nach antikem Vorbild organisiert er über neuneinhalb Stunden mit „Dionysos Stadt“ insgesamt drei abgeschlossene Stücke samt Satyrspiel.

Er inszeniert dabei keine der klassischen Tragödien, sondern verwendet und vermischt verschiedene Texte u.a. welche von Platon, Goethe und Heiner Müller. Es habe ihn interessiert, so der Regisseur, wie man einen Hauch dieser Festspiele für heute erfahrbar machen könne, denn „im alten Griechenland seien die dionysischen Festspiele fünftägige Gelage gewesen, mit freiem Wein und Bezahlung für den Verdienstausfall.“

Wir erleben Prometheus, der als Strafe dafür, dass er den Menschen das Feuer geschenkt hat, für Jahrtausende an den Kaukasus gefesselt wurde (Erster Teil: Prometheus. Die Erfindung des Menschen). Im zweiten Teil (Troja. Der erste Krieg) sitzt der Schlagzeuger Matze Prölloch inmitten der Mauern Trojas und trommelt uns die Schlacht um diese Stadt lärmend in die Ohren. Im letzten und dritten Teil schließlich geht es um die Orestie und den Verfall einer Familie. Dieser wird ganz im Stile einer Telenovela erzählt und ist der eindeutig vergnüglichste Teil des ganzen Unterfangens.

Im letzten Teil – dem Satyrspiel – kickt das Ensemble eine Viertelstunde lang vor sich hin und Schauspieler Nils Kahnwald verliest dazu Jean-Philippe Toussaints Essay über die Schönheit und Melancholie von Zinédine Zidanes Kopfstoß im Finale der Fußball-WM 2006.

Dieses Projekt, ein Gemisch aus Klamauk, Improvisation, Einbeziehen des Publikums und Tragödie, ist bei weitem keine Aufbereitung antiker Stoffe – eher eine Studie über das Erleben von Theater als Rausch. Denn knapp zehn Stunden Theater, nur unterbrochen durch ausreichende Pausen, schaffen ein Erlebnis, das tatsächlich einem Rausch gleichkommt. Und ganz nebenbei kann man hier das Theater als gemeinschaftsbildende Institution erleben.

Man muss die Verbindung von Theater und Fußball nicht so weit treiben, dass man – wie beispielsweise der Fußballer Neymar – nach jedem Körperkontakt auf dem Spielfeld gleich den „Eingebildeten Kranken“ spielt oder, wie im letzten Teil von „Dionysos Stadt“, auf der Bühne Fußball spielt, doch Verbindungen gibt es allemal, und München spielt nicht nur beim Fußball in der ersten Liga.

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erstellt am 07.5.2019

„Elektra“ am Residenztheater Foto: Thomas Aurin