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2017 hat Andrea Richter auf Faust-Kultur eine Veranstaltungsreihe der Alten Oper Frankfurt gewürdigt, die den romantischen Liederzyklus „Winterreise“ von Wilhelm Müller und Franz Schubert (1827) in Beiträgen aus unterschiedlichen künstlerischen Gattungen beleuchtete. Zwischen 2008 und 2018 hat der Autor Stefan Weiller in einem großangelegten Kunstprojekt einen anderen Zugang zu Schuberts Liedern gewählt, das in verdichteter Form kürzlich unter dem Titel „Deutsche Winterreise“ als Hörbuch erschienen ist. Ulrich Breth hat es sich angehört.

CD

Herzen im Winter

In ihrem lesenswerten Beitrag hat Andrea Richter nicht nur auf die politischen Implikationen von Wilhelm Müllers Liedtexten hingewiesen, sondern diese auch an der Struktur von Schuberts Komposition identifiziert, den Tonart- und Stimmungswechseln, in denen die Zerrissenheit und Trauer seines Spätwerks zum Ausdruck kommt. In der Besprechung der vier musikalischen Aufführungen der „Winterreise“, die sie besucht hat, hat die Rezensentin gezeigt, dass die Herausforderung, die von Schuberts „Kranz schauerlicher Lieder“ ausgeht, auf unterschiedliche Art und Weise und mit unterschiedlichem Erfolg angenommen worden ist.

Die Veranstalter des Musikfests hatten bei ihrem Vorhaben die Situation der Flüchtlinge im Auge, die ab 2015 in einer vorher nicht gekannten Anzahl aus weltweiten Krisengebieten in Europa gestrandet sind. An ihrem Schicksal sollte sich zeigen, dass die Themen Ausgrenzung und Außenseiterschaft, Flucht und Exil, von denen der Liederzyklus erzählt, höchst aktuell sind. Nun läßt sich darüber streiten, wie weit man historische Vergleiche treiben darf und ob nicht die Konstruktion einer Analogie zwischen einem syrischen Kriegsflüchtling und dem romantischen Wandersmann etwas weit hergeholt ist.

Möglicherweise gibt es eine wesentlich näherliegende Analogie zu einer Gestalt unserer Zeit, die vor unserer aller Augen steht, aber gern übersehen wird. Das muss sich Stefan Weiller gedacht haben, als er sich vor mehr als zehn Jahren mit obdachlosen und sozial ausgegrenzten Menschen zu treffen begann und aus den Gesprächen, die er geführt, und den Geschichten, die er gehört hat, kurze Texte entwickelte, die er zum Liederzyklus der Winterreise in ein kompositorisches Spannungsverhältnis gesetzt hat. Entscheidend für sein Projekt ist, dass es nicht um eine dokumentarische Annäherung an das Phänomen der Obdachlosigkeit geht, die der „Winterreise“ flankierend zur Seite gestellt wird, sondern darum, dass Weiller im Schreibprozess das, was er gehört und erfahren hat, bewußt gestaltet und somit in den ästhetischen Modus übersetzt hat.

Seinen Ausgangspunkt nahm Weillers Projekt 2008 in Wiesbaden, wo er zu diesem Zeitpunkt als Pressereferent der Diakonie gearbeitet hat und mit einem Wohnsitzlosen ins Gespräch gekommen ist. Diesem Gespräch folgten weitere Gespräche in Wiesbaden und der hessischen Umgebung. Durch den Assoziatsionsrahmen der „Winterreise“ entwickelte sich die Idee der konzertanten Aufführung einer „Wiesbadener Winterreise“, als deren integraler Bestandteil die Obdachlosen aus der näheren Umgebung des Aufführungsortes eine Stimme erhalten sollten. Die erfolgreiche Aufführung führte zu einer Anfrage aus Saarbrücken, die der Autor unter der Voraussetzung annahm, vor Ort Gespräche mit sozial ausgegrenzten Menschen zu führen und daraus eine „Saarbrücker Winterreise“ zu erarbeiten. So entstand das Konzept, das die „Winterreise“ von Aachen bis Zwickau in über 30 Städte geführt hat, in denen dann jeweils eine ortsspezifische „Winterreise“ entstand, einschließlich einer Luxemburger und einer Hessischen (Darmstädter, Langener, Frankfurter) Winterreise. Während bei den konzertanten Aufführungen stets mehrere Sänger und Sprecher mitwirkten, präsentiert die „Deutsche Winterreise“ als Hörbuch das Programm in verdichteter Form, das auf den Liedvortrag verzichtet, und ganz auf die Klavierstimme von Schuberts Komposition vertraut, zu der Müllers Gedichte und Weillers Prosaminiaturen über Menschen im Abseits vorgetragen werden, und zwar in einer gemischten Form, in der es zwischen den Gedichten und den Prosatexten zu harten Fügungen und zu fließenden Übergängen kommt.

In der Werkeinheit von Wilhelm Müllers Gedichten und Franz Schuberts Musik bildet das allgegenwärtige Herz als klassische Selbstsreferenz des romantischen Ichs den Resonanzraum, in dem sich der Schubertton entfalten kann. In seinem Kunstprojekt erschafft Weiller hierzu ein Äquivalent, meist in der Form des Selbstgesprächs, in dem die „Herzen im Winter“ sowohl von den Lebenskrisen erzählen, die sie aus ihren sozialen Bezügen herausfallen ließen, als auch von den Zumutungen und Demütigungen, die ihnen die Gesellschaft durch ihre zahllosen Stellvertreterinstanzen seitdem zugefügt hat. Und dazu gehören maßgeblich Erfahrungen struktureller und physischer Gewalt, teilweise auch aus dem eigenen Milieu. Die großartigen SprecherInnen Birgitta Assheuer, Jens Harzer, Wolfram Koch, Helmut Krauss und Eva Mattes formen ihre Texte in einem Ton tiefer Einfühlsamkeit und Nachdenklichkeit, der den Dunstkreis gesellschaftlicher Schuldzuweisungen transzendiert. Eine gesellschaftliche Anklage sind die Texte allemal, schon allein deswegen, weil diese Gesellschaft danach zu beurteilen ist, wie sie mit ihren schwächsten Gliedern umgeht. Aber über diese Anklage hinaus entsteht beim Hören der Texte das Gefühl, dass das, wovon in diesen Geschichten des Verlusts, des Scheiterns und der Hoffnungslosigkeit die Rede ist, uns wesentlich näher gehen sollte, als das Faktenmaterial, mit dem wir uns unsere persönlichen Erfolge und unseren gesellschaftlichen Fortschritt vorrechnen.

Intensiviert wird dieses Gefühl dadurch, dass Hedayet Djeddikar am Klavier sich in seiner Interpretation der Schubert-Lieder von den Texten über die sozial Ausgegrenzten unserer Gesellschaft anregen lässt, und dadurch der Eindruck erweckt wird, als habe Schubert in seinen Liedern den Schmerz und das Elend, das uns am Anfang des 21. Jahrhunderts angesichts unserer sozialen und existenziellen Schieflagen befällt, bereits vorweggenommen.

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erstellt am 02.5.2019

Franz Schubert/Wilhelm Müller/Stefan Weiller
Deutsche Winterreise
Liederzyklus mit Geschichten von Menschen im Abseits
Mit Eva Mattes, Jens Harzer, Wolfram Koch, Helmut Krauss und Birgitta Assheuer
Klavier: Hedayet Djeddikar
CD mit Booklet, 80 Minuten
ISBN: 978-3-940018-56-4
speak low, Berlin 2019

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