Im Mittelpunkt der Ausstellung „Between Us“ in der Kunsthalle Mainz steht eine von Taneli Törmä einstudierte Choreografie. Mehrere Künstler haben die digitale Übersetzung der Tänzerbewegungen in Installationen transformiert. Ellen Wagner hat die ambitionierte Ausstellung besucht.

Ausstellung

Standbein, Spielbein, Arbeitsbein

oder: Wenn man versucht, mit allen drei Füßen gleichzeitig loszurennen

„Is this dance?“, fragt eine Videohommage Nam June Paiks an Marcel Duchamp und Merce Cunningham (Merce by Merce by Paik, 1978), während die Aufnahmen rhythmisch kreuzende Taxikolonnen im Großstadtlabyrinth oder ein an der scheinbaren Ziellosigkeit seiner Bewegungsanläufe sichtlich erfreutes Kleinkind zeigen. „Maybe. Why not?“, blinkt der Bildschirm weiter. Ein wenig kokett mit der Zustimmung der Zuschauer spielend, wirkt das fragende Vielleicht ganz unaufgeregt, verglichen mit dem oft bemüht wirkenden Rückgriff auf Begriffe aus der Wortfamilie des „Choreografischen“, wie er in Ausstellungen zeitgenössischer Kunst mitunter etwas überstrapaziert wird. Wird plötzlich jeder Gang der Besucher als ein durch die Anordnung „choreografierter“ beschrieben und damit zugleich als ein in bestimmter Weise verfasster vorweggenommen, sehnt man sich manchmal doch nach der soliden Museumsbank, von der aus man sitzt, schweigt und betrachtet.

In der Kunsthalle Mainz wurde das Choreografieren glücklicherweise professionell delegiert. Damit allein aber ist es noch nicht getan. Und dies ist der Anfang aller Komplikationen.
Im Zentrum der Gruppenausstellung Between Us steht das vom finnischen Choreografen Taneli Törmä mit Mitgliedern des Ensembles tanzmainz einstudierte Stück Effect. Dieses wird nicht nur an einzelnen Terminen live in den Ausstellungsraum gebracht, sondern auch mittels zweier Stränge der Übersetzung neu interpretiert: Das Kreisen der fünf Tänzer_innen um den Mittelpunkt der Tanzfläche, deren scheinbares Angezogen- und Abgestoßenwerden von diesem Zentrum wie voneinander, ihre Annäherung an die Bahnen und Bewegungen der anderen werden einerseits über digitale Capture-Verfahren im Forschungsprojekt Motion Bank der Hochschule Mainz aufgezeichnet und als farbige Linienknäuel und animierte Strichmännchen in ihrer Struktur visualisiert; andererseits wurden Künstler_innen eingeladen, sich mit diesem Material, das auch eine Videodokumentation der Proben umfasst, zu beschäftigen und dieses in visuell, klanglich oder olfaktorisch einnehmende Installationen zu transformieren.

Installationsansicht: Sissel Tolaas: In_Between Us – SmellCoding / Air Movement, 2019, 14 porzellanene Apparaturen auf Sockeln mit Geruchsmolekülen. Foto: Norbert Miguletz, © Sissel Tolaas; VG Bild-Kunst 2019

Tanz wird Material wird Installation wird Geruch wird Klang wird Text wird Bild wird Bühne. Das alles erscheint ambitioniert und viel gewollt. Wurde hier zu viel gewollt?
Wie der am Projekt Motion Bank beteiligte Theaterwissenschaftler David Rittershaus in einem Interview, das in einer Art Archivraum aufgerufen werden kann, bemerkt, muss man vor allem die richtigen Fragen an das Datenmaterial stellen. Andernfalls falle es schwer, in den Linienzeichnungen mehr als bloße Reduktion einer choreografischen Dichte zu sehen. Welche forschenden Fragen dies jedoch ganz konkret und beispielsweise sein könnten, lässt die Ausstellung unbeantwortet. Die Chance, Außenstehenden Einblicke in die Methoden und Ziele der mit solchem Datenmaterial operierenden Tanzforschung zu geben, bleibt leider ungenutzt.
Reizvoll wäre es nun, die in der Kunsthalle gezeigten künstlerischen Reaktionen auf das Dokumentationsmaterial als offene „Forschungsfragen“ zu betrachten. Allerdings erscheint die Umformung der Rhythmen und Bewegungsfolgen hier stellenweise etwas stark als findige Datensatzverwertung. Und das liegt weniger noch an den Arbeiten selbst als an dem Setting, in dem diese explizit unter genau diesem Aspekt der Wiederverwendung präsentiert werden. Das gut durchdachte Konzept steht sich hier selbst im Weg, indem es den Assoziationsspielraum der einzelnen Arbeiten in Ableitungen verpackt.

Installationsansicht: Isabel Lewis: Social Dances as Cultural Storage Systems, 2019, Video-Collage, ortsspezifisches Ausstellungsmobiliar. Foto: Norbert Miguletz, Courtesy of the artist

Tamara Grcic inszeniert Laufgeräusche, Žilvinas Kempinas variiert abstrakt die tänzerische Drehung über flirrende Folienbänder, Sissel Tolaas komponiert den Geruch bewegter Körper, Søren Lyngsø Knudsen, der zugleich die Musik für Effect komponiert hat, jagt das Datenmaterial erneut durch die digitale Maschine, um einen neuen Klangeindruck zu erhalten. Das ist spannend, wirkt aber irgendwie auch leicht verquast und doppelt gemoppelt.
Besonders fällt die Videoarbeit von Isabel Lewis heraus, die aus collagiertem Found Footage zu gesellschaftlichen Tänzen unterschiedlichster Art und einem kulturwissenschaftlich-essayistischen Voiceover besteht, das man sich vielleicht auch besser als gedruckten Katalogbeitrag hätte vorstellen können. Irgendwie wollen Worte und Bilder hier nicht zu einem neuen imaginativen Ganzen zusammenfinden, sie dehnen und strecken sich beflissen in die Länge, um am Ende doch vor allem informativer Exkurs zu bleiben.

Anders verhält es sich mit Tamara Grcics Sound-Installation Mouvements (2019), die den Startschuss des Parcours bildet und deren Palette geradezu einem Trendfarben-Moodboard der Kosmetikbranche entsprungen scheint. Farbige Teppiche in Pink, Orange und sattem Braun, direkt von der Rolle durch den Raum gelegt, entfalten ein textiles Bild am Boden, über dem eine akustisch beschleunigende und abbremsende Tonspur – die von den Wanderschuhen der Tänzer_innen herrührt – eine fast schon unheimliche Präsenz behauptet.
Auch Tim Etchells greift auf die emotionale Wirkung leuchtender Farben zurück. Wie große Werbetafeln oder überdimensionierte Hindernisse für ein Reitturnier füllen vier riesige Aufsteller aus Birkensperrholz den Raum und geben Anweisungen: „PUSH SHOVE FIGHT AND RUN IN CIRCLES“ oder „STAND STILL WHILE OTHERS STUMBLE“ steht ihnen in die Front und ins Gesicht gefräst. Von den Wänden strahlt farbige Neonschrift, wobei der Charakter der Objekte zwischen Mobiliar und Reklamewelt ein eigentümliches Ambiente zwischen Innen- und Außenraum entstehen lässt.

Installationsansicht: Tamara Grcic: movements, 2019, 16-Kanal-Sound-Installation. Foto: Norbert Miguletz, Courtesy of the artist

Man fragt sich, ob diese Atmosphären nicht noch eindrücklicher sein könnten, wären sie an einem von der Tanzperformance losgelösten Ort präsentiert. Das Setting in der Kunsthalle, das die Übersetzung des Bewegungsmaterials „Tanz“ in digitale Daten und von hier aus in installative Kunst in den Mittelpunkt rückt, stellt Besucher vor die Herausforderung, die Aufmerksamkeit von den übersetzten, aus dem Quellmaterial wiederzuerkennenden Teilaspekten weg und hin auf das neu gefundene Zusammenspiel der Elemente – deren Formation als bewegtes Bild aus Einzelteilen – zu lenken.

Tanz ist bereits vor der Aufführung. Tanz ist das Hineinfühlen des Körpers in eine Bewegung, mit der dieser, während er sie findet, bereits nach Außen tritt; Tanz ist Gewichtsverlagerung – die gelungene wie die verpasste, die man auffangen muss; Tanz ist ganz nah am Körper und manchmal doch ein Schritt zu weit, der Kollisionen verursacht.
Anhand der Videoaufnahmen von den Proben zu Effect lässt sich ein Gespür für all diese Phänomene gewinnen, in die man einen metaphorischen Sinn hineinlesen, die man aber ebenso als praktische Erfahrungswerte aus dem alltäglichen Tanztraining auffassen kann: Streckung, Beugung, Fokussierung – nur im Zusammenspiel dieser Faktoren findet man ganz buchstäblich neue Richtungen im Raum. Die für den Moment erfahrbare Bewegung mehrerer Personen in der Gruppe, deren individuelle Art, vorgesehene Bewegungen auszuführen, trifft auf die komponierte Struktur der Choreografie, die für sich auch ein geschlossenes Ganzes darstellt, zu dem wir ein Außen bilden.

Wie die Installationen changiert auch der Tanz zwischen atmosphärischer Umhüllung und bisweilen hindernisartiger Konfrontation mit klaren Formen und Formaten. Die Differenz zwischen den Disziplinen, die sich in der Schau beobachten lässt, liegt daher vielleicht weniger in der Abweichung zwischen dynamischer Performance und statischen Objekten als vielmehr in derjenigen zwischen menschlicher Bewegung und anthropomorpher Anordnung. Von einer Situation zur anderen ergibt sich in der Kunsthalle – ohne explizit thematisiert zu sein – Gelegenheit zur Gewichtsverlagerung in der eigenen Haltung zu alltäglichen Bewegungsabläufen: Wie anthropomorph sind eigentlich unsere menschlichen Bewegungen selbst? Kann sich ein Mensch bewusst menschenartig verhalten? Und wenn ja, wie verändert sich dadurch das unwillkürlich Menschliche selbst an diesen Bewegungen?
Auch wenn man das Gefühl haben mag, die Ausstellung selbst könnte vielleicht mit dem falschen Fuß aufgestanden sein und aufgrund des leichten morgendlichen Schwindels den Fokus auf die eigene Fragestellung zwischen Tanz, Installation und Motion Capture verloren haben, vermögen sich Spontaneität, Präzision und körperliche Fehleranfälligkeit in der subjektiven Wahrnehmung der Phänomene zu verschieben und somit über ihre reine Übersetzbarkeit hinauszuweisen.

Ein leichtes Kribbeln, Fuß und Wade wachen auf, beim Versuch, aufzutreten, ziehen sich die Nerven zusammen. Und ja, ein bisschen tut es punktuell auch weh. Vielleicht könnte man so das gemischte Gefühl beim Gang durch die Ausstellung beschreiben, die über ihr Selbstverständnis als Plattform für interdisziplinäre Experimente den eigenen Takt nicht so wirklich zu finden vermag. Ist das Tanz? Vielleicht. Warum nicht.

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erstellt am 25.4.2019

Installationsansicht: Tim Etchells: PUSH, 2019, Sperrholz, CNC-Zuschnitt; NO REASON, 2019, Neon Schriftzug. Foto: Ellen Wagner

Ausstellung in Mainz

Between Us

Künstler: Tim Etchells, Sissel Tolaas, Tamara Grcic, Søren Lyngsø Knudsen, Žilvinas Kempinas, Isabel Lewis
Choreografie: Taneli Törmä, Tanz: tanzmainz
Digitale Daten: Motion Bank

Bis 16. Juni 2019

Kunsthalle Mainz