Viele Zeitgenossen funktionieren nur noch. Sie wiederholen die immer gleichen Sätze und stellen die immer gleichen Fragen. In seiner Kolumne „Kontrapunkt“ erinnert Thomas Rothschild an einen Menschen, der das Gegenteil von einem Automaten war.

Kontrapunkt

Mehr als Rhetorik

Sie kennen den Typ? Er scheint sich mit seinem Gesprächspartner zu unterhalten. Kaum aber nimmt er wahr, dass andere Menschen in der Nähe stehen, steigert er die Lautstärke. Er spricht nicht zu seinem Gegenüber, sondern zur Öffentlichkeit. Er braucht Publikum. Alle sollen über seine geistreichen Äußerungen lachen, sie – und damit ihn – bewundern. Selbst wenn er über das Handy kommuniziert, beteiligt er die Umgebung an seiner Konversation. Was einst als intim galt, das Telefongespräch, was man einst als diskreter Mensch nicht zu belauschen und nicht zu stören bemüht war, ist zum öffentlichen Entertainment geworden. Der Geltungsbedürftige entlässt niemanden aus der Mitwisserschaft.

Eine besondere Ausprägung dieser Sorte sind Schauspieler. Wenn sie einer Premiere ihrer Kollegen beiwohnen, an der sie selbst nicht beteiligt sind, dann müssen sie sich zumindest durch infantiles Johlen beim Schlussapplaus oder durch auffälliges Verhalten während der Pause bemerkbar machen. Sie halten es einfach nicht aus, nicht beachtet zu werden, nicht im Mittelpunkt des Interesses zu stehen.

Nun wäre das alles erträglich, wenn, was man so mitzuhören gezwungen wird, die Anstrengung lohnte. Aber das ist leider nur sehr selten der Fall. Ist es Ihnen schon aufgefallen? Die meisten Menschen – keineswegs nur alte, bei denen man Gedächtnisverlust in Rechnung stellt – wiederholen auf ein Stichwort die immer gleichen Sätze, die immer gleichen Formulierungen. Mehr noch: sie intonieren sie jedes Mal auf genau die gleiche Art, begleiten sie jedes Mal mit denselben Gesten und Gesichtsausdrücken.

Die Versuchung, einen Automaten zu erfinden, der menschliche Eigenschaften kopiert, ist Jahrhunderte alt. Man ist dem Traum schon sehr nahe gekommen. Mittlerweile aber gleicht der Mensch zunehmend einem Automaten. Wie der den Schokoladenriegel ausspeit, wenn man einen Euro einwirft, so spuckt der Mensch die immer gleichen platten Erkenntnisse aus, wenn man den entsprechenden Knopf drückt. Der Unterhaltungswert ist gering. Was freilich nur die Umstehenden merken, niemals der Exhibitionist, der sich so gerne produziert.

Das Gegenstück zum automatischen Antworter ist der automatische Frager. Er täuscht Interesse vor und fragt, zum Beispiel: wie es einem geht. Aber noch ehe man zu einer Antwort ansetzen konnte, schweift sein gelangweilter Blick in die Ferne. Wenn man mitten im Satz dazu überginge, Schillers „Glocke“ aufzusagen – er würde es nicht bemerken. Und wie es dem Automaten egal ist, ob man tatsächlich einen Euro einwirft, so ist der automatische Frager an der Antwort seines Gegenübers in Wahrheit völlig desinteressiert. Das Fragen ist für ihn nicht mehr als ein Ritual, wie das Zähneputzen und der Stuhlgang.

Immer wieder wunderten sich Zeitgenossen, wieso Erich Fried, von dem auch der Wohlmeinende nicht behaupten konnte, dass er ein schöner Mann gewesen sei, bei Frauen so ungemein erfolgreich war. Das Rätsel ist leicht gelöst: Er konnte zuhören wie nur wenige Menschen, denen ich in meinem Leben begegnet bin. Er fragte seine Gesprächspartner aus, interessierte sich tatsächlich für sie und gab ihnen das Gefühl, dass er sie ernst nahm. Er war das Gegenteil von einem Automaten. Seine politische Haltung übrigens, etwa sein Engagement für die Palästinenser und gegen die Verbrechen Israels, hängen mit dieser Menschenliebe eng zusammen. Fremdes Leid war ihm nicht bloß Anlass zu hohler Rhetorik. Erich Fried sonderte keine Floskeln ab, die jeden zu jeder Zeit zufrieden stellen sollten, sondern er ging, wenn er Ratschläge gab, auf die Situation des Menschen ein, dem sie galten. Es fehlt heute an solchen wie Erich Fried. Es fehlt an Mitmenschen, die mehr vermögen, als auf Knopfdruck zu reagieren – stumpfsinnig, voraussehbar, immer gleich. (Die unerträglichste Variante sind jene „sachkundigen“ „Spezialisten“, die regelmäßig im Fernsehen zu bestimmten Themen, etwa dem Wählerverhalten, befragt werden und die stets gleichen Stammtischvermutungen als Gewissheiten ausgeben, statt zu gestehen, dass sie nichts wissen.) Es fehlt an Menschen, die nicht nur funktionieren. Fehlt es an ihnen? Oder wurde die Utopie einer menschlicheren Welt längst aufgegeben? Ab und zu könnte man das meinen.

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erstellt am 25.4.2019