Tuschicks Kolumne

Ein stilles Kind

In seinem jüngsten Roman erzählt Ulrich Woelk vom pubertären Vorglühen unter dem Astronautenmond im Jahr 1969. Jamal Tuschick hat „Der Sommer meiner Mutter“ gelesen.

„Schlaflose Augen aus dunklen Zimmern und teure Vororte, die durch Stille gesichert werden wie Panzerschränke und Gänge mit elektronischen Alarmanlagen.“ Rolf Dieter Brinkmann

Ein Kölner Vorstadtsonntagvormittag im Flutlicht des magischen Frühlings Neunundsechzig. Die dahinplätschernden Routinen am Saum der Seligkeit enden je. Vom Anblick der neuen Nachbarin gedopt, legt der Ingenieur Walter Ahrens eine seinen Sohn Tobias erschreckende Hilfsbereitschaft an den Tag. Frau Ahrens, eine so solide ins Bild passende Person, das sie eine Jeans für sich nicht passend findet, beobachtet die Szene am Küchenfenster. Vier Monate später vereint die erste bemannte Mondlandung die Welt vor den Bildschirmen. John Updike stellte den großen Menschheitsschritt (Neil Armstrong) ins Zentrum seines Rabbit-Romans „Unter dem Astronautenmond“.

Ulrich Woelk räumt das Geschehen in seinem neuen Roman zeitlich vor den Horizont der Apollo 11-Mission. Das Personal bewegt sich auf den Start der Raumkapsel zu. Vater und Sohn der Familie Ahrens haften an einem Homo-Faber-Weltbild. Die maschinelle Überwindung menschlicher Beschränkungen fasziniert sie bis zur utopischen Dimension. Den gesellschaftlichen Aufbruch von Achtundsechzig sehen sie skeptisch. Die Wallfahrt zum Mond gewinnt den Rang einer Repräsentation dieser Skepsis, die im Weiteren nicht immer überzeugend mit dem Repertoire eines Heranwachsenden geschildert wird.

Was auf einer Magistrale der Normalität völlig in Ordnung zu sein scheint und Applaus für Normerfüllung erheischt, ist in Wahrheit nicht in Ordnung. Frau Ahrens „funktioniert nicht“. Herr Ahrens stellt das enttäuscht fest. Tobias, genannt Tobi, „ein stilles Kind“, infiltriert sein Milieu mit Gefühlen der Fremdheit. Da taucht Rosa als Tochter der neureizenden Nachbarin Uschi Leinhard auf. Rosas Vater ist schwer beschäftigt in Academia und außerdem ein R. Luxemburg verehrender Kommunist.  

Die Nebenstellen im Roman sind gut ausgebaut. Sie erinnern mich an ländliche Bushaltestellen, die täglich verwaisen, und trotzdem ansprechend in Schuss gehalten werden. Die Leinhards kommen mit Moussaka, „einer weißgrauen schmierigen Masse“, historischem Materialismus und Mikis Theodorakis um die Ecke und machen sich mit ihrem Programm keine Freunde. Woelk verrät sich als parteiischer Autor in seiner Schilderung des Schwadroneurs Leinhard. Zwar schiebt er die Abneigung Tobias in die Schuhe, aber eben in überfordernder Wahrnehmung. In einem Augenblick ist Tobias noch bei seinem Pipi und im nächsten kann er einem Gespräch folgen, in dem Bloch und die Frankfurter Schule vorkommen.

Woelk türmt eine Menge auf, bis er Tobias wieder in den Raum altersgerechten Begreifens einkehren lässt. Rosa wird zum Subjekt pubertärer Aufwallungen und wallt selbst auf. Der Nachwuchs hört Doors. Er versucht sich an der Geschichte der O und versteigt sich hier und da.

Lese ich Woelk, ist es stets so, als würde ich ihm zuhören. Ich kann das gut, bis zu dem Punkt, wo mich das Schematische der Ansichten verstimmt und ich mich frage, warum ein versierter Autor bei der Inventarisierung der Szenen so großzügig ausholt.  

Dann funktioniert die Suggestion wieder. Ich bin anfällig für Aufzählungen, die stimmen. Die im Freundeskreis der Ahrens verbreiteten, fahrbaren Holzkohlegrills mit den seitlichen Ablagen, auf denen auch Ketchup transportiert wird, gefallen mir schon wieder sehr gut als Evokationsgegenstände und Erinnerungsmaschinen. Der Ketchup, darauf weist Woelk hin, war in bewussten Verbraucherfamilien nicht selbstverständlich. Verbranntes Fleisch fand in den 1960er Jahren keine Beanstandung, das war eben scharf gebraten, aber Ketchup war als angloamerikanische Zutat verdächtig. Zu der Großerzählung, die Ketchup integrierte, ob Ketchup oder Feminismus, man braucht ein epochales Sittenbild, einen Henry James- oder Gustave Flaubert-Schinken, um das Neue dem Vertrauten zur Seite stellen zu können, gehört die Deutschstämmigkeit wenigstens eines bedeutenden Ketchup-Fabrikanten, erkennbar am Namen; signalhaft wie ein Gruß an die wahre Heimat gerichtet. Auch die einzig wahre Blue Jeans brauchte den Franken Levi Strauss, um situierte Deutsche mit der Hose zu versöhnen. Dabei wurde etwas übersehen, aber in diesem Kontext ging Strauss zusatzfrei als Deutscher durch. So diente er als Beispiel der deutschen Tüchtigkeit in der Welt. Ohne Erfolg wäre er in einer Verliererausgabe des Herkunftstextes als Sohn eines Hausierers auch in Amerika nicht auf die Beine gekommen.

Von der Art sind Schätze, die in der Literatur nur gehoben werden können von älteren Produzenten.  

Herr Ahrens schenkt seiner Frau zum Geburtsgrilltag Anfang Mai einen Citroën 2CV. Das Geschenk sagt an: meine Frau muss nicht aushäusig arbeiten. „Der Zweitwagen“ ist ein männliches Statuszeichen. Der Gatte trifft seine Entscheidungen an den Bedürfnissen seiner Frau vorbei. Sie kann aber nicht meckern. So erzeugt man Frustrationen. Da ist es, das Unbehagen an der bürgerlichen Gesellschaft. 

Tobias sieht den Apollo 11-Start gemeinsam mit Rosa schwarzweiß. „Es war ein gewöhnlicher Mittwochnachmittag“ und der zweite Start einer Apollo-Raumkapsel, den man in Farbe sehen konnte, sofern der Apparat das hergab. Der Schwarzweißfernseher steht im Widerspruch zum Zweitwagen. Tobias wird aus Rosa nicht schlau. Er versteht nur den Weltraum.

Ulrich Woelk, Der Sommer meiner Mutter, Roman, C.H. Beck, 185 Seiten

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Ulrich Woelk liest aus „Der Sommer meiner Mutter“

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erstellt am 24.4.2019

Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll in seine Kolumne auf Faust Kultur.