Gastfreundschaft ist Egoismus auf Gegenseitigkeit, denn jeder könnte einmal auf sie angewiesen sein. So bindet ein ungeschriebener Vertrag alle, die sie in Anspruch nehmen, an alle, die sie gewähren. Neben den harmlosen Gastfreundschaften soll es aber auch unheimliche oder ruppige geben. In seinem ersten Erzählungsband, „Wanderer“, hat der Schriftsteller Alban Nikolai Herbst von einem unheimlich-ruppigen Familiendank berichtet. Dieser Band mit einem Nachwort von Elvira M. Gross umfasst 37 Erzählungen aus über 20 Entstehungsjahren. Ein zweiter mit dem Titel „Wölfinnen“ soll im Herbst 2019 erscheinen. Die folgende Erzählung „Ein Freund erzählt“ entstand im Jahre 1978.

Originaltext

Ein Freund erzählt

Heute abend erzählt mir ein Freund vom Vormittag, wie er aus der Wohnung gegangen ist, hinter sich die Tür abgeschlossen hat, um dann das Treppenhaus hinunterzusteigen und auf die Straße zu treten. Die Luft sei schwül und drückend gewesen, man habe den Eindruck gehabt, die Wolken verklebten den Himmel. Das Licht habe sich geradezu hindurchquetschen müssen. Darunter ein wenig geduckt, habe mein Freund sich nach links gewandt und sei um die nächste Ecke in Richtung Stadtzentrum gebogen. Es liege von seinem Wohnhaus nicht fern. Dennoch habe er sich auf dem Weg ständig umschauen müssen. Er habe nämlich befürchtet, beobachtet zu werden. Weshalb, könne er aber jetzt nicht mehr sagen. Tatsächlich habe er Verdächtiges auch nicht bemerkt. Nur harmlose Leute seien spaziert, einige mit schmalen Aktentaschen unter den Armen, andere mit Einkaufstaschen an den Händen. Allerdings habe ihn, erzählte der Freund, erstaunt, wie viele Menschen bereits um zehn Uhr morgens die Straßen überfüllten, wieviele aus den Geschäften heraus und wieder in sie hinein, indessen draußen die Autos ihr Motorenraunen, Hupen sowie das Quietschen ihrer Reifen geradezu vor sich hergeschoben hätten. Deshalb sei mein Freund endlich stehengeblieben. Er habe Ruhe in sich finden müssen und erst einmal eine Zigarette angezündet. Doch als er endlich weitergegangen sei, seien in seinen Ohren die Straßengeräusche derart angeschwollen, daß er vergessen habe, weshalb er denn seine Wohnung eigentlich verlassen. Dafür sei er auf eine furchtbar dicke Frau aufmerksam geworden, wie sie mühsam an ihrem Einkauf geschleppt und dabei unter den gequollenen Beinen die geschwollen Füße kaum habe einen vor den anderen zu setzen vermocht. Da sei es ihm, meinem Freund, nicht schwer gewesen, ihr einfach zu folgen, die schon ein paar Minuten später an einer Straßenbahnhaltestelle habe ihrerseits Halt gemacht, jedenfalls vorerst, dazu die prallen Tüten abgesetzt und sofort aus der Manteltasche einen riesigen Bonbon geholt, ihn ausgewickelt und sich in den Mund gestopft. Weshalb sich mein Freund die nächste Zigarette angesteckt habe. Schließlich sei die Tram gekommen und die Frau, weiter von meinem Freund verfolgt, eingestiegen. Die Bahn sei schrecklich voll gewesen, er habe, sich hineingezwängt, kaum an die Haltegriffe langen können. Wobei auch die dicke Frau habe stehen müssen. Obwohl ihr die Anstrengung sehr anzusehen gewesen sei, habe ihr niemand einen Platz angeboten, auch keiner der drei Jugendlichen, die direkt vor ihr gesessen. Jedenfalls erst nicht. Dann habe sie sie aber angesprochen und um den Sitz gebeten, sei indes von den Dreien auf das hämischste verspottet worden. So daß er, mein Freund, eingegriffen und die Rowdies zurechtgewiesen, ja mit Drohungen regelrecht verscheucht habe. Wobei er, wäre es zu einer körperlichen Auseinandersetzung tatsächlich gekommen, ganz sicher den kürzeren gezogen hätte. Doch seien sie eben, die drei, nichts als Maulhelden der unerzogensten Sorte gewesen. Die dicke Frau wiederum habe sich nun niedergelassen, ihm nicht nur dankbar zugelächelt, sondern ihn schließlich auch auf einen Kaffee eingeladen, weshalb er, nachdem sie sich einige Stationen später wieder erhoben und zum Ausstieg bereitgemacht, letztres gleichfalls getan habe, ja er habe ihr, als sie die Tram verlassen hätten, sogar die Einkaufstüten abgenommen. Da sei sie ihm derart selbstbewußt, daß sich von zügig sprechen lasse, auf einen der Wohnblöcke zu vorausgeschritten, die insgesamt das Aussehen dieser Gegend bestimmten. Einige reichten bis in die Wolkendecke hoch. Die heute freilich auch hier habe grau heruntergehangen. Nicht zuletzt deshalb sei mein Freund, der sich schon wieder geduckt habe, ausgesprochen erleichtert gewesen, mit der dicken Frau durch die breite Glasgittertür in den Hausflur und vor die beiden Lifts zu treten, sowie mit deren einem in den vierten Stock hochzufahren, wo sich die Frau – mein Freund immer hinter ihr her – einen röhrenhaften, höchst sparsam von Deckenröhren beleuchteten Gang entlang bis zu ihrer Wohnungstür begeben habe, die sie aufgeschlossen habe. Sofort, kaum daß sie beide eingetreten, habe sie ein eigenartig dumpfer Geruch umfangen, darinnen Noten von Kaffee, Käse und Bier. Außerdem seien drei krakeelende Kinder herbeigelaufen, die aber ihn, meinen Freund, gar nicht wahrzunehmen schienen; statt dessen hätten sie sofort in die Einkaufstüten gegrabscht, ja sie der Frau entrissen und mit den Zähnen auseinander-, so müsse er es nennen, -gepflückt. Eines der Kinder, ein Mädchen, habe sogar zugeschnappt, sich in die Tafel Schokolade verbissen, mit der es sich dann fauchend und knurrend, und zwar auf allen Vieren, davongemacht habe. Die beiden anderen, zwei Jungs, hätten sich derweil um ein Spielzeugauto zu prügeln begonnen, die Frau aber erstmal in der Küche Platz genommen und ihn, meinen Freund, um eine Zigarette gebeten. Doch bevor er ihr die Packung habe reichen können, sei aus dem Schlafzimmer ein ungekämmter und unrasierter Mann im Bademantel getreten. Nicht minder korpulent als sie, habe der sich nun ebenfalls auf die Einkäufe gestürzt, die schon gänzlich verstreut über den Fußboden lagen. Dabei habe er seiner Frau immer wieder drohende Blicke zugeworfen, so daß sie sich allem Anschein nach nicht mal mehr getraut, auch nur noch einen Finger zu rühren, derweil auch er, wie vorher die Kinder, meinen Freund überhaupt nicht wahrzunehmen schien, ihn jedenfalls keines Blickes für wert erachtet habe. Vielmehr habe ihm, meinem Freund, plötzlich die Frau eine Zeitung, die zusammengerollt auf dem Küchentisch gelegen, zugeworfen. Er habe sie – flugs – gefangen und mit ihr sofort, weil er das Zeichen erkannte, ins Badezimmer zu entkommen versucht. Alles, was ihm in diesem Moment durch den Kopf gerast sei, sei ein unbedingtes Bloß weg von hier! gewesen. Indes, der Mann sei schneller gewesen und habe ihn, er könne es nicht anders sagen, gestellt, ihm fauchend die Zeitung wieder entrissen, so daß ihm, meinem Freund, nichts übriggebieben sei, als sich für eine ganze Stunde hinter einem Sessel zu verkriechen, die Beine anzuziehen und auszuharren, bis zum Essen gerufen würde. Denn die dicke Frau habe unterdessen nicht nur den Tisch zu decken, sondern auch zu kochen begonnen, etwas Kurzgebratenes mit, wie sofort zu riechen, Kohl, aber aus der Dose. Es habe dennoch geschmeckt. Nämlich habe mein Freund schließlich an einer der Längsseiten der Tisches zwischen zwei der Kinder Platz genommen, dem Mädchen und einem der Jungen. Zwar während er gegessen, hätten sie ihn dauernd getreten, ihm auch zwischen die Beine gegriffen, was besonders furchtbar gewesen sei, weil beide nicht älter als neun oder zehn. Doch habe das die dicken Eltern nicht im geringsten interessiert, sondern nach der Mahlzeit hätten beide minutenlang schwer in den Stühlen gehangen und immer wieder aufgestoßen. Dann habe die Frau eine Kekstüte geöffnet und den Inhalt über den Tisch gekippt, damit sich alle bedienen konnten. Während sie, auch mein Freund, dieses taten, habe der dicke Mann seine dicke Frau am Handgelenk gepackt und mit sich ins Schlafzimmer gezerrt, aus dem bald schon Keuchen, Röhren und Stöhnen herausgedrungen seien, bevor von beiden die Mittagsmüdigkeit ihr Recht gefordert. Die habe aber auch mein Freund da gespürt und es sich, als die drei Kinder ins Kinderzimmer abgelärmt, auf der Couch bequem gemacht. Keine fünfzehn Sekunden habe er gebraucht, um in einen tiefen erholsamen Schlaf zu fallen. Aus dem habe ihn erst die Frau wecken können. Da sei es bereits Nachmittag gewesen. Er möge Kuchenessen kommen. Das habe ihm freilich gefallen, wie er sich überhaupt hier zunehmend wohler gefühlt. Daran habe auch nichts ändern können, daß die Kinder gegen Abend furchtbar verdroschen worden seien, die beiden Jungen mit einem Stock von dem Vater, das Mädchen von der Mutter vermittels einer Gerte. So sei erst wieder Ruhe eingetreten, als der Fernseher angeschaltet worden sei, vor dem sich schließlich die ganze Familie, auch mein Freund, zu Chips und Cola zusammengefunden. Da sei großer Friede über und in die Wohnung gekommen. Deshalb habe er die Kinder um neun zu Bett bringen können, ohne daß sie besonders protestierten; ihm habe jedes sogar einen Kuß auf die Wange gegeben. So daß er nun wirklich guter Dinge in sein eigenes Zuhause habe zurückkehren können – nicht freilich, ohne das Betreuungsgeld entgegenzunehmen, das ihm der dicke Vater in einem Briefumschlag gereicht. Nur daß mein Freund sich jetzt, bei mir hier am Abend, überhaupt nicht erinnern könne, wie er und wann zu solch einem Job gekommen, noch könne er sich der Adresse entsinnen und habe überdies das beklemmende Gefühl, weder der dicken Frau noch ihrer Familie vor dem heutigen Tag überhaupt schon jemals begegnet zu sein. Was solle, ja könne er also nun tun?
So sitzt er nun vor mir und bittet mich um Rat.

Aus: Alban Nikolai Herbst, Wanderer. Erzählungen I
Mit freundlicher Genehmigung © Septime Verlag, Wien 2019

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erstellt am 23.4.2019

Alban Nikolai Herbst
Alban Nikolai Herbst

Alban Nikolai Herbst
Wanderer
Erzählungen I
Gebunden, 596 Seiten
ISBN 978-3-902711-81-6
Septime Verlag, Wien 2019

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