Der Leonce-und-Lena-Preis 2019 für junge deutschsprachige Lyrik ging an den Frankfurter Autor Yevgeniy Breyger. Eugen El hat mit dem 1989 geborenen Lyriker über die Tücken des Schreibens, seinen neuen Gedichtzyklus und den Wert der Dichtung gesprochen.

Der Dichter Yevgeniy Breyger

»Lyrik erfordert eine andere Aufmerksamkeit«

Es gibt Momente im Leben, die als ein Traum erscheinen, aus dem man nicht aufwachen möchte. Der Frankfurter Dichter Yevgeniy Breyger hat so etwas vor kurzem durchlebt. Kürzlich gewann er beim 21. Darmstädter „Literarischen März“ den Leonce-und-Lena-Preis, eine mit 8.000 Euro dotierte Auszeichnung für junge deutschsprachige Lyrik.

Wenige Tage später sitzt Breyger in einem Lichthof in der Frankfurter Innenstadt und raucht eine Zigarette. Nach der Preisverleihung habe er zwei Nächte nicht geschlafen, sagt der 1989 in der Ukraine geborene Lyriker. Ausgezeichnet wurde er für den Vortrag eines bisher unveröffentlichten, zehnteiligen Gedichtzyklus. Diesem gelinge es laut Jury, „mit den Mitteln der Poesie die Reichweite und den Schrecken intergenerationeller Traumatisierung darzustellen“. Breyger lobt die öffentliche Diskussion seiner Texte mit den fünf Juroren: „Weil ich das Gefühl hatte, verstanden worden zu sein.“ Die Situation beschreibt er als „auratisch“. Ein wenig lässt sie an den Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb denken.

Breygers aktuelle Gedichte wirken stellenweise märchenhaft, kommen ohne konkrete Verweise auf reale Orte und Personen aus. Gleichwohl bekennt er: „Der Fixpunkt ist schon die Familiengeschichte während des Zweiten Weltkrieges, davor und danach.“ Es gehe nicht explizit um die Geschichte seiner jüdischen Familie, erklärt Breyger. In Teilen jedoch floß sie ein, ergänzt durch abstrahierte Komponenten. Als Schoa-Lyrik sollten die Texte jedoch nicht gelesen werden, meint Breyger. Konzentriert wirkt der bärtige Lyriker im Gespräch, er formuliert schnell und auf den Punkt.

Nach Deutschland kam Yevgeniy Breyger Ende der Neunzigerjahre. Seine Identität benennt er klar und entschieden: „Ich sehe mich auf keinen Fall als Ukrainer, auch nicht als Deutschen, sondern als jüdisch.“ Breygers Muttersprache ist Russisch. Bisweilen übersetzt er Gedichte aus dem Russischen ins Deutsche. Für sein eigenes, deutschsprachiges Schreiben ist die russische Lyrik indes nur ein Einfluss unter vielen. Breyger sagt, er habe Gedichte von Ossip Mandelstam und Marina Zwetajewa im russischen Original gelesen, zudem Paul Celans deutsche Übersetzung dieser Autoren. Als wichtige deutschsprachige Einflüsse benennt er Martina Hefter sowie den im Dezember 2018 verstorbenen Frankfurter Dichter Paulus Böhmer.

Im September 2017 lud das Goethe-Institut Breyger zu einer Lesereise nach Weißrussland ein. In Minsk und Baranowitschi trug er seine Gedichte vor. Die Lesungen seien sehr gut besucht gewesen, erinnert sich Breyger. Die Bedeutung der Lyrik sei in Weißrussland viel höher als in Deutschland. Für das hierzulande geringe Interesse an Dichtung macht Yevgeniy Breyger maßgeblich den Schulunterricht verantwortlich. Er setze zu sehr auf Interpretation statt auf die Kreativität der Schüler. „Es erfordert eine andere Art von Aufmerksamkeit, Lyrik zu lesen“, erklärt Breyger zudem. Gleichwohl sieht er auch positive Tendenzen. Als Beispiel nennt Breyger die Online-Portale „Fixpoetry“ und „Signaturen“, auf denen rege Debatten über Lyrik stattfinden.

In Frankfurt erfuhr die Dichtung vor kurzem einige Aufmerksamkeit durch den vom Kulturamt ausgerichteten Festivalkongress „Fokus Lyrik“. Das Kollektiv „Salon Fluchtentier“, dem Breyger angehört, beteiligte sich mit einer Lesung. Die 2015 gegründete Gruppe versucht, die öffentliche Wertschätzung der Lyrik zu steigern. Sechs bis acht deutschsprachige Autoren kommen jährlich auf Einladung des „Salon Fluchtentier“ für Lesungen nach Frankfurt. Die Mitglieder des Dichterkollektivs treffen sich zudem, um eigene Gedichte untereinander zu besprechen. Unter den zwölf Finalisten des diesjährigen „Literarischen März“ waren neben Breyger zwei weitere „Fluchtentiere“: Martin Piekar und Alexandru Bulucz, der einen mit 4.000 Euro dotierten Förderpreis erhielt.

Dass er Gedichte schreiben möchte, wusste Yevgeniy Breyger schon als Schüler: „Ich wollte es unbedingt.“ Er studierte unter anderem am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Breygers Gedichte entstehen in Schüben: „Es gibt sehr lange Phasen, wo ich überhaupt nicht schreibe, und dann kurze Phasen, wo ich sehr viel Text auf einmal produziere.“ Monatelang überarbeitet er anschließend die Rohfassung der Gedichte. Dabei helfen ihm auch Freunde und Kollegen. Eine wichtige Rolle spiele seine Verlegerin und Lektorin Daniela Seel, sagt Breyger: „Ohne das Lektorat wäre es jedes Mal ein völlig anderes Buch.“ Sein zweiter Lyrikband wird nächstes Jahr bei kookbooks erscheinen. Der preisgekrönte Gedichtzyklus ist Teil davon. 2016 debütierte Breyger mit dem Band „flüchtige monde“. Beim Schreiben möchte sich Yevgeniy Breyger überraschen lassen. Er habe den Anspruch, für jedes neue Vorhaben eine neue Form zu finden. Von einem einmal festgelegten, durchgehenden Stil, einem „Sound“, hält er wenig: „Sobald es funktioniert, ist es tot.“

Der Text ist zuerst in der „Frankfurter Neue Presse“ erschienen.

Gedicht

Königreich der verwaisten Bienenstöcke

Blau ist die Farbe der Hoffnung. Grün, die Empörung.
Eitelkeit – gelb, wie der Morgen über den Bergen.
Wolken, verkleidet in Außenhaut Licht. Wind wird erzeugt
durch die Drehung des Erdballs und kreist um Paläste.

Gebet an die Furcht. Gebet an das Holz in den Möbeln,
die Spannung des Körpers bei einer reifen Bewegung,
die launische Gunst von Insekten – Sie beten im Winter.
Mit der Pünktlichkeit einer Krankheit kommt Frühling.

Honig quillt golden aus Waben, benetzt das Haar eines
Mädchens. Noch nie wurde etwas gepflanzt, das selbst
sein Wachstum bestimmte. Noch nie war die Erde so trocken,
das Glitzern von Honig so schön. Gebet an das Warten.

Sie blickt in die Ferne, tut nichts. Sobald sich die Erde
verschließt, wird sie handeln. Gebet an das Speichern
von Daten in Zellen, ihr Wachstum nach innen. Licht
überträgt Wärme. Wärme überträgt Enge. Paläste zerbröseln

wie Kreide. Sie kostet den Honig. Spannt ihre Zunge an,
schluckt ihn herunter. Die Ferne verschwimmt mit dem
Himmel. Insekten rufen mit Stimme der Mutter. Noch nie
hat der Honig so deutlich nach Abschied geschmeckt.

Der Faust-Kultur-Newsletter

Jeden Donnerstag neu: Mit aktuellen Themen und Beiträgen zu Literatur, Kunst, Bühne, Musik, Film und Gesellschaft.

Der Faust-Kultur-Newsletter ist kostenlos. Jetzt anmelden!
Tragen Sie bitte hier Ihre E-Mail-Adresse ein.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.4.2019

Yeygeniy Breyger, Foto: Holger Menzel

Yeygeniy Breyger, Foto: Holger Menzel