Friedrich Wilhelm Murnaus „Der Gang in die Nacht“ von 1920 galt seinerzeit als künstlerisches Experiment. Kürzlich ist der Stummfilm in restaurierter Fassung zusammen mit Lupu Picks „Scherben“ auf DVD erschienen. Thomas Rothschild stellt die Filme vor.

DVD

Perfektes Stummfilm-Handwerk

Friedrich Wilhelm Murnau, Foto: Atelier Eberth, 1922
F. W. Murnau, Foto: Atelier Eberth, 1922

Wer das Verschwinden der Zeitung in ihrer heutigen Form seit Jahren vorausgesagt hat, wurde von deren Festangestellten gescholten und abgemahnt. Sie pfeifen im Walde und wollen sich nicht eingestehen, was offensichtlich ist, weil es ihre Existenz gefährdet. Sie reagieren auf die Bedrohung mit einer freiwilligen Vogel-Strauß-Politik, deren Duldung sich einzig und allein ihrer Machtposition verdankt. Eigentlich hat sich, wer die Erkenntnis der Wahrheit durch Wunschdenken verdrängen lässt, für den Beruf disqualifiziert. Dabei würde ein Blick in die Geschichte bestätigen, wie wirkungslos solche Selbstblendung ist. Der Stummfilm etwa ist auf Grund neuer Technologien nicht nur fast über Nacht verschwunden, er ist heute selbst als Erinnerung nur noch bei wenigen Spezialisten vorhanden.

Wer verstehen will, warum die Ablösung des Stummfilms durch den Tonfilm von vielen Experten, allen voran von Béla Balázs, beklagt wurde, sollte sich Friedrich Wilhelm Murnaus „Der Gang in die Nacht“ von 1920 ansehen. Er wurde jetzt, vorbildlich restauriert, als DVD des Münchner Filmmuseums zugänglich gemacht und demonstriert augenfällig, wie weit die Entwicklung einer eigenständigen Stummfilmsprache innerhalb von weniger als drei Jahrzehnten gediehen war. Konventionalisierte und zugleich ausdrucksstarke, unmittelbar verständliche Gesten, Gänge, mimische Signale, Symbole, die Veräußerlichung von Gefühlen durch Wetter und bewegte Requisiten reduzieren die Notwendigkeit von Zwischentiteln auf ein Mittelmaß. Gleich zu Beginn wird die Erwartung einer liebenden Frau und das nachlassende Gefühl des geliebten Mannes in wenigen Einstellungen „erzählt“. Keine überflüssigen Schnörkel, keine Redundanzen: Murnau beherrscht das Handwerk schon in diesem frühen Spielfilm perfekt.

Der Film nach einem Roman der dänischen Drehbuchautorin Harriet Bloch enthält zahlreiche zeittypische Motive: die Femme fatale, die latente unheimliche Bedrohung, mystische Kräfte. Die DVD bietet eine stumme Version an, eine eigens komponierte Orchestermusik und deren Klavierfassung. Bemerkenswert ist auch eine Traumrolle für Conrad Veidt, den somnambulen Cesare aus dem kurz davor gedrehten „Cabinet des Dr. Caligari“.

Friedrich Wilhelm Murnau, „Der Gang in die Nacht“, 1920 (Screenshot)
Friedrich Wilhelm Murnau, „Der Gang in die Nacht“, 1920 (Screenshot)

Ein Jahr nach Murnaus Meisterwerk ist „Scherben“ von Lupu Pick entstanden, den die zweite DVD des Doppelpacks präsentiert. Das Drehbuch schrieb, wie für „Der Gang in die Nacht“ und für „Das Cabinet des Dr. Caligari“, Carl Mayer, der für den deutschen Stummfilm nicht weniger wichtig ist als Ben Hecht für den amerikanischen Tonfilm. Auch hier brilliert ein legendärer Schauspielstar, Werner Krauss, dessen Würdigung durch die Rolle, die er, im Gegensatz zum Emigranten Conrad Veidt, im Dritten Reich, namentlich im berüchtigten Film „Jud Süß“, gespielt hat, erschwert wird. Ein zentraler Stoff des bürgerlichen Trauerspiels, die Verführung eines jungen Mädchens durch einen standesmäßig überlegenen Mann, wird hier mit archaischer Wucht ins Milieu einer Bahnwärterfamilie übertragen.

Auf dem Tisch steht eine Petroleumlampe. Auch die gibt es heute nur noch im Museum.

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erstellt am 17.4.2019

Friedrich Wilhelm Murnau
Der Gang in die Nacht
+ Scherben (Regie: Lupu Pick)
2 DVDs
Edition Filmmuseum 97

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